«Nein danke, das möchte ich nicht hören»: Herr Kemper*, der uns die Tür geöffnet und auch höflich mit uns geplaudert hat, mag keinen Bibelspruch vorgelesen bekommen. Seine Frau hatte sich beim letzten Besuch der Zeugen Jehovas Zeitschriften geben lassen. Ob wir wiederkommen dürfen? «Ja, wenn auf diesem Parkplatz dort ein Auto steht, ist meine Frau zu Hause.» Wir verabschieden uns.

Marion Müller stellt sich auf ihrer Tour nicht ausdrücklich als Zeugin Jehovas vor: «Ich sage eher, dass ich gern kurz über die Bibel sprechen oder eine Frage stellen würde.» Meist wüssten die Leute aber sofort, dass sie eine Zeugin sei, wenn sie mit Bibel oder Zeitschriften vor der Tür stehe. Dabei sieht die 43-jährige Immobilienfachfrau in ihrem Hosenanzug und der modischen Prada-Brille gar nicht vorgestrig aus.

Öffnet jemand, sagt Marion Müller ­ihren Namen und stellt eine Frage. «Lesen Sie die Bibel? Bedeutet sie Ihnen etwas?» Viele reagieren mit Skepsis, Ablehnung. Wie die Dame mittleren Alters, die uns höflich, aber bestimmt wegweist: «Ich befasse mich privat mit der Bibel. Das reicht mir.»

«Geht hin und macht Jünger»

Die Juristin Hanna Grunder ist eine von wenigen, die mehr wollten. Als Marion Müller vor Jahren an ihrer Tür läutete, liess sich die Dozentin die Jehova-Zeitschriften «Wachtturm» und «Erwachet!» geben. Bei einem späteren Besuch beschloss sie, gemeinsam mit Marion Müller die Bibel zu studieren. «Mich hat der Inhalt dieses Buches interessiert, die Übersetzungen, die Sprache, die Konsequenzen», sagt die Mutter zweier Buben. «Für mich war es immer klar, dass ich katholisch bin und bleibe. Ich habe meine Ehe so geschlossen und meine Kinder so erzogen.» Dennoch entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft. Sie treffen sich regelmässig, um bei einem Latte macchiato über Gott und die Welt zu diskutieren.

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Wieso investiert Marion Müller so viel Zeit in die Pflege einer Beziehung, die in absehbarer Zeit nicht zu einer Bekehrung, zu einer Taufe führen wird? Tatsächlich ist die Erfolgsquote der Zeugen Jehovas klein, der Aufwand im Vergleich dazu immens: Zwei US-Sozialwissenschaftler haben belegt, dass die Bekehrung eines einzigen Menschen durchschnittlich 3330 Stunden Einsatz braucht – das sind knapp 140 Tage.

Doch für die Zeugen Jehovas ist der Predigtdienst, das Klingeln an fremden Türen, ein Gottesdienst. Sie beziehen sich dabei unter anderem auf eine Stelle bei Matthäus: «Geht daher hin und macht Jünger aus Menschen aller Nationen, tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch geboten habe.»

«Ich möchte niemandem etwas aufdrängen, niemanden überreden oder nerven», sagt Marion Müller. «Mir ist es ein Bedürfnis, den Menschen positive Gedanken, Hoffnung auf die Zukunft zu vermitteln. Gleichzeitig kann ich meinem Gott einen Dienst erweisen – ich habe also einen doppelten Nutzen.»

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Wieso gibt es Krieg, wenn Gott gerecht ist?

Müller selber kam als Teenager zum ersten Mal mit den Zeugen Jehovas in Kontakt, als ihre Mutter ein Bibelstudium begann. Sie las viel, informierte sich und beschloss nach zweijähriger intensiver Auseinandersetzung mit der Bibel, sich taufen zu lassen. Damals war sie Mitte zwanzig. «Als ich das Bibelstudium anfing, hatte ich gerade eine Zeit voller persönlicher Umbrüche und Unsicherheiten hinter mir, da tat mir die gelöste, freundschaftliche Stimmung an den Treffen der Zeugen Jehovas extrem gut», sagt sie.

Als Marion Müller zum ersten Mal bei Brigitte Zwahlen klingelte, diskutierten die zwei lange über den Namen Gottes: Die Zeugen Jehovas beten zu Jehova, dessen Namen sie in ihrer eigenen Bibelübersetzung verwenden. Für sie ist Jehova der Schöpfer der Welt. Allerdings glauben sie daran, dass das Universum und die Erde Milliarden Jahre alt sind. Die Meinung, dass die Entstehung des ersten Lebens ein Zufall gewesen sei, lehnen sie hingegen ab. Als wir jetzt wieder an der Tür der jungen Frau läuten, um zu sehen, ob das Gespräch eine Fortsetzung findet, öffnet niemand.

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Ohnehin öffnet sich nur rund jede fünfte Tür, wenn die Zeugen unterwegs sind. Früher tauchten sie in kürzeren Abständen im Quartier auf; bei der heutigen Bevölkerungsdichte in Zürich dauert es je nach Region zwei bis vier Jahre, bis eine Strasse wieder an der Reihe ist.

Marion Müller notiert sich in ihr pri­vates Büchlein alle Hausnummern, dazu schreibt sie Bemerkungen, um sich später an die Gespräche zu erinnern – Datensätze speichern die Zeugen Jehovas keine. Ein durchgestrichener Name heisst: kein weiterer Gesprächsversuch. Auch die Frau, die uns mitten im Winter in Leggings und T-Shirt an der Gartentür in ein zwanzig­minütiges Gespräch verwickelt, wird später durchgestrichen werden. Die Frau argumentiert: Wieso gibt es Krieg, wenn es doch angeblich einen gerechten Gott gibt? Wieso gibt es Superreiche? Marion Müller findet mit blinder Sicherheit die passenden Bibelstellen und liest sie vor. Der Frau macht das wenig Eindruck. Sie spricht von Nahtoderfahrungen, Unsterblichkeit der Seele, von Himmel, Hölle und Fegefeuer. Marion Müller lässt die Frau geduldig dozieren – obwohl sich diese Konzepte nicht mit dem Glauben der Zeugen Jehovas decken. Diese glauben nicht an eine unsterbliche Seele, sondern an die biblische Auf­erstehung und ein ewiges Leben auf einer paradiesischen Erde. «Im Gespräch muss man gewisse Aussagen stehen lassen, weil man dem Gegenüber sonst permanent widerspricht», sagt sie später. «Ich glaube nicht, dass diese Frau an den Antworten der Bibel interessiert ist. Nach 15 Jahren Predigtdienst spüre ich schnell, ob jemand grundsätzlich offen ist für Neues oder sich bloss die Zeit vertreiben möchte.»

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Die Schulung der Zeugen Jehovas, die in den Predigtdienst eintreten, ist eher eine wöchentliche halbstündige Weiterbildung. Sie umfasst viele Details, die in Kürzestvorträgen zur Sprache kommen und auch in einem speziellen Buch nachzulesen sind: das Antworten mit Hilfe einer Bibelstelle, die Argumente gegen die häufigsten Einwände. Das Buch, das zur Schulung dient, offeriert dabei aber keine fixen Antworten, sondern gibt Tipps zum Verhalten während des Gesprächs: Anstand, Freundlichkeit, Augenkontakt, aufmerksames Zuhören, Eingehen auf die Fragen des Gegenübers. Man solle «als Einführung etwas sagen, was das Interesse weckt», dann «das Herz erreichen» und «Aussagen mit Alltags­situationen illustrieren». Ratschläge, die sich auch an Primarlehrerinnen oder Jungmanager richten könnten. «Ich habe auch in meinem Berufsleben schon viel davon profitiert», sagt Marion Müller.

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Die Zeugen Jehovas gehören mit einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von 2,5 Prozent zu den weltweit am konstantesten wachsenden religiösen Gemeinschaften. In der Schweiz gibt es etwa 18'000 Zeuginnen und Zeugen; letztes Jahr wuchs die Gemeinschaft hier um knapp zwei Prozent. Weltweit waren 7,4 Millionen Prediger während 1,7 Milliarden Stunden unterwegs von Tür zu Tür – Verbreitungsmethoden, die im Zeitalter von Facebook & Co. archaisch anmuten.

Archaisch wirken auch moralische Grundsätze der Zeugen: Sex vor der Ehe, Homosexualität und Abtreibung lehnen sie rigoros ab. Für mediale Aufregung sorgt auch das Verbot von Bluttransfusionen. Geburtstage und Feste mit heidnischen Wurzeln wie Weihnachten oder Ostern werden nicht gefeiert. Dafür gibt es mehrmals wöchentlich Treffen im Königreichssaal, das Abendmahl als einzige grosse ­religiöse Gedenkfeier im Jahr, freiwillige Spenden, Predigtdienst, Bibellektüre. Und den Glauben an ein ewiges Leben. «Gleichgeschaltet», betont Marion Müller, «sind wir deswegen keinesfalls.»

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Dass beispielsweise Homosexualität abgelehnt werde, beruhe auf einem biblischen Grundsatz, erklärt Marion Müller. «Abgelehnt wird aber ausschliesslich die Handlungsweise, niemals ein Mensch», sagt sie. «Wir führen mit allen Interessierten Bibelstudien durch, selbstverständlich auch mit Homosexuellen.» Wie bei anderen Bibelstudien führten dabei einige zur Taufe, andere nicht. «Niemand darf diskriminiert oder ausgegrenzt werden, nicht aufgrund von Sexualität, Nationalität, Ethnie oder Religionszugehörigkeit. Schliesslich erwarten auch wir Zeugen Jehovas, nicht diskriminiert zu werden.»

Gegründet wurden die Zeugen Jehovas im späten 19. Jahrhundert vom US-Bibelforscher Charles Taze Russell, ursprünglich Presbyterianer. Der Name «Zeugen Jehovas» wird seit den dreissiger Jahren verwendet. Angehörige der Religionsgemeinschaft verweigern den Kriegsdienst und beteiligen sich nicht an politischen Wahlen: Sie anerkennen keinen höheren Herrscher als Gott. Genau aus diesem Grund sperrten sich die Zeugen Jehovas während des Dritten Reichs auch gegen eine Zusammenarbeit mit dem NS-Regime und gegen den Hitlergruss – was viele mit dem Leben bezahlten.

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Eine junge Frau öffnet die Tür und erbarmt sich unser. Sie hat einen kleinen Jungen an der Hand und ein Baby auf dem Arm. Sie habe keinen Bezug mehr zur Bibel, sagt sie. Als Kind sei sie zur Kirche gegangen, doch ihr Entschluss, keiner Reli­gion mehr anzugehören, sei wohlüberlegt. «Wir möchten Sie nicht aufhalten, aber…», versucht Marion Müller, doch das Gegenüber wird ungeduldig: «Das tun Sie aber!» Wir wünschen einen schönen Abend – ein durchgestrichener Name mehr auf der Liste.

«Achtung, Feind hört mit!»

Die Zeugen Jehovas sind in der Schweiz als Verein eingetragen. Oft werden sie als Sekte bezeichnet. «Wenn jemand das sagt, frage ich jeweils: ‹Was verstehen Sie genau unter diesem Begriff?›», sagt Marion Müller – die Gegenfrage als probates Mittel der Rhetorik. Werden die Zeugen Jehovas in diesem Sinn in einer Plauderrunde erwähnt, so outet sie sich: «Achtung, Feind hört mit!» – «Ich merke dann jedes Mal, dass viele Leute ihre Infos aus zweiter und dritter Hand haben und die angeblichen Wahrheiten, die sie weitergeben, weder reflektiert noch überprüft haben.» Obwohl sie jeweils versucht, solche Gespräche locker zu führen, hat sie auch schon Freunde verloren, die sich von ihr abwandten.

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Und was, wenn sie sich selber einmal abwenden wollte? «Es ist leichter, die Zeugen Jehovas zu verlassen, als sich ihnen anzuschliessen», sagt Marion Müller. Die Taufe verlange teils massive Umstellungen. Auch bei Müller: «Da mein damaliger Partner mein Interesse an der Bibel und meinen Kontakt zur Glaubensgemeinschaft nicht akzeptieren konnte, wurde die Trennung unumgänglich, obwohl das wehtat.»

Wer sich nach der Taufe nicht an die biblischen Grundsätze hält, wird in Gesprächen darauf aufmerksam gemacht. Und den Kontakt zu ehemaligen Mitgliedern sollen die Schwestern und Brüder möglichst gering halten: «Natürlich würde ich mit einer Arbeitskollegin weiterhin geschäftlichen Kontakt haben, auch wenn sie eine ausgetretene Zeugin wäre», so Marion Müller. «Aber da die Taufe für uns eine echte Hingabe voraussetzt, haben wir mit Leuten, die keine Zeugen mehr sein wollen, ein Loyalitätsproblem.»

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