Der Automat klickt und piepst, spuckt aber kein Ticket aus. Seit Minuten hadert der Mann mit den vielen Möglichkeiten, die das System offeriert. Während sein Finger immer verzweifelter auf dem Touchscreen umherirrt, spürt er den gestressten Atem der Wartenden im Nacken. Eine Fahrkarte nach Interlaken, weshalb zum Teufel ist das so kompliziert?

Szenen wie diese spielen sich täglich ab an Schweizer Bahnhöfen. Die SBB wissen das. Sie bieten Kurse an, um den Umgang mit Billettautomat und Smartphone-App zu erlernen.

André Naef leitete bis zu seiner Pensionierung eine Abteilung bei den SBB. Heute führt der 64-Jährige Senioren in die Geheimnisse der SBB-App ein. Bei manchen seien Ängste vorhanden, sagt Naef. Deshalb stelle er jeweils zu Beginn eines Kurses klar: «Ihr könnt mit dem Handy das SBB-System nicht zum Absturz bringen.» Das Dümmste, was passieren könne, wäre, ein Billett zu kaufen, das man nicht benötige. «Aber auch dafür gibt es eine Lösung», sagt Naef.

Von der Erledigungslähmung zum Millennial-Burn-out

An den bedienten Schaltern werden heute noch zwölf Prozent aller Tickets verkauft. Die SBB setzen voll auf das Smartphone. Immer mehr Aufgaben bleiben an den Kunden hängen. «So lauten nun mal die Zeichen der Zeit», sagt Naef. Auch in den Läden scanne man seine Ware ja selber ein, und Hotels buche man online. «Die Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Die Frage lautet: Findet sie mit mir oder ohne mich statt?»

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Das Leben ist komplizierter geworden. Wir beantworten Geschäftsmails zu Hause Job und Privates trennen Wenn die Arbeit zu Hause weitergeht , sammeln Likes Bewertungen Ich like dich. Du mich nicht? während des Abendessens, checken vor dem Zubettgehen Börsenkurse. Und wer das Pech hat, sich in einem der neuen Jobs verdingen zu müssen, die die Digitalisierung erst geschaffen hat, kommt unter Umständen gar nicht mehr zum Schlafen: Uber-Fahrer müssen stets auf Abruf bereitstehen. 

Gemäss der US-Journalistin Anne Helen Petersen plagt immer mehr junge Menschen eine Erledigungslähmung («errand paralysis»). Wer ständig online ist, eine unaufhaltsam wachsende To-do-Liste Stress durch Multitasking «To-do-Listen sind gefährlich» besitzt und dazu ein explodierendes Postfach, kriegt auf einmal gar nichts mehr auf die Reihe. Dann lautet die Diagnose: Millennial-Burn-out.

In Japan nimmt die Zahl junger Männer und Frauen zu, die das Leben aussperren, das sie überfordert. Diese «Hikikomori» verlassen während Jahren ihr Haus nicht mehr.

Die Fehlerquote steigt

Die negativen Folgen der horrenden Geschwindigkeit, mit der wir durchs Leben rasen, zeigen sich aber nicht nur im Privaten. Ein Bauunternehmer, der nicht namentlich genannt werden will, sagt: «Seit Offerten nicht mehr per Post, sondern als PDF-Datei per Mail verschickt werden, häufen sich die Probleme.» Kunden verlangten Änderungen in Echtzeit, in der Hektik unterliefen den Planern Fehler. Die Folge: unausgegorene Projekte.

Berlin kann mit seinem unfertigen Flughafen ein Lied davon singen. Aber auch in der Schweiz gibt es ewige Baustellen. Im Wallis etwa harzt es mit der Autobahn A9. Die in den siebziger Jahren begonnene Strasse hätte 2016 fertig sein sollen. Nun wird es nach 2030.

Regelmässig Schlagzeilen machen IT-Grossprojekte Explodierende IT-Kosten Das Bundesamt für Sport schlägt alle Rekorde , die es ihrer schieren Komplexität wegen kaum je über die Testphase hinausschaffen. So kämpft derzeit der Bund mit der Fertigstellung seiner Software «Superb», einer Anschlusslösung für das 2025 auslaufende SAP-Programm. Mit der Eigenentwicklung will die Verwaltung künftig Löhne auszahlen Lohn Fragen und Antworten rund ums Salär oder Immobilien bewirtschaften. Eine der Ursachen für die Probleme sind die gigantischen Dimensionen des Projekts.

Wie sinnvoll ist es, alles zu wollen?

Mirjam Schlup kennt das. Als sie vor neun Jahren ihre Stelle als Direktorin der Sozialen Dienste der Stadt Zürich antrat, schwitzten die Programmiererinnen und Programmierer im achten Stock des Verwaltungszentrums Werd Blut.

«Famoz», die neue Software zur Fallführung und Klientenbuchhaltung, wies nach Jahren der Entwicklung immer noch gravierende Mängel auf. Im Herbst 2011 zog der damalige Sozialvorsteher Martin Waser dem Grossprojekt den Stecker. Der Kredit, der einst 11 Millionen Franken betragen hatte, belief sich zuletzt auf 30 Millionen. «Während des Projektverlaufs gab es dramatische Momente, es gab Burn-outs, die Leute waren überfordert», erzählt Mirjam Schlup.

In den Medien war die Rede von einem Debakel, von einem Flop, einem Drama. Und es war die Rede von der berühmt-berüchtigten eierlegenden Wollmilchsau, bei der die Fehlgeburt sprichwörtlich programmiert war. Kurz: Man wollte zu viel. «Mit dem System liess sich arbeiten, aber es gab eine lange Liste an Dingen, die wir noch verbessert haben wollten», erinnert sich Schlup. Das starre Korsett aus Bits und Bytes verhinderte indes die Implementierung dieser zusätzlichen Wünsche und Vorstellungen.

Als schliesslich auch noch der Lieferant der Software wechselte, war ein erfolgreicher Abschluss in weite Ferne gerückt. Das Sozialdepartement entschied, sich mit dem aktuellen Stand der Software zu arrangieren. «Heute arbeiten über 800 Personen mit dem System, das noch einige Jahre im Einsatz sein wird», sagt Schlup.

Seit «Famoz» will das Zürcher Sozialdepartement bei IT-Projekten zielgerichteter vorgehen. «Technisch ist vieles möglich», sagt Mirjam Schlup. Die Frage laute, ob es auch sinnvoll ist, alles zu wollen. Heute strebe man nicht mehr die Maximallösung an. Die Software, die aktuell neu erarbeitet wird, ist eine Partnerlösung mit anderen Städten. «So sind wir gezwungen, den gemeinsamen Nenner zu finden. Das war ein Learning aus dem ‹Famoz›-Projekt.»

Das Leben als ewiges Update

Beschränkung als Rezept gegen die Überforderung? Die Welt dreht sich scheinbar immer schneller, die Ansprüche steigen, und immer mehr Leute zerbrechen unter der Last der Anforderungen Junge verpassen Anschluss Nach der Schule in die Leere . Wir essen bei McDonald’s, gehen zum Speed-Dating, erholen uns mit Powernaps Powernap Die Schweiz verpennt eine Chance . Alles, um effizienter ans Ziel zu gelangen. Zeit, sich auszuruhen, bleibt keine. Dafür boomt der Markt für selbsternannte Life-Coaches, die uns mit Motivationstrainings und Kalendersprüchen vor der Erschöpfungsdepression bewahren wollen. «Die Freude ist mein Kompass!»

Es gibt Expertinnen und Experten, die behaupten, wir befänden uns in einem Zeitalter des immer schneller werdenden technologischen Wandels. Andere sagen, das sei Unsinn. Historisch verbrieft ist: Ehe Knöpfe die Wählscheiben auf den Telefonen ersetzten, vergingen Jahrzehnte. Heute werfen die Smartphone-Hersteller jeden Herbst neue Modelle auf den Markt. Gestern der Home-Button, heute Gesichtserkennung – das Leben als ewiges Update.

Krassere Jobprofile

Immer mehr können müssen aber auch wir. Soziologieprofessorin Marlis Buchmann von der Universität Zürich forscht über den Stellenmarkt Stellensuche So findet man versteckte Jobs . Dafür hat sie mit ihrem Team unzählige Jobinserate analysiert. Ihr Fazit: «Seit den Neunzigern sind die Anforderungen an Bewerber exponentiell gestiegen.» Das betreffe sowohl das geforderte Bildungsniveau als auch die Nachfrage nach Soft Skills wie etwa der Kommunikations- oder Teamfähigkeit. Buchmann sagt: «Weiterbildungen oder Umschulungen sind auf dem sich rasant wandelnden Arbeitsmarkt unabdingbare Voraussetzungen dafür, sich beruflich à jour zu halten.»

Nicht alle haben diese Möglichkeit. Einer von zehn Jugendlichen verpasst den Einstieg in die Berufswelt Junge verpassen Anschluss Nach der Schule in die Leere . Für Stress Stressbewältigung Guter Stress, schlechter Stress unter Heranwachsenden sorgt aber nicht nur die Karriereplanung, sondern auch das permanente Optimieren seiner digitalen Präsenz und der Drang, sich ständig mit anderen vergleichen zu müssen.

«Soziale Medien machen Kinderseelen krank», titelte unlängst die «Sonntags-Zeitung». Von 2006 bis 2017 haben sich die Konsultationen in der ambulanten Spitalpsychiatrie bei Kindern und Jugendlichen mehr als verdoppelt. Hauptgrund: gestiegener Leistungsdruck. Bei Erwachsenen zeigt sich ein ähnlich düsteres Bild. Vor zwei Jahren klagten 21 Prozent der Befragten, am Arbeitsplatz sehr oft unter Stress zu leiden Work-Life-Balance Kluge suchen das Gleichgewicht . 2012 waren es noch 18 Prozent.

Poesie hilft

Was tun? Die Reise geht nach München, zu Meinhard Miegel, einem der profiliertesten Denker und Publizisten Deutschlands, der mit seinem Buch «Hybris. Die überforderte Gesellschaft» einen Bestseller veröffentlicht hat. Im schmucken Quartier Schwabing hat der 80-Jährige sein Büro eingerichtet. Von hier aus leitet er seine Stiftung, die sich nichts Geringeres zum Ziel gesetzt hat, als die Kultur zu erneuern. Auf der Website heisst es: «Zweck der Stiftung ist es, den historischen und sachbedingten Zusammenhang von Wissenschaft, Kunst und Religion, also tragender Säulen menschlicher Kultur, wieder deutlicher zu machen.»

Meinhard Miegel stellt eine Schale mit Lebkuchen auf den Laserdrucker und schlägt die Beine übereinander. «Ich erzähle Ihnen jetzt eine kleine Geschichte.» Es war an einem Januarnachmittag vor ein paar Jahren, Miegel sass in einem Wagen der Rhätischen Bahn. Vor dem Fenster zog die tief verschneite Winterlandschaft Winterwunderland im Bernischen Die funkelnde Weihnachtsbeleuchtung und ihre Nörgler vorbei, es dunkelte bereits. Am nächsten Morgen sollte er im Hotel Waldhaus in Sils-Maria vor Versicherungsexperten einen Vortrag halten.

Statt sich mit Zahlen und Theorien zu beschäftigen, betrachtete Miegel den Himmel, in dem ein riesiger Mond 50 Jahre Mondlandung Der Traum von den Sternen hing. Tags darauf eröffnete er sein Referat mit einem Mondgedicht. Die Versicherungsexperten waren tief beeindruckt.
 

«Es ist eine vollkommen absurde Situation. Wir bilden unsere jungen Menschen für eine Welt aus, die untergegangen ist.»

Meinhard Miegel, Publizist und Sozialwissenschaftler


Poesie statt Policen, ist das die Lösung? Natürlich ist das so einfach nicht. Miegel geht es zunächst ums Innehalten Psychologie Die kreative Kraft der Melancholie . Und dann um einen Paradigmenwechsel: weniger Arbeit, weniger Einkommen, weniger Konsum. Gelingt uns das nicht, sieht der ehemalige Soziologieprofessor schwarz. Für den Menschen und für den Planeten. «Wir müssen – das ist in aller Munde und richtig so – entschleunigen», sagt Miegel. Das Tempo, das wir erreicht hätten, sei wahnwitzig. «Der Mensch hält nicht mehr Schritt mit seinem Werk. Er ist damit überfordert.»

«Wenn wir genügsamer werden, ist ein angenehmes und schönes Leben möglich»

Eines Umdenkens bedarf es laut Miegel in allen gesellschaftlichen Bereichen. Angefangen bei der Schule. Wenn der Silicon-Valley-Traum Realität wird, die Roboter Künstliche Intelligenz und Recht Sollen Menschen für Roboter haften? unsere Arbeit verrichten und der Mensch dereinst für seine physische Existenz nur noch sehr wenig tun muss, könne man nicht an den alten Erziehungskonzepten festhalten. An Konzepten, die ausschliesslich auf Leistung und Wachstum ausgerichtet seien.

«Kindern wurde viel zu lange eingetrichtert, ergebnisorientiert zu handeln, fleissig zu sein.» Dabei wäre es so viel wichtiger, das musische Potenzial zu wecken, das in jedem von uns stecke. «Es ist eine vollkommen absurde Situation», sagt Miegel. «Wir bilden unsere jungen Menschen für eine Welt aus, die untergegangen ist.»

In den USA gibt es ein Start-up, das gerade sehr erfolgreich ein Handy verkauft, das praktisch nichts kann, ausser Anrufe zu tätigen und Nachrichten zu verschicken. Das Motto der Erfinder des Light Phone lautet: «Holen wir unser Leben zurück!» Immer mehr Jugendliche tragen die alten Klamotten ihrer Grosseltern, streiken fürs Klima , leben vegan , reisen im Zug in die Ferien. Gibt es Hoffnung, Herr Miegel? «Ich glaube ja», sagt der Stifter. «Wenn wir genügsamer werden, dann ist ein angenehmes und schönes Leben möglich.»

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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