14_99_pest.jpgDer Rasen ist kurz geschnitten, alle Wege und Anlagen sind ordentlich hergerichtet. Doch das ganze Gelände des Kinderdorfs Pestalozzi am Hügel über Trogen AR mit seinen zwei Dutzend herausgepützelten Appenzeller Häusern wirkt an diesem Samstag im Juni wie ausgestorben.

Das Informationszentrum und das Dorfcafe sind geschlossen, das «Haus der Andacht» abgesperrt. Nur ein paar Kinder und Jugendliche unterschiedlicher Hautfarbe verlieren sich auf dem Gelände. Es ist still. Das einzige, was sich wirklich bewegt, sind ein paar dunkle Wolken am Himmel. Und die haben Symbolcharakter.

Das Pestalozzi-Kinderdorf steckt in der Krise: Zurzeit wohnen hier noch knapp 40 Heranwachsende in fünf sogenannten multikulturellen Wohngemeinschaften. Dazu kommt noch die Hausgemeinschaft Sabia mit zwei alleinerziehenden Müttern aus Südafrika und Thailand samt ihren vier Kindern. Doch die Multi-Kulti-Etikette trifft nur noch auf zwei der Wohngruppen wirklich zu. Die Türken, die Kosovo-Albaner und die Tibeter leben in eigenen Häusern.

Nimmt man die Kosten von 3,7 Millionen Franken als Messlatte – soviel weist die Jahresrechnung 1998 für die multikulturellen Wohngemeinschaften aus – und dividiert sie durch die 46 ständig Betreuten, ergibt dies einen Schnitt von 81747 Franken. Zählt man noch die restlichen Schulkosten dazu, sind es gar 91798 Franken pro Kind und Jahr. Wen wundert’s, denn auf zwei Betreute trifft es einen Betreuer.

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Der Vergleichswert für 1997 liegt gar noch höher: 106560 Franken. Noch nie wurde mit so viel Geld so wenigen Kindern geholfen wie in den letzten Jahren.

Zwei Drittel gehen für Löhne weg
Im Pestalozzidorf hat man die Misere erkannt: «Die Kennzahlen des Kinderdorfs müssen klar verbessert werden. Wir überprüfen, ob nicht mit weniger Aufwand eine qualitativ gleich gute Betreuung möglich ist», sagt auch Christoph Tanner, seit letztem Jahr Vorsitzender der Geschäftsleitung der Kinderdorf-Stiftung. 71 Mitarbeiter teilten sich letztes Jahr in Trogen 60 Vollzeitstellen. Ihre Lohnsumme machte 4,9 Millionen Franken aus – fast zwei Drittel des Gesamtaufwands von 7,5 Millionen Franken.

Zu diesem schlechten Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen kommt die teure Dorf-Infrastruktur. Sie umfasst Mehrzweckhalle, Sportplätze und Sauna und ist absolut ungenügend ausgelastet. Nur bedingt wettgemacht wird das durch gut 1200 Kinder und Jugendliche ausländischer Gastgruppen sowie durch Schweizer Schulklassen, die hier im letzten Jahr Erholungs-und Projektwochen mit 170 eigenen Betreuern verbrachten. Aufs Jahr umgerechnet sind das lediglich 26 Gäste pro Woche.

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Dafür wird mit den ausländischen Gästegruppen auch schon mal ein Jahresbericht geschönt. So heisst es etwa für 1996: «436 Kinder und Jugendliche aus vier Ländern Osteuropas weilten für einen Erholungs- und Begegnungsaufenthalt im Kinderdorf.» Schaut man sich aber die Projektliste näher an, werden da ungeniert etwa die Kantonsschule Heerbrugg, eine Berner Integrationsklasse oder auch die sehbehinderten Jugendlichen der deutschen St.-Franziskus-Stiftung mitgezählt. Wirklich aus Osteuropa stammten nur gerade 133 Kinder.

Tanner verspricht nun mehr Transparenz: «Wir wollen in Zukunft klar sagen, wo wir die volle Betreuung gewährleisten und wo wir Teilbereiche abdecken.» Das ist dringend nötig. Es klingt zwar imposant, wenn die Stiftung 1996 schreibt, sie habe im Ausland über 38000 Kinder betreut. Allerdings waren 21000 davon lediglich «über gemeinschaftsorientierte Entwicklungsprogramme gestützt» – was immer das auch heissen soll.

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Man hätte das «geschickter kommunizieren» können, räumt Tanner dazu ein. Doch daran war die Stiftung bisher gar nicht interessiert. Interne Untersuchungen belegen nämlich, dass die meisten Spender nach wie vor das alte Bild mit der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi verbinden – also ein Zufluchtsort auf Zeit für kriegsgeschädigte Kinder und Jugendliche. Das war die ursprüngliche Idee von Dorfgründer Walter Robert Corti, der hier im heilen Trogen nach dem Zweiten Weltkrieg «ein Licht anzünden wollte».

Tempi passati. In den Folgejahren erstarrte die Institution zum eigenen Denkmal. Schon 1980 kritisierte der Beobachter, die Stiftung sei «von echter Kinderhilfe weit entfernt». Stein des Anstosses schon damals: die unverhältnismässigen Betreuungskosten.

Der Artikel brachte Bewegung ins erstarrte Dorf. Nur kurze Zeit nach der Publikation rollten Hilfsprojekte im Ausland an, und die Strukturen im Kinderdorf wurden umgemodelt: In Trogen wohnen seither Kinder und Jugendliche ausländischer Herkunft, die längerfristig auf Betreuung angewiesen sind und bereits in der Schweiz leben. Die fragwürdige Verpflanzung einiger weniger ausländischer Kinder ins Trogener Pestalozzidorf ist mittlerweile Vergangenheit.

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Heute ist das Dorf ein Art Durchgangsheim für sozial entwurzelte Ausländerkinder und gestrandete Adoptivkinder. Für einen Teil der Jugendlichen zahlen die Wohnortgemeinden gar Versorgerbeiträge. Doch die Frage ist: Braucht es dafür ein 33 Millionen Franken teures Sozialgetto in Trogen?

Das Einzigartige ging verloren
«Das Dorf hat seine Identität verloren. Es ist eine Institution wie viele andere, ohne feu sacre», sagt eine Exmitarbeiterin.

Dutzende von Beratern, Supervisoren und Organisationsmanagern wurden in den letzten Jahren für teures Geld engagiert, um das schlingernde Stiftungsschiff auf Kurs zu bringen. Aus den Hauseltern wurden zuerst Erzieher gemacht, dann Sozialpädagogen. Schliesslich bekam jedes Haus seinen eigenen Leiter. Das alles blähte zwar den Apparat auf, doch die Orientierungslosigkeit wurde nicht kleiner.

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Zurzeit hat Geschäftsführer Tanner auch noch die Dorfleitung übernommen, nachdem der bisherige Chef schon nach 14 Monaten das Handtuch warf. Exleiter Dorji Tsering, selber als tibetanischer Flüchtling ein Kinderdorfkind, hat sich zum Stillschweigen über die Gründe sei-nes Abgangs verpflichtet. Schmackhaft gemacht wurde ihm der Maulkorb durch eine Auftragsarbeit an einem Projekt für Flüchtlinge aus dem Kosovo.

Tanner äussert sich betont vorsichtig: «Herr Tsering konnte den Weg der Öffnung, der zu mehr Wirkung der eingesetzten Ressourcen in der Schweiz führen wird, nicht mit der nötigen Uberzeugungskraft weiterverfolgen.» Doch Tserings rascher Ausstieg wirkt im Dorf demotivierend. «Die Verunsicherung lässt sich fast greifen», meint ein leitender Mitarbeiter. Auch er ist auf Stellensuche.

Das Karussell dreht sich
Tsering ist nicht der einzige Abgang aus der Leitungscrew. Letztes Jahr wurde Zentralsekretär Thomas Mächler freigestellt. Mächler spricht von «unterschiedlichen Auffassungen über die operative Führung». So habe der Stiftungsrat personelle Entscheide ohne Rücksprache getroffen. Mächler kritisiert auch die Stiftungsratspräsidentin Leni Robert: «Sie ist als Person glaubwürdig und engagiert, hat aber in organisatorischen und finanziellen Fragen Defizite.»

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Mit Mächler schied auch der Leiter Finanz und Rechnungswesen aus. Tanner sah sich letztes Jahr zu einer Zwischenrevision gezwungen, um sich einen Uberblick über die Buchhaltung zu verschaffen. Die Revisionsgesellschaft erhielt dann gleich noch das Buchhaltungsmandat, bis ein neuer Leiter Zentrale Dienste installiert war. Die ganze Ubung kostete die Stiftung fast 60000 Franken.

Nun sollen auch jene Elemente aus der Rechnungslegung verschwinden, die einen Vergleich der letzten Jahre so erschwert haben. Da stiegen nämlich die Ausgaben fürs Zentralsekretariat von 3 Millionen Franken im Jahr 1995 auf 4,9 Millionen 1996. Ein Jahr später sanken sie erneut auf 3,4 Millionen. Hauptgrund ist ein wahres Kostenstellen-Tohuwabohu.

«Das erste Beratungsunternehmen, das in die sehr komplizierten Strukturen hineinblickte, gab mir nach kurzer Analyse schon 1991 den Rat, tabula rasa zu machen. Wir haben uns dann aber für eine sanfte Renovation entschlossen», meinte Leni Robert vor drei Jahren in einem Interview. Gebracht hat das offensichtlich nichts.

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Aufwendige Imagepflege
Nun soll es also Christoph Tanner richten. Der gelernte Primarlehrer und ehemalige Chef Autodienste bei der Post gibt sich in seinem Zürcher Büro zuversichtlich: «Als Manager interessieren mich Veränderungsprozesse, und die sind bei uns angesagt. Wir sind auf gutem Weg.»

Ab nächstem Jahr soll man seine Handschrift merken, verspricht Tanner. Und: «Wir werden mehr Wirkung erzielen, indem wir in der Schweiz auch ausserhalb von Trogen im sozialen Umfeld benachteiligter Kinder aktiv werden.»

Gleichzeitig will er Trogen mit mehr Leben füllen. Er kann sich den Zuzug von sozial engagierten Familien vorstellen, die Pflegekinder aufnehmen oder sich in anderer Form am Dorfleben aktiv beteiligen. Neue Elemente mit Geschäften oder Gewerbebetrieben sollen dazukommen. Das heutige Kernangebot der betreuten Wohngemeinschaften wäre dann nur noch ein Teil in einer breiten Angebotspalette. Dazu braucht Tanner im Herbst allerdings den Segen des Stiftungsrats.

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Mit Absichtserklärungen lassen sich jedoch nur schwer Spendenfranken und Beiträge der öffentlichen Hand lockermachen – immerhin fast 15 Millionen Franken im letzten Jahr. So pflegt man weiterhin das bewährte Image von einst. Auf der Einladung an 450 finanziell potente Persönlichkeiten zu einer Benefizgala ins noble Zürcher «Dolder Grand Hotel» ist von den «kriegsversehrten Kindern im Kinderdorf Trogen» die Rede. Die aufwendige Einladung samt CD enthielt zudem einen echten aufgeklebten Franken.

Das stiess nicht bei allen Adressaten auf Begeisterung. «Nach dem Öffnen Ihres Kuverts hatte ich Hühnerhaut. Ist das die feine Art der Stiftung, mit den Franken von Kindern umzugehen?», heisst es in einem Schreiben an die Stiftung.

Tanner verteidigt das Mailing-Konzept, das «aus einer klaren Analyse heraus» entstanden sei: «Wenn wir mit der Aktion Geld verdienen, dann war sie richtig.»

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Das Geld braucht die Stiftung, denn sie leistet sich den Luxus von gleich vier Verwaltungen: Neben der Kinderdorfleitung in Trogen gibt es noch das Zentralsekretariat in Zürich sowie das Secretariat romand und die Auslandhilfe in Freiburg.

Allein Löhne und Personalnebenkosten belasteten die Aufwandsrechnung 1998 mit 6,7 Millionen Franken. Im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von über zehn Prozent. Dazu kommt eine weitere Million für Büro und Verwaltung. Zum Vergleich: Für die direkte Hilfe im Ausland bleiben noch 3,3 Millionen Franken.

Löhne im oberen Segment
Die Lohnkosten für die Programmbetreuung und Koordination der Auslandhilfe machten 820000 Franken aus – bei 5,75 Stellen ein Schnitt von 142600 Franken. Uberhaupt müssen die Löhne der Kadermitarbeiter keinen Vergleich scheuen. Tanner dürfte rund 150000 Franken verdienen, die Mitglieder der Geschäftsleitung bis zu 130000 Franken, die Fachbereichsleiter erhalten noch 120000 Franken.

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Der neue Chef will dafür jetzt mehr verlangen: «Ich erwarte höhere Wirksamkeit unserer Aktivitäten und der eingesetzten Ressourcen. Dazu gehört auch eine Aufstockung der Mittel für die Auslandhilfe.» Wie gross diese sein soll, muss aber erst der Stiftungsrat entscheiden.

Die Auslagerung der Auslandhilfe nach Freiburg wird offiziell als Öffnung zur Westschweiz hin verkauft, in Wirklichkeit ist sie eine Konzession an einen Richtungsstreit in der Stiftung: Soll man vermehrt vor Ort im Ausland tätig werden oder die Idee der multikulturellen Wohngemeinschaften in Trogen weiterpflegen?

Der Streit hat dazu geführt, dass sich Kinderdorf und Auslandhilfe zu zwei fast unabhängigen Institutionen entwickelt haben. Ob es Tanner gelingt, bald eine schlankere Verwaltung durchzusetzen, ist fraglich. Die Standortfrage hat nämlich vorerst keine Priorität. Sie sei – so Tanner – «keine Kostenfrage, sondern ein durch die modernen Technologien gemildertes Kommunikationsproblem.»

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Reserven in Millionenhöhe
Doch weil in der Bevölkerung nach wie vor das alte Bild des Kinderdorfs nachwirkt, sprudeln die Einnahmen kräftig. 1998 betrug der Stiftungsertrag 17,3 Millionen. Um als Non-profit-Organisation keine Millionengewinne auszuweisen, wurden 1,14 Millionen Franken dem Renovationsfonds und eine Million der Programmschwankungsreserve zugewiesen.

Mittlerweile hat die Kinderdorf-Stiftung 14,2 Millionen Franken auf der hohen Kante. Und die Immobilien mit einem Versicherungswert von insgesamt 35,7 Millionen Franken stehen mit bloss 985000 Franken in den Büchern.

«Unsere Verpflichtungen für langfristige Aufbau- und Strukturhilfe müssen durch Reserven abgedeckt sein. Allerdings stellen Sie zu Recht die Frage, wie viele Millionen dafür notwendig sind», bemüht sich Tanner um eine bessere Optik.

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Fährt man vom Kinderdorfhügel ins Dorf Trogen hinunter, sticht einem zurzeit ein grosses rotes Fragezeichen mitten in einer Wiese ins Auge. Wohl ein Werbegag für irgendeine Uberbauung. Die Tafel hätte einen besseren Platz verdient – am besten mitten im Kinderdorf Pestalozzi.

Die Geschichte des Kinderdorfs

1944Walter Robert Corti, Redaktor der Monatszeitschrift «Du», ruft angesichts des Kriegselends zur Gründung eines «internationalen Kinderdorfs» auf. Seine Idee: Nothilfe und Völkerverständigung
1945Gründung der «Vereinigung Kinderdorf Pestalozzi» und Baubeginn des Dorfs in Trogen.
1946-1950Rund 170 Kriegswaisen aus Österreich, Frankreich, Polen, Ungarn, Deutschland, Italien, Finnland, Griechenland und England werden in Trogen aufgenommen.
1951Aufnahme von Schweizer Sozialwaisen
1959Das Kinderdorf wird durch Schulhaus, Kindergarten und Werkstätten erweitert.
1960-1980:Die «europäischen» Kinderhäuser werden aufgehoben. Es ziehen vor allem Flüchtlingskinder aus Notgebieten der dritten Welt ein.
1981Erstmals kommen Kindergruppen aus Osteuropa für einige Monate zur Erholung nach Trogen.
1982Die Beobachter-Kritik am Kinderdorf führt zu einem Neukonzept: Die Auslandhilfe (damals «Kinderhilfe Dritte Welt») wird installiert.
1985Das Kinderdorf öffnet sich für die Fremdplazierung von Kindern ohne tragfähiges Umfeld mit Wohnsitz
in der Schweiz.
1992Eröffnung des Hauses «Sabia», einer interkulturellen Wohngruppe für Mütter mit Kindern in Krisensituationen. 34 bosnische Heimkinder und 8 Betreuerinnen und Betreuer werden aus dem Kriegsgebiet für vier Jahre nach Trogen evakuiert.
1993Die internationale Schule wird flexibilisiert, die Dorfkinder werden teilweise in die Schulen der Umgebung integriert.
1994Es wird weiter umstrukturiert. Trogen versteht sich jetzt auch als Friedens- und Kulturwerkstätte.
1997Der Stiftungsrat beschliesst, die operative Führung einem Geschäftsleiter zu übertragen. Mangelnde Effizienz wird reklamiert.
1998/1999Erneuter Konzeptwechsel: Die Stiftung will auch in der Schweiz mehr Hilfe vor Ort leisten und die Auslandhilfe stärken.
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