Die Uhrenfälscher sind Profis. «Im letzten Jahr hat die Qualität der Billigkopien dramatisch zugenommen», sagt Paul Henri Pittet, Rechtsexperte beim Schweizer Verband der Uhrenindustrie. Viel bedrohlicher als die 30-Dollar-Rolex aus China oder Korea sind die Edelkopien, die seit wenigen Jahren im Graumarkt auftauchen. Sie sind meist aus Gold, preislich kaum billiger als das Original und werden in Spanien, Italien oder in den Benelux-Staaten hergestellt.

Der Totalausstoss der Uhrenpiraten ist eindrücklich: 160 Millionen Schweizer Uhren werden Jahr für Jahr durch 20 bis 40 Millionen Kopien konkurrenziert.

Manchmal sitzen die Fälscher im eigenen Nest. Anfang der neunziger Jahre lieferte die kriselnde Neuenburger Uhrenfabrik Monnier Goldgehäuse mit dem Prägestempel von Schweizer Luxusuhren nach Italien. Der reuige Produktionschef liess die Sache auffliegen. Doch der Boom bei den Luxuskopien geht weiter. «Wir sind beunruhigt», sagt Pittet.

Offene Grenzen, billiger Transport, Kommunikation und Verkauf per Internet machen das Geschäft mit gefälschten und kopierten Produkten einfach. Die EU schreibt in einer Analyse von einem «Phänomen, das fünf bis sieben Prozent des Welthandels ausmacht». Die Internationale Handelskammer spricht sogar von zehn Prozent. «Je höher der Marketinganteil am Verkaufspreis eines Produkts, desto mehr Geld lässt sich mit einer Kopie verdienen», sagt Eugen Marbach, Markenexperte an der Universität Bern.

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Die Fälscher handeln schnell
Gefälscht werden aber längst nicht nur Luxusartikel wie Uhren, Parfums, exklusive Kleidermarken oder Lederwaren. An Europas Grenzen finden die verwunderten Zollbeamten auch falsche Medikamente, Brillen, Kugelschreiber, Gartenzwerge, Spielkarten, Kekse, Kochtöpfe – und Ersatzteile für Autos und Flugzeuge. Beschlagnahmt werden auch illegal kopierte CDs, Videos und Computer-Software.

Die Schweizer Industrie kämpft vor allem im Ausland gegen die Fälscher. «Mehrere hundert Fälle pro Jahr – Tendenz zunehmend», vermeldet etwa Nestle-Sprecher François-Xavier Perroud. So kam billiges No-Name-Milchpulver in Asien als «Nestle-Kindernahrung» auf den Markt. Und Nagetierfleisch wurde als «Corned Beef» einer Nestle-Tochter feilgeboten.

Auch in der Textilbranche sind Fälschungen ein Dauerthema. «Die Piraten sind unheimlich schnell geworden», sagt Tibor Pataky vom Schweizer Textilverband. Neue Stickereien oder Stoffdesigns seien innert Wochen als Kopien auf dem Markt.

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Auf hartnäckige Gegner traf eine Schweizer Schokoladenfirma unlängst in China. Die Fälscher zogen ein elegantes Verkaufslokal auf – doch vom Design bis zur Süssware war alles kopiert. Erst mehrmalige Räumungsaktionen stoppten die Bande. «Wenn man sie erwischt, tauchen sie wenig später an einem anderen Ort wieder auf», verkündet der Originalproduzent, der ungenannt bleiben will. Typisch: Viele Firmen erledigen ihr Problem am liebsten diskret – aus Angst, das Image ihrer Marke könnte Schaden nehmen.

Swiss-Made-Plagiate
Nicht weniger dreist als die Fälscher sind die Nachahmer. Sie kopieren ein Originalprodukt sklavisch genau oder ändern es nur ganz leicht ab; verkaufen es aber unter ihrem eigenen Firmennamen.

Zu dieser zweifelhaften Ehre kam im Februar auch die Türbeschlagfabrik Hoppe aus Müstair GR. Ein «Türgriff mit Verriegelung» aus ihrem Sortiment wurde in China derart gut nachgebaut, dass die Fenglin Lock Co. Ltd. dafür den deutschen «Plagiarius 1999» erhielt: für die beste Ähnlichkeit mit einem Originalprodukt. Der zynisch gemeinte Preis – ein schwarzer Gartenzwerg mit goldig lackierter Nase – will jene Geschäftsleute rügen, die mit den Ideen anderer verdienen wollen.

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Doch das beeindruckt die Kopierer wenig. Den Asiaten sei ein solcher Preis «völlig unverständlich», sagte Initiator und Designer Rido Busse an der Verleihung. Aus asiatischer Sicht müsste man «geschmeichelt sein, wenn einem ein Produkt so gut gefällt, dass man es nachbaut».

Ein Dauerbrenner ist der Missbrauch der Herkunftsbezeichnung «Swiss» oder «Swiss Made» – vor allem bei Textilien und Süsswaren. Die Chocosuisse, der Dachverband der Schokoladenfabrikanten, hat laut Sekretär Kurt Hunzinger «im Moment weltweit rund 60 Fälle mit einer falschen Herkunftsbezeichnung hängig».

Dieses Problem haben die Käser nicht: Sie verpassten es, die Bezeichnung «Swiss Cheese» rechtzeitig zu schützen. Die Chocolatiers dagegen gehen rigoros gegen Firmen vor, die Schweizer Schokolade versprechen und ausländische Ware anbieten. So wurden Produkte wie «Suidzo» in Portugal oder «Lausana» in Argentinien aus den Regalen verdrängt. «Viele Firmen handeln in Unkenntnis der Rechtslage und sind schnell zu Kompromissen bereit», sagt Hunzinger.

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Nicht so der englische Schokoladegigant Cadbury. Dieser wollte seinen «Swiss Chalet»-Riegel mit Mandel-Honig-Geschmack und Matterhorn-Sujet partout nicht aus dem Handel ziehen. «Die Firma ist sehr arrogant und selbstsicher aufgetreten», erinnert sich Kurt Hunzinger. Den Sieg vor einem englischen Gericht am 22. Februar dieses Jahres feierte die Branche als «Erfolg in einem wegweisenden Fall».

Doch auch andernorts locken satte Gewinne, etwa bei den Raubkopien von Computerprogrammen. «In diesem Jahr stellten wir vermehrt Fälschungen im Bereich Software fest», sagt Roland Hirt von der Oberzolldirektion. Der Marktanteil der geraubten Programme in der Schweiz wird auf fast 40 Prozent geschätzt. Weniger bedroht ist die heimische Musikindustrie. Dennoch tauchen vereinzelt auch kopierte CDs von Gölä oder DJ Bobo auf. In Italien, wo der Musikklau Tradition hat, hält momentan die CD von Johannes Paul II. den Spitzenplatz bei den Raubkopien.

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Doch trotz grossem wirtschaftlichem Schaden wehrt sich in der Schweiz jede Branche einzeln gegen Fälscher und Plagiatoren. Jean-Daniel Pasche, Direktor des Uhrenindustrie-Verbands, bedauert dies: «Leider fehlt eine nationale Dachorganisation, die gegen Produktpiraterie kämpft.»

Den Ball spielt er damit dem Handels- und Industrieverein Vorort zu, doch dort zeigt Sekretär Thomas Pletscher wenig Lust, ihn anzunehmen: «Das System in der Schweiz funktioniert nicht schlecht.» Das Urheberrecht sei garantiert, Ubeltäter im Inland würden verfolgt, der Zoll beschlagnahme auf Antrag verdächtige Ware und die Qualität der Patentanwälte sei hervorragend: «Eine zusätzliche Instanz würde nicht viel bringen.»

Nur die Schweiz schläft noch
Im Ausland denkt man anders. «Produktpiraterie ist ebenso lukrativ wie Drogenhandel oder Prostitution und fällt ohne Zweifel in den Bereich der organisierten Kriminalität», sagt der englische Markenspezialist John Anderson. Und sie gilt weltweit als «eines der am schnellsten wachsenden Wirtschaftsverbrechen».

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In Deutschland wirbelt seit zwei Jahren der «Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie». Und im letzten Jahr wurde in Göteborg die internationale «Global Anti-Counterfeiting Group» gegründet. Ihr Ziel: Informationsaustausch, effizientes Vorgehen bei Schutzrechtsverletzungen, Zusammenarbeit mit Zoll und Polizei und Aufklärung der Konsumentinnen und Konsumenten.

Als Souvenir einer Asienreise mag die Billig-Rolex ja nett sein. Doch wer in diesem Handel mitmacht, muss wissen, dass er der Wirtschaft schadet und damit heimische Arbeitsplätze gefährdet. Zwar fehlen Schätzungen über den Arbeitsverlust in der Schweiz. Dafür gibts Zahlen für die EU. Sie rechnet mit jährlich 100'000 Stellen, die USA sogar mit 120'000.

Inzwischen formiert sich eine Industriesparte, die Originalmarken unverwechselbar macht. Die Produkte können mit Mikrochips bestückt oder mit Kennchemikalien markiert werden. Das ist auch bitter nötig: Mittlerweile soll es von den legendären Levi’s-501-Jeans schon Kopien geben, die selbst der Hersteller nicht mehr vom Original unterscheiden kann.

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Der Fall Migros

Seit Gottlieb Duttweiler kopiert die Migros Markenartikel. Der einstige Aufstand der Originalhersteller ist stillem Zorn gewichen.

«Ohä» hiess das 1931 lancierte Migros-Waschmittel. Das ist eine Kurzform für «Ohne Hänkel» und eine Anspielung auf den deutschen Persil-Hersteller Henkel. Damit startete Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler eine Tradition: Er lancierte billigere Eigenmarken, die sich stark am Original anlehnen.

Die Hersteller der angepeilten Markenartikel reagierten mit Boykott und Prozessen. Doch die Duttweiler-Strategie ist geblieben: Seit 70 Jahren heisst der koffeinfreie Kaffee «Hag» in der Migros «Zaun».

Heute sind die Migros-Kopien weniger witzig, dafür raffinierter. Die Mirador-Streuwürze gleicht optisch verdächtig dem Knorr-Aromat. Die dunkle Frey-Noir-Schokolade könnte die Schwester der Nestle-Frigor-Noir sein.

Die peinliche «Donnerstag»-Tasche
Für Wirbel sorgte vor einigen Jahren eine plumpe Episode, die heute sogar der Migros etwas peinlich ist: Die Kult-Umhängetasche «Freitag» aus alten Lastwagenplanen tauchte als Kopie auch in der Migros auf – unter dem Label «Donnerstag».

Dennoch geht der Grossverteiler locker mit dem Thema um. «Wir sind keine Fälscher», sagt Peter Bösch, Sortimentschef der Kolonialwaren. Denn letztlich sei jede neue Beutelsuppe eine Kopie der ersten Beutelsuppe.

«Wer aus eigener Kraft Eigenmarken aufbaut und entwickelt, muss sich irgendwo orientieren», sagt Bösch. Am einfachsten geht das am Original. «Das Grundübel» des Problems ortet er in den Migros-Gründerjahren, als die Markenartikler «nicht bereit waren, für die Migros eine Eigenmarke zu produzieren».

Der jüngste Disput dreht sich um den optischen Auftritt des Voncafe, einer Nachahmung des löslichen Nescafe. Nachdem Nestle ihr altes Verkaufsglas durch ein tailliertes ersetzt und eine rote Tasse auf die Etikette gedruckt hatte, zog die Migros vor einem halben Jahr nach: tailliertes Glas, rote Tasse. Nestle witterte eine illegale Kopie, die Migros versuchte das Gegenteil zu beweisen. Inzwischen suchen die Parteien gemeinsam nach einer Lösung. «Solche Probleme sind meist befriedigend lösbar», heisst es bei Nestle.

Die Harmonie ist kein Zufall. «Unsere Mitglieder sind zurückhaltend geworden», gesteht Jean-Bernard Bosset, Direktor des Markenartikel-Verbandes Promarca. «Viele sind inzwischen mit der Migros im Geschäft und wollen nicht aus dem Sortiment fliegen.»

Das gilt offenbar auch für Nestle. Der Nahrungsmittelmulti liefert der Migros nämlich seit rund zehn Jahren Exklusivmarken – Pizzateig, Tierfutter und Vittel-Mineralwasser.

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