Dreamdancer hat kein Handy mehr. Es hat den Geist aufgegeben. Da half keine Magie. Doch ohne Facebook, Twitter und Google Plus kommt eine moderne Hexe nicht durch. «Hexen sind auch nur Menschen, und die Vernetzung ist für uns sehr wichtig», sagt Dreamdancer.

Tatsächlich finden sich im Netz Dutzende von Websites über Naturreligionen und Hexerei. Eine davon gehört Dream­dancer, der bürgerlich Wilhelm Haas heisst und ein Wicca ist, eine männliche Hexe. Seit elf Jahren führt er in Luzerns Innenstadt einen kleinen Laden, in dem Hexen alles finden, was ihr Herz begehrt: Kräuter, Tarotkarten, Bücher, Symbolschmuck, Räu­cherwerk und Honigwein.

Aufgewachsen ist Haas im katholischen Wien. «Als Kind hat mich alles Magische und Okkulte fasziniert», erzählt er im Hinterzimmer seines Geschäfts mit dem sinnigen Namen «Zwischenwelt». Es riecht nach Roibuschtee, sphärische Klänge füllen den Raum. Haas passt irgendwie nicht ins Setting. Ätherisches oder Übersinnliches geht dem breitschultrigen 47-Jährigen ab. Der Mann mit den blauen Augen wirkt geerdet, er spricht gern, schnell und präzis. «Red i zvü?», fragt er in breitem Wiener Dialekt, um den Faden gleich wieder aufzunehmen.

Er erzählt von der inneren Stimme, die ihn als Kind begleitete und davor warnte, wenn daheim wieder Zoff war. Von Schattenwesen, die im Kinderzimmer wohnten. Haas hält inne, lacht und sagt: «Ja, gell, jetzt horchen nicht nur Psychiater auf.»

Die Offenbarung fand er in Florida

Den Haas, das merkt man rasch, führt man so schnell nicht aufs Glatteis. Er beantwortet Fragen zu den dunklen Seiten des Okkultismus genauso offen und gradlinig wie jene zu seinem Privatleben. «Ich lebe ein ganz normales Leben», sagt er, «ich arbeite, ich lese, spiele Videogames.» Und dann lachend: «Voll das Klischee, früher auch ‹World of Warcraft›.»

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Als Kind faszinierte ihn auch die katholische Messe, «das Heilige, Erhabene». Bloss was der Pfarrer sagte, gefiel ihm nicht, «die Geschichte mit Hölle, Teufel und Sünde machte mir Angst». Und dass Gott ein Mann sein soll, leuchtete ihm schon gar nicht ein. In der Pubertät trat das Spirituelle vorerst in den Hintergrund.

Wilhelm Haas entdeckte seine Liebe zu Männern und zur Popmusik. Als er Anfang der neunziger Jahre in die Schweiz kam, sang er in Bands, organisierte Techno­partys und verdiente sein Brot als Musikjournalist. Später wechselte er ins Gast­gewerbe, führte als Manager angesagte Clubs in Luzern. Irgendwann hielt er die «Oberflächlichkeit dieser Szene» nicht mehr aus, wie er sagt – und die Sehnsucht nach mehr Tiefe, nach Spiritualität kam mit grosser Wucht zurück.

Haas wanderte nach Florida aus und stiess auf die Wicca-Kultur. Die beruft sich auf Bräuche und Rituale keltischer Herkunft. Für den Manager Wilhelm Haas war Wicca so etwas wie eine Offenbarung, «endlich Mystik, endlich das Einverständnis mit der Natur und endlich eine grosse Göttin».

Nach einem Jahr kehrte Wilhelm Haas zurück ins katholische Luzern. Der Hexerei blieb der Traumtänzer treu. Er wurde eingeweiht, lernte Rituale durchzuführen, wurde Wicca-Priester. «Ja, so was gibts.» Um aufgenommen zu werden, gelobe man in einem Ritual, dass man bereit sei, sein Leben lang zu lernen, dass man nicht missioniere, dass man alle Religionen als gleichwertig ansehe, tolerant sei und versuche, niemandem zu schaden. «Das klingt jetzt wie in einer Sekte», sagt er und muss wieder lachen. Tatsächlich sei aber die Freiheit des Einzelnen in der Wicca-Kultur das höchste Gut. Vorschriften gebe es keine. Die Wicca-Ethik lasse sich am besten so zusammenfassen: «Tu, was du willst, aber schade niemanden.»

«Drogen? Nein, das war früher»

Und dann gehe es natürlich darum, zu lernen, wie man Tore in die Anderswelt öffne, spirituelle Erfahrungen mache. Drogen? Haas zieht die Augenbrauen hoch. «Drogen? Nein, das war früher. Heute trinke ich ja kaum mehr Alkohol.» Trommeln, Gesänge und Atemtechniken würden reichen, um in Trance zu fallen. Was er auf seinen Reisen ins Innere erlebe, sei sehr unterschiedlich. «Einmal hab ich sogar Erfahrungen mit Engeln gemacht, obwohl ich mit denen goar nix am Hut hab», sagt er.

Haas meditiert täglich. Draussen in der Natur oder vor dem kleinen Altar, der in der Wohnung steht, die er mit seinem Partner bewohnt. Er zündet eine Kerze an für die Göttinnen, die er verehrt, und bringt der Natur kleine Opfergaben dar.

Das Telefon in der «Zwischenwelt» klingelt zum wiederholten Mal. Wilhelm Haas wird unruhig. Das Geschäft muss laufen, im Hexenbusiness wird man nicht reich. Jetzt, im elften Jahr, ernährt ihn sein Laden knapp – und das nur, weil er regelmässig Kurse und Workshops anbietet und auf Wunsch Karten legt. Die ersten Kundinnen an diesem sonnigen Nachmittag fragen nach ätherischen Ölen. «Bei mir», sagt Haas, «gehen auch Leute ein und aus, die mit der Hexerei ned das Gringste z’tuan ham.» Nonnen etwa, die sich in der «Zwischenwelt» mit Weihrauch eindecken.

Mit seinem Laden erfüllte er sich einen Traum. Als Kind wollte er ein Esoterik­geschäft eröffnen – oder Polizist werden. Lange Zeit arbeitete Haas rund um die Uhr, um über die Runden zu kommen. Irgendwann wurde ihm alles zu viel. Vor zwei ­Jahren erlitt er eine Erschöpfungsdepres­sion. «Ich hab schon gemerkt, dass sich was anbahnt», sagt er. Aber er habe sich lange geziert, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zu lange. «Ich dachte: ‹Du bist spirituell, das kriegst du hin.›»

Heute wisse er, dass Meditation vieles könne, aber nicht alles. Jetzt schaltet er zu Hause den Computer öfter aus und geht regelmässig ins Fitness: «Ich musste ein­sehen, dass ein 47-jähriger Körper Pflege braucht, auch wenn darin ein kindlicher Geist wohnt.» Seit Anfang Jahr ernährt er sich vegan. «Ich habe erst gestern mein erstes käsefreies Fondue gegessen», erzählt er, «es war okay, auch wenn es nicht an ein zauberhaftes Moitié-Moitié heranreichte.»

Apropos Magie: Kann Haas zaubern oder, wie es in seinen Kreisen heisst, «Magie weben»? «Das Klischeezeugs wie Liebeszauber und so?» Könne er. Mache er aber nicht. «Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass Magie im manipulativen Sinn funktionieren kann», sagt er. Gutes käme dabei nie raus. «Liebeszauber lehre ich nur, um in den Menschen die Liebe zu sich selber zu erwecken.» Wer sich möge, gehe anders auf Leute zu, sei selbstbewusster und mache dadurch bessere Erfahrungen. Das zu erreichen sei harte Arbeit an sich selber. «Mit Hokuspokus hat das nichts zu tun.»

Es wird nicht nackt ums Feuer getanzt

Überhaupt, sagt Dreamdancer, hätten die meisten Leute ziemlich verdrehte Ideen von dem, was Wiccas machten. Etwa in der Walpurgisnacht. Da feiere man zwar den Frühling und die Fruchtbarkeit, aber nicht, wie sich viele Männer erhofften, mit wilden Orgien und Jungfrauen, die nackt ums Feuer tanzen, sondern gesittet durch das Eintauchen eines Ritualstabs in einen Kelch. Dann wird getrommelt, gesungen, getanzt. «Denn eigentlich gehts bei der Walpurgisnacht nicht um die äus­sere Vereinigung des Weiblichen und Männlichen, sondern um jene im Innern.» Gefeiert wird in Gruppen. «Wir sind bei jedem Wetter draussen, tanzen und feiern die Elemente», sagt Dream­dancer. Wie gross die Gruppe sei, hänge stark vom Wetter ab. Wenns regne, kämen nur wenige. Wieder lacht er. «Wie gsagt: Hexen san halt a nur Menschen.»

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Walpurgisnacht – der Hexensabbat

Esoteriker feiern vom 30. April auf den 1. Mai die Walpurgisnacht. Der Name geht auf die Britin Walburga oder Walpurga zurück, eine Äbtissin, die im 8. Jahrhundert das Männer- und Frauenkloster Heidenheim leitete. Im Frühmittelalter beging man den 1. Mai als Tag ihrer Heiligsprechung. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden in den Folterkellern der Hexen­gerichte Aussagen er­presst, wonach sich männliche wie weibliche «Hexen» angeblich regel­mässig auf ­einem Berg versammelten und tanzten. Die Literatur, etwa Texte der Gebrüder Grimm, Goethes «Faust» und Otfried Preusslers «Kleine Hexe», festigte den Ruf des Berges Brocken im Harz als Ort des «Hexensabbats». Seither weihen Esoteriker die Walpur­gis­nacht der Lust und Fruchtbarkeit.