Aufgezeichnet von Birthe Homann:

Seit zwölf Jahren trage ich Dreadlocks und werde meine «Wurzeln» auf dem Kopf behalten, bis ich sterbe. Auch jetzt, wo der Vorwurf der kulturellen Aneignung derart auf Frisuren übergreift, käme es mir nie in den Sinn, meine Dreads zu entfernen. Filzhaare gehören zu den ältesten Frisuren der Welt. Niemand weiss genau, welche Kultur sie für sich beanspruchen könnte.

Als Kind habe ich mir immer lange Haare gewünscht, «Rapunzel» war mein Lieblingsmärchen. Als ich einmal länger krank war, hatte ich am Hinterkopf ein «Nest», die Haare waren vom vielen Liegen zu einem natürlichen Dread verfilzt. Meine Mutter schnitt sie mir aber ab. Mit 28 liess ich mir dann in Berlin Dreads machen, eine spontane Entscheidung. Die Frisur passte zu mir, zu meinem Stil und meiner Einstellung. Dem historischen Hintergrund bin ich erst später nachgegangen.

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Dreadlocks sind uralt, man hat sie in Pharaonengräbern gefunden. Bei den Hindus sind sie Ausdruck von Ergebenheit zu Schiwa. Schamanen trugen Dreads, ebenso die Sufis im Islam. Auch im Christentum gab es solche Bewegungen. Heute werden Dreads meist mit Reggae und Rastafaris in Verbindung gebracht, doch das ist nur ein kleiner Teil der Geschichte.

Vorurteile gegenüber Dreadlocks

Durch die Pflege meiner eigenen Dreads lernte ich auch das Handwerk kennen. Ich begann, sie im Freundeskreis zu erstellen. Es ist ein Mythos, dass man Dreads nicht waschen kann oder soll. Wir witzeln manchmal darüber, dass wir ein T-Shirt tragen sollten mit dem Aufdruck: «Ja, ich wasche meine Haare». Das ist das am häufigsten vorgebrachte Vorurteil. Das Waschen der Dreads ist essenziell, weil sie dadurch viel besser filzen.

Es gibt so viele Klischees über Dreadlocks – dass sie stinken, dreckig und ungepflegt sind. Und dass alle Dreadheads kiffen. Mit diesen Vorurteilen kämpfen alle Dreadheads, egal, welche Hautfarbe sie haben. 

Dreads kann man auf verschiedene Arten herstellen. Ich bevorzuge «Twist and rip»; das heisst, ich verdrehe, teile und ziehe die Strähnen hoch. Am Schluss verhäkle ich die vorstehenden Haare. Eine komplette Dread-Erstellung dauert mindestens acht Stunden.

Géraldine Schmid in ihrem Salon in Winterthur

Géraldine Schmid in ihrem Salon in Winterthur.

Quelle: Vera Hartmann

Vor fünf Jahren machte ich meinen eigenen Laden auf und verdiene mein Geld damit, vorwiegend weissen Menschen Dreads zu machen. Ich glaube nicht, dass ich irgendwem damit schade. Alle People of Color, die ich kenne, haben überhaupt kein Problem mit meinen Dreads. Meine Kundinnen und Kunden kommen aus allen Schichten, von der Lehrerin über den Büezer zu Pflegenden.

Manche lassen sich Dreads machen, weil es Mode ist, anderen ist die damit verbundene Lebensweise wichtiger; der Respekt vor allen Menschen, allen Lebewesen und der Natur. 

Verletzende Diskussion

Weil ich viel Zeit mit meiner Kundschaft verbringe, erzähle ich gern vom Ursprung der Dreadlocks. Da gibt es viel Unwissen. Das stört mich auch an der ganzen Diskussion über kulturelle Aneignung. Ich finde es sehr wichtig, dass darüber geredet wird, denn es gibt vieles, was nicht gut läuft. Menschen, die diskriminiert werden aufgrund ihrer Hautfarbe.

Aber nun Frisuren zu kritisieren, weisse Dreadheads zu diskriminieren, finde ich ehrlich gesagt traurig und am Ziel vorbeigeschossen. Ich bin Sängerin in einer Rockband – was, wenn nun unsere Konzerte abgesagt werden, nur weil ich Dreads trage? Führen solche Dinge am Ende nicht zu mehr Spaltung? Ich mache mir Sorgen, wo das alles noch hinführt. Die Diskussion ist verletzend, für alle Dreadheads.

Mir ist schon wichtig, dass wir Dreadheads hier niemandem etwas geklaut haben. Wem würde es denn nützen, wenn wir unsere Haare abschneiden? Wird die Welt dadurch ein besserer Ort? Es gibt Wichtigeres.

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