Die Risse im Boden waren ganz klein, als sie das Wirte-Ehepaar Burgener entdeckte. Risschen waren es eher denn eigentliche Risse. Am folgenden Tag aber stand die Fahnenstange vor der Hütte schief. Da schwante den Burgeners: Hier stimmt etwas nicht. Sie sollten Recht behalten. Rund zwei Wochen später - aus den Rissen waren Gräben geworden - ging ein guter Teil der Moränenflanke vor der Stieregghütte ob Grindelwald zu Tal, ein gewaltiger Erdrutsch. Die Abrisskante verlief unter der Hütte durch, nach dem Rutsch schwebte eine Ecke des Bergrestaurants über dem rund hundert Meter tiefen Abgrund. Das Bild ging letztes Jahr durch alle Medien. Selten wurden der Öffentlichkeit die Folgen der Klimaerwärmung und des auftauenden Permafrosts so anschaulich ins Bewusstsein gerückt.

«Wir wussten um die Gefahr»
In den Alpen bleibt wegen der ganzjährig tiefen Temperaturen der Boden ab einer Höhe von rund 2400 Metern dauerhaft gefroren. Dieses als Permafrost bezeichnete Phänomen übt eine stabilisierende Wirkung aus. Taut der Permafrost, drohen Hänge und Flanken ins Rutschen zu kommen. Etwa am Schafberg in Pontresina. Seit drei Jahren schützen zwei gegeneinander versetzte Dämme mit einer Gesamtlänge von fast einem halben Kilometer das Engadiner Dorf vor Lawinen, Rüfen und Murgängen. Gut acht Millionen Franken hat die Anlage gekostet, 60 Prozent übernahm der Bund, je 20 Prozent zahlten Kanton und Gemeinde.

Der Damm gilt heute als Pionierleistung, Pontresina selber betreibt eine offensive Kommunikation. «Eine Vogel-Strauss-Politik wäre fahrlässig gewesen. Wir wussten um die Gefahr und haben mit offenen Karten gespielt», sagt Gemeindeschreiber Reto Danuser. Als Kurort könne man es sich nicht leisten, in den Verdacht zu kommen, dass der Aufenthalt in Pontresina gefährlich sei. Die Bevölkerung habe dem Projekt an der Gemeindeversammlung mit grossem Mehr zugestimmt. Nur vereinzelt seien Befürchtungen laut geworden, wonach der Damm die Landschaft verschandeln würde, so Danuser. Im Dorf hat offensichtlich ein Stimmungswandel stattgefunden. Denn in den frühen neunziger Jahren, als der Beobachter zum ersten Mal über die Problematik berichtete, hatte die damals für Naturgefahren zuständige Gemeinderätin gesagt: «Bis jetzt ist doch noch gar nicht bewiesen, dass der Permafrost überhaupt existiert. Wir müssen uns keine Sorgen machen.»

Häuser in der roten Zone
Selbst wenn die Forschung noch ganz am Anfang steht, an der Existenz des Permafrosts haben Experten nie gezweifelt, und seit vor Monatsfrist das Bundesamt für Umwelt (Bafu) die erste Übersichtskarte vorgelegt hat, ist auch seine Verbreitung besser bekannt. «Ziel der Karte ist es, dass die Kantone ihre Gefahrenkarten überprüfen und allenfalls anpassen», sagt Andreas Götz, Bafu-Vizedirektor. Der drohende Anstieg der Permafrostgrenze wird laut Götz in den Bergen vermehrt Steinschlag, Fels- oder Bergstürze auslösen. Die meisten dieser Prozesse werden in unbewohnten Gebieten stattfinden. In gewissen Gegenden hingegen können touristische Anlagen oder Bauten betroffen sein. Auch bewohntes Gebiet ist bedroht. Welche Regionen genau - darüber schweigt sich Götz aus: «Es ist Sache der Kantone und der Gemeinden, die genauen Gebiete zu bezeichnen.»

Schweigen auch bei Hans Rudolf Keusen, Geologe und Geschäftsleiter der Firma Geotest, die sich mit Naturgefahren befasst. «Wer ein gefährdetes Gebiet benennt, kann in der betroffenen Bevölkerung Angst auslösen, die Gebäudeversicherung kann hellhörig werden, und es besteht die Gefahr, dass Land und Gebäude entwertet werden.»

Die Firma Geotest hat für viele Gemeinden Gefahrenkarten erstellt. Diese sind im Unterschied zu der vom Bafu veröffentlichten Permafrostkarte sehr detailliert, fliessen in die Ortsplanung ein und sind dann rechtlich verbindlich. Gerät ein Haus in die rote Zone, kann ein drastischer Wertverlust die Folge sein. Keusen: «Ich bin als Ersteller von Gefahrenkarten kein Überbringer von frohen Botschaften.»

Die Kartierung von Gebieten, in denen Naturereignisse grosse Schäden verursachen können, ist den Kantonen und Gemeinden vom Bund vorgeschrieben. Glarus, Nid- und Obwalden sowie Appenzell Innerrhoden haben die Aufgabe bereits weitgehend abgeschlossen, andere Kantone befinden sich noch in der Konzeptphase. Billig ist die Sache nicht: Pro Quadratkilometer muss mit rund 5’000 Franken gerechnet werden, für grosse Kantone kann die vollständige Gefahrenkarte rund 10 Millionen Franken kosten. Für Roberto Loat, Naturgefahrenexperte beim Bafu, gut investiertes Geld: «Die Schadenssumme der Unwetter im August des letzten Jahres belief sich auf rund 2,5 Milliarden Franken. Hätten Gefahrenkarten mit adäquaten Schutzmassnahmen bestanden, wäre der Betrag beträchtlich tiefer ausgefallen.»

Die Karten müssen verschiedene Naturgefahren berücksichtigen. Beim Permafrost ist der Kenntnisstand noch am geringsten. So sind gemäss Bafu schweizweit erst 29 Prozent des Gebiets unter dem Aspekt eines drohenden Felssturzes kartiert. Noch geringer ist der Anteil bei Murgängen, nämlich nur gerade 23 Prozent. Am wenigsten weit fortgeschritten ist von den Gebirgskantonen das Wallis. Bauliche Massnahmen wie in Pontresina, die ausdrücklich zum Schutz gegen die Folgen der steigenden Permafrostgrenze getroffen wurden, findet man nirgends.

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«Bei uns gibt es keine Risikogebiete»
«Die Gefahrenkarten sind noch nicht so weit», gibt der Chef der Sektion Naturgefahren des Kantons Wallis, Charly Wuilloud, zu. Jede Gemeinde führe mit der verantwortlichen Dienststelle des Kantons aber Ereigniskataster, in denen sämtliche vergangenen Naturereignisse verzeichnet seien. Zudem habe man im Wallis intensiv in den Hochwasserschutz investiert. In Münster sei ein Auffangbecken gebaut worden, in Täsch bei Zermatt ein Ablenkdamm gegen Murgänge, und im Ritigraben bei Grächen/St. Niklaus sei eine Warnanlage installiert worden. «Diese Bauten und Massnahmen schützen auch vor Murgängen und Felsstürzen, die durch tauenden Permafrost ausgelöst werden könnten», sagt Wuilloud.

Auch im Kanton Bern glaubt man sich gut gerüstet. «In unserem Kanton gibt es im Gegensatz etwa zu Graubünden oder dem Wallis keine ausgeprägten Risikogebiete mit eng geschnittenen Tälern, die bis in den Permafrostbereich hochragen. Die problematischen Stellen werden beobachtet», sagt Heinrich Buri, Leiter der Abteilung Naturgefahren.

Beobachtet wurde auch das Gebiet über dem unteren Grindelwaldgletscher. Verhindert werden konnte der spektakuläre Murgang, dem das Bergrestaurant Stieregg zum Opfer fiel, trotzdem nicht. Wanderer, die in der Gegend Unterschlupf suchen, haben seit Anfang Juli wieder eine Anlaufstation: Das Restaurant heisst jetzt Bäregg und steht rund 150 Meter oberhalb des alten Standorts - auf abrutsch- und lawinenfestem Grund, wie es heisst.

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