Missmanagement und mutmasslich kriminelle Handlungen eines Verwaltungsratsmitglieds haben bei der Effretiker Wohnbaugenossenschaft Isenbach das gesamte Eigenkapital von 22,5 Millionen Franken vernichtet. Die Isenbach ist faktisch pleite, sie befindet sich in Nachlassstundung. Für die 538 Genossenschafter eine Schreckensnachricht. Einzelne Kleinanleger verlieren bis zu mehrere hunderttausend Franken. Die Pensionskasse der Victorinox muss 2,6 Millionen abschreiben.

Der ehemalige Isenbach-Präsident Rolf Müller wurde Ende Juni verhaftet. Angeordnet hat die Verhaftung die St. Galler Staatsanwaltschaft. Beobachter-Recherchen zeigen, dass die mutmasslich kriminellen Vorgänge bei der Isenbach nur die Spitze eines Eisbergs bilden. Dahinter steht ein weitverzweigtes Geflecht von konkur­siten Wohnbaugenossenschaften, Beratungs- und Bauzulieferfirmen. In deren Dunstkreis tauchen über die Jahre hinweg immer wieder dieselben Akteure auf. Rolf Müller ist nur einer von ihnen. Der Mann aber, der mutmasslich die Strippen zog, sorgte schon 1999 als «grösster Schweizer Immobilienpleitier» für Schlagzeilen. Seinen richtigen Namen dürfen wir hier nicht publizieren, nennen wir ihn daher K.

K.s Aktivitäten im Immobilien­bereich sind gerichtsnotorisch. Das Zürcher Obergericht hat ihn im Oktober 2010 wegen mehrfachen Betrugs und Veruntreuung zu einer Freiheitsstrafe von 28 Monaten verurteilt. Die Verurteilung wegen Betrugs ist rechtskräftig, gegen die Verurteilung wegen Veruntreuung hat K. rekurriert. Er hatte in den Jahren 1998 bis 2000 von bauwilligen Privatpersonen Reservationszahlungen für geplante Bauprojekte angenommen. Die Projekte scheiterten, doch K. zahlte die Reservationszahlungen nie zurück: Sie waren in seinen konkursiten Firmen versickert.

Die Bauphase: Ein «Alptraum»

Einvernahmen, Gerichtstermine und die Verurteilung scheinen den Pleitier, der als gewandter Überredungskünstler gilt, nicht sonderlich beeindruckt zu haben. Noch während die Justiz ermittelte, verfolgte er seine fragwürdige Geschäftstätigkeit un­ge­rührt weiter, änderte lediglich seine Masche. Zentrale Vehikel seiner neuen Strategie waren Wohnbaugenossenschaften, für die er Investoren suchte. Gegenüber dem Beobachter will sich K. zu den Vorwürfen mit dem Hinweis auf ein neues «laufendes Verfahren» nicht äus­sern.

Aktuell geht es um die Wohnbaugenossenschaften Erlen in Wollerau ZH, die Swisshaus in Hedingen ZH (nicht identisch mit der Swisshaus AG), die Isenbach in Effretikon ZH sowie die Genossenschaften Bad Rans und Adao Hotels, beide mit Sitz in Sevelen SG. Sie alle hat ein gemein­sames Schicksal ereilt: Die Swisshaus, Bad Rans und Adao Hotels befinden sich in ­Liquidation, Isenbach ist in Nachlassstundung, Erlen hat die Tätigkeit eingestellt.

Gegen die verantwortlichen Personen der Erlen, der Bad Rans und der Isenbach hat die St. Galler Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Verdachts auf Ver­untreuung und ungetreue Geschäftsbesorgung eröffnet. Auch die Swisshaus ist im Visier der Justiz: Das Notariatsinspektorat des Kantons Zürich verlangte von der Staatsanwaltschaft die Prüfung von Hinweisen auf Vermögensdelikte, die Staats­anwaltschaft Limmattal/Albis hat ein Vorermittlungsverfahren eingeleitet.

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Das Vorgehen war bei allen fünf Genossenschaften ähnlich. Nach ihrer Gründung ging man auf die Suche nach Investoren. Manche Projekte wurden realisiert, andere blieben im Projektstadium stecken, je nach­­dem, wie erfolgreich sich die Investorensuche entwickelte. Betriebswirtschaftlich gesehen endeten alle Unternehmen im Desaster. Es steht der Verdacht im Raum, dass aus den Genossenschaften Geld abgezogen wurde, indem Verwaltungsräte sich Aufträge zu überhöhten Preisen an eigene Firmen für teilweise fiktive Vermittlungs-, Planungs- und Bauarbeiten zuschanzten.

Wohl wegen seiner schlechten Reputation vermied es K., Funktionen einzunehmen, die einen Namenseintrag im Handelsregister zur Folge gehabt hätten. Dort nahmen seine Gewährsleute Einsitz. Gegenüber Investoren und Geschäftspartnern aber trat K. regelmäs­sig als Handlungsbevollmächtigter auf.

Günter Siegrist* aus der Region Werdenberg SG hatte keine Ahnung, mit wem er sich einliess, als er vor vier Jahren durch einen Flyer auf ein Projekt in seinem Dorf aufmerksam wurde: ein Mehrfamilienhaus mit Eigentumswohnungen. Als Trägerschaft firmierte die Wohnbaugenossenschaft Swisshaus. Siegrists gefiel das Projekt, sie unterschrieben den Kaufvertrag.

Bereits die Bauphase war ein einziger Alptraum. «Die Bauleitung änderte ohne Absprache die Pläne für die Wohnungen. Es herrschte Chaos. Zeitweise waren auf der Baustelle drei unterschiedliche Baupläne im Umlauf», sagt Siegrist. Seine Rechtsanwältin bestätigt: «Am Bau meines Klienten wurde extrem gepfuscht.» So wurde die Dachterrasse ohne Gefälle gebaut. Bei Regen staut sich das Wasser knöcheltief. Alleine für die Behebung dieses Mangels veranschlagt ein unabhängiges Gutachten bis zu 52'000 Franken.

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Doch Pfusch am Bau war nicht Siegrists einziger Ärger. Er musste sich auch gegen absurd hohe Forderungen wehren. Die Swisshaus verlangte etwa für die Terrasse zusätzlich 16'000 Franken, obwohl die ­gesamten Dachdeckerarbeiten sogar günstiger kamen, als es ursprünglich projektiert war.

Bemerkenswert: Die Swisshaus hatte die Bauleitung an die Bau- und Planungsfirma Arnold Meier AG vergeben. Der Name stammt vom ehemaligen Firmengründer. Er schied im Juni 2007 aus der Firma aus und hat mit ihr nichts mehr zu tun. Seit 2010 firmiert K. als einziges Mitglied des Verwaltungsrats. Auch die Arnold ­Meier AG ist pleite, die Staatsanwaltschaft St. Gallen ermittelt wegen Verdachts auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Dass K. auch Handlungsbevollmächtigter der Swisshaus war, bestätigte er schriftlich erst, nachdem Siegrist mehrere Male insistiert hatte. K. hatte so faktisch die Möglichkeit, als Swisshaus-­Bevoll­mächtigter Aufträge an die eigene ­Arnold Meier AG zu vergeben.

Quelle: Heike Gasser/Ex-Press
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Erstaunt über «merkwürdige neue Lage»

Auszüge aus der Buchhaltung der Swisshaus, die dem Beobachter vorliegen, weisen auf weitere Verflechtungen und Ungereimtheiten hin. So verrechnet etwa die Firma Schiesser Beratungen der Bau- und Beratungsfirma Tomabo AG rund 30 000 Franken für «diverse Leistungen» und «gelieferte Betonelemente». Bloss: An besagtem Bau wurden gemäss Siegrist sämtliche Betonarbeiten vor Ort ausgeführt, Betonelemente kamen nicht zum Einsatz. Der Inhaber der Firma Schiesser Beratungen war zu diesem Zeitpunkt gleichzeitig Swisshaus-Präsident. Chef der Tomabo AG war K.

Das Betreibungsregister der Swisshaus weist über die Zeit von 2006 bis 2010 ausstehende Forderungen von mehr als 1,2 Millionen Franken aus. Geschädigt wurden Privatpersonen, Steuerämter und Handwerker schwerpunktmässig in Baden AG und im St. Galler Rheintal. Die Berichte der Handwerker ähneln sich: Der erste Auftrag wird reibungslos abgewickelt, beim zweiten bleiben die Zahlungen aus.

In Sevelen SG realisierte K. als grösstes Projekt der Wohnbaugenossenschaft Isenbach die Überbauung «Chirchfeld»: vier Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 24 Eigentumswohnungen in gehobenem Ausbaustandard. Das ortsansässige Unternehmen Edy Dürr AG machte den Aushub. Nach den ersten drei Teilzahlungen stellte die Isenbach die Zahlungen ein. Um die Rechnung werde sich die Arnold Meier AG kümmern, teilte K. mit. Warum plötzlich diese für Verbindlichkeiten der Isenbach haftete, blieb Dürr schleierhaft: «Ich staunte über die merkwürdige neue Lage. Bezahlt hat die Arnold Meier AG nie.»

Für Sevelen plante K. noch Grös­seres, dieses Mal unter der Trägerschaft der heute ebenfalls konkursiten Genossenschaft Bad Rans. Ein mächtiges Parkhotel sollte entstehen im verschlafenen Rhein­taler Dorf, 184 Zimmer, Seminarräume, ein Medical-Spa-Bereich und ein Ballsaal. Investitionsvolumen: bis zu 140 Millionen Franken. Den Abbruch alter Liegenschaften und andere vorbereitende Arbeiten besorgte wiederum Edy Dürr. Er staunte: Obwohl seine Offerte die teuerste war, erhielt er den Zuschlag. «Spätestens hier hätten bei mir die Alarmglocken läuten müssen. Aber ich war auch Genossenschafter geworden und dachte, das habe damit zu tun. Heute glaube ich, dass mich K. wohl kaufen wollte», gibt sich Dürr selbst­kritisch. Das Projekt wurde nie realisiert. Nachdem im Mai der Konkursrichter den Rekurs der Bad Rans abgewiesen hat, ist ein Riesenverlust wahrscheinlich.

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Angesichts der Verwicklungen der einzelnen Wohnbaugenossenschaften stellt sich die Frage: Hat K. die Gesellschaften so gesteuert, dass Guthaben der einen treuwidrig verwendet wurden, um offene Positionen in der Buchhaltung der anderen zu begleichen? Diesen Verdacht nährt das Urteil des Zürcher Obergerichts im früheren Fall mit den nicht zurückgezahlten Reser­va­tionszahlungen. Dort hielten die Richter fest, K. habe «die Reserva­tions­zahlungen meist sogleich zur Überbrückung von Zahlungsschwierigkeiten seiner – heute konkursiten – Unternehmen» verwendet.

K. und seine Helfer scheinen mit den Verantwortlichkeiten recht frei umgegangen zu sein. Einer der Geschäftsleiter der KMP Architektur AG in Wettingen, ­René Müller, erinnert sich: «K. und die Immobi­lien­maklerin Christine Andrist meldeten sich telefonisch bei mir. Es ging um ein Mehr­familienhaus-Projekt in Turgi, das sie für die Wohnbaugenossenschaft Isenbach realisieren wollten.» Beim ersten Treffen sei dann aber plötzlich von der Wohnbau­genossenschaft Erlen als Bauträgerschaft die Rede gewesen. Auch Rudolf Lippuner, Gemeindepräsident von Grabs, berichtet: «Wir haben mehrere Projekte bewilligt, die nie umgesetzt wurden. Uns als Gemeinde fiel es schwer zu be­urteilen, mit wem genau man es jetzt zu tun hatte.»

Bereits neues Projekt im Visier

K. ging auch beim Mehrfamilienhaus-Projekt «Erlenpark» in Turgi mit dickem Portemonnaie auf Einkaufstour. KMP-Geschäftsleiter Müller kennt den Immobilienmarkt in der Region seit Jahren und sagt: «Die Erlen hat für das Grundstück mit 700 Franken pro Quadratmeter klar zu viel geboten. Der Marktwert belief sich auf lediglich ungefähr 550 Franken.» Heizungs­bauer, Sanitärunternehmer und andere Handwerker wurden nicht bezahlt. Die Schadenssumme dürfte mehrere Mil­lio­nen betragen. KMP-Architekt René Müller selber musste für geleistete Projektarbeiten 350'000 Franken abschreiben.

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K. will jetzt zu neuen Ufern aufbrechen, und zwar mit seiner Swiss Mariposa Sailing. Die Firma hat ihren Sitz an derselben Adresse wie die Wohnbaugenossenschaft Erlen und beschäftigt sich gemäss ihrer Webseite mit dem Bau von Segel­schiffen. Modell «Gigi I» ist ein kleiner Zweimaster, Modell «Magic» ein ausgewachsener Kreuzer mit 90 Metern Länge und Helikopterlandeplatz. Auf der Webseite lobt sich K.: Er befolge seit Jahren eine «ausgeklügelte Projektplanung» und kenne das Projektmanagement wie seine Westentasche. Und dann: «Für K. gibt es dabei keine Grenzen im Geiste.»

*Name geändert