Rudolf Moser sitzt an seinem Küchentisch. «Ich gebe mir ja alle Mühe, so zu leben wie ihr. Dazuzugehören, ein Teil davon zu sein. Aber meine Vergangenheit kann ich nicht abschütteln.»

Hinter ihm hängen in goldenen Rahmen Bilder von seinen Hunden. Eine Wolldecke ist schön auf dem Sofa zusammengefaltet. Kein Stäubchen liegt auf der Kommode, kein Glas steht im Lavabo. Ein geordnetes, bürgerliches Leben in einem Quartier in Wil SG, wo ein Haus wie das andere ausschaut.

Der Mann am Küchentisch ist Rudolf Moser, ein Fahrender, der sich für das Leben als «Gadscho» entschieden hat. So nennen Jenische die Sesshaften.

Doch akzeptiert in der Gesellschaft der Sesshaften fühlt sich Moser nicht. Was sich in seiner Kindheit abgespielt hat, wiederhole sich immer aufs Neue, so wie sich eigentlich immer alles in seinem Leben wiederhole. Wie ein Zyklus, dem er nicht entkommen könne. Noch heute fühlt sich der 57-Jährige von Behörden und Polizei schikaniert, missverstanden, nicht ernst genommen.

Im Februar 2020 ist er mit seinem Hund Shiuanaqa unterwegs, einem 50 Kilo schweren Alaskan Malamute. Wie jeden Morgen, seit Jahren. Eine Kollegin wartet bei einem Feldweg auf ihn. Plötzlich baut sich ein vermummter Jogger vor ihm auf, drückt ihm die Hand auf die Brust und spritzt ihm Pfefferspray ins Gesicht.

So berichtet es Rudolf Moser. Er kann dabei nicht leise reden, seine Hände kommen ins Zittern. Dann sei der Jogger einfach weggelaufen. Moser sieht nichts mehr, als ihn seine Kollegin in die Notaufnahme des nahen Spitals bringt. Dort stellen ihn die Ärzte erst einmal zwei Stunden unter die Dusche. Diagnose: Inhalationstrauma.

Probleme mit den Nachbarn

Rudolf Moser meint zu wissen, wer ihn angegriffen hat. Seit Jahren machten ihm einige Nachbarinnen und Nachbarn das Leben schwer, die ein Problem damit hätten, dass da ein Jenischer im Quartier lebt. Ein Ehepaar, das im selben Haus wohnt, habe es besonders auf ihn abgesehen. Der Nachbar habe ihm schon mal «Dreckszigeuner» aus dem Fenster zugerufen. Sein Sohn – ein Kantonspolizist – sei der Angreifer, glaubt Moser. Er will ihn an seiner Postur und seinen Augen erkannt haben.

Sein Anwalt reicht eine Strafanzeige wegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung ein. Der Ablauf dieses Verfahrens ist für Rudolf Moser sinnbildlich für die Behördenwillkür, die ihn sein Leben lang begleitet.

Geschlagen, misshandelt

Moser kommt 1963 als achtes von dreizehn Kindern zur Welt. Noch am selben Tag wird er in ein Kinderheim gebracht. Seine Eltern dürfen ihn nicht behalten, weil sie «schränzen» gehen – das sagen die Jenischen zum Hausieren. Auch das Sorgerecht für ihre sieben anderen Kinder ist ihnen von den Behörden aberkannt worden.

Die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen werden zu jener Zeit bei vielen jenischen Familien ergriffen. Moser lernt seine Eltern erst mit fünf kennen. Es folgen schwierige Jahre. Aufenthalte bei den Eltern wechseln sich mit Aufenthalten in Heimen ab. Zu Hause und in den Institutionen wird der junge Rudolf geschlagen und misshandelt. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist zerrüttet. «Uns Kinder haben sie als Handlanger gesehen. Sie schenkten uns keine Liebe, es gab Schläge.»

Im Nachhinein befürwortet Moser seine Fremdplatzierung durch die Behörden. Nur ergeht es ihm an den meisten dieser Orte nicht viel besser. In einem Klosterheim werden der damals Sechsjährige und weitere Kinder von einem Gärtner misshandelt. Später, in einem anderen Heim, gehen die Jugendlichen aufeinander los. «Wer nicht zuschlug, wurde geschlagen.»

Ein Trümmerfeld

Es sind zwei Beispiele von vielen Vorfällen, über die Rudolf Moser spricht. Als Jenischer sei er sowieso immer nur als Mensch zweiter Klasse behandelt worden. Auch in der Hierarchie der Institutionen sei er immer ganz unten gestanden. Im Kinderheim habe ihn ein Heimleiter fast täglich beschimpft. Oft folgten darauf Sätze wie: «Von euch Dreckszigeunern habe ich sowieso nichts anderes erwartet.»

Über diese Zeit sagt Moser: «Egal, wo ich war: Ich war nie am richtigen Ort. Es schien fast so, als wäre es allen lieber gewesen, wenn es uns Zigeunerkinder gar nie gegeben hätte.»

«Die Eltern haben uns Kinder als Handlanger gesehen. Sie schenkten uns keine Liebe, es gab Schläge.»

Rudolf Moser, Jenischer, als Kind

Rudolf Moser, Jenischer

Quelle: Stephan Rappo

Er sitzt noch immer an seinem Küchentisch. Die Hände hören nicht auf zu zittern. Seit Jahrzehnten wird er psychologisch behandelt. Er versucht, das Trümmerfeld seiner Vergangenheit aufzuarbeiten.

Eigentlich sei er glücklich, führe ein erfülltes Leben. Er konnte sich ein gutes Umfeld aufbauen, hat viele Freunde. Doch Angriffe wie der des vermummten Joggers und immer neue Schikanen der Behörden lassen ihn nicht wirklich zur Ruhe kommen. «So sehr ich mich auch anstrenge, die Vergangenheit holt mich immer wieder ein.»

«Das Erbe meiner Eltern klebt an mir»

In der Arbeitserziehungsanstalt Rosenberg absolviert der damals 17-Jährige eine Ausbildung zum Schreiner. Er, den die Behörden immer wieder in Hilfsklassen abschieben wollten, schaffte bei der Lehrabschlussprüfung einen Notendurchschnitt von 5,7.

Doch der fatale Zyklus hat Rudolf Mosers Leben im Griff. Immer wieder gerät er in das Visier der Polizei. «Weil ich aus der Familie stamme, aus der ich nun mal stamme, verdächtigte mich die Polizei stets, dass ich Dreck am Stecken haben muss. Das Erbe meiner Eltern klebt an mir. Der Name Moser klebt an mir.»

Alleinerziehender Vater

Mit 26 wird er Vater. Nachdem die Beziehung zerbrochen ist, wird ihm das Sorgerecht zugesprochen. «Ich habe mir stets Mühe gegeben, meine Tochter Sara so aufzuziehen, wie ihr das macht. Sie ging zur Schule. Wir hatten einen festen Wohnsitz.» Heute arbeitet Sara als Medizinische Praxisassistentin, worauf er als Vater sehr stolz ist.

Wegen einer Arbeitsunfähigkeit – sie rührt von einem Autounfall und seiner Traumatisierung her – bezieht er eine IV-Rente. Vor zehn Jahren zieht Rudolf Moser in die Wohnung, in der er heute am Küchentisch sitzt.

Mosers Anwalt reicht nach der Pfefferspray-Attacke im Februar 2020 eine Strafanzeige ein. Sie landet nach langem Hin und Her beim Untersuchungsamt Uznach. Dies, weil sich die St. Galler Kantonspolizei wegen möglicher Befangenheit nicht mit ihr befassen darf – weil der Beschuldigte Kantonspolizist ist. «Das ging schon mal eine Ewigkeit. Es schien den Behörden ganz recht zu sein, dass sie meinen Fall weiterreichen konnten.»

Nicht ernst genommen

Am 31. März macht Moser auf dem St. Galler Polizeiposten Klosterhof seine Aussage. «Dort wurde mein Anwalt mit den Worten ‹Mit was für nutzlosem Pack kommst du nun wieder?› begrüsst. Sie nennen mich auch nie ‹Herr Moser›, sondern immer nur ‹Moser›. Allein dadurch geben sie mir das Gefühl, dass ich sowieso der Täter bin. Obwohl ich als Opfer dort reingelaufen bin.» Auch Rudolf Mosers Kollegin, die den Überfall beobachtet hat, wird befragt. Auch sie fühlt sich von der Polizei nicht ernst genommen.

Im Juni erhält Moser eine Nichtanhandnahmeverfügung. Was so viel heisst wie: dass sich bereits aus der Aktenlage, ohne Anhörung des Beschuldigten, ergeben haben soll, dass der beschuldigte Kantonspolizist nicht der Täter sein kann. «Das war für mich ein weiterer Schlag ins Gesicht. Ich werde gezielt angegriffen, und dann will sich die Polizei nicht mal die Mühe machen, die Straftat ordentlich zu untersuchen. Wenn ich kein Zigeuner wäre, wäre das Verfahren bestimmt anders abgelaufen.»

Gegen die Verfügung rekurriert Rudolf Mosers Anwalt. Der Beschwerde wird vom Kantonsgericht St. Gallen stattgegeben, die Untersuchung muss neu aufgerollt werden. Der beschuldigte Polizist wird befragt. Er streitet die Tat ab und gibt zu Protokoll, dass er Rudolf Moser nicht kenne. Im November wird das Strafverfahren eingestellt.

Viel mehr als die Einstellung des Verfahrens stört Moser, wie die Behörden den Fall behandelt haben. Der Streit mit seinen Nachbarn sei eine Sache. Aber wie die Polizei damit umgegangen sei, eine ganz andere. «Ich will vor dem Gesetz gleich behandelt werden wie alle anderen.» Er habe hart gekämpft, um als sesshafter Bürger zu leben. «Ich wünsche mir, dass ich mein Leben in Ruhe leben kann. Ohne Schikane. Ohne Behördenwillkür.»

Eine Wiedergutmachung

Das frühe Leben von Rudolf Moser war spektakulär genug für einen Buchstoff. 2006 erschien «Silas – gejagt, geschunden, gedemütigt». Das biografische Werk fand viel Resonanz. Für den «Zigeunerjungen» ein spätes Zeichen der Anerkennung.

2013 ist sich Moser sicher, dass sich nun alles ändern werde. Er sitzt mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga am «Runden Tisch», spricht mit ihr über seine schwere Kindheit. Sie hört ihm zu, lobt ihn dafür, dass er augenscheinlich trotz allem ein glückliches Leben führe. Rudolf Moser ist auch im April 2013 anwesend, als sich Sommaruga an einem Gedenkanlass im Namen des Bundesrats bei den Opfern der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen entschuldigt. Dem «Gadscho» aus Wil werden 24'000 Franken als Wiedergutmachung ausbezahlt.

Schön, aber nicht genug. «Das waren leere Taten und leere Worte, mit nichts dahinter», sagt Rudolf Moser heute. Er habe gehofft, dass mit der öffentlichen Entschuldigung auch in der Gesellschaft ein Umdenken beginne. «Doch Jenische werden von vielen staatlichen Institutionen und einigen Menschen noch immer als Bürger betrachtet, die weniger wert sind. Der Rassismus sitzt noch immer tief. Es ist schwer genug für mich, mit dem zu leben, was geschehen ist.» Da müsse nicht auch noch seine Zukunft von seiner Vergangenheit bestimmt werden.

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