Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP:

Diese jungen Menschen haben bestimmt ein Schamgefühl. Aber nicht in dieser Umgebung und in dieser Situation. Alle Menschen haben Schamgefühle. Aber die Handlung oder das Erleben, wofür sich Leute schämen, verändert sich mit der Zeit. Im Mittelalter etwa hatte gemeinsames Nacktbaden nichts Beschämendes, dagegen war im viktorianischen Zeitalter bereits ein entblösstes Frauenknie ein Grund für Scham.

Schämen hat einen inneren und einen äusseren Aspekt. Der äussere beruht auf Konventionen und Regeln, und diese sind einem Wandel unterworfen. Zu allen Zeiten hat deshalb die ältere Generation den Zerfall der Sitten bei der Jugend beklagt, ob im alten Griechenland oder bei den Römern. Die Sitten sind aber nicht zerfallen, sie haben sich bloss verändert.

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Trotzdem kann ich Ihre Gefühle nachvollziehen. Die meisten Zeitgenossen, ob jung oder alt, würden Ihnen dabei zustimmen, dass ein öffentliches Schwimmbecken nicht der richtige Ort für Liebesspiele ist. Vermutlich würde ein Bademeister einschreiten, wenn er solches Verhalten wahrnimmt.

Sich schämen ist äusserst unangenehm

Scham hat aber auch einen inneren Aspekt. Sie ist nicht etwa dasselbe wie ein Schuld­gefühl. Wer eine Schuld auf sich geladen hat, kann sich entschuldigen. «Entschämen» kann man sich nicht. Mit seiner Scham bleibt man allein. Man sieht sich mit den Augen ­eines anderen, beurteilt sein Verhalten als ­unangemessen, fürchtet, dafür verachtet oder belächelt zu werden.

Man möchte in den Boden versinken, ­errötet, schaut zu Boden oder in eine Ecke. Sich schämen ist das Gegenteil von Stolz und ein äusserst unangenehmes Gefühl. Oft hat es mit der Trennung von Geist und Körper zu tun. Der Geist schämt sich seiner Körperlichkeit, der Sexualität, der Ausscheidungen. Nacktheit ist heute nicht mehr so tabuisiert, aber offenbar schämt man sich seines Körpergeruchs oder seines Schweisses. Nur darum sind Deodorants und weitere Geruchs­übertöner derart vielfältig im Angebot.

«Es gibt eine Privatheit, die wir mit keinem oder nur mit ausgewählten Personen teilen wollen.»

Koni Rohner

Man kann sich aber auch seiner Gefühle schämen. Wenn man an einer Sitzung ­weinen muss oder wenn einem aus Angst vor einem Vortrag die Hände zittern.

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In den siebziger Jahren glaubte man, sich zu schämen sei das antiquierte Gefühl einer verklemmten Gesellschaft. Lockerere Sitten, freier Sex, neue Lebensformen wie Kommunen würden Schamgefühle zum Verschwinden bringen. Das war ein Irrtum. Es gibt ­einen Intimbereich, eine Privatheit, die wir mit niemandem oder nur mit ausgewählten Personen teilen wollen. So soll niemand ausser der Ärztin die Details unserer Krankheit kennen; nur unser Lebenspartner darf uns schwach sehen, unsere Berufskollegen nicht. Beim Liebesspiel möchten wir keine Zuschauer. Unsere Ängste besprechen wir nur mit unserer Therapeutin.

Die Scham wacht gewissermassen über unseren Intimbereich. Sie warnt uns davor, zu viel von uns preiszugeben. Wir können ­also auch dieses Gefühl als Lebenshilfe ernst nehmen, obwohl es so unangenehm ist.

Wenn sich jemand allerdings allzu oft schämt, ist die Ursache in der Regel ein schwaches Selbstwertgefühl. Diese Menschen müssen lernen, sich selber als liebenswert wahrzunehmen – auch wenn sie manchmal etwas unverschämter auftreten.

Tipps für den Umgang mit Scham

  • Schämen Sie sich nicht dafür, dass Sie sich schämen. Scham und Stolz gehören zum Menschsein.

  • Seien Sie sich bewusst, dass vom Zeitgeist und der Umgebung abhängt, was als beschämend gilt.

  • Man darf auch manchmal gegen Konventionen verstossen, ohne sich zu schämen.

  • Versuchen Sie aber so zu leben, dass Sie sich möglichst wenig vor sich selber schämen müssen. So leben Sie nämlich konsequent nach Ihrer persönlichen Moral.

  • Wenn Sie sich allzu oft schämen, liegt der Verdacht nahe, dass Sie sich selber für wenig liebenswert halten. Dann kann eine Therapie helfen.

Buchtipps

  • Stefan Marks: «Scham – die tabuisierte Emotion»; Patmos, 2011, 228 Seiten, CHF 28.90.

  • Ulrich Greiner: «Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur»; Rowohlt, 2014, 352 Seiten, CHF 31.90.