16_00_bp_openair.jpgWo sind die Leute vom FC?» Gert Hubatka sitzt auf seinem Enduro-Töff zwischen Zeltplatz und Hamburgerbude und schreit sichtlich erregt in sein Handy hinein. Der Geschäftsführer der Event AG, die dieses Jahr das Open Air «Out in the Green» in Frauenfeld TG veranstaltet, hat allen Grund zur Besorgnis: Unablässig zotteln die Festivalbesucher rechts und links an ihm vorbei aufs Gelände zwischen Pferderennbahn und Waffenplatz viele bis zum Scheitel bepackt mit Zelten, Schlafsäcken, Brennholz und Büchsenbier. Andere stossen Handwagen; grölend hebt eine Gruppe Teenager bereits mittags die Plastikbecher.

Bei der Eingangskontrolle aber fehlt es noch an Personal, das Gepäckstücke nach Glasflaschen durchsucht und für geordnetes Eintreten sorgt. Dafür hat Hubatka Mitglieder des lokalen Fussballklubs bestellt, doch die sind nicht rechtzeitig erschienen. Und jetzt, am Freitag, am ersten von drei Festivaltagen, hat es noch zu regnen begonnen! Bald überzieht eine Schlammschicht das ganze Areal. Hubatka scheint das wenig zu kümmern. «Die Stimmung ist trotzdem gut», meint er optimistisch, um sich sogleich wieder ums verwaiste Checkin zu kümmern: «Wenn die Leute jetzt nicht sofort auftauchen», brüllt er in sein Mobiltelefon, «dann sind sie draussen!»

Die Durchführung eines Festivals in der Grössenordnung von Frauenfeld (rund 23000 Besucher) braucht einiges an Organisation und Nervenstärke. Ein ganzes Jahr lang hat die Event AG den Anlass vorbereitet, hat zugkräftige Musikgruppen unter Vertrag genommen, hat von A wie Anlieferung bis Z wie Zeltplatz einen grossen logistischen Aufwand betreiben müssen. Auch der Sicherheit musste Rechnung getragen werden: Rund 340 Helfer wurden engagiert. Sie sorgen im Hintergrund dafür, dass alles gut über die Bühne geht.

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Tatsächlich ist die Sicherheit an Grossfestivals spätestens seit diesem Sommer zentral für das Image der Veranstalter: Am 1. Juli kam es am Rockfestival von Roskilde in Dänemark zu einem tragischen Unfall, der für negative Schlagzeilen sorgte. Beim Auftritt der Gruppe Pearl Jam war das Gedränge unter den 50000 Fans vor der Bühne derart gross, dass viele Fans zu Boden gedrückt oder gegen Absperrungen gepresst wurden. Traurige Bilanz: Neun Tote und 24 Schwerverletzte.

Damit sich solches nicht wiederholen kann, hat die Event AG technische und personelle Massnahmen ergriffen. Vor der Hauptbühne liess sie einen so genannten Wellenbrecher installieren, eine Reihe von hüfthohen Gitterschranken, die den Zuhörerstrom kanalisiert und den Druck zur Bühne hin verringert. Zudem wurden vor der Bühne zusätzliche Sicherheitsleute platziert, die sofort eingreifen können, sollte doch ein Gedränge entstehen. «Bei uns sinds natürlich auch nicht 50000 Besucher wie in Dänemark», sagt Hubatka, doch vor allem garantiere die «gut dotierte Security» einen reibungslosen Ablauf.

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Kontrollen rund um die Uhr

Die Helferinnen und Helfer im Hintergrund werden von Andreas Anderegg betreut. Der Security-Verantwortliche holt aus dem Auto einen Ordner, in dem er sein Dispositiv säuberlich nach Tag und Uhrzeit geordnet festgehalten hat. Es gilt, drei Tage lang im 24-Stunden-Betrieb Recht und Ordnung durchzusetzen.

Im Aussenbereich sorgen 110 Leute verschiedener Motorradklubs unter der Leitung der «Tombstone Rats» aus Wil SG für geregelte An- und Abfahrt, für geordnetes Campieren, für Sicherheit bei den Umzäunungen und fürs Aufgreifen von «Schwarzhörern». Bei der Bühne schauen die «Warriors», ein 30-köpfiger American Football Club aus Winterthur, zum Rechten, beim Aussencamping weitere 20 Personen von «Ace Security».

Die Glas- und Bändelkontrolle am Eingang sowie den Park- und Verkehrsdienst besorgt der FC Frauenfeld mit 50 Mann, und schliesslich hat auch die Kantonspolizei Thurgau Beamte in Zivil ins Feld geschickt; «wie viele, das sagen wir nicht, aber es ist eine stattliche Zahl», versichert Sicherheitschef Anderegg.

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Sollte trotz solcher Prävention etwas passieren, käme der Militär-Sanitäts-Verein Frauenfeld zum Einsatz. Der Verein hat 40 Mitglieder ans Festival geschickt, auf dem weitläufigen Gelände drei Zelte mit Lagerstätten und Erste-Hilfe-Material aufgestellt und in seinem Hauptquartier vier Ärzte und eine startbereite Ambulanz postiert. «Und für alle Fälle gibts direkt hinter der Hauptbühne einen Helilandeplatz», sagt Anderegg. Selbst ein Kinderhort und eine Hundesammelstelle fehlen nicht.

Mannshohe Gitterzäune sichern den Bereich hinter der Bühne. Hier kommt niemand hinein, denn die Stars, die vor Ort einen Garderobencontainer beziehen oder sich in einem nahe gelegenen Hotel einquartieren, bringen eigene Bodyguards mit. Ganz wichtig sei für deren Management die Pünktlichkeit, sagt Anderegg, was für die Verkehrsleitung eine echte Herausforderung bedeute. «Eine der Gruppen wird um 20.30 Uhr ihr Konzert beenden und muss bereits um 22 Uhr mit dem kompletten Material wieder am Flughafen Kloten sein, weil dann ihre Maschine zum nächsten Konzert abhebt.»

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«Die Musik hält mich jung»

Das tönt nach Stress und Nervenkitzel. Weshalb lässt sich Anderegg auf einen solchen Job ein? Der 43-Jährige ist gelernter Elektromonteur, verdiente sein Brot drei Jahre lang als Boxprofi, holte fünfmal den Schweizer Meistertitel. Heute arbeitet er als Redaktor bei der «Thurgauer Zeitung» und hat für den Anlass eigens Ferien bezogen. Er ist verheiratet, hat drei Kinder, die alle auch ans Festival kommen. Anderegg ist «seit Beginn mit dabei», ist der Organisation des Festivals seit dem Start 1987 treu geblieben «weil mich die Musik jung erhält», wie er sagt.

Andreas Anderegg, einst selbst Gitarrist, schätzt am Open Air vor allem die gute Stimmung und die Lebensfreude, die die Musikerinnen und Musiker verströmen. «Musik ist völkerverbindend; mit Musik trifft man immer auf Leute, die zufrieden sind.» Das gelte auch für die Mehrzahl der Fans. Aber: «Es werden immer wieder einige ausfällig, weil sie Opfer des Alkohols geworden sind. Für solche Fälle braucht es dann eben die Security-Leute.»

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Schlamm tief, Stimmung heiter

Beim «Hexenkessel» geht es inzwischen hoch zu und her. AC/DC-Sound dröhnt aus den Boxen. Junge Männer mit nackten Oberkörpern spielen mit schäumenden Bierbüchsen Fussball. In der «Jutzhütte» fliesst reichlich «Kafi Träsch», in der «Alpenrockbeiz» sind die Renner harte Drinks und Champagner. Aus den diversen Essständen steigt ein Duftgemisch von Kebab, Hamburgern, Pommes frites und Frühlingsrollen in die Luft. Nur das Wetter macht nicht mit: Der Schlamm ist inzwischen knöcheltief.

Trotzdem ist der Besucheraufmarsch beachtlich: Bei der Eingangskontrolle hat die Security alle Hände voll zu tun, hebt die mitgeführten Rucksäcke und Sporttaschen auf die langen Tischreihen und beordert hier und dort eine Flasche Champagner oder ein Sixpack Bier ans Tageslicht. Die Flaschen werden vor Ort entsorgt nachdem die Besitzer die Gelegenheit erhalten haben, den Inhalt in PET-Gefässe umzuschütten. Der Einfachheit halber kippt mancher das berauschende Nass jedoch gleich die Kehle hinunter was die Stimmung merklich anheitert.

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«Wir wollen nicht provozieren»

Abseits des Getümmels, bei einer Militärbaracke am Rand des Naturschutzgebiets, hat der Töffklub «Tombstone Rats» sein Hauptquartier aufgeschlagen. Rico Müller, zuständig für die Security, führt in den Container, der ihm als Büro dient. Er breitet einen Geländeplan aus, erklärt die Arbeitsweise seiner Mannschaft. «Wir haben acht Aussenposten, die wir im 24-Stunden-Betrieb besetzen, und sind untereinander ständig in Funkkontakt. Zudem fahren wir mit den Töffs Patrouillen.» Eine heikle Aufgabe steht jeweils im Morgengrauen an. «Um halb fünf wird der Raum vor der Bühne geräumt. Zu diesem Zeitpunkt schlafen manche. Andere haben zu viel Alkohol im Blut. Und wer kein gültiges Ticket hat, den werfen wir raus.»

Rico Müller ist mit seinen «Tombstone Rats» seit Beginn des «Out in the Green» mit dabei. «Für die Region ist es ein grosser Event, und wir sind hier lokal verankert. Wir können Fun haben und uns zugleich nützlich machen.» Ausserdem erhalte man einen Zustupf in die Klubkasse; jeder Helfer wird im Stundenlohn bezahlt und kann in seinen Pausen gratis die Konzerte geniessen. «Es braucht an solchen Anlässen Leute, die Verantwortung tragen», sagt Müller. «Ich mag hier nicht einfach mein Zelt aufstellen und fertig. Als Helfer habe ich Kontakte nach allen Seiten.»

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So hat sich das Festival für den Töffklub zu einem eigentlichen Vereinsanlass entwickelt. Man montiert die Töffkluft, bringt das Vehikel auf Hochglanz, stellt Zelte und Wohnwagen auf, geniesst bei Dosenbier und Grillwurst den Schwatz unter Gleichgesinnten. Müller, 38, führt eine eigene Dachdeckerfirma und hat für diese Woche Urlaub genommen. Vorgängig hat er für seine Security-Gruppe Einsatzpläne erstellt, alle Funkgeräte und Ausweise organisiert. Und den Bikern eingeschärft, dass sie trotz ihrer harten Schale «mit Fingerspitzengefühl» an die Aufgabe herangehen müssen. Jene Kollegen, die gut verhandeln können, hat er an die Publikumsfront gestellt; die weniger diplomatischen Mitglieder sind im Hintergrund postiert. Müller: «Wir wollen nicht provozieren, sondern Aggressionen verhindern.»

Auf der gegenüberliegenden Seite des Areals, im Keller der Zuschauertribüne der Pferderennbahn, hat der Militär-Sanitäts- Verein sein Büro. Eine Rotkreuzfahne flattert im Wind, an den Türen hängen Schilder mit «Sanität» und «Arzt». «Hausammann Werner», stellt sich der uniformierte Präsident des Vereins vor; der 79-jährige Mann war einst Bauer, machte dann eine kaufmännische Lehre und liess sich zum Militärpfleger ausbilden, um auf dem Waffenplatz Frauenfeld 27 Jahre als «Militär-Oberpfleger» zu dienen. «Ein prima Posten!», sagt Hausammann, der zum ersten Mal bei einem Rockfestival mittut. Und daran Gefallen findet: «Das ist eine Superstimmung, alle sind aufgestellt.»

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Prellungen und «viel Kopfweh»

Hausammann freut sich riesig, dass er sich beim Veranstalter mit seinem Sanitätskonzept gegenüber den Samaritern durchsetzte, die bisher immer in Frauenfeld waren. «Wir wollen helfen, so gut es geht, und dass wir jetzt den Job haben, ist grandios.» Stolz präsentiert er sein Lokal: Auf den Tischen stapeln sich unter Neonlicht Unmengen an Salben, Pillen und Pulver, dazu Verbandsmaterial aller Art. 40 Sanitäter sind aufgeboten, die im Schichtbetrieb den 24-Stunden-Dienst bewältigen. In der Regel sind es kleinere Wunden, die die Sanitäter verarzten müssen: Prellungen, Schürfungen, Stürze «und viel Kopfweh, wenn einer ein Glas zu viel getrunken hat».

Gelassen blickt der erfahrene Pfleger den kommenden Stunden entgegen. «Wir nehmen einfach, was kommt, versorgen bei Kind und Kegel alles von A bis Z.» Sein früherer Beruf sei seine Motivation für dieses Engagement, meint der Pensionär, und natürlich sein Verein, den er seit 30 Jahren präsidiert und dessen Kasse er nun um einen schönen Batzen aufstocken kann.

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Und schon jetzt freut sich Hausammann auf den nächsten Grossanlass, bei dem seine Leute wieder Posten stehen werden: das eidgenössische Hornusserfest im August, bei dem 50000 Besucher an zwei Wochenenden erwartet werden.

Hausammann wird dort wohl erfahren, dass im Unterschied zur Musik von der Rockbühne beim Flug des Hornusses und beim Hochwerfen der Abfangschaufeln nicht alles Gute von oben kommt.

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