Charles Lewinsky empfiehlt «Der Held»

«Der Held» ist eines jener Bücher, die man nicht weglegen kann, bevor man sie zu Ende gelesen hat – allerdings wird dem Leser die Antwort auf die Frage verweigert, die ihn während 260 Seiten bewegt hat: Was ist damals eigentlich wirklich passiert? Dass es diese Antwort nicht gibt und nicht geben kann, ist das eigentliche Thema dieses Buches, mit dem der Autor an den Bürgerkrieg in Exjugoslawien erinnert.

Zwei unzuverlässige Erzähler geben sich ein Stelldichein, allerdings nur brieflich, denn einer von ihnen sitzt im Gefängnis von Den Haag – wegen eines Kriegsverbrechens, für das vielleicht der andere verantwortlich ist. Sie korrespon­dieren miteinander, beschuldigen sich und waschen sich rein, aber das zentrale Ereignis, das ihrer beider Leben bestimmt hat, lassen sie den Leser nur erahnen. Der eine ist ein ruhmreicher Held, der andere ein Kriegsverbrecher. Oder ist es umgekehrt? Das ist die Frage, die einen bei der Lek­türe bewegt und auch nicht mehr loslässt, wenn man die letzte Seite gelesen hat.

Karl Rühmann: «Der Held»; Rüffer & Rub, 264 Seiten.

Charles Lewinsky empfiehlt «Der Held»

Die Werke von Charles Lewinsky wurden zahlreich ausgezeichnet. 2020 war sein jüngster Roman «Der Halbbart» auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

Quelle: Maurice Haas / Diogenes Verlag

Simone Meier schwärmt für «Bonjour Tristesse»

Es gibt am italienischen Ufer des ­Lago Maggiore ein Hotel, das ist mehr Schein als Sein. Aber um einen Drink zu trinken oder ein Ge­lato zu essen, das nach Mailän­derli-Teig schmeckt, ist es einfach fantas­tisch. Immer wenn mein Liebes­leben und ich dort auf die Toilette müssen, ­lassen wir ein Buch aus der Fenstersimsbibliothek mitgehen. Sie wissen schon, eins dieser vergessenen Bücher, die Hotelgäste hinterlassen haben.

Das letzte Mal war es «Bonjour Tristesse» von Françoise Sagan. Ich hatte das Buch bisher für Kitsch aus den Fünfzigern gehalten. Doch heuer hielt ich es in der Hand, und es fesselte mich mit einer Kraft, wie das nur wenige Bücher vermögen. Es ist die fiebrige Geschichte eines Sommerurlaubs an der Côte d’Azur, die Tage eines Mädchens schillern zwischen Lust und Intrige, die Sonne löst Gefühle und Landschaften in einem gefährlichen ­Flimmern auf, und aus dem inneren Chaos eines Teenagers wird Terror. Grossartig, kein Kitsch und zu Recht ein Weltbestseller.

Françoise Sagan: «Bonjour Tristesse»; Ullstein, 176 Seiten.

Simone Meier empfiehl «Bonjour Tristesse»

Simone Meier ist Journalistin und Autorin in Zürich. Sie hat diverse Preise gewonnen. Ihr aktueller Roman «Kuss» erschien 2019.

Quelle: Renate Wernli
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Simone Lappert gefällt «Sontag. Die Biografie»

Meine Bücher mit den meisten ­Eselsohren und Markierungen sind die von Susan Sontag. Ihr Essay ­«Gegen Interpretation» war für mich mit ­Anfang 20 ein gutartiges Erd­beben, das bis heute nachwirkt. Und obwohl ich kaum eine Lektüre von ihr oder über sie ausgelassen habe, beleuchtet diese Biografie das Leben der ­einzigartigen Denkerin noch einmal neu. Moser lässt viele Stimmen zu Wort kommen, schildert Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven und verknüpft diese sorgfältig mit Sontags Werk. «Mich interes­sieren nur Menschen, die sich mit einem Projekt der Selbsttransformation befassen.»

Schon auf den ersten Seiten entfaltet dieser ­typische Sontag-Satz eine Kraft, ­welche die kommenden Kapitel wie ein Magnet zusammenhält. Doch ­seine Aufladung weist über das Buch hinaus und bleibt im Gedächtnis der Leserin haften. Sontags Denken war magnetisch. Ist es noch. Zum Glück bin ich erst auf Seite 200 – ich freue mich über jede weitere.

Benjamin Moser: «Sontag. Die Biografie»; Penguin, 928 Seiten.

Simone Lappert gefällt  «Sontag. Die Biografie»

Simone Lappert studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Für ihren zweiten Roman «Der Sprung» war sie 2019 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Quelle: Ayse Yavas

Jürg Halter ist begeistert von «Die verschobene Stadt»

«Die verschobene Stadt» von Christian Zehnder ist bereits vor einem Jahr erschienen, doch leider wurde dieser feinsinnige, beiläufig schillernde Roman kaum wahrgenommen. Felix Degalier, ein etwas nachlässiger junger Mann, zieht zu seiner kranken Mutter nach Lausanne und beginnt ein Medizinstudium. Er möchte ihr gern helfen. Nach ihrem Tod bleibt Felix in Lausanne. Während seiner Irrungen durch die Stadt am Lac Léman, in der man den See meist bloss in kleinen, zufälligen Ausschnitten erblickt, trifft er auf zwei Frauen namens Helena und Geneviève. Diese scheinen, wie er, seltsam aus der Zeit gefallen, aber gerade dadurch wirken sie so gegenwärtig.

­Eigentliche Protagonistin dieses modernen, melancholischen, subtil-absurden Märchens bleibt jedoch Lausanne. Eine Stadt, die einem nach der hochpoetischen Lektüre, die gängige Wahrnehmungen verschiebt, fortan als mystischer Sehnsuchtsort erscheinen wird.

Christian Zehnder: «Die verschobene Stadt»; Otto Müller Verlag, 208 Seiten.

Jürg Halter ist begeistert von «Die verschobene Stadt»

Jürg Halter ist Schriftsteller, Musiker und Performancekünstler. Bis 2015 war er unter dem Namen Kutti MC als Rapper aktiv. Er publizierte schon mehrere Bücher, sein erster Roman «Erwachen im 21. Jahrhundert» erschien 2018.

Quelle: Rob Lewis
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Julia Weber steht auf «Glück»

Ich will eines der Bücher empfehlen, die ich im letzten Jahr gelesen habe und jetzt, da ich es gelesen habe, mit mir herumtrage – im Kopf, im Bauch, in meinem Blick, weil es etwas in mir umgestellt oder eingepflanzt oder aufgeschürft hat. Es geht um Missbrauch und Gewalt in diesem Buch. Gewalt, die in die Menschen ­gelegt wird, in die Arme, die Gesichter, die Gelenke. Die weitergegeben wird. Gewalt von Vätern gegen ihre Kinder und von Männern gegen Frauen. ­

Dragica Rajčić Holzners Buch «Glück» ist ein Fluss. Im Fluss liegen grosse Steine, die aus dem fliessenden Wasser schauen, und tausend kleine Steine ­liegen am Grund. Es hat mir wehgetan, das Lesen, durch die Augen der Protagonistin zu schauen. Und im Wehtun hat das Buch in mir ein Glück erschaffen. Das Glück würde ich so beschreiben, dass ich nun lebendiger bin, als ich es noch vor dem Lesen dieses Buches war.

Dragica Rajčić Holzner: «Glück»; Verlag Der gesunde Menschenverstand, 220 Seiten.

Julia Weber steht auf «Glück»

Julia Weber schreibt für verschiedene Medien, unter anderem hat sie eine Kolumne im ­«Tages-Anzeiger». Ihr Roman «Immer ist alles schön» war 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Quelle: Ayse Yavas

Jonas Lüscher lobt «Aus der Zuckerfabrik»

Kein Roman, sondern ein Recherchebericht. Ausgehend von der Versteigerung der Besitztümer des bankrotten ­Lottokönigs Werner Bruni, erkundet Dorothee Elmiger in ihrem für den Schweizer Buchpreis 2020 nominierten Buch ein dichtes Geflecht aus historischen, literarischen und ­persönlichen Eindrücken. Wer bereit ist, ihr auf diesem ­assoziativen Weg zu folgen, ohne immer gleich schon verstehen zu wollen, wie was zusammen­gehört, erfährt viel über das Begehren, die Liebe, Adam Smith und Karl Marx, die Haitianische Revolution, den Kapi­talismus und seine Abhängigkeit vom Kolonialismus. Und liest, ­zusammen mit der Autorin, noch einmal Frischs «Montauk».

Anregend ist das allemal und eben auch ein ­literarischer Hochgenuss, denn ­Dorothee Elmiger ist eine grosse ­Stilistin, die ihren ganz eigenen Ton gefunden hat; ein Ton, wie er passender für unsere Zeit kaum sein könnte.

Dorothee Elmiger: «Aus der Zuckerfabrik»; Carl Hanser, 272 Seiten.

Buchtipp von Jonas Lüscher: «Aus der Zuckerfabrik»

Jonas Lüscher lebt in München. Sein Debüt «Frühling der Barbaren» wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für seinen zweiten Roman «Kraft» erhielt Lüscher 2017 den Schweizer Buchpreis.

Quelle: Geri Born
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Dorothee Elmiger rät zu «Spuren der Arbeit. Von der Manufaktur zur Serverfarm»

Wie es kam, dass der Dichter Hölderlin von Konstanz her durch den Thurgau wanderte, warum die Leute in der ­Ostschweiz im «elenden Sommer» von 1817 Gras gegessen haben, was es ­bedeutete, vor 100 Jahren als Dienst­mädchen zu arbeiten, zu wohnen, zu schlafen, was junge Männer aus Steckborn, Islikon oder Frauenfeld im 19. Jahrhundert in Südostasien trieben und was mit der Maschinenindustrie in den 1970er-Jahren geschah: Das alles habe ich in Stefan Kellers Reportage ­gelesen.

Vor allem aber ist mir bei der Lektüre dieses so erhellenden und seinen Protagonisten, den Fabrikarbeiterinnen, den arbeitenden Kindern, den Knechten und Dienstboten, stets zugewandten Buches klargeworden, wie diese Dinge zusammenhängen – und wie sich Weltgeschichte anhand des ganz Konkreten erzählen und verstehen lässt.

Stefan Keller: «Spuren der Arbeit. Von der Manufaktur zur Serverfarm»; Rotpunktverlag, 240 Seiten.

Dorothee Elmiger rät zu «Spuren der Arbeit. Von der Manufaktur zur Serverfarm»

Dorothee Elmiger wurde mit einer Vielzahl von Preisen ausgezeichnet. Mit ihrem aktuellen Werk «Aus der Zuckerfabrik» war sie auf der Shortlist für den Schweizer und für den Deutschen Buchpreis 2020. Sie lebt in Zürich.

Quelle: Peter-Andreas Hassiepen

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Jasmine Helbling, Redaktorin

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