Herr Hartmann, ich hoffe, Sie sind unbewaffnet zu diesem Gespräch erschienen.
Markus Hartmann:
Ich kann Sie beruhigen, ich bin kein Waffenfan. In der Rekrutenschule war ich einer der schlechtesten Schützen. Ein Glanzstück in meiner Sammlung ist jedoch eine Replika der goldenen Pistole aus «Der Mann mit dem goldenen Colt» – komplett ungefährlich.


Wann nehmen Sie das Spielzeug hervor?
Das letzte Mal bei einem Wettbewerb zum Kinostart von «Spectre». Gesucht wurde das bestangezogene Bond-Paar. Meine Frau trug Abendgarderobe, ich den Smoking. Beim Einlass ins Casino versetzte der goldene Colt die Security kurz in Aufregung.


Der neue Bond «Keine Zeit zu sterben» kommt mit zwei Jahren Verspätung in die Kinos. Dem Bösewicht Corona hatte auch 007 nichts entgegenzusetzen. Wie haben Sie das lange Warten erlebt?
Tatsächlich geht eine Leidenszeit zu Ende. Aber eigentlich passt es perfekt. Der James-Bond-Club Schweiz feiert 2021 sein 25-Jahr-Jubiläum. Gleichzeitig kommt das 25. Bond-Abenteuer auf die Leinwand. Ich wüsste nicht, welcher Bösewicht das noch verhindern könnte.


Es wird der letzte Auftritt mit Daniel Craig in der Rolle als Bond sein. Wie hat er seinen Job gemacht?
Hervorragend! Auch ich hatte am Anfang so meine Zweifel. Craig ist relativ klein und blond. Aber der Erfolg stopfte den Kritikern das Maul. «Casino Royale», sein Erstling, war ein Neuanfang für die Serie. Der Film ist wie guter Wein, er gewinnt über Zeit an Qualität. Jedes Mal entdeckt man etwas Neues.

«Ich finde, Bond ist gut gealtert und definitiv in der heutigen Zeit angekommen.»

Markus Hartmann, Präsident James-Bond-Club Schweiz

Welcher Bond-Darsteller ist Ihr absoluter Favorit?
Ich bin mit Roger Moore aufgewachsen und hatte das Glück, ihn einige Male persönlich zu treffen. Er war auch im wahren Leben der englische Gentleman. Er sprach nie schlecht über seine Rolle als Bond und engagierte sich als Unicef-Botschafter. Er war ein wunderbarer Mensch! Natürlich würde Moores Bond in der heutigen Zeit nicht mehr funktionieren. Was in den Achtzigern vielleicht noch als schlüpfriger Witz durchging, ist heute zu Recht verpönt.


Bond ist heute Feminist.
Und das ist absolut in Ordnung so. Jede Zeit hatte den passenden Bond. In den Siebzigern und Achtzigern wurden Frauen als Dekoration in Szene gesetzt. Viele waren ehemalige Missen oder Models. In den modernen Filmen bieten Frauen dem Geheimagenten die Stirn. Sie sind ebenbürtige Gegenspielerinnen und Liebhaberinnen. Oder sogar Vorgesetzte wie Judi Dench als M. Ich finde, Bond ist gut gealtert und definitiv in der heutigen Zeit angekommen.


Nun soll eine Frau den berühmtesten Agenten der Welt spielen.
James Bond ist ein Mann, eine Romanfigur aus der Feder Ian Flemings. Ein Spion mit der Lizenz zum Töten. Die 007 ist seine Dienstnummer. Wenn Bond längere Zeit ausfällt oder sich in Frühpension begibt, wird die Nummer frei. Warum sollte dann nicht eine Agentin die 007 erben?


Bond trägt eine Schweizer Uhr, das erste Bond-Girl war die Bernerin Ursula Andress, etliche Filme spielen in der Schweiz oder wurden hier gedreht. Ist Bond am Ende doch ein Schweizer?
Ein Halbschweizer bestimmt, seine Mutter stammt ja aus dem Waadtland. Fleming war ein Schweiz-Fan, er lebte und arbeitete hier, verlobte sich mit einer Schweizerin. Das prägte seine Romane. Bösewichte lieben die Abgeschiedenheit der Bergwelt, um ihr teuflisches Werk im Versteckten zu betreiben. Diese Liebe ist übrigens gegenseitig. Gemessen an der Anzahl Bewohner war Bond an den Kinokassen hierzulande immer äusserst erfolgreich.


Der Schweizer Regisseur Marc Forster drehte den 22. Bond-Film, «Ein Quantum Trost», Bernhard Russi war Stuntman in «Im Geheimdienst Ihrer Majestät», …
… die Liste liesse sich beliebig lang fortführen. Mindestens so wichtig bei einer Produktion sind die Leute im Hintergrund. Zum Beispiel Stefan Zürcher, ein guter Kollege von mir. Er ist seit den Sechzigerjahren Teil der Bond-Familie, als Produktionsmanager und Location-Scout. Zürcher ist es zu verdanken, dass Bond in «Goldeneye» mit dem Motorrad über den Tällistock im Berner Oberland rast. Bond-Produzentin Barbara Broccoli hat einmal gesagt: «Wenn Schnee ins Spiel kommt, ruf Stefan an!»

Wie sieht die perfekte Tour de Suisse zu den Bond-Schauplätzen aus?
Andermatt ist ein guter Ausgangspunkt. Von da geht es via Realp über den Furkapass, wo die Verfolgungsjagd in «Goldfinger» spielt. Als Goldfingers Hauptquartier dienten die Pilatuswerke in Stans. Es lohnt sich auch ein Abstecher zur Staumauer im Verzascatal, wo sich Bond in «Goldeneye» an einem Bungeeseil hinabstürzt. Und natürlich darf bei so einer Tour der Heilige Gral nicht fehlen: das Schilthorn mit seinem Bond-Museum und dem 007-Walk-of-Fame.


Was ist Ihr Geheimtipp?
Eine kleine Szene aus «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» wurde in Heiligenschwendi gedreht. 40 Jahre lang wusste niemand davon. Es hiess, das seien Studioaufnahmen. Bond übernachtet mit Tracy in einer kleinen Scheune, die heute noch steht. Der Vater des Besitzers, ein guter Skifahrer, sprang beim Dreh als Bösewicht ein, da Telly Savalas (Blofeld) Bauchschmerzen hatte. Vor der Scheune verläuft eine kleine Strasse. Der Berner Oberländer bremste ab, weil er die Beläge seiner Skier nicht ruinieren wollte. Die Szene musste wiederholt werden. Es hiess: «Du bist ein Bösewicht, du musst da mit Vollgas drüberbrettern!»


Sie sind Präsident des James-Bond-Clubs Schweiz. Was erleben Sie da?
Wir versuchen, jedes Jahr mindestens einen Event zu organisieren. 2014 etwa, anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums von «Goldfinger», trafen wir uns auf der Furkastrasse. Die Behörden erlaubten uns, die berühmte Kurve für zehn Minuten zu sperren, um ein Fotoshooting mit Aston Martin, Rolls-Royce und Ford Mustang zu veranstalten. Mit dabei war auch der Soundtüftler Norman Wanstall, weit über 70, der für «Goldfinger» den ersten Oscar in der Bond-Geschichte gewonnen hat. Und das ehemalige Bond-Girl Tania Mallet, eines der angesagtesten Models der Sechzigerjahre


Ihr persönliches Highlight als Bond-Fan?
Im Film «Ein Quantum Trost» durfte ich als Statist mitspielen. Die Szene spielt auf der Seebühne in Bregenz. Ich sitze im Publikum, hinter mir erheben sich zwei Fieslinge. Während des Kameraschwenkers würde man mich vielleicht eine Viertelsekunde lang sehen. Ich war dabei, darum geht es!


Bond ist bekannt für seine Gadgets. Kann Ihr Auto auch mehr als andere?
Ich habe nur ein Geschäftsauto, das Kleingeld für einen Aston Martin fehlte mir bislang. Immerhin: Meine Autonummer endet mit der 007.

«Bond»-Schauplätze in der Schweiz

Wer sich auf eigene Faust auf eine Entdeckungsreise machen will, findet im Buch «James Bond und die Schweiz» (Verlag Echtzeit, 2008, Fr. 42.90) Inspiration und jede Menge Insidertipps.

Schweiz Tourismus bietet ausserdem die achttägige Tour «Auf den Spuren von James Bond» an: vom Bungee-Jump im Tessin bis zum Museumsbesuch auf dem Schilthorn.

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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