Aufgezeichnet von Jessica King:

«Manchmal braucht es drei bis vier Anläufe, bis uns jemand in die Wohnung lässt. Wir wurden auch schon vom Küchenfenster aus beschimpft: «Sozialschaben!» Einmal flog uns aus der Wohnung ein Schuhregalbrett entgegen. Aber wir sind geduldig. Und hartnäckig. Wir kommen nochmals, reden den Leuten durch die Tür gut zu. Irgendwann geht sie auf.

Wir behandeln pro Jahr 90 bis 100 Fälle. Gemeldet werden sie uns von Nachbarn, Sozialbehörden, Hausverwaltungen oder Angehörigen. Als Erstes klären wir ab: Können die Leute allein leben? Gefährden sie andere oder sich selber? Problematisch wird es etwa, wenn jemand im Bett raucht und zugleich im Schlafzimmer riesige Stapel Zeitungen hortet. Oder wenn eine Person mit Demenz einen überstellten alten Kochherd benutzt, der keinen Überhitzungsstopp hat.

Der Tütentest entlarvt Messies

Verwahrlosung entsteht nicht von heute auf morgen. Oft sind die Leute psychisch krank, leiden an einer schweren Depression oder an Drogensucht. In diesem Zustand können sie sich weder um sich selbst noch um die Wohnung kümmern. Zum Teil sind sie alt und schwach. Über Monate oder Jahre entgleitet ihnen dann die Kon­trolle über den Alltag.

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Die Leute denken, dass wir primär mit Messies zu tun haben. Aber eigent­lich sind nur ein Fünftel zwanghafte Sammler. Auf den ersten Blick ist es schwierig zu unterscheiden, wer ein Messie und wer verwahrlost ist. Dann machen wir den sogenannten Tütentest: Wir bieten an, Abfall zu entsorgen. Vor ein paar Jahren haben wir zum Beispiel ein Geschwisterpaar besucht, dessen Wohnung in desolatem Zustand war. Bis zur Decke stapelten sich leere Teeschachteln. Man konnte sich kaum einen Weg durch den Kartondschungel bahnen. Wir sagten, wir würden beim Rausgehen ein paar Bündel für die Altpapiersammlung mitnehmen. Die Geschwister reagierten entsetzt: «Nein, bitte ja nicht!» Da wussten wir: Eine Räumung wird schwierig. Sie horten die Gegenstände.

Den allermeisten Betroffenen ist eines gemeinsam: Sie schämen sich furchtbar. Für ihre Wohnungen, den Dreck, den Geruch. Teils haben sie ihr Zuhause seit Jahren nicht verlassen. Und sie haben vergessen, wie es ist, andere Leute in der Wohnung zu haben. Wir versuchen, uns wie Gäste zu verhalten. Wir wollen, dass sie uns vertrauen können.

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Quelle: Marco Zanoni

Nicht mehr auf dem Stuhl schlafen

Wir arbeiten seit über zehn Jahren in diesem Job. Mittlerweile wissen wir, wie schwer es den Leuten fällt, unsere Hilfe anzunehmen. Sie müssen lernen, ihre Grenzen zu akzeptieren und einen Teil ihrer Lebensautonomie loszulassen. Deshalb wählen wir den Weg der kleinen Schritte. Wir schlagen nie sofort eine grosse Räumung vor. Sondern wir sagen: «Schauen Sie doch, dass ­wenigstens ein Schlafplatz frei wird, damit Sie nicht mehr auf dem Stuhl schlafen müssen.»

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Eine Frau litt etwa an Kaufsucht und bewahrte alle Kleider in der Wohnung auf. Ihr Mann war vor 30 Jahren gestorben, seither stand ihr Leben still. Das Schlafzimmer wirkte wie ein Maulwurfsbau, ein Nest voller Kleider.

«Beim Wort ‹Würde› müssen einige weinen.»

Ruth Bernhard und Veronika Heiniger, Gesundheitsinspektorat Bern

Streng werden wir, wenn Kinder in der Wohnung leben. Dann muss ein Mindestmass an Hygiene sein. Wenn die Leute allein oder zu zweit sind, sind wir toleranter. Sie dürfen unsere Hilfe auch ablehnen. Wenn die Wohnung wirklich stinkt, überall Abfall vergammelt, sprechen wir möglichst direkt mit ihnen. Wir sagen: «Das ist unwürdig.» Das Wort «Würde» berührt sie meist sehr. Einige müssen weinen. Das trifft einen Punkt tief drin – sie wissen, dass sie unwürdig leben, wollen das aber verstecken. Auch vor sich selber.

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Unser Ziel ist, dass die Leute möglichst lange in ihrer Wohnung bleiben können. Wenn die Hausverwaltung uns meldet, nächstens käme die Kündigung, kann das in fünf von sechs Fällen vermieden werden. Wir motivieren die Leute, Unterstützung anzunehmen, die wir dann vermitteln. Das kann eine Reinigungskraft einmal die Woche sein oder die Spitex. Oft ver­netzen wir die Betroffenen auch mit einem Arzt oder einem Psychiater.

Aber manchmal müssen wir uns damit zufriedengeben, dass die Situation nicht noch schlimmer wird, dass sie stabil bleibt, wenn auch auf sehr tiefem Niveau. Dann sind wir es, die lernen müssen loszulassen.