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Vegan leben«Eine vegane Gesellschaft ist nicht die Lösung»

«Eine vegane Gesellschaft ist nicht die Lösung»
Veganer demonstrieren in Zürich. Doch wie sinnvoll ist eine vegane Gesellschaft überhaupt? Bild: Pascal Mora

«Hut ab vor allen, die sich vegan ernähren», sagt Hans-Ulrich Huber vom Schweizer Tierschutz. Doch der Verzicht auf Fleisch genüge nicht.

von Anina Frischknecht und Peter Johannes Meieraktualisiert am 2017 M10 26

Beobachter: Aus Liebe zu den Tieren verzichten Veganer auf alle tierischen Produkte. Macht Sie das glücklich?
Hans-Ulrich Huber: Ich habe grossen Respekt vor allen, die in dieser schnelllebigen Welt mit dem riesigen Angebot verzichten können. Wer sich vegan ernährt, reduziert die Zahl der Masttiere, die kein schönes Leben haben. Aber es ist unrealistisch, mit der Vegan-Parole den Grossteil der Bevölkerung zum Verzicht zu bewegen.

Beobachter: Dennoch erzielen Migros und Coop mit veganen und vegetarischen Produkten zweistellige Wachstumsraten.
Huber: Was bei null beginnt, führt auch bei einer kleinen Zunahme zu eindrücklichen Wachstumsraten. Über vegane Ernährung wird mehr gesprochen und geschrieben, als dass sie tatsächlich praktiziert wird. Es sind auch nicht die Veganer, die den Grossteil dieser Produkte kaufen. Oft sind es Leute, die vegane Lebensmittel ausprobieren wollen. Parallel dazu kaufen sie trotzdem Milch, Eier und Fleisch. Es müsste schon sehr viel passieren, dass Eier und Milch vom Speiseplan eines Normalbürgers verschwinden. Beim Fleischkonsum bin ich optimistischer.

Beobachter: Aber wir Schweizer essen doch noch genauso viel Fleisch wie vor 30 Jahren?
Huber: Nein, Mitte der achtziger Jahre waren wir bei über 72 Kilo pro Jahr und Person, heute sind es 52 Kilo. Da muss man zwar noch den Einkaufstourismus dazurechnen. Aber tendenziell hat der Fleischkonsum abgenommen.

Beobachter: Ist eine nachhaltige Landwirtschaft bei unserem Milch- und Fleischkonsum überhaupt möglich? Sollte die Agrarpolitik nicht auf ein kleineres, dafür ökologisches Angebot ausgerichtet sein?
Huber: Klar, aber das macht die Agrarpolitik weltweit nicht. Es geht um viel Geld. Wenn wir zum Beispiel in der Schweiz nur das erzeugen wollten, was wir auch essen, ginge die Schweinehaltung auf einen Drittel zurück. Auch die übrige Fleischproduktion, vor allem beim Geflügel, müsste man massiv runterfahren. Und man würde wieder Kühe halten, die für die Milch- und die Fleischproduktion genutzt werden können und die mit Schweizer Heu und Gras auskommen, statt Milchkühen, die bis zu 12'000 Liter hergeben und viel Importkraftfutter benötigen.

Beobachter: Ist es sinnvoll, möglichst viele Leute zu einer veganen Ernährung zu bringen?
Huber: Eine vegane Weltgesellschaft ist nicht die Lösung des Problems. Agronomisch wäre sie nicht möglich, und für den Umweltschutz sähe ich schwarz.

Beobachter: Warum?
Huber: Weil man auf einen intensiven Pflanzenbau mit Kunstdünger, Pestiziden und Herbiziden zurückgreifen müsste. Schon heute werden mit Gift und Monokulturen bis zu vier Millionen Hektar Ackerfläche jährlich unfruchtbar – fast zehnmal die Schweizer Anbaufläche. Zudem sind Böden, die wir für den Ackerbau nutzen können, beschränkt. Viele Savannen und Steppengebiete – in der Schweiz sagen wir Alpen und Hügelland – würden ohne Tiere brachliegen.

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Beobachter: Sie ernähren sich vegetarisch. Warum?
Huber: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Als Kind hat mich Fleisch eher abgestossen. Erst mit 30 begann ich es ab und zu zu essen. Seit knapp zehn Jahren bin ich wieder Vegetarier. Kühe sind wunderschöne Tiere. Wenn dann ein Grillsteak vor mir liegt, bringe ich es nicht über mich, es zu essen.

Beobachter: Joghurt und Käse essen Sie aber?
Huber: Milchkühe können theoretisch über zehn Jahre alt werden. Ein Mastpoulet wird nach rund 40 Tagen geschlachtet, ein Mastschwein nach einem halben Jahr. Sobald es 100 Kilo schwer ist, wird es zum Schlachthof gekarrt. Da mache ich einen Unterschied.

Beobachter: Ist die Werbung mit den glücklichen Kälbchen auf saftig grünen Weiden schuld am hohen Fleischkonsum?
Huber: Diese Werbungen sind natürlich Fake News. Sie vermitteln ein falsches Bild der Tierhaltung. Man darf aber nicht vergessen: Fast die ganze Schweizer Bevölkerung isst Fleisch, verlangt nach Fleisch. Das ist mir bei der TV-Serie «Mini Beiz, dini Beiz» wieder bewusst geworden. Mich regt auf, dass in jeder Ausgabe irgendein Schweinebraten oder Rindsfilet auf dem Teller liegt. Fleisch ist offenbar immer noch ein Statussymbol. Wie diese Tiere gelebt haben, steht an zweiter Stelle. Wir leben in einer freien Marktwirtschaft.

Beobachter: Bei den Millionen von Landwirtschaftssubventionen kann man doch nicht  von freier Marktwirtschaft sprechen.
Huber: Ja, aber es gibt auch gute Beispiele, wo der staatliche Eingriff sinnvoll und notwendig ist. So fördert der Bund mit dem Raus-Programm die Auslauf- und Weidehaltung von Tieren. Doch er muss nachbessern, denn die entsprechenden Zahlen bei der Schweinehaltung, den grossen Herden der Milchkühe und beim Geflügel gehen zurück.

Beobachter: Kaufen Schweizer nicht sowieso immer mehr Labelfleisch?
Huber: Nein, der Verkauf von Labelfleisch hat eher abgenommen. Als Aldi und Lidl in die Schweiz gekommen sind, spürten Migros und Coop wahrscheinlich Konkurrenz. Sie führten selber Billiglinien mit konventionellem Fleisch ein und haben ihre Labelprodukte etwas vernachlässigt.

Beobachter: Für viele Konsumenten ist bio oder nicht aber eine Frage des Geldes.
Huber: Das kann mir niemand erzählen. Bei den Milchprodukten ist der Preisunterschied klein, der Unterschied fürs Tierwohl aber gross. Egal, wie viel am Ende des Monats auf dem Konto ist: Biomilch kann sich jeder leisten.

Beobachter: Viele Veganer sagen, Labels seien höchstens fürs Gewissen gut.
Huber: Dieses Argument hält in der Realität nicht stand. Wissenschaftlich ist bewiesen, dass bereits etwas mehr Platz, Einstreu zum Liegen, Auslauf und Weide die Lebensqualität der Tiere enorm steigern. Auch Veganer können nicht ignorieren, dass täglich Tausende Tiere geboren und geschlachtet werden. Nur Verzicht zu predigen und sich um eine Verbesserung der Situation dieser Tiere zu foutieren, ist verwerflich. Wenn die Tiere schon aufgezogen werden, sollte wenigstens für ein möglichst artgerechtes Leben, einen korrekten Transport und eine stress- und schmerzfreie Schlachtung gesorgt sein.

Beobachter: Also eher die Politik der kleinen Schritte als die vegane Revolution?
Huber: In der Politik ist noch keine Revolution zum Guten ausgefallen. Das Fleischessen ist in unserer Gesellschaft stark verankert. Daher sollten wir lieber die Politik des Machbaren im Auge behalten. Das Wichtigste: Die Massentierhaltung ist ein gesellschaftliches Problem. Nicht nur die Landwirtschaft macht etwas falsch, auch das nachgelagerte Gewerbe – und wir Konsumenten. Wir alle sind dafür verantwortlich, was mit den Tieren passiert. Das kann man nicht einfach auf die Tierhalter abschieben. Für eine gute Tierhaltung braucht es anständige Preise, damit man die Investitionen in den Tierschutz überhaupt tätigen kann.

Zur Person

«Fleisch ist immer noch ein Statussymbol. Wie diese Tiere gelebt haben, steht an zweiter Stelle.»

Agronom Hans-Ulrich Huber, 62, ist Geschäftsführer beim Schweizer Tierschutz und Experte für Nutztierhaltung. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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