Etwas paradox ist es schon: Der runde Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt wird im Max-Frisch-Bad gefeiert. Frisch erbaute die Zürcher Badi, offiziell «Letzigraben» genannt, Ende der Vierzigerjahre – sie ist der einzige grössere Bau, den er realisierte.

Nun wird dieses Bad zum Schauplatz für ein Geburtstagsfest der anderen Art. Das Geburtstagskind heisst Friedrich Dürrenmatt, wäre am 5. Januar nächsten Jahres 100 geworden und ist seit 30 Jahren tot. Der Emmentaler Maler und Autor von Erzählungen, Essays, Krimis, Science-Fiction-Texten, Hör- und Theaterspielen gilt als einer der beiden einflussreichsten Schweizer Schriftsteller seiner Generation. Der andere ist Max Frisch.

Frisch und Dürrenmatt, Jahrgänge 1911 und 1921, waren befreundet. Sie schätzten einander, kritisierten sich gegenseitig, über lange Zeit offenbar konstruktiv. In ihren späteren Jahren entfreundeten sie sich.

Nun kommen sie in der Max-Frisch-Badi wieder zusammen. Denn dort können sich Krimifans auf Spurensuche machen zu einem mehrteiligen Podcast-Krimi.

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Der Hörspiel-Krimi «Morde im Bad» stammt natürlich nicht aus Dürrenmatts Feder. Doch er ist in seinem Geist entstanden und denkt die Themen der beiden damals im Beobachter erschienenen und seither x-fach aufgeführten und vertonten Krimis «Der Richter und sein Henker» und «Der Verdacht» weiter.

Atheist und Aufklärer

Dürrenmatt war – und wohl deshalb sind seine Werke so gut gealtert – seiner Zeit voraus. Schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts zerbrach er sich den Kopf über Themen, die heute sehr aktuell sind. «Der Richter und sein Henker» gilt zwar als Krimi, kann aber auch als Hassschrift auf das Genre gelesen werden. Er wirft die Frage nach der Manipulierbarkeit des Menschen auf. Ein Kommissar kommt in schönster Kriminaltradition der Wahrheit nicht etwa durch «richtiges» Ermitteln auf die Spur, sondern durch «falsches». Nun versucht er krampfhaft und wider besseres Wissen, Wahrheit herzustellen – und lässt sich am Schluss doch narren.

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Auch «Der Verdacht», sozusagen das Folgestück, lebt von der Gesellschaftskritik, von der Aufarbeitung der Gräuel des Nationalsozialismus. Deshalb ist es folgerichtig, dass der Veranstalter Maison du Futur zum Jubiläum die Themen Technik, Wissenschaft und eben Gesellschaft in den Fokus rückt.

Dürrenmatt hatte zu diesen Themen ein dezidiert ambivalentes Verhältnis. Er war Atheist, Aufklärer und vom menschlichen Gehirn völlig fasziniert: Dennoch sagte er in seiner als Monstervortrag bekannt gewordenen Rede über Recht und Gerechtigkeit im Jahr 1969: Der Mensch lasse sich nur durch Maschinen objektiv regieren. In den Siebzigerjahren schrieb er von Maschinen, die eines Tages unser Verhalten steuern und uns abhängig machen.

Auch hier blieb er ambivalent. Dürrenmatt habe anders als einige seiner Zeitgenossen nicht die utopische Vorstellung geteilt, dass die Gesellschaft sich zum Besseren entwickle, sagt sein Biograf Ulrich Weber. «Er sah den Menschen als ein Wesen mit rationalen, aber auch mit irrationalen Anteilen. Ihm war die Emotionalisierung der Politik und der daraus folgende Patriotismus und Nationalismus sehr suspekt. Er war der Ansicht, es brauche einen rationaleren Umgang mit solchen Themen. So gesehen waren Maschinen, Computer, Algorithmen, die das Sozialverhalten mitbestimmen, für ihn nicht nur negativ konnotiert.»

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Dürrenmatt in Corona-Zeiten

Der Jubiläumsveranstalter Maison du Futur ist ein Kind von Corona. Das Kollektiv möchte auch während oder trotz der Zeiten voller Vorschriften und momentaner Unmöglichkeiten Möglichkeiten bieten, wie Leute weiterhin an kulturellen Events teilhaben können. Ein erster Wurf des Maison du Futur ist die Corona-Stage im Max-Frisch-Bad. Sie schliesst an an eine mehrteilige Lesung im Zürcher Museum Strauhof. Dort kann man sich bis zum 10. Januar das Gesamtwerk von Friedrich Dürrenmatt anhören. Dazu kommt ein interaktiver Onlinekrimi, zu dem im Bad Begleitveranstaltungen wie Konzerte, Rätselspiele oder Workshops stattfinden.

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Samuel Schwarz vom Maison du Futur sagt: «Wir haben im Freibad die nötige Technik installiert, die alle nutzen können, die sie brauchen, um weiterhin Kunst für ein Publikum machen zu können. Dieses Publikum sitzt nicht starr auf Sesseln in Innenräumen, sondern kann sich im Park verteilen und gefährdet sich so nicht. Im Max-Frisch-Bad kann man schier endlos Abstand halten.»

Der Unfassbare

Dürrenmatt, der als Bub die Romane von Jules Verne verschlang, hat einmal gesagt: «Das Weltall, die Mathematik, die Physik sind meine Träume.» Aus dieser Perspektive hätte er seine helle Freude gehabt an der Idee, einen interaktiven, partizipativen, durch modernste Technologie ermöglichten Onlinekrimi zu inspirieren. Zugleich galt er als Kritiker der Naturwissenschaften, eine Haltung, die sich unter anderem in einem seiner berühmtesten und auch aktuellsten Werke manifestiert, in «Die Physiker» von 1961.

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«Eine der Qualitäten Dürrenmatts war es, immer wieder damit zu überraschen, wie er sich positionierte», sagt Biograf Ulrich Weber. Deshalb sei auch schwer abzuschätzen, was der 1990 verstorbene Schriftsteller zum Thema Corona-Pandemie gesagt hätte. «Ich denke aber, dass es für ihn ein Zeichen dafür gewesen wäre, dass es Dinge gibt, die dem Menschen einfach passieren und seine Prognosen und Pläne durchkreuzen, die er weder vorhersehen noch kontrollieren kann.»

Sicher hingegen ist Ulrich Weber bei der Frage, wie Dürrenmatt als Künstler auf die Krise reagiert hätte: «Er hätte anderen Künstlern, die vielleicht mehr in Not waren als er selber, grosszügig geholfen, wie er das oft getan hat.»


Mehr zur Zusammenarbeit von Friedrich Dürrenmatt und dem Beobachter:

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«Morde im Bad»: Hörspiele und Spurensuche

Den mehrteiligen, interaktiven Podcast-Krimi «Morde im Bad» entwickelte ein Team von Schreiberinnen und Schreibern unter der Leitung der Deutschen Jana Burbach. Kernstück bilden drei Hörspiele, die gestaffelt ab dem 17. Dezember online gehen. 

Der Anspruch der Macher ist es, unterhaltend, spannend und zugleich tiefgründig zu sein. Zwischen den Veröffentlichungen der Hörspielfolgen können sich die Zuhörerinnen und Krimifans im Max-Frisch-Bad auf Spurensuche machen und ihre Lösungsvorschläge einreichen. Im März 2021 wird das Geheimnis um den Täter durch Kommissarin Jeanne Bärlauch gelüftet. 

Ziel des Veranstalters Maison du Futur ist es, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen – auch oder gerade Menschen, die einer Covid-Risikogruppe angehören. Das Ganze ist eine Mischung aus herkömmlicher Theateraufführung und einem Augmented-Reality-Game, entwickelt zusammen mit dem Gamestudio Gbanga. Dabei bleibt es allen selbst überlassen, eher passiv zu geniessen oder sich bei der Aufklärung der Morde zu engagieren. 

Ein mobiles Ticketingsystem, durch das Assoziationsräume freigeschaltet werden, erlaubt ein Mitmachen durch Geotagging von daheim aus.

Interview: «Es geht um uns selber, nicht um Personenkult»

Samuel Schwarz, 49, ist Mitbegründer der freien Theatergruppe 400asa, international erfolgreicher Film- und Theaterregisseur sowie Schauspieler.


Beobachter: Herr Schwarz, was wollen Sie mit dem Dürrenmatt-Happening «Morde im Bad»? 
Samuel Schwarz: Wir wollen unterschiedliche Formen von kultureller Teilhabe initiieren. Man kann die Podcasts gemütlich zu Hause anhören oder auch spazierend im Freien. Wer tiefer eintauchen will, kann auch – besonders nach Folge zwei (ab dem 30. Dezember) – selber nach Hinweisen zur Täterschaft suchen und diese mit einer speziellen App im Freibad suchen gehen. So sprechen wir konventionelle Krimifans an, aber auch solche, die partizipative Formate lieben. Der Krimi, den wir digital aufführen, ist eine Dürrenmatt-Hommage und soll Lust machen, seine Krimis zu lesen.


Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Wir haben eine Funktechnologie eingerichtet in der Parkanlage des Max-Frisch-Bads, die es möglich macht, die Veranstaltungen zu erleben, ohne Innenräume betreten zu müssen, ohne sich zu gefährden. Der Veranstaltungsrahmen denkt also die Krise mit, geht aber mit seiner Form auch explizit auf die Krise ein. Man kann also ins Bad kommen und in der winterlichen Parkanlage und über Kopfhörer ganz tief einsinken in die dürrenmattschen Plots über Katastrophen, Morde, Krisen, Turmbauten – und in seine Gedanken zu Politik und Gesellschaft. Und eben: in unsere Geschichte um Morde im Max-Frisch-Bad.


Warum gerade Dürrenmatt? Muss man den neu erfinden?
Es geht natürlich um Dürrenmatt – weil der 100 wird und es sich lohnt, diesen Geburtstag zu feiern. Es geht aber auch sehr stark um die Gesellschaft als Ganzes, die Dürrenmatt reflektiert. Es geht nicht um Personenkult, sondern um uns selber, um unser Verhältnis zu Krisen, um unsere Lust am Grässlichen, Unsagbaren, Unvorstellbaren – aber auch am Schönen, das es in unserem Universum gibt. Wir versuchen ja alle krampfhaft, das alles zu verstehen, und schaffen es nicht. Dieses Universum hat Dürrenmatt prototypisch beschrieben. 


Wieso warten Sie mit diesem Projekt nicht bis zur Nach-Corona-Zeit? Das wäre doch sicher viel handlicher.
Man sollte gerade in diesem düsteren Winter ein Zeichen setzen. Mit allem, was wir im Freibad machen, den Krimis, aber auch mit den Konzerten und Theaterstücken, die wir im zauberhaften Park veranstalten, regen wir die Leute an, rauszugehen. Das ist in diesen Tagen gesünder für Herz und Hirn, als zu Hause oder im dunklen Theater zu hocken. Man kann die Audioinhalte geniessen, die Bäume und den Himmel anschauen – und kann an etwas Einzigartigem teilnehmen. Einfach warm anziehen nicht vergessen. 


Weshalb haben Sie das Max-Frisch-Bad als Location gewählt? 
Wir haben uns überlegt, ob Max Frisch, der Architekt und Rivale von Dürrenmatt, dem Schriftstellerkollegen Asyl in seinem Bad gegeben hätte, und sind zum Schluss gekommen: Ja, das hätte er. Dürrenmatt war Diabetiker und Risikopatient. Diese Idee der Solidarität wird durch die Corona-Stage im Max-Frisch-Bad ausgedrückt. 


Aber warum im Winter draussen?
Wir distanzieren uns mit der Corona-Stage auch von den Theaterverbänden, die weiterhin – gegen jede Vernunft – störrisch auf dem Recht beharren, in Innenräumen zu spielen. Wir haben kein solches Recht. Das Bad mit seiner Parkanlage ist ein wunderschöner, zauberhafter Ort – und das Sportamt Zürich ist ein weiser, verständiger Partner, der uns in dem unterstützt, was wir tun. Wir möchten den Künstlerinnen und Künstlern zurufen: Geht raus! Hört auf, coronaskeptischen Schwachsinn zu verzapfen, wie das viele unserer Künstlerinnen-Freunde leider mittlerweile tun in ihrer Verzweiflung.

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