Die Einsätze wegen häuslicher Gewalt laufen immer sehr unterschiedlich ab. Je weniger genau ich weiss, was vorgefallen ist, desto angespannter steige ich ins Auto. Am schlimmsten sind die Meldungen, in denen es heisst: «Es fliegt Zeug durch die Wohnung, geht dort mal vorbei.» Man hat keine Ahnung, was ­einen erwartet. Sind sich zwei Personen in die Haare geraten? Ist es ein Familienkrach? Sind Waffen im Spiel?

Auf der anderen Seite gibt es auch alte Bekannte, Haushalte, die wir immer wieder aufsuchen müssen. Da weiss man oft sogar schon, worum es beim Streit geht. Manchmal haben die Beteiligten das Gefühl, wir könnten ihre Beziehungsprobleme lösen. Ich musste auch schon sagen: «Leute, wir sind doch keine Paartherapeuten!»

Die Eskalation unterbrechen

Vor Ort sieht man jeweils schnell, was zu tun ist. Zuerst gilt es, die Eskalation zu unterbrechen. Dann befragen wir die Beteiligten getrennt über den Ablauf des Streits, ob es ein spontaner Ausbruch war oder ob ein tiefgründiger Konflikt vorliegt. Sehr oft ist Alkohol als Auslöser im Spiel, dann wird die Befragung mühsam. Wir klären ab, ob ein Offizialdelikt vorliegt und ob der Dienst­offizier eine Wegweisung des Täters verfügen muss. Als Pa­trouillenführer entscheide ich zunächst darüber, ob die Streitenden zusammen in der Wohnung bleiben können. Das ist Erfahrungssache. Mir ist es zum Glück noch nie passiert, dass ich einen Täter nicht mitgenommen habe und die Situation danach wieder eskaliert ist.

Die Formen häuslicher Gewalt sind ex­trem vielfältig. Einmal sind wir ausgerückt, weil ein 87-Jähriger seine 84-jährige Frau schlug. Es stellte sich heraus, dass sie ­dement war und er sie pflegte, obwohl er damit völlig überfordert war.

Es ist nicht immer einfach festzustellen, wer Opfer ist und wer Täter. Viele Opfer ­haben Angst, uns alles zu erzählen. Sie ­befürchten, dass es noch schlimmer wird, wenn wir wieder weg sind. Wir nehmen deshalb häufig beide mit auf die Wache, um sie dort zu befragen, an einem neutralen Ort. Wir dringen ja in das Privatleben von Menschen ein. Natürlich gibt es aber auch die ganz klaren Fälle, in denen schon aufgrund des Verhaltens und der Körperhaltung offensichtlich ist, wie die Rollen verteilt sind.

Wir haben es in Basel oft mit Menschen zu tun, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben und bei denen die Frau per se nicht viel zu sagen hat. Da ist es schwierig zu erklären, dass bei uns andere Gesetze gelten und Gewalt keine Privatsache ist. Das kann man nicht in fünf Minuten erledigen. Als belastend empfinde ich die Einsätze, in denen Kinder die Gewalt mit­erleben oder sogar selber geschlagen werden. Man muss als Polizist ja möglichst ruhig und neutral bleiben. Doch wenn ich sehe, wie diese Kinder leiden, fällt mir das manchmal schwer, besonders seit ich selber Vater bin. Es macht mich wütend.

Dann hat man zwei gegen sich

Die Arbeit im Bereich der häuslichen Gewalt ist manchmal auch ermüdend. Es ist eine ­Sisyphusarbeit. Man macht Befragungen, erstellt Rapporte, füllt Formulare aus, leitet Verfahren ein, verbringt den halben Nachtdienst mit einem Fall. Und dann kommt am nächsten Tag die geschlagene Ehefrau und holt den Täter nach Hause.

Ganz schwierig ist es auch, wenn das Opfer sich beim Einsatz vor Ort mit dem Täter solidarisiert. Ich habe schon erlebt, dass wir den gewalttätigen Mann mitnehmen wollten und die Frau auf den Polizisten einschlug. Dann haben wir plötzlich beide gegen uns.

Besonders in Erinnerung ­geblieben ist mir ein Einsatz, bei dem wir schon von aussen die Frau um Hilfe schreien hörten. Wir ­traten die Tür auf und stürmten hinein, fanden die Frau rücklings auf dem Bett. Der Mann prügelte weiter auf sie ein, bis der Bettrost brach. Ich habe nie mehr so ­eine extreme Form der Gewalt erlebt.