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RoofingDer Kick hoch über der Stadt

Jugendliche, die verbotenerweise Dächer besteigen, klettern meist im Dunkeln. Eine Tragödie hat sie kürzlich ins Rampenlicht gezerrt.

Sechseläutenplatz Zürich, Blick auf den Weihnachtsmarkt.

Von Veröffentlicht am 27. Dezember 2018, aktualisiert am 18. Dezember 2018

«Bin voll in Vogeldräck ghocket», sagt der junge Mann. Er hat sich dort hingesetzt, wo Tauben und Möwen ausruhen. Auf einem Dachfirst mit Blick auf den Zürichsee. Was sucht er dort? «Das Gefühl von Freiheit», sagt der 17-Jährige. Er ist ein Roofer.

Roof heisst auf Englisch Dach, und ein Roofer steigt aufs Dach eines Hauses. Gut ist, wenn er von dort einen gloriosen Blick auf die Stadt hat. Besser ist, wenn er nicht erwischt wird, wenn er sich ins Haus schleicht. Noch besser, wenn das Gebäude möglichst hoch ist. Und am besten, wenn er der Erste ist, der die Bezwingung des Turms auf Instagram feiern kann.

Der Vogelkot am Hosenboden ist ein kleiner Kollateralschaden. Das Bild vom Weihnachtsmarkt auf dem Sechseläutenplatz unten mit den Hüttchen und den Glühweinnasen ist das alleweil wert.

Ein Pullover im Rucksack

Um dunkle Kleidung wird gebeten, wenn man auf die Dächer steigt. Asphaltfarben bis zur Kapuze, im Rucksack eine Plastikflasche mit Wasser aus dem Brunnen, Werkzeug und Kamera und ein Pullover. Es kann früh werden und kühl.

Wie lange dürfen die Jugendlichen wegbleiben? «Bis drei», sagt der eine. «Meine Eltern sind nicht zu Hause», sagt der andere. Zum Znacht in der Beiz trinken sie Schwarztee. «Unglaublich, dass man früher im Restaurant rauchen durfte», sagt der junge Mann, «so gruusig.» Vom Schnipo bleibt nichts übrig. Beide sind 17 und haben Appetit auf das, was ihnen die Eltern nicht vorgekaut haben.

Wer Roofer werden will, muss Grips haben und geschickt sein. Wie sonst käme er nach Geschäftsschluss aufs Dach eines Bürohauses? Und das zwischen Hunderten von Passanten, die in die Schaufenster gucken oder aufs Tram warten?

Es gibt zwei Arten von Roofern. Die Lebensmüden klettern die Fassade hoch, die Flinkeren besorgen sich aus dem Versandhaus ein Köfferchen. Es ist voller Dietriche, samt transparentem Schloss, um das Knacken im Bubenzimmer zu üben. Das Set kostet gnädige Fr. 34.95, das schont das Taschengeld. Und klick, steht die Haustür offen, der Fahrstuhl nach oben ist unbesetzt. 

 

«Wir fassen nichts an, wir nehmen nichts mit, wir machen nichts kaputt, und wir hinterlassen keine Spuren.»

Der Kodex der Roofer

 

Auf der obersten Etage eine Schwierigkeit. Eine Putzkraft. «Was wollen Sie?» – «Wir suchen den Ausgang.» – «Den Ausgang? Der ist dort, wo Sie hergekommen sind!» Wer Roofer sein will, muss gute Geschichten erzählen können. Nächstes Haus, nächster Klick. Nächster Störfaktor. Ein Mann folgt den Roofern. «Kann ich Ihnen helfen?» Sie brechen den Aufstieg ab.

Eine weitere Haustüre, diesmal klappts. Klick, mit dem Lift in die oberste Etage, dann die Hühnerleiter aufs Dach hoch. Kein Nachtwächter da, kein Nachbar, nur die Nachtluft und ein Ausblick auf die Stadt, den keiner kennt ausser dem Hauswart. Und der schläft, wenn sich die Kapuzenmänner an die Neonbeleuchtung klammern.

Auf manchen Dächern spriesst Unkraut, auf anderen bläst die Lüftung 
das Fett des Hamburgergrills im Erdgeschoss in den Himmel, oder Gitterfallen versperren den Weg. Für wen sind die Fallen? Für Marder? Gutes Schuhwerk dient der Sache. Und ein Engelsblick. «Wir fassen nichts an, wir nehmen nichts mit, wir machen nichts kaputt, und wir hinterlassen keine Spuren.» Das ist der Kodex der Roofer.

Ein Jugendlicher sitzt auf dem Dach und überblickt die Zürcher Bahnhofstrasse

Bahnhofstrasse Zürich, ein Roofer blickt von der Dachkante (oben rechts).

Quelle: Privat

Digitale Trophäen

Allein das Bild beweist, dass Fremde auf dem Dach waren. Wie jenes von der Zürcher Bahnhofstrasse. Man sieht Leute mit vollen Einkaufssäcken unter der dünnen Weihnachtsbeleuchtung von Shop zu Shop eilen, und auf der Dachkante sitzt ein Roofer und guckt ihnen zu. Oder das Panorama vom Ausleger eines Krans in Frankfurt am Main.

Oft sehe der Ort auf dem Bild gefährlicher aus, als er ist. Er gehe kein Risiko ein, er steige keine Fassaden hoch, er würde sich nie zu weit hinauswagen, sagt der Roofer auf der Kante. Zudem habe er Höhenangst. Was den kühnen Jugendlichen hilft: Jedes noch so steile Dach, jedes noch so dünne Türmchen muss zugänglich sein, für den Unterhalt. Manchmal sind es enge Treppen, manchmal steile Leitern, manchmal Stahlseile, die zum Himmel führen.

Ein weiterer Beweis sind die flattrigen Videos. Auf einem sieht man ein Grossraumbüro nach Feierabend, im Hintergrund blass das Grossmünster, auf einem Tisch krümmen sich belegte Brote wie Blütenblätter, die sich zur Nacht schliessen.

 

Im schlimmsten Fall drohe ihnen eine Busse von 150 Franken, da sie nicht volljährig sind.

 

Die Bilder sind auf der Plattform Instagram zu sehen, die Videos auf Youtube, meist hochgeladen unter einem Pseudonym. Fremde Dächer besteigen ist eine Grenzüberschreitung. Das wissen die Roofer. Vom juristischen Standpunkt aus begehen sie Hausfriedensbruch. Im schlimmsten Fall drohe ihnen eine Busse von 150 Franken, da sie nicht volljährig seien, sagen sie. Doch mit einer Klage sei nicht zu rechnen. Kein Hauswart sieht sich die vielstündigen Aufzeichnungen der Eingangskamera an, wenn niemand etwas vermisst.

Da die Szene handverlesen klein ist, weiss jeder in den Roofer-Gruppen auf Whatsapp, wer als Erster den neuen Turm von Roche in Basel bezwungen hat.

Roofer sind in der Regel zu zweit unterwegs. Der eine wirkt als Schlüsseldienst und Modell, der andere als Fotograf. Er registriert, wie sein Kumpel auf der Ecke eines Bürokomplexes sitzt, die Kapuze verdeckt sein Antlitz. Unter ihm misst man 90 Meter bis zum Aufprall.

Drei rote Rosen

Im Rucksack trägt einer ein rotes Licht und drei rote Rosen. 
Er will sie dorthin mitnehmen, wo kürzlich eine junge Frau durchs Glasdach des Zürcher Hauptbahnhofs brach. Er kannte E. von der Schule. 

Sie war mit Kollegen von einer eingerüsteten Säule bei Gleis 14 hochgestiegen. Hundert Meter weit muss sie auf dem Dachträger zur Haupthalle gelaufen sein. Der Kiesweg ist gut vier Meter breit, der Dachträger ist aus Stahl, der Tonnen tragen kann. Dann barst die Glasplatte, auf die sich die Frau gestellt hatte.

Am Ort, wo E. zu Tode stürzte, hat jemand drei grosse lila Kreise angebracht. Die beiden Roofer legen drei Rosen hin und zünden für E. eine Kerze an. Es müssen schon Hunderte auf dem Dach des Hauptbahnhofs gewesen sein, sagen sie. Man finde jede Menge Aufkleber.

«Ein Hobby wie Bergsteigen» 

«Nein. Wir sind weder leichtsinnig noch lebensmüde. Auch ich bin das nicht», beharrt der junge Mann. Roofing sei ein Hobby wie Bergsteigen. Nur finde es nicht in den Alpen statt, sondern in der Stadt. An jenen wenigen Orten, die das Herz höher schlagen lassen und wo man keinen Eintritt zahlen muss. Urbaner Alpinismus, Wandern auf Dachziegeln statt auf Brocken von Granit. Die sonnigen Höhen erzeugten gleichermassen Glücksgefühle, ob Dach oder Berg.

Bevor die Alpenkämme zu leuchten beginnen, gehen die Roofer nach Hause. Lebt wohl, ihr Dächer, wir kommen wieder.

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René Ammann, Redaktor

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