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Andreas Tod: «Es ist unfassbar, unentschuldbar»

Sie hatte sich in den Falschen verliebt und musste «weg»: Andrea aus Winterthur wurde während einer Autofahrt von zwei Kollegen erdrosselt. Roman sass damals am Steuer. Nach zehn Jahren fährt er die Strecke wieder ab. «Das macht mich nervös», sagt er.

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Der Himmel ist grau, der Wald still. Roman steht auf der steilen Strasse. Sie führt hinauf zur Kyburg. Ein Kiesweg biegt links in den Wald hinein. Die Bäume sind kahl. Es geht ein kühler Wind. In einem Monat wäre Andrea 29 Jahre alt geworden. Seit zehn Jahren ist sie tot.

«Ich weiss nicht mehr, welcher es war», sagt Roman. Vor ihm zwei Dolendeckel, sie liegen drei Meter auseinander. «Der könnte es gewesen sein», sagt er und zeigt auf den oberen. Vor zehn Jahren versenkten er und seine zwei Kollegen – Thomas und Patrick – die tote Andrea in diesen Wasserschacht. Kopf voran.

Roman hat ein Bubengesicht mit grossen Augen. Er trägt Jeans, Turnschuhe, T-Shirt und eine Windjacke. Er ist klein und etwas bleich. Trotz ein paar ersten grauen Haaren sieht er jünger aus als 30. Alle Fragen beantwortet er aufmerksam, konzentriert, auch etwas angestrengt. Er ist höflich und hat gute Manieren. Den Mord an Andrea nennt er «meinen Fall» oder «das Tötungsdelikt».

Mehrere Wochen hat er sich überlegt, ob er die Strecke, auf der Andrea ermordet worden war, noch einmal abfahren soll. «Ich habe das schon mal gemacht, alleine, das war komisch», sagt er. Dann hat er zugesagt, unter der Bedingung, dass er auf den Bildern nicht erkennbar ist.

Februar 2002. Start an der Tösstalstrasse in Winterthur, hier hatte Thomas, sein ehemaliger Schulfreund, gewohnt. Dann die Fahrt durch das Tösstal: leere Fabriken, Brocki-Stube, Jugendträff, Gasthöfe, Riegelhäuser. Noch sind die Hügel braun, die Wälder kahl.

Autofahren ist Romans grosse Leidenschaft. Die Dufttanne in seinem Auto verschlägt einem fast den Atem: Abricot. Zwei Sarah-Connor-CDs liegen in der Ablage unter dem Handschuhfach. Das Radio läuft. Roman fährt sicher und bestimmt. Aus der Stadt hinaus, Richtung Bauma über Sennhof, Kollbrunn, Turbenthal, Wila, Lipperschwendi und dann zum Gasthaus Hulftegg.

«Sie war eine Ruhige»
Es war Samstag, 14. März 1992. Die drei hatten schon den ganzen Nachmittag zusammen verbracht. Sie blödelten herum, kifften. «Heute Abend passiert es. Andrea muss weg», sagten Patrick und Thomas wiederholt. Andrea, die Blumenverkäuferin, musste weg, weil sie sich in Thomas verliebt hatte, weil sie «Tschüssli» sagte, weil sie nicht hübsch genug war. Und weil sie stundenlang stumm dasass und mit den Fingern in den Haaren drehte. Das nervte. Ab und zu kam es zwar zu Knutschereien, aber Thomas liebte Andrea nicht. Patrick und Thomas haben sie geplagt, sie hat sich nicht gegen die Sticheleien gewehrt. Manchmal wurden die beiden auch handfester, haben Andrea die Haare angesengt oder ihr die Finger herumgebogen. An diesem Nachmittag trug Roman einen Trainer mit Kapuzenjacke. Aus dieser zog Patrick den Bändel. «Damit müsste es gehen.» Damit wollten sie Andrea umbringen.

Viel redeten sie nicht auf der Fahrt in die «Hulftegg». Ab und zu fiel ein blöder Spruch, sie rauchten einen Joint, hörten Depeche Mode. Andrea sass neben Roman auf dem Vordersitz, «sie war eine Ruhige», sagt Roman. Sie waren mit seinem Auto unterwegs. Er legte immer Wert darauf, dass seine Beifahrer die Gurten trugen.

Das Gasthaus Hulftegg liegt im Toggenburg und ist im Sommer gut besucht. Bei schönem Wetter bietet die Terrasse der Beiz freie Sicht bis zum Bodensee. Roman steht auf dem grossen, leeren Parkplatz, die Beiz ist geschlossen. Er raucht. «Ich habe nicht begriffen, was die beiden meinten. Ich habe sie nicht ernst genommen.» Es windet und nieselt. «Bis hier war alles in Ordnung, es war ein Ausflug wie jeder andere.»

«Hattest du damals Pläne, Träume für dein Leben?» – «Ich wollte ein normales Leben leben.» – «Was ist ein normales Leben?» – «Ein guter Job, eine Familie.» – «Stell dir vor, du könntest dir etwas wünschen.» – «Ich möchte zurückreisen zum 14. März 1992.»

Diese Gegend ist Romans Heimat. Am Rande der Stadt ist er aufgewachsen, mit seinen Eltern und der jüngeren Schwester hat er auch hierher Ausflüge unternommen. Sein Vater konnte der Familie immer ein gutes, mittelständisches Leben bieten. In der Realschule lernte Roman dann Thomas kennen. Sie wurden Freunde. Schon mit 13 kam Roman regelmässig um zwei oder drei Uhr morgens nach Hause, völlig betrunken. «Ich hatte immer das Gefühl, dass ich benachteiligt werde. Meine Schwester war immer lieb, machte keine Fehler, keinen Blödsinn. Ihr gelang alles. Ich ging allen auf die Nerven und war oft betrunken.» Die Spannungen mit den Eltern wurden unerträglich, für beide Seiten.

Nach einem heftigen Streit mit Thomas verloren sich die beiden aus den Augen. Romans Eltern hofften, das würde die Situation entschärfen.

Aber bald kamen Geldprobleme hinzu, der 15-Jährige war spielsüchtig. Er verspielte seinen ganzen Lehrlingslohn und machte Schulden, auch bei den Eltern. Immer wieder gaben sie ihm Geld. Oft schwänzte er die Schule. Den Realabschluss schaffte er trotzdem. Die Familie nahm eine Therapie in Angriff, brach diese aber nach ein paar Sitzungen ab. «Ich habe mich ausgestellt gefühlt. Das Reden hat mir nichts gebracht», sagt Roman.

«Andrea tat mir schon leid»
Dann, am 27. Juli 1990, die grosse Freiheit: Er bestand die Fahrprüfung, «auf Anhieb». Das Datum weiss er noch genau, so wie er viele Daten noch weiss. Die Freiheit nützte nichts, Romans Spielsucht wurde immer schlimmer, das Familienleben immer unerträglicher, «wir stritten täglich, konnten nicht mehr normal reden». Roman kam in ein Lehrlingsheim, wo er eine Lehre als Elektromonteur machte. Starkstrom. Die Distanz zu den Eltern hat etwas geholfen, er besuchte sie ab und zu, die Spielsucht aber blieb.

An jenem Abend in der «Hulftegg» trank Roman einen Café crème, ass einen Nussgipfel. Es war halb acht Uhr abends. Die anderen drei tranken ein Bier, mehr nicht. Nach einer Stunde kehrten sie zum Auto zurück, wieder setzte sich Andrea nach vorn. Sie fuhren den gleichen Weg zurück, Steg, Bauma, Saland, Tablat.

Jetzt auf der Fahrt zurück wird Roman unruhiger, seine Antworten werden kürzer. Noch ist der Himmel bedeckt, langsam aber wird das Licht heller. Durch die Bäume blitzt kurz die Sonne.

Vor Turbenthal sagt er: «Irgendwo hier sprachen die beiden über den Bändel, sie hätten ihn vergessen.» Nein, sagt Roman, er habe nichts geahnt, habe die zwei noch immer nicht ernst genommen.

Hier nahm Patrick plötzlich den Gürtel aus den Schlaufen seiner Hose – «damit geht es auch» – und legte ihn Andrea um den Hals. Er zog. Andrea konnte sich befreien, wehrte sich, sie sollten aufhören. Sie gab den Gürtel wieder zurück nach hinten.

«Roman, du hast nicht gemerkt, worum es den beiden ging?» – «Nein.» – «Tat dir Andrea Leid?» – «Schon.» – «Du hast ihr nicht geholfen?» – «Nein.» – «Wieso nicht?» – «Ich weiss nicht.» – «Du bist einfach weitergefahren?» – «Ja.»

Er fuhr weiter in der Nacht, in der es regnete. Es war etwa halb zehn Uhr abends. Dann, bei der Abzweigung nach Girenbad, sagte Thomas zu Roman, er solle hier von der Hauptstrasse abbiegen. Roman hat es getan, Roman hat nichts gefragt, nichts gesagt, Roman ist nur gefahren. Roman ist still. Er fährt zügig.

Wieder legten sie Andrea den Gürtel um den Hals. Zogen, «wie die Büffel», gaben sie später zu Protokoll.

Roman hält an, stellt sein Auto an die Seite der Strasse. Er steigt aus, zündet sich eine Zigarette an, die x-te heute, und schaut die Strasse hinunter. «Etwas weiter unten habe ich angehalten, habe mich nach hinten gedreht und gesagt: ‹Höred uuf›. Aber es kam ein Auto, Thomas sagte, ich solle weiterfahren, und: ‹Jetzt müssen wir sie umbringen›.» Der Wald ist still, es riecht nach feuchter Erde.

«Ich träume nicht mehr»
Roman steigt wieder ein, fährt weiter, die kurvige Strasse hinauf, sagt nichts. Dann öffnet sich der Wald, das Restaurant Girenbad steht auf einem offenen Abhang. Der Blick zurück führt in die hügelige Landschaft des Zürcher Oberlands.

Auf dem Parkplatz neben dem Restaurant hält er an. «Hier habe ich geschaut, ob sie tot ist. Am Hals.»

Im Polizeiprotokoll steht, Roman habe Andrea die Hand auf den Bauch gelegt und gerufen: «Die ist ja tot!» Roman wollte mit dem Auto das Tobel hinunterfahren, sich und die anderen umbringen. Er drehte fast durch. Thomas konnte ihn halbwegs beruhigen. Sagt das Protokoll.

«Ich war nervös», erzählt er heute. Und: «Seit dies geschehen ist, träume ich nicht mehr.»

Tot war Andrea, aber nicht weg.

Die drei fuhren weiter. Da, wo sie Andrea ausluden, fliesst ein kleiner Bach, dahinter liegt eine Wiese, am Waldrand steht ein Bienenhaus.

«Wir haben sie teilweise ausgezogen, es sollte aussehen wie eine Vergewaltigung.» Durch die Bäume fallen klare Sonnenstrahlen auf den Boden. Er zeigt ein kleines Bord hinunter gegen den Bach. «Dort lag sie.» Er erinnert sich nicht, was sie mit den Kleidern gemacht haben. Er ist nervös, zieht an seiner Zigarette.

«Ich habe im Auto gewartet»
Die drei fuhren nach Andreas Ermordung zu Thomas nach Hause, verbrachten die ganze Nacht zusammen, prahlten vor einem Kollegen mit der Tat, entschieden am Sonntag, Andrea müsse auch von dort wieder weg, stiegen abends in Romans Auto, kehrten zurück in den Wald, packten Andrea in den Kofferraum, fuhren planlos herum Richtung Kyburg. «Ich war gestresst», sagt Roman. Er steht auf der Strasse mit den Dolendeckeln und raucht. Er zittert. Andrea, tot, entsorgt. Jetzt war sie weg.

«Hast du ihr Gesicht gesehen?» – «Nein, es war dunkel.» – «Du zitterst.» – «Ich bin nervös. Diese Fahrt macht mich nervös. Aber ich habe sie nicht in den Schacht versenkt. Ich habe im Auto gewartet.» – «Was ist schlimmer: einen Mord begehen oder ihn nicht verhindern?» – «Ihn begehen, schon.» – «Hast du dich seit der Tat verändert?» – «Ja. Solche sinnlosen Fahrten haben wir Dutzende unternommen. Das würde ich jetzt nicht mehr tun.»

Am Montag hatten Strassenarbeiter die Leiche entdeckt. Die drei Täter waren rasch gefasst. Ihre Absprache war dumm und schnell durchschaut. Alle drei gestanden. Zwei Tage nach dem Mord sass Roman in U-Haft. Ein langes Jahr folgte. Wegen guter Führung wurde er in den Küchendienst eingeteilt, hatte als Einziger eine Kaffeemaschine in der Einzelzelle und schrieb mit sauberer Schrift der Pfarrerin, die ihn konfirmiert hatte: «Die ewige Warterei ist sehr mühsam. Zum Glück habe ich noch meine ganze Familie, die mich einmal pro Woche besucht. Das ist das Schönste in der ganzen Woche.»

Der Prozess erregte grosses Aufsehen. Der 20-jährige Roman kam wegen «Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung» für zweieinhalb Jahre in eine Arbeitserziehungsanstalt. Thomas, 21-jährig, musste 14 Jahre ins Zuchthaus und Patrick, 23 Jahre alt, 16 Jahre. Andreas Eltern und ihrem Bruder wurden 300'000 Franken Schadenersatz und Genugtuung zugesprochen, zu zahlen von den drei Tätern in Solidarhaftung.

«Er war auf dem Gang nicht sichtbar und ging immer hinter seinem grossen Kollegen her. Dessen breite Schultern verdeckten Roman», erzählt Gerda Lang, Romans Betreuerin. Irgendwann habe er es doch geschafft, alleine durchs Haus zu gehen. «Das war ein schöner Erfolg.»

Die Arbeitserziehungsanstalt ist in einem Kloster untergebracht. Hier heissen die Insassen «Bewohner», und die Strafe heisst «Massnahme». 50 junge Männer zwischen 18 und 25 wohnen in der Anstalt. Das grosse, weisse Gebäude stammt aus dem 13. Jahrhundert, die Fenster sind vergittert. Auf dem Gelände stehen viele Nebenbauten, in denen die Ausbildungsstätten untergebracht sind. Roman machte hier eine Anlehre als Gärtner.

«Es gibt keine Erklärung»
Gerda Lang ist eine rundliche Person, mit kräftigem Händedruck und wachen, freundlichen Augen. Seit 16 Jahren arbeitet sie im Betrieb. Sie führt durch die Anstalt. Jede Tür schliesst sie auf und wieder zu. Einige Bewohner stehen in den langen Gängen und schwatzen, alle grüssen freundlich. «Das grösste Problem hier sind die Drogen», sagt Lang. Mit den jungen Männern zu arbeiten macht ihr Spass. «Natürlich ist es oft auch anstrengend.» Sie erzählt direkt und offen. Zu Roman sagte Gerda Lang: «Was du getan hast, ist schlimm. Ich verstehe es nicht. Aber ich will mit dir arbeiten.» Ihr habe er immer vertraut, sagt Roman.

Nach seiner Einweisung im Mai 1993 zogen die Eltern in das Dorf unter der Anstalt. Vom Fenster aus konnte er fast ihr Haus sehen.

Während der ersten Wochen sei seine Mutter jeden Abend vor der Tür gestanden, erzählt Gerda Lang, brachte ein paar Socken, etwas Schoggi, ein paar Guetsli. «Sie wollte oder konnte ihn uns nicht überlassen», sagt sie.

Zur Massnahme, die das Gericht Roman auferlegte, gehörte auch eine Psychotherapie. Die Therapeutin lässt ausrichten, sie habe den Zugang zu Roman nicht gefunden. Immer wenn sie von der Tat sprechen wollte, sei er ausgewichen.

«Ich habe mich angepasst und wollte die Zeit hier so schnell wie möglich hinter mich bringen», sagt Roman. Er hat darauf bestanden, dass er nichts gemacht habe und nur gefahren sei.

«Was war der Grund für die Tat? Gruppendruck?» – «Nein. Ich habe Thomas erst drei Wochen vor der Tat wieder getroffen. Ich gehörte nicht zu der Clique.» – «Drogen?» – «Nein, ich habe nie viel gekifft, sonst habe ich keine Drogen genommen.» – «Gibt es eine Erklärung für das, was du gemacht hast?» – «Nein, es ist unfassbar und unentschuldbar.» – «Wie bist du zu dieser Einsicht gelangt?» – «Alle sagen es. Also muss es so sein.»

Nach der Fahrt sitzt Roman im Bahnhofsrestaurant. Mit beiden Händen hält er die Kaffeetasse, schaut auf die hölzerne Tischplatte. «Mein Fall belastet mich immer weniger. Aber die Schulden drücken halt», sagt er. Er hat einen guten Job – «Schwachstrom, das ist spannender» –, verdient genug. «Aber die 300'000 Franken. So habe ich keine Chance. Kaum habe ich etwas Geld, muss ich es gleich wieder abgeben.» Andreas Eltern sollen das Geld erhalten, «aber nicht von mir». Er sei erleichtert, dass die Fahrt vorbei ist.

«Ich gehe vielleicht ans Grab»
Noch ist er verheiratet, mit einer Russin. «Eine Schweizerin hätte mich mit dieser Geschichte nicht genommen.» Den Schulden habe die Ehe aber nicht standgehalten. Sie werden sich scheiden lassen. Roman hat eine neue Freundin. Sie kommt aus Deutschland. «Ich werde ihr davon erzählen müssen, aber ich lasse mir noch Zeit.» Mit ihr möchte er Kinder, «ja, das kann ich mir vorstellen».

Winterthur, Friedhof Rosenberg, Abteilung 9, Grab Nummer 211. Andrea 1973–1992.

Auf ihrem Grabstein sind zwei Pferdeköpfe eingemeisselt. Sie war leidenschaftliche Reiterin. Auf dem Urnengrab steht ein winterfestes Gesteck in Brauntönen, daneben dreht ein kleines, blau-gelbes Windrad im Wind. Roman hat ihr Grab bis heute nicht besucht. Roman, der nur gefahren ist.

«Vielleicht sollte ich das einmal tun», sagt er.

Veröffentlicht am 22. Januar 2002