Sie kommen teilweise direkt mit dem Auto aus der Ukraine an die Zürcher Essensausgabe von «Essen für alle». In Telegram-Chats hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen, dass hier jeden Samstag Essen für Bedürftige verteilt wird.

Letzte Woche standen 469 ukrainische Familien mit unzähligen Kindern an, um ein Essenspaket zu ergattern. Die Zürcher Organisation ist zu einem Anlaufpunkt für Flüchtende aus dem Krieg geworden. 

«Über 100 Kinder rannten herum», sagt «Essen für alle»-Leiter Amine Diare Conde. Bereits vor zwei Wochen seien Leute stundenlang im Schnee angestanden. «Kinder weinten, ihnen war kalt.» Viele kämen zwar mit Geld in die Schweiz, aber hier sei alles viel zu teuer. Auch andere Anbieter von Gratis-Essen geben an, von ukrainischen Flüchtlingen überrannt zu werden.

Mehr für Sie
 
 
 
 
 
 

Der Verein «Essen für alle» begann am Anfang der Corona-Pandemie, Essenspakete an Bedürftige zu verteilen: Öl, Kartoffeln, Pasta, Reis, Tomatensauce. Das Nötigste für eine Woche. Zunächst fanden die Aktionen in der Autonomen Schule Zürich statt, dann auf einem SBB-Areal unweit des Hauptbahnhofs, heute im Aussenquartier Manegg. 

Zahl der Hilfesuchenden verdoppelt

Während die Organisation in der Corona-Pandemie grosse Solidarität erfuhr, schlägt sie nun Alarm. «Es kommen sehr viele Menschen, doch wir erhalten immer weniger Geldspenden», sagt Conde, selbst ein ehemaliger Flüchtling und Sans-Papiers «Essen für alle» Wie ein Sans-Papiers in Zürich den Armen hilft . «Die Solidarität hat auch nachgelassen. Die Leute denken, die Pandemie sei vorbei.» Aber auch jene, die während der Corona-Krise ihren Job verloren haben, litten immer noch unter den Konsequenzen der Pandemie. «Zu den bisherigen Bedürftigen, etwa 700 Einzelpersonen und Familien, kommen nun rund 800 neue aus der Ukraine dazu. Das können wir nicht alles stemmen.» 

Zwar würden immer noch genügend Leute auf freiwilliger Basis aushelfen. Für das Osterwochenende seien bereits alle Helferslots auf der Website der Organisation vergeben. Aber es fehle an Lebensmitteln, so Conde. Der Standort Manegg in Zürich-Leimbach sei für viele Lieferanten mit einer zu langen Anreise verbunden. 

Lebensmittel teurer

Die Preise für Lebensmittel sind in den letzten Wochen zudem massiv gestiegen. Conde kauft viele der verteilten Güter selbst ein. «Ich zahle fast einen Franken mehr pro Liter Öl als vor dem Krieg.» Auch Reis sei 50 Rappen teurer pro Kilo als vorher. «Wenn ich für 1000 Familien Öl kaufen gehe, kostet das über 5000 Franken.» Hinzu kommen höhere Benzinpreise für den Transport der Lebensmittel. In den letzten zwei bis drei Wochen hätten sie aber nur 15’000 Franken an Spenden erhalten. 

Für die Menschen, die seit der Corona-Pandemie regelmässig vorbeikämen und auf die Essensausgabe angewiesen seien, sei es mittlerweile schwierig, noch etwas zu ergattern. «Besonders ältere Menschen sagen, die Warteschlange sei viel zu lang. Sie schafften es nicht mehr, stundenlang anzustehen.» 

Staatliche Aufgabe übernehmen?

Vom Staat gebe es keine Unterstützung, bedauert Conde. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte die Stadt das Projekt noch unterstützt. Damals hätten sie eine einmalige Summe von 30’000 Franken erhalten, so Conde. Seither nichts mehr. Immerhin könnten sie Räumlichkeiten der Stadt nutzen. «Doch auch dafür müssen wir möglicherweise bald Miete zahlen.»

«Wir fragen uns: Wieso müssen wir staatliche Aufgaben übernehmen? Wir sind am Limit.» Sie machten die Arbeit von Herzen, bräuchten aber unbedingt Unterstützung. Ohne die sei es praktisch unmöglich, die benötigte Menge an Lebensmitteln noch länger zu finanzieren. «Die Stadt profitiert von unseren Kräften, zahlreiche Freiwillige packen jedes Wochenende mit an.» Schade sei es, dass bis jetzt niemand von der Regierung vorbeigekommen sei. 

«Alle versorgt»

Beim Zürcher Sozialdepartement heisst es, man sei mit verschiedenen anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen in Kontakt, eine direkte Zusammenarbeit mit «Essen für alle» besteht dabei nicht. «Wie schon während der Pandemie arbeitet die Stadt eng und gut mit verschiedenen privaten Hilfswerken zusammen», sagt Sprecherin Heike Isselhorst. Aktuell wisse die Stadt aber nicht, wer genau bei «Essen für alle» anstehe. Ob es Menschen aus Zürich oder aus anderen Gemeinden seien und ob sich Flüchtlinge für den Status S registriert hätten, um so Zugang zu finanzieller Unterstützung zu erhalten. 

«In Zürich werden alle Flüchtlinge – auch wenn sie sich nur kurz in der Stadt aufhalten – mit Essen und den notwendigen Artikeln des täglichen Bedarfs versorgt, entweder in den städtischen Kollektivunterkünften oder in den Hotels, in denen immer noch Hunderte Geflüchtete untergebracht sind», so Isselhorst. 

Wer in der Stadt Zürich bei Privaten untergekommen sei und sich beim Bund für den Schutzstatus S registriert habe, werde finanziell im Rahmen der Asylfürsorge unterstützt. Darin sei neben den Mietkosten und der Krankenkasse auch ein Beitrag für den Grundbedarf enthalten, also für Essen, Hygieneartikel, Kleider und Kommunikationsmittel, so Isselhorst.

Der Beitrag, der je nach Kanton variiert, reicht allerdings nicht für viel und ist deutlich geringer als die Sozialhilfe. Gut denkbar, dass viele Menschen darum auf Gratis-Essensangebote zurückgreifen. 

Hinzu kommt, dass viele Flüchtlinge nach der Registrierung beim Bund erst einmal keinen Zugang zu finanzieller Unterstützung hatten, weil sie lange auf die Erteilung des Schutzstatus S warten mussten. Vor allem Personen in privater Unterbringung hätten laut Isselhorst so unter Umständen länger auf finanzielle Hilfe warten müssen. 

Stadt kritisiert Bund

Die Stadt verweist hier auf den Bund. Der habe zu Beginn der Flüchtlingskrise seine Unterbringungskapazitäten nicht genügend hochgefahren, kritisiert Isselhorst. Gleichzeitig habe der Bund viele Ukraine-Flüchtlinge direkt in Gastfamilien platziert. Eine Information, wo und wie viele Menschen auf diesem Wege in Zürich untergekommen seien, habe die Stadt bis heute nicht erhalten. In den letzten Wochen hat sich gezeigt, dass mehr als 1000 Personen in privaten Unterbringungen in der Stadt Zürich leben. Diese Menschen müssten nun einzelfallweise ins reguläre Asylsystem eingefädelt werden, damit sie finanzielle Unterstützung erhielten. Wegen des grossen Andrangs könne es dabei zu längeren Wartezeiten kommen. 

An Wochenenden ist eine Anmeldung bei der Asylorganisation Zürich (AOZ) zudem gar nicht möglich. Wer dann ankommt, kann sich laut Isselhorst aber bei der Empfangsstelle des Kantons auf dem Kasernenareal melden und Einkaufsgutscheine im Rahmen der Notfallhilfe beziehen. Laut Medienberichten funktioniert aber auch diese Unterstützung nicht reibungslos. Flüchtende berichten, es habe dort am Wochenende gar keine Gutscheine mehr gegeben.

Der Beobachter-Newsletter – Wissen, was wichtig ist.

Das Neuste aus unserem Heft und hilfreiche Ratgeber-Artikel für den Alltag – die wichtigsten Beobachter-Inhalte aus Print und Digital.

Jeden Mittwoch und Sonntag in Ihrer Mailbox.

Jetzt gratis abonnieren