Wer kennt sie nicht, die jungen, stets gut gekleideten Amerikaner, die zu zweit von Tür zu Tür ziehen, um den Schweizerinnen und Schweizern den Eintritt ins Paradies zu ermöglichen? Richtig, es sind Mormonen, genauer: die Missionare der «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage». Die Botschafter des Heils werden nie unhöflich, auch wenn sie eine beachtliche Beharrlichkeit an den Tag legen.

«Zurzeit sind rund 60000 Missionare in der ganzen Welt unterwegs», erläutert Louis Weidmann (Bild), Präsident des «Pfahls» Bern (In der Schweiz gibt es drei «Pfähle»: Die unterste Einheit der Kirche der Mormonen ist die Gemeinde. Ihr steht ein Bischof vor, der sein Amt ehrenamtlich ausübt. Die nächsthöhere Einheit ist der Pfahl, dem der ehrenamtliche Pfahlpräsident vorsteht. In der Schweiz bestehen die drei Pfähle Bern, Zürich und Genf.) Von jungen Männern werde erwartet, dass sie zwei Jahre in der Mission verbringen würden, wobei sie dies in den meisten Fällen auch selbst bezahlten. Zur Mission werden sie immer ins Ausland geschickt.

Weltweit gibt es etwa elf Millionen Mormonen. Die meisten leben in den USA. Ihr Zentrum ist Salt Lake City im Bundesstaat Utah. Dort sind rund 40 Prozent der Einwohner Mormonen. Es handelt sich um eine der am schnellsten wachsenden religiösen Gemeinschaften.

Hans G. ist ehemaliges Mitglied der Schweizer Mormonen. Ihn haben nicht Missionare bekehrt. Es war eine Jugendliebe. Später ist er auf Distanz zur Gemeinschaft gegangen, hegt aber keinen Groll gegen sie. Mit einzelnen Mitgliedern verkehrt er immer noch.

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Mit seinem Übertritt zu den Mormonen tat Hans G. mindestens seiner Gesundheit einen Gefallen: Seinen ständigen Begleiter, die Tabakpfeife, legte er weg, und er trank keinen Alkohol mehr, auch nicht Kaffee oder Schwarztee.

Fasten für die Kirche

Er mässigte sich ausserdem im Essen, was seiner Umgebung auffiel. Über den Grund wussten jedoch nur wenige Bescheid. Denn er lebte unauffällig wie die meisten der 7000 Schweizer Glaubensbrüder. Und er fand Anschluss in einer Gemeinschaft. Denn wer aktiver Mormone ist, kennt keine Einsamkeit.

Zwei- bis fünfmal wöchentlich treffen sich die 14- bis 18-jährigen «jungen Herren», so der offizielle Ausdruck, in den Gemeindehäusern, desgleichen die «jungen Damen», wobei auch Anlässe für beide Geschlechter gemeinsam stattfinden. Für die Altersgruppe von 19 bis 30 Jahren gibt es noch ein bis zwei Treffen pro Woche, und für die Kinder bestehen spezielle Pfadfindergruppen.

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Am Sonntag kommt Jung und Alt beim Gottesdienst zusammen der volle drei Stunden dauert. Für Kinder ist eine Sonntagsschule eingerichtet. Eine Mormonin berichtet, dass sie einmal pro Woche einen Heimabend durchführe, wo sie mit Kindern und Enkeln bete und singe.

Selbstverantwortung wird gross geschrieben. Die Mitglieder sollen fleissig arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Gerät trotzdem mal einer in Not, bekommt er Hilfe. «Da musst du nicht mit zerknirschtem Gesicht um Unterstützung betteln», berichtet Karl L., der sich als «Passivmitglied» bezeichnet. Jeder werde periodisch von anderen Mitgliedern besucht, die sich über das Befinden erkundigten. Eine vorbildliche Fürsorge aber auch eine intensive Kontrolle.

In ihren Schriften werden die Mormonen nicht müde, den Wert der Familie hervorzuheben, wobei sie ein recht konservatives Ideal propagieren. So «präsidiert» der Vater die Familie und sorgt für alles, was die Familienmitglieder zum Leben brauchen. «Die Mutter ist in erster Linie für das Umsorgen und die Erziehung der Kinder zuständig.» Sie sollen lernen, Gottes Gebote zu befolgen, und gesetzestreue Bürger werden. Hans G.: «Staatstreuer als die Mormonen kann man fast nicht sein. Die drücken sich weder vor dem Militärdienst noch vor dem Steuerzahlen.»

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Konservativ ist auch die Sexualmoral: Die Homosexualität wird strikte abgelehnt, Sex vor der Ehe gibt es nicht. Machen die Jungen da mit? Eine Mutter äussert sich vorsichtig: «Wir können auch nicht mehr tun, als auf unsere Kinder einwirken; entscheiden müssen sie selbst.»

Für ihre Gemeinschaft greifen die Mormonen tief in die Tasche. Sie zahlen den «Zehnten» den zehnten Teil ihres Einkommens als Kirchensteuer. Das Geld fliesst an die Zentrale in Salt Lake City. Die Einnahmen aus dem Fastentag decken die Bedürfnisse der einheimischen Gemeinde an einem Sonntag pro Monat fasten die Mormonen und lassen das eingesparte Geld der Kirche zukommen.

Die Mormonen leisten nicht nur Hilfe im Diesseits, sondern versprechen auch die alleinige Seligkeit im Jenseits. Auf Aussenstehende wirkt ihre Lehre abstrus. Sie geht auf den US-Bürger Joseph Smith zurück, der 1830 mit dem Buch Mormon an die Öffentlichkeit trat. Smith behauptete, ein Engel habe ihm goldene Platten übergeben, in die der Text in altägyptischer Sprache eingraviert gewesen sei.

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Mitgeliefert habe der Engel zwei Steine, die ihn, Smith, befähigten, die Übersetzung ins Englische vorzunehmen. Das Buch erzählt, dass die Israeliten zwischen 600 vor und 400 nach Christus das menschenleere Amerika besiedelten. Jesus habe sie nach seiner Kreuzigung dort besucht, ihnen eine kürzere Fassung des Evangeliums hinterlassen und zwölf Apostel bestimmt.

Den Beweis dafür musste Joseph Smith leider schuldig bleiben, denn der Engel verlangte die Goldplatten zurück und machte sich mit ihnen davon. Für die gläubigen Mormonen ist es Beweis genug, dass einige Menschen bezeugten, die Platten gesehen zu haben.

Der protestantische Theologe Georg Otto Schmid bezeichnet das Buch Mormon als «mässig gute Fantasieliteratur» und vermutet als Autor Joseph Smith. Für Pfahlpräsident Weidmann dagegen ist Smith der von Gott ausgewählte Übersetzer; das Buch erzähle die reine Wahrheit. «Wir sagen jedem: Lies das Buch Mormon, denk darüber nach und frag den lieben Gott, ob es wahr ist.»

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Wahr oder nicht: Aus dem Konglomerat von Bibel, Buch Mormon und weiteren Schriften Smiths entstand die «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage». Sie weist einige Merkwürdigkeiten auf. So bestimmen weitgehend «Offenbarungen» die Besetzung von Kirchenämtern. Ob nun der höchste Mormone in Salt Lake City, der Prophet, bestimmt werden soll oder der Präsident des Pfahls Bern immer verrät Gott den Wahlgremien, wer des Amtes würdig sei. Ein Wahlrecht der Mitglieder erübrigt sich.

Ahnenforschung ist ein Muss

Auf eine Offenbarung Gottes führt es Louis Weidmann auch zurück, dass früher ein Mormone mehrere Frauen heiraten konnte, das Einverständnis der bisherigen Gattinnen vorausgesetzt. Nach 1890 kam dann die neue Offenbarung, die solches Tun verbot. Wird das Verbot eingehalten? Als ein Mormone mit fünf Frauen vor einem Jahr in Utah verurteilt wurde, gab das Stimmen Auftrieb, die von Tausenden von Mehrfachehen sprechen.

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Eine weitere Eigentümlichkeit ist die Totentaufe. Das Glück des ewigen Lebens wird nur jenen zuteil, die im Mormonentempel getauft werden und zudem ein makelloses Leben führen. Eine Ungerechtigkeit gegenüber allen Vorfahren, denen es nicht vergönnt war, mit Smiths Lehre in Kontakt zu kommen.

Doch es gibt Rettung: Diese Leute können nachträglich getauft werden. Nur müssen sie den heute lebenden Mormonen bekannt sein. Deshalb ist Ahnenforschung unter ihnen ein Muss.

Für die Mormonen sind das Glaubensinhalte. Der ehemalige Mormone Hans G. ist gegenüber dieser Lehre auf Distanz gegangen, ebenso wie das «Passivmitglied» Kurt L. Beide sind sie kühle Realisten. Sie sind jeglicher Esoterik abhold. Warum waren sie überhaupt beigetreten? «Damals war die Lehre für mich offenbar richtig», sagen beide.

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