Am Schluss traf es zwei ehemalige Weggefährten. Als die Finanzmarktaufsicht Finma am 11. Januar verkündete, dass der Berner Krankenver­sicherer KPT unter Zwangsverwaltung gestellt wird, stand Roland Schaer, der einst starke Mann bei der Kasse, schon über zweieinhalb Jahre nicht mehr an deren Spitze. Stattdessen wurden sein Nachfolger Walter Bosch und Vizepräsident Bernhard Liechti mit einem vierjährigen Berufsverbot belegt und die übrigen Verwaltungsräte suspendiert. Der Vorwurf der Finma: Verwaltungsrat und Geschäftsleitung der ehemaligen Beamtenkasse hätten über ein Mitarbeiter-Beteiligungsprogramm versucht, Millionen an Prämiengeldern aus der Zusatzversicherung in die eigene Tasche zu stecken.

Fakt ist: Die Untersuchungen und Sanktionen der Finma richteten sich nicht gegen Roland Schaer bei der KPT, sondern gegen das Wirken seiner Nachfolger in den Jahren 2009 und 2010. Fakt ist aber auch: Die von der Finanzmarktaufsicht kritisierten Missstände bei der KPT haben ihren Ursprung in der Zeit zwischen 2000 und 2009, während welcher der Jurist, Professor und Eishockeyfan Roland Schaer bei der KPT praktisch allein herrschte.

Das Mitarbeiter-Beteiligungsprogramm, das der KPT nun zum Verhängnis wurde, hatte Schaer im 2006 lanciert. Die knapp 400 KPT-Angestellten konnten damals Aktien des Unternehmens kaufen: erst für 28, später für 40 Franken pro Stück. Der Verwaltungsrat, der laut einem Insider «alles abnickte, was Schaer vorschlug», genehmigte die Aktion widerspruchslos.

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Plötzlicher Geldregen – nur versprochen

Als die KPT-Führung im Sommer 2010 die Fusion mit der Sanitas plante, machte sie ein Rückkaufangebot: Auf einen Schlag waren die Aktien nun 600 Franken wert – 15- bis 20-mal mehr, als der Kaufpreis betragen hatte. Dabei hatten die vermeintlich Glücklichen für die Aktien teilweise nicht einmal in die eigene Tasche greifen müssen: Ende 2009, so berichtete der «Sonntags-Blick», wurden als Bonus an jeden ­Mitarbeiter zwischen 25 und 200 Aktien verteilt. Am meisten Reibach hätten der Verwaltungsrat und die Geschäftsleitung gemacht: Knapp 28 Prozent der Aktien ­waren für sie reserviert. Aus der wunder­samen Geldvermehrung wurde jedoch nichts: Als die Finma im Sommer 2010 von der Absicht erfuhr, untersagte sie den Rückkauf der Aktien und blockierte die dafür und für die Fusion mit der Sanitas vorgesehene Summe von rund 75 Millionen Franken. Der obersten Führung der KPT legt die Finma nun insbesondere zur Last, dass sie sich im Frühling 2010, als eine ­Fusion absehbar war, noch eine weitere Tranche Aktien zuteilte.

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Ein Fallschirm von rund zwei Millionen

Roland Schaer war damals schon nicht mehr dabei. Er hatte an der Delegiertenversammlung 2009 überraschend seinen Verzicht auf eine Wiederwahl bekannt­gegeben. Den Abgang liess er sich jedoch versüssen. Seine Entschädigung soll laut «Sonntags-Blick» rund zwei Millionen Franken betragen haben. Sein Nachfolger Bosch will die Summe nicht kommentieren, betont aber, dass die Abgangsentschädigung auch den Rückkauf von Schaers Aktien aus dem Mitarbeiter-Beteiligungsprogramm enthalten habe: «Der Aufschlag auf den Kaufpreis wurde dabei pauschal abgegolten und betrug pro Aktie gerechnet lediglich ein paar Franken.»

Insider nennen Zahlen zwischen 4000 und 5000 Aktien, die Schaer besessen haben soll. Hätte er diese für 600 Franken pro Stück verkaufen können, hätte er daraus zwischen 2,4 und drei Millionen gelöst – bei einem Investment von nicht einmal 200'000 Franken. Dem Vernehmen nach soll Schaer denn auch nach Bekanntwerden des hohen Rückkaufpreises eine Nachbesserung seiner Abgangsvereinbarung verlangt haben, allerdings vergeblich.

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Stimmt die Geschichte, so war es der letzte Versuch des einst unumstrittenen Herrschers über die KPT, seine Verdienste um die ehemalige Beamtenkasse in klingende Münze umzuwandeln. Der Beobachter hatte schon im Jahr 2004 über die vielen Aktivitäten, Einkünfte und die harte Hand von Roland Schaer berichtet (Nr. 11/2004). Die KPT mit Direktor Schaer verklagte den Schreibenden damals prompt wegen unlauteren Wettbewerbs, übler Nachrede und Verleumdung. Als der Beobachter jedoch während der Untersuchung als Beweismittel die Herausgabe von Verwaltungsrats- und Geschäftsleitungsprotokollen verlangte, zog Schaer sämtliche Klagepunkte zurück.

Im Herbst 2007 recherchierte der Beobachter aufgrund von Hinweisen über einen grosszügigen Umgang mit Entschädigungen bei der KPT ein weiteres Mal. Darauf präsentierte die Geschäftsleitung bei einem Gespräch in Abwesenheit von Schaer Zahlen. Der Jurist soll als CEO und Verwaltungsratspräsident der KPT 320000 Franken verdient haben. Insider bezeichnen diese Summe als «absurd tief». Insgesamt, so sagt einer von ihnen, könne man bei Schaers Einkünften von der KPT «locker vom Dreifachen ausgehen». Sprich: Der Chef einer Krankenversicherung mit 300'000 Kundinnen und Kunden soll gemäss Insidern jährlich eine Million Franken kassiert haben. Zum Vergleich: Laut «Sonntags-Blick» verdiente etwa Otto Bitterli, CEO der Sanitas (880'000 Kunden) im Jahr 2010 insgesamt 439'000 Franken, Concordia-Chef Nikolai Dittli (727'000 Versicherte) kam auf 300'000 Franken.

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Zum fürstlichen Lohn für Schaer trugen insbesondere auch Arbeiten auf Mandatsbasis für die KPT bei. So konnten sich KPT-Kundinnen und Kunden während der Ära Schaer über eine «Online-Anwalt» genannte Datenbank Informationen zu versicherungstechnischen Fragen holen. Themen dort waren unter anderem das «Abprallen eines Golfballs» oder «Helikopterskifahren und Veranstalterhaftung». So begrenzt der Nutzen für die Versicherten, umso grösser derjenige für Chef Schaer: Pro Versicherten kassierte er via seine private Firma Case Tex 15 Rappen, was ihm die stolze Summe von rund 45'000 Franken pro Jahr einbrachte.

Stellungnahme auf später verschoben

Fragen zu seinen übrigen Mandaten, seinen Aktien und seinem Lohn mag Roland Schaer im Moment nicht beantworten. Er werde dies zu einem späteren Zeitpunkt «einlässlich» tun, richtet er über seinen Anwalt aus. Zu einem Punkt nimmt er jedoch Stellung: zum Vorwurf der Finanzmarkt­aufsicht, die Verwaltungsräte hätten sich mit Mandaten im Auftrag der KPT einen nicht unbeträchtlichen Zustupf zu ihrem regulären Honorar geholt. Dieses betrug gemäss Angaben der KPT-Geschäftsleitung im Jahr 2007 rund 40'000 Franken. Mit den Bezügen aus den Zusatzmandaten brachte es so ein KPT-Verwaltungsrat «locker auf 100'000 Franken», wie ein Kenner der Materie vermutet. Die Finanzmarktaufsicht stellt dazu fest: «Diesen Zahlungen standen keine zusätzlichen Leistungen gegenüber, die nicht bereits von den festen Verwaltungsratshonoraren abgedeckt waren.» Sprich: Die zusätzlichen «Entschädigungen» wurden für Arbeiten bezogen, die zu den ganz normalen Arbeiten eines Verwaltungsrats gehören – oder für Arbeiten, die gar nicht geleistet wurden.

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Schaer erklärt dazu, die Verwaltungs­räte hätten schriftliche Verträge gehabt, in denen die «Normalbeanspruchung» festgehalten sei. «In einer besonderen Klausel wird ausgeführt, unter welchen Voraussetzungen ausnahmsweise eine Zusatzbeanspruchung erfolgen kann, wobei auch dies in einem besonderen schriftlichen Vertrag festgehalten werden musste», so Schaer.

Die so vereinbarten Honorare der Verwaltungsräte sowie die Löhne der Geschäftsleitungsmitglieder wurden über eine Luzerner Treuhandfirma abgerechnet, die gleichzeitig auch Revisionsstelle der KPT war. «Bei dieser Firma existierte auch ein weiteres Konto, eine Art Black Box, von dem nur wenige Eingeweihte wussten», sagt ein Insider. Gespiesen wurde das ­Konto aus Geldern der KPT. «Nur Roland Schaer wusste, wie viel hineinging und was wem ausbezahlt wurde.»

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