«Die üblichen Ausreden.» Roland Cecchetto lacht, wenn er sich daran erinnert, weshalb er als Thirtysomething aufgehört hat, Saxofon zu spielen: Kinder, Beruf, Verpflichtungen. Alles brauchte Zeit, für die Musik blieb keine. «Dabei wäre es mein Traum gewesen, Dirigent einer Big Band zu sein», sagt der 59-Jährige.

An seinem letzten Geburtstag kam der älteste Sohn mit einem kleinen Koffer vorbei. «Ich wusste sofort, was drin war», erinnert sich Cecchetto. «Er sagte: ‹Du redest schon so lang davon, jetzt mach es doch endlich!› Ich war hin und weg, völlig überwältigt. Von mir aus wäre ich nie in ein Geschäft gegangen, um ein Saxofon zu kaufen.»

Dass der Traum vom Dirigenten ­einer Big Band keine Realität werden wird, weiss der Kommunikationsberater. «Ich renne keiner Utopie mehr nach. Ich möchte einfach die Lieder spielen können, die mir schon immer gefallen haben.»

«Ich verstand weder Text noch Titel»

«Schon immer» ist immerhin ein halbes Jahrhundert. Der kleine Roland nervte die Eltern, nachdem er am Radio einen Song gehört hatte, der ihn nicht mehr losliess. «Ich verstand zwar weder Text noch Titel, aber ich musste dieses Lied haben.» Die Eltern gingen mit dem Sohn in einen Schallplattenladen. Dort trällerte Roland die Melodie vom Radio nach. Der Verkäufer zog eine Single aus dem Regal, «Strangers In The Night» von Frank Sinatra. «Dabei hatten wir noch nicht mal einen Plattenspieler.»

Zu gern hätte der Junge ein Instrument spielen gelernt, doch das lag aus finanziellen Gründen nicht drin. Jetzt holt er es nach. «Idiotische Etüden werde ich aber nicht spielen.» Einmal pro Woche übt Cecchetto zusammen mit seiner 15-jährigen Tochter Kim, die Alto-Sax spielt. «So zwinge ich mich auch zur Regelmässigkeit beim Üben. Und gerade die ist in meinem Alter wichtig.»

Roland Cecchetto ist ein typisches Beispiel. Jede und jeder Fünfte in der Schweiz spielt ein Musikinstrument, und die Quote steigt. Was steckt dahinter? «Simpel formuliert: Ein Neunjähriger lernt ein Instrument, weil es die Eltern wollen. Ein 55-Jähriger lernt ein Instrument, weil er sich das wünscht», sagt Jonathan Bennett, Altersforscher an der Berner Fachhochschule.

Zusammen mit Daniel Allenbach von der Berner Hochschule der Künste hat er das Thema «Instrumentalunterricht 50 plus» untersucht. «Das ist ein neues Phänomen und entsprechend noch wenig erforscht», sagt Daniel ­Allenbach – noch nicht lange bietet der Lebensabschnitt «Ü 50» vielen in der Schweiz so viel Gestaltungsspielraum.

«Es wäre mein Traum gewesen, Dirigent einer Big Band zu sein. Aber ich renne keiner Utopie mehr nach.»

Roland Cecchetto, 59, spielt seit kurzem wieder Saxofon

Sich einen alten Wunsch erfüllen, den man über Jahrzehnte zugunsten von Job und Familie aufgeschoben hat – das ist nicht ganz einfach. «Man riskiert, von Altersgenossen schräg angeschaut zu werden, und viele sind unsicher, ob sie der Herausforderung intellektuell und von den kognitiven und koordinativen Fähigkeiten her noch gewachsen sind», so die Forscher. Doch auch das Gegenteil komme oft vor: «In den allermeisten Fällen reagiert das Umfeld sehr positiv.»

Die beiden Forscher interviewten für ihre Studie 45 über 50-Jährige. Die Befragten betonen ausnahmslos, dass ihnen das Musikmachen gut tue. Bei den einen stehen dabei Gehirnleistung, Koordination und körperliches Training im Vordergrund, bei anderen eher soziale Faktoren. Manche Geschichten sind sehr berührend, zum Beispiel die einer 91-Jährigen, die seit zwei Jahren Klavier spielt. Sie hatte aus gesundheitlichen Gründen ihren Garten abgegeben. Ihre Tochter, eine Klavierlehrerin, bot der Mutter ein paar Musikstunden an. Seither übt die Seniorin regelmässig, der wöchent­liche Unterricht bei der Tochter ist zum wichtigen, fixen Termin in ihrem Leben geworden.

Viele ältere Neueinsteigerinnen und Neueinsteiger haben oder hatten im Beruf Führungspositionen inne. Das ist für Musiklehrer eine Herausforderung. Solche Schüler verlangen mehr, lassen sich nicht durch banale Erklärungen abspeisen und haben nur Respekt vor dem Lehrer, wenn der kompetent ist. Bei Enttäuschung haben sie kaum Hemmungen, sich eine neue Lehrperson zu suchen.

«Es gibt einen echten Austausch»

Viele Musiklehrer schätzen die neue erwachsene Kundschaft. Sie müssen diese nicht mehr disziplinieren und motivieren. «Der Unterricht findet eher auf Augenhöhe statt, es gibt einen echten Austausch», sagt Daniel Allenbach. Inzwischen führt die Hochschule der Künste in Bern eine CAS-Ausbildung mit dem Titel «Musikalisches Lernen im Alter» durch, damit sich Musiklehrpersonen auf die spezielle Anforderung «Anfänger im besten Alter» vorbereiten können.

Jonathan Bennett sagt: «Lehrer älterer Schüler müssen zum Beispiel lernen, dass Erwachsene oft unrealistisch hohe Ansprüche an sich haben. Ihnen funkt beim Üben dann der Kopf drein – das kann gut sein, es kann aber auch blockieren. Dann muss der Lehrer wissen, wie sich der Kopf überlisten lässt.»

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