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VictorinoxHappy Birthday, Sackmesser!

Mit dem Auftrag der Schweizer Armee im Jahr 1891 begann der Aufstieg von Victorinox.

Eine Familienfirma macht alles richtig. Ihr berühmtes Schweizer Sackmesser wird 125.

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«Verlass den Planeten niemals ­ohne eins.» Einen besseren Werbespot kann sich keine Firma vorstellen. Erst recht nicht, wenn sie ihn gratis bekommt. Der kanadische Astronaut Chris Hadfield, 1995 im All unterwegs zur Raumstation Mir, sagte diesen Satz über sein Taschenmesser nicht nur, er lebte ihn auch. Als er versuchte, die Luke der russischen Raumstation zu öffnen, war sie verklebt und verschnürt «wie eine Mumie». Da zückte Hadfield sein Schweizer Sackmesser: «Ich bin damit gewissermassen in die Mir eingebrochen.» Das Taschenmesser fliegt seit Jahren bei jeder Nasa-Mission mit.

Eine Schweizer Erfindung ist das klappbare Messer allerdings nicht. Es ist auch viel älter als 125 Jahre. Die ersten Erfinder waren wohl die Römer. Doch erst die Firma Victorinox, die heute von der vierten Generation der Schwyzer Familie Elsener geführt wird, hat es geschafft, das «Swiss Army Knife» zur Weltmarke zu machen.

Wer heute Schweizer Sackmesser sagt, meint deshalb Victorinox. Die Firma produziert an ihren Standorten Ibach und Delémont täglich 60'000 Stück. Die 2000 Mitarbeiter schaffen 500 Millionen Franken Jahresumsatz.

Das Original klickt

Als der junge Karl Elsener 1884 eine Messerschmiedwerkstatt gründet, denken viele Schweizer ans Auswandern. Die Arbeitslosigkeit ist gross, die Armut immens. Doch Elsener hat eine Vision. Er möchte Arbeitsplätze schaffen, möglichst viele. Dazu gründet er den Verband der Schweizerischen Messerschmiedmeister, der sich bei der Armee darum bewirbt, das Soldatenmesser liefern zu können. Bis dahin hatte man das Armeesackmesser im deutschen Solingen eingekauft.

Nach einer Absage begraben die Messerschmiedmeister das Projekt. Elsener kämpft jedoch allein weiter und erhält schliesslich den Zuschlag. 1891 darf er zum ersten Mal die Armee beliefern, das Swiss Army Knife ist geboren. Das klappbare Messer muss den Soldaten beim Essen nützen und beim Zerlegen des Gewehrs. Das Messer braucht folglich neben der Klinge auch einen Büchsenöffner, eine Ahle und einen Schlitzschraubendreher.
 

Ein Blick in die Produktionsstätte von Victorinox im Jahr 1891. (Bild: Victorinox)
Quelle: Luxwerk

Taschenmesser gibt es auf der ganzen Welt, in allen Grössen, Farben und Ausführungen. Der Profi erkennt ein Victorinox-Sackmesser allerdings buchstäblich blind: Wenn die geöff­nete Klinge einrastet, hört man ein helles Klicken, ähnlich dem eines ­Zippo-Feuerzeugs. Das Klicken entsteht durch die hohe Federspannung von bis zu 300 Kilogramm. Dass diese Spannung auch nach Jahren des Gebrauchs nicht nachlässt, ist eines der Erfolgsgeheimnisse des Schweizer Herstellers.

Mutter + rostfrei = Fabrikname

Victorinox ist ein globalisiertes Unternehmen. Es gilt trotzdem als Vorzeigefirma mit grossem Herzen. Inzwischen ist die vierte Generation am Ruder: Chef ist Carl Elsener. Er ist der Urenkel von Gründervater Karl und versucht weiterhin, dessen Geschäftsphilosophie zu leben.

«Vermutlich haben ihn die harten Anfangszeiten geprägt», sagt Carl Elsener. «Dazu kommt, dass wir in unserer Familie christliche Grundwerte hochhalten und der Überzeugung sind, dass geschäftliche Erfolge nie von einer Einzelperson, sondern nur von einem motivierten Team erreicht werden können. Diesem Team sollte ein Chef dankbar sein und das auch zeigen.»

Auch der Firmenname ist Ausdruck dieser Haltung. 1909, nach dem Tod der Mutter, wählte Karl Elsener ihren Vornamen Victoria als Fabrikmarke. Sie hatte ihn nach Kräften in seiner Selbständigkeit unterstützt. Ab 1921 wurden die Messer mit dem eben erfundenen rostfreien Stahl ausgestattet, und der Sohn hängte das inter­nationale Kürzel für rostfreien Stahl an den Vornamen der Mutter. Inox.

Die Crew bleibt der Firma treu

Einmalig ist wohl auch in einer 125 Jahre alten Firma, dass noch niemand aus wirtschaftlichen Gründen entlassen wurde. Nicht einmal in jener Zeit, als das Sackmesser aus dem Hand­gepäck des Flugzeugs verbannt wurde und die Umsätze um einen Drittel einbrachen.

Als der traditionsreiche Konkurrent aus dem Jura, Wenger, 2005 in Schwierigkeiten geriet, übernahm ihn Elsener und beschäftigte sämtliche Angestellten weiter. Die beiden Crews danken es ihm mit ihrer Treue. Von den 900 Mitarbeitern der alten Ibächler Victorinox sind 45 schon über 50 Jahre mit dabei, und über 100 weitere haben das 40-Jahr-Jubiläum hinter sich.

Veröffentlicht am 07. Juni 2016