Mehr als vier Jahrzehnte nach dem verhängnisvollen Flugzeugabsturz bei Würenlingen wirft ein Report der US-Bundespolizei FBI vom Juni 1970 ein neues Licht auf den grössten je in der Schweiz verübten Terroranschlag. In einem internen Lagebericht fassten die Amerikaner Anschläge arabischer Terroristen zusammen – und thematisierten dabei auch den Swissair-Absturz. Mit bisher nicht bekannten Informationen: Am Bombenanschlag massgeblich beteiligt gewesen seien auch zwei Westdeutsche, die aber nie identifiziert wurden, steht im Bericht «The ­Fedayeen Terrorist – A Profile», der dem Beobachter vorliegt.

Das Papier ist weder als vertraulich noch als geheim klassifiziert. Trotzdem ist es in den Würenlingen-Akten im Bundesarchiv in Bern nicht enthalten. Der Beobachter ist bei einer Recherche mit der «NZZ» darauf gestos­sen.

Der brisante FBI-Bericht

In dem siebenseitigen Lagebericht «The Fedayeen Terrorist – A Profile» fasste die US-Bundespolizei FBI im Juni 1970 ihre Erkenntnisse über den palästinensischen Terror in Europa zusammen. Prominent erwähnt ist in diesem Report der Absturz der Swissair Coronado über Würenlingen.

Der britische Historiker Thomas Skelton-Robinson machte den Beobachter und die «NZZ» auf das Dokument aufmerksam. Der Bericht ist auf der US-Website Governmentattic.org aufgeschaltet. Diese Nonprofit­organisation veröffentlicht Regierungs­dokumente, die dem US-Öffentlichkeitsrecht unter­stehen.

Den besagten Bericht über den palästinensischen Terror von 1969/1970 hat Government Attic 2008 publiziert. Die Organisation bestätigte gegenüber dem Beobachter, das Dokument beim FBI verlangt zu haben. 2012 nahm die George Washington University das Dokument in ihr National Security Archive auf. Das unter­streicht die Relevanz des Berichts.

Unabhängig davon sagte ein ehemaliger hochrangiger FBI-Ermittler dem Beobachter, er habe keine Zweifel an der Echtheit des Dokuments.

zum FBI-Bericht «The Fedayeen Terrorist – A Profile»

Quelle: Keystone .
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Offiziell war der Swissair-Crash vom 21. Februar 1970 schnell geklärt. Nach wenigen Tagen präsentierten deutsche und Schweizer Ermittler die Haupttäter: Sufian Radi Kaddoumi und Badawi Mousa Jawher waren ­Angehörige der PFLP-General Command, einer Splittergruppe der Palästinensischen Befreiungsfront. Dazu kamen zwei Helfer aus ihrem Umfeld.

Bomben in zwei Radiorekordern

In Frankfurt hatten die vier angeblich Bomben mit Höhenmesser in zwei ­Radiorekorder eingebaut. Diese verschickten sie in Frankfurt und München nach Israel. Das Paket aus Frankfurt explodierte in einer AUA-Maschine, die noch notlanden konnte. Das Paket aus München kam angeblich per Zufall wegen eines umgeleiteten El-Al-Flugs in eine Swissair Coronado – wo es explodierte. «Goodbye everybody» waren die letzten Worte des Kopiloten. Alle 47 Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.

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Doch warum die mutmasslichen Haupttäter Kaddoumi und Jawher nie vor Gericht kamen, ist unklar. Die Behörden enthalten sich seit Jahrzehnten jeglicher Kommentare. Der Beobachter schrieb seit 2010 mehrfach über die Situation, die für die Angehörigen der Opfer unhaltbar ist: Bis heute kennen sie die Hintergründe des Anschlags nicht. Laut Bundesanwaltschaft wurden die mutmasslichen Täter nie aufgespürt. Das Ermittlungsverfahren wurde im November 2000 eingestellt. Um Einsicht in die Einstellungsverfügung zu erhalten, ging der Beobachter bis vor Bundesstrafgericht.

So berichtete der Beobachter über die Hintergründe des Attentats von Würenlingen

Hintergrund: Wie die Bundesanwaltschaft die Recherchen des Beobachters zum Attentat von Würenlingen seit Jahren behindert.

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Schweiz ermittelte verdächtig kurz

Immer wieder kam in den letzten Jahren die Frage auf, ob die Schweizer Behörden ernsthaft versuchten, die Täter zu fassen. Seit der damalige Bezirksanwalt Robert Akeret am 1. Dezember 1970 den Schlussbericht an Bundes­anwalt Hans Walder ablieferte, finden sich in den Akten keine Hinweise auf weitere Ermittlungen.

Warum ermittelte die Schweiz nicht weiter? Anfang Jahr berichtete «NZZ»-Journalist Marcel Gyr im Buch «Schweizer Terrorjahre» über ein ­geheimes Stillhalteabkommen der Schweiz mit der PLO. Weder eine vom Bundesrat eingesetzte Arbeitsgruppe noch die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft fanden schrift­liche Belege für einen solchen Deal, doch die «NZZ» stützt sich auf Zeitzeugen und hält an ihrer These fest. Fragt sich, ob den Palästinensern allenfalls zugesichert worden war, das Verfahren gegen die Attentäter von Würenlingen bewusst versanden zu lassen.

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Die USA waren gut informiert

Mit dem jetzt aufgetauchten Bericht ist klar: Die USA waren über die Hintergründe gut informiert. Die zwei «un­identified West Germans» hätten Kaddoumi und Jawher bei den Vorbereitungen «unterstützt». Die vier hätten sich am 10. Februar in Frankfurt getroffen. Aktenkundig ist, dass Kaddoumi und Jawher an diesem Tag tatsächlich nach Frankfurt fuhren.

Was sie dort getan haben, steht nicht in den Ermittlungsakten – wohl aber im FBI-Bericht. Demnach diskutierten Kaddoumi und Jawher mit den zwei Westdeutschen darüber, wie man ein Flugzeug am besten in die Luft sprengt. Einer der Deutschen habe vorgeschlagen, Zünder und Sprengstoff mit einem Höhenmesser zu koppeln und in 3000 Metern Höhe explodieren zu lassen. Man habe dies als «eine zufriedenstellende Technik» bezeichnet, steht im FBI-Bericht. Laut ­einer «zuverlässigen Quelle» soll ein Paket – entgegen der offiziellen Theorie – nicht in München, sondern in Zürich zur Post gebracht worden sein.

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Um wen es sich bei den beiden handelt, ist nicht klar. Aber es ist bekannt, dass linksextreme Westdeutsche 1969 palästinensische Ausbildungscamps besuchten. Zudem fügen sich die Details des FBI wie fehlende Puzzleteile in die Unschärfen der Ermittlungen von 1970. So gab es für die Paketaufgabe in Frankfurt einen Zeugen. Kaddoumis Paketaufgabe in München war aber nur eine Annahme. Sollte das ­Paket in Zürich aufgegeben worden sein, wäre ein weiteres Rätsel gelöst: Unklar war, warum die Bombe nicht bereits zwischen München und Zürich explodiert war. Man ging schliesslich davon aus, dass das Flugzeug einfach nicht die kritische Höhe erreicht hatte.

«Eines ­Tages wirst du […] sehen […], dass ­Sufian nichts mit den Explosionen zu tun hat.»

Der als Haupttäter identifizierte Sufian Kaddoumi in einem Brief an eine Freundin, 1970

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Womöglich war der stets als Haupt­täter identifizierte Sufian Kaddoumi also nur ein Helfer. Wenige Tage nach dem Crash sagte er dem Zürcher Journalisten Gregor Henger, der ihn in Amman aufgespürt hatte, er habe mit der Bombe nichts zu tun. Ähnlich in einem Brief Anfang März 1970 an eine Freundin in Deutschland: «Eines ­Tages wirst du […] sehen […], dass ­Sufian nichts mit den Explosionen zu tun hat.» Kaddoumi kündigte an, er werde Pressekonferenzen organisieren, TV-Interviews geben und einen Anwalt engagieren. Doch er trat nie mehr an die Öffentlichkeit.

Rätselhaft ist auch Israels Rolle während der Ermittlungen. «Wusste Israel von der Bombe?», titelte der ­Beobachter im Februar und beschrieb, wie die Ermittler drei Tage nach dem Absturz aus dem Umfeld der israelischen Botschaft auf drei Informanten hingewiesen wurden, die Kaddoumi kannten. Und man lieferte ihnen ein Bild des mutmasslichen Attentäters.

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«Wenn ich das gewusst hätte»

Der zuständige Schweizer Kriminalkommissar (inzwischen verstorben) erzählte dem Beobachter vor wenigen Jahren, israelische Polizeibehörden hätten ihm angeboten, die mutmasslichen Attentäter zu verhaften und an die Schweiz auszuliefern. Doch Kaddoumi lebte über 20 Jahre lang un­behelligt in Jordanien, bevor er Mitte der neunziger Jahre eines natürlichen Todes gestorben sein soll.

Unklar ist, ob die Ermittler von den FBI-Erkenntnissen wussten. Der damalige deutsche Chefermittler Günter Scheicher versichert, den FBI-Bericht nie gesehen zu haben. Und Robert Akeret sagt: «Wenn ich von diesen ­Informationen gewusst hätte, wären diese beiden unbekannten Personen in unserem Schlussbericht auf jeden Fall erwähnt worden. Ich hätte sicher auf dem Rechtshilfeweg weitere Ermittlungen angestossen.»

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