Beim zwölfjährigen Thomas K. stellten sich oft Bauchschmerzen ein, wenn in der Schule eine Prüfung angesagt war oder wenn eine neue Situation auf ihn zukam. Das kommt ab und zu vor bei Kindern in diesem Alter. Für seine Mutter Elisabeth K. war das denn auch kein Grund zur Aufregung. Sie motivierte ihren Sohn für autogenes Training, verbunden mit etwas Maltherapie.


Dass Thomas den Umzug in ein neues Haus samt Orts- und Klassenwechsel bewältigen würde, stand für die Mutter ausser Frage. Unmittelbar vorher verbrachte Thomas ein Wochenende bei seinem geschiedenen Vater, Alain K., von Beruf Zahnarzt. Bei ihm lernte Thomas auch Heinz Peyer kennen, Patient und Freund seines Vaters sowie Erfinder und Betreiber des Sorgentelefons für Kinder.


Alain K. hatte beiläufig die Probleme von Thomas erwähnt und damit sofort das Interesse Peyers geweckt. In den nächsten drei Monaten brachte er das Leben des Buben und dasjenige seiner Eltern nachhaltig durcheinander.


Es begann damit, dass Peyer den Eltern sagte, Thomas leide gar nicht unter Alltagsproblemen, sondern unter schweren Depressionen und der Vorstufe einer Magersucht. Statt von Bauchweh sprach Peyer sofort von Koliken. Auch einen Selbstmord schloss er nicht aus: «Am besten, ihr gebt ihn mir einige Tage zur Abklärung», soll Peyer den Eltern geraten haben. Die Mutter, die das Sorgerecht für Thomas innehat, stimmte zu.

Anzeige


Thomas bezog in Peyers Haus ein Zimmer. Peyer übernachtete oft zusammen mit dem Buben in diesem Raum. «Das war nötig, denn Thomas hat auch vorher nie allein geschlafen. Entweder war er im Zimmer der Schwester oder der Mutter», erklärt Peyer dem Beobachter. «Blödsinn», sagt die Mutter, «meist schlief der Bub allein, einige Male bei der Schwester und noch seltener bei mir.»


Doch Peyer nennt noch einen anderen Grund fürs gleiche Schlafgemach: die Koliken des Zwölfjährigen. «Ich musste ihm den Bauch massieren, darin hat es ja schrecklich rumort», erzählt Peyer und ergänzt: «Nur den Bauch.»


Der Knabe wird verwöhnt

Dafür sorgte Peyer für ein materielles Umfeld, das Thomas keinerlei Bauchweh machen musste. Es war ein Zimmer, das das Herz jedes Zwölfjährigen hätte höher schlagen lassen. Darin standen unter anderem ein Fernseher, eine Hi-Fi-Anlage, ein Kühlschrank, vor allem aber ein superschneller Computer. Für Peyer war diese Ausstattung ganz normal: Uber solche Dinge verfügten seine eigenen Kinder ebenfalls, sagt er.

Anzeige


Grosszügig zeigte sich Peyer auch in Sachen Erziehung. Thomas durfte fortan seine Schlafenszeiten selber bestimmen. Und selbstverständlich wählte er auch sein Essen selbst aus – vorzugsweise entschied er sich für Fast food und Süssigkeiten. Die schnelle Folge: Der Knabe legte sechs Kilo an Gewicht zu.


Im Sport verlegte sich der einst begeisterte Fussballer und Eishockeyspieler aufs Billard. Damit Thomas diesen neu gelernten Lebenswandel mit der Schule in Einklang bringen konnte, steckte Peyer ihn in eine Privatschule.


Zusammen mit Thomas besuchte Peyer auch Videotheken und Kioske. «Wir haben einmal dreissig Hefte gekauft – vom Computermagazin bis zum Teenagerheft», erzählt Peyer im Ton des ausgewiesenen Fachmanns. «Ich musste Thomas ja aus seiner Isolation holen und ihm das Leben zeigen», begründet er sein Tun.

Anzeige


Dazwischen wohnte Thomas auch immer wieder bei seiner Mutter – blieb aber via Natel an Peyers Nabelschnur. Elisabeth K. erinnert sich: «Zu jeder Tages- und Nachtzeit hat er mit Peyer telefoniert. Jeden noch so geringen Entscheid besprach er erst mit ihm. Thomas war richtig abhängig.»


Vision von sexueller Gewalt

Er sei halt immer für den Knaben dagewesen, rechtfertigt sich Peyer. Und bekennt freimütig: «So an die 1000 Franken Natelspesen pro Monat werden’s schon gewesen sein.» Alle diese Ausgaben – vom Computer bis zum Natel – habe er natürlich selber bezahlt. «Spendengelder habe ich keine verwendet.»


Peyer griff nicht nur fürs Natel in die Tasche – auch die Reisespesen waren happig. Denn Peyer wollte unbedingt wissen, wie sich Thomas in einer jeweils anderen Umgebung zurechtfand, ob er auch dort unter Ängsten litt. Darum unternahm er mit ihm Reisen nach Berlin, Hamburg und Norditalien. Peyer sagt, dass er natürlich auch dort stets im gleichen Zimmer geschlafen habe.

Anzeige


Während der Hamburgreise bestätigte sich für Peyer ein längst gehegter Verdacht: Thomas sei vor Jahren sexuell missbraucht worden. Plötzlich habe der Bub nämlich eine Vision gehabt und das rote Bett gesehen, wo «es» geschah. Doch was genau in diesem roten Bett geschehen sein soll und wer der Täter gewesen sei, das habe er (noch) nicht erkannt.


Ein angeblicher Täter

Das hielt Heinz Peyer aber nicht davon ab, den Eltern trotzdem den Täter zu präsentieren: Der Missetäter sei der Bruder der Mutter, also der Onkel von Thomas. Oder doch nicht? Elisabeth K. dazu: «Peyer hat mich gefragt, ob es nicht auch mein Mann gewesen sein könnte. Oder ob ich selbst etwas getan hätte.»


Nun war definitiv Feuer im Dach; die Familienmitglieder begannen einander zu misstrauen. Onkel und Vater verkehren bis heute nicht mehr miteinander. Wollte Peyer überhaupt Klarheit? Als die Mutter eine Anzeige gegen ihren Bruder erwog, winkte Peyer nämlich ab. Sicher sei ja gar nichts.

Anzeige


Dafür war den Eltern endgültig klar geworden, dass sie den Buben von Peyer trennen mussten. Das erwies sich als schwierig, denn Peyer betonte erneut, Thomas sei suizidgefährdet und brauche seine Hilfe. Schliesslich gelang die Trennung doch: Nach insgesamt drei Monaten kam Thomas wieder zu seiner Mutter zurück.


Absolut unzulässig

Heinrich Nufer, Pädagoge und Leiter des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind, hat eine klare Meinung zu Heinz Peyers Methoden: «Dass der Betreuer im gleichen Zimmer schläft wie der Bub, kommt doch überhaupt nicht in Frage! Und dass er ihn massiert, ist absolut unzulässig.» Die erfolgte Betreuung, sagt Nufer, sei absolut unfachmännisch gewesen: «Aber Heinz Peyer ist ja auch kein Fachmann.» In der Tat verfügt der ehemalige Heimzögling über keinerlei Spezialausbildung. Doch Heinz Peyer lässt auch weiterhin nicht locker: «Ich habe Thomas gesagt, dass ich warte, bis er sich wieder meldet.»

Anzeige




Die Sorgen mit dem Sorgentelefon

Uber 28000 Anrufe von Kindern will Heinz Peyer im letzten Jahr erhalten haben – eine Rekordzahl.



«Wir vom Sorgentelefon können auf eine grosse Erfahrung zurückblicken. Erfahrungen, die man in keiner Schule bekommt», wirbt Heinz Peyer in seinem Jahresbericht grossspurig.


Woher er das wissen will, bleibt sein Geheimnis. Er selbst hat jedenfalls keine Schule absolviert, die ihm Kenntnisse im Gebiet der Kinderpsychologie vermittelt hätte. Peyer verlebte eine Jugend auf der Schattenseite des Lebens, und seine ersten Schritte im Berufsleben waren wenig erfolgreich. Er ist in Heimen aufgewachsen, hat zwei Lehren abgebrochen und arbeitete später in verschiedenen Branchen, unter anderem als Milchmann. In einem angefangenen Roman habe er ein Sorgentelefon für Kinder beschrieben, schrieb Peyer. Dieses hat er dann 1978 Realität werden lassen, dafür blieb der Roman ein Fragment.

Anzeige


Eitel Honiglecken war das Leben als Leiter des Sorgentelefons aber nicht – trotz einem monatlichen Salär von 10000 Franken. Mit den Finanzen hatte Peyer seine liebe Mühe, obwohl die Spendengelder reichlich flossen. 1992 ging sein Sorgentelefon in den Konkurs.


Doch Peyer rief weiter zu Spenden auf – mit Erfolg. Sein Sorgentelefon läuft wieder. Aber es hat Konkurrenz bekommen: Kinder in Not können heute die Nummer 147 wählen – die Telefonhilfe für Kinder und Jugendliche, geführt von der Pro Juventute.


Bei Pro Juventute arbeiten Fachleute aus den Bereichen Sozialarbeit, Psychologie und Sozialpädagogik, unterstützt von geschulten Laien.


Nummer 147 kostet vom Privatanschluss aus 20 Rappen, von der Telefonzelle aus sind es 60 Rappen. Bei Peyers Sorgentelefon hingegen können die Kinder von jedem Apparat aus gratis telefonieren, so lange sie wollen. Ob sie auch an der richtigen Adresse sind, ist allerdings fraglich.

Anzeige

 

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.