Kinder sind seine Welt: Ivo Sasek, 45, ist verheiratet und zehnfacher Familienvater. Der einstige Automechaniker führt heute ein religiöses Zentrum in Walzenhausen AR und nennt sich gern Obadja – «kleiner Diener Gottes». Kein Wunder, sah sich Sasek kürzlich gezwungen, 12'000 Leute aus dem Freikirchenbereich anzuschreiben, um ihnen himmlische Enthüllungen kundzutun: «Ohne mir den Job gesucht, geschweige denn gewünscht zu haben, hat mich die Hand Gottes getroffen und zum Augenzeugen hereinbrechender Gerichte gemacht.»

Auf Gottes Wort stützt sich Sasek auch in der Erziehung. Akribisch suchte er alle Bibelstellen heraus, die die Züchtigung von Kindern empfehlen. Zwei Beispiele: «Wer seine Rute schont, hasst seinen Sohn, aber wer ihn lieb hat, züchtigt ihn beizeiten.» Oder: «Blutige Striemen reinigen den Bösen und Schläge die Kammern des Leibes.»

Der selbst ernannte Gottesmann betont, dass hier keine symbolische Rute gemeint ist, sondern eine echte. «Wenn Du sie nur mit der Hand schlägst, haben die Dämonen Überhand.» Die Rute sei, gemäss weiteren Bibelstellen, ein hilfreiches Mittel gegen Bosheit, Rebellion, Widerspenstigkeit und Torheit. Saseks Auslegung: Kleine Kinder zu schlagen liege alleweil drin.

Eine ehemalige Obadja-Anhängerin bestätigt, dass bei jedem Ungehorsam zugeschlagen wurde. Kein Wunder: Saseks drei älteste Kinder (zwischen zwölf und 16) schrieben selber ein Buch mit dem aufschlussreichen Titel «Mama, bitte züchtige mich!». Das Trio gibt sich begeistert: «Gewalt ist nicht die kurze wirksame Züchtigung mit der Rute, sondern wenn dem Kind der Wille nicht gebrochen wird.»

Der eigene Wille aber sei auf jeden Fall eine Eingebung des Teufels. Deshalb habe die Mutter den Willen ihres kleinen Bruders gebrochen. Sein Vergehen: Er trank sein Fläschchen nie ganz leer.

Georg Otto Schmid von der Evangelischen Informationsstelle geht davon aus, dass vor allem junge Familien zu Saseks Anhängern gehören. In die Hunderte gehe deshalb die Anzahl der Kinder, die von seiner Züchtigungslehre betroffen seien. Die Strafen erfolgten teils wöchentlich, und Schmid stützt sich dabei auf ein Zitat von Sasek: «Wehe euch, die ihr uns Kindsmisshandlung vorwerft, die wir vielleicht einmal in der Woche für eine Minute unseren Kindern einen kurzen Schmerz zufügen, den Rest der Woche aber himmlischen Frieden und Herrlichkeit haben.»

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«Mit einem Schlag nachhelfen»
Da überrascht es doch sehr, wenn Sasek sagt: «In meiner Familie wird nicht geprügelt, da gibt es keine blutigen Striemen. Die blutigen Striemen sind genauso symbolisch zu verstehen wie das Essen von Blut und Fleisch beim Abendmahl.» Immerhin behauptet er auch nicht, der grosse Prügelabstinent vor dem Herrn zu sein. «Wenn ein Kind mit der Steckdose spielt und jede Form der Ermahnung nichts nützt, muss ich mit einem Schlag nachhelfen.» Und wie stehts mit der wöchentlichen Prügelstrafe? Sasek: «Das ist eine böse Unterstellung. Bei uns gibts keine systematischen Prügel, nur massvoll eins auf den Hintern.»

Tatsächlich stellte das Verhöramt Trogen ein Verfahren wegen Kindsmisshandlung gegen Ivo Sasek ein. Seine zehn Kinder bezeichnet er als «Früchte vom Baum». «Sie sehen, wie wir in beständiger Harmonie und in Frieden miteinander leben, und wollen auch so werden.»

Ob diese Harmonie in der Obadja-Gemeinde die erstrebenswerte Daseinsform ist, können Erwachsene selbst entscheiden. Sie haben auch die Wahl, ob sie ihre Kindererziehung nach Ivo Saseks Lehren ausrichten wollen. Doch die Ausführungen über den Gebrauch der Rute dürfen weder wörtlich aufgefasst noch in die Praxis umgesetzt werden. Denn Prügeleltern können zur Rechenschaft gezogen werden; nicht von einer geistlichen Instanz, aber von einer weltlichen. Ihr Name: Justiz.