Wer den kleinen Privatzoo Leopard in Bad Ragaz SG mehr als einmal besucht, muss emotional hart im Nehmen sein. Die beiden Tiger liegen apathisch auf kahlem Beton, ihr Gehege erinnert an eine Zirkusmanege. Die Einrichtung mit Baumstrunk und obligaten Autoreifen hat mit Naturnähe nichts zu tun, eine Abtrennmöglichkeit fehlt. Tiger sind in freier Natur Einzelgänger, die quadratkilometergrosse Territorien bewohnen.

Die ganze Zooanlage wirkt heruntergekommen. Mehrere Käfige stehen leer und machen einen ramponierten Eindruck. Nichts für Zartbesaitete ist der Besuch des Winterquartiers, wo Affen, Stachelschweine und Hühner im gleichen Käfig hocken. Es wird vor Affen gewarnt, die durchs Gitter greifen. Die Warnung für empfindliche Nasen fehlt. Ein penetranter Geruch hängt in der stallwarmen Luft.

Das ist «eigentlich Tierquälerei»
Bis vor kurzem vegetierte hier ein Schimpanse in seinem unwirtlichen Betonkerker in Einzelhaft dahin. Nach heftigen Reklamationen von Besuchern reagierte der zuständige St. Galler Kantonstierarzt Thomas Giger: «Diese Art der Haltung entspricht eigentlich dem Tatbestand der Tierquälerei.» Zoobesitzer Mario Capol musste das Tier abgeben. Der gelernte Metzger, Dompteur und Tierhalter will nichts zum Haltungsverbot sagen. Man solle ihn «in Ruhe lassen», die Presse habe nämlich grundsätzlich kein Interesse an «sachlichen und wahrheitsgetreuen Berichten».

Treuherzig positiv legt die Wirtin des angegliederten Zoorestaurants das Verdikt aus St. Gallen aus: Der Schimpanse sei an den Plättli-Zoo in Frauenfeld ausgeliehen, um dort «Junge zu machen».

Keinen Deut besser geht es den tierischen Insassen des Zoos Hasel im aargauischen Rüfenach. Die Anlage, in der 30 Tierarten beheimatet sind, macht einen baufälligen Eindruck. Viele Gehege sind schlecht gepflegt, und auch hier stehen mehrere Käfige leer. Die Paviane und der Braunbär werden karg gehalten. Ein paar verdorrte Tannenbäume, Autoreifen und ausrangiertes Plastikspielzeug sollen für Abwechslung sorgen. Von einer Bereicherung der Gehege mit «naturentsprechenden Elementen, um die Zootiere zu naturgemässem Verhalten zu animieren» – so eine Forderung des Schweizer Tierschutzes (STS) –, kann keine Rede sein. Auf Schildern wird gebeten, den Tiger nicht mit Steinen zu bewerfen und die Lamas nicht anzuspucken. Einige Hasel-Besucher scheinen sich dem Niveau dieser Tierhaltung anzupassen.

Eveline Friedli, die gemeinsam mit ihrem Mann den Zoo Hasel betreibt, reagiert auf die Kritik unwirsch: «Sie tun damit den Privatzoos nichts Gutes.» Sie fürchtet, dass sich der Besucherrückgang durch die Berichterstattung verstärkt. «Ende Winter schaut kein Zoo vorteilhaft aus», sagt sie. Im Frühling würden viele Gehege neu gestrichen, Tannenzweige und Einstreu ausgewechselt.

Den Besuchern von Privatzoos wird viel zugemutet, wie die Beobachter-Stichprobe zeigt. Mit dem Zoologen Mark Fischbacher beurteilte der Beobachter die Tierhaltung, die Sicherheit und die Zoopädagogik (siehe PDF Download Privatzoos: «Stichprobe»). Die wissenschaftlich geführten und öffentlich subventionierten Zoos in Basel, Bern, Goldau, Langenberg und Zürich blieben bewusst ausgeklammert.

«Ein Zoo muss in erster Linie eine Forschungs- und Bildungsstätte für den Naturschutz sein. Dazu braucht er ein edukatives Grundkonzept», verlangt Zooexperte Fischbacher. Ein solches Konzept für die Auswahl der Tiere, die Gehegegestaltung, das Haltungsmanagement und zusätzliche Informationselemente sei in keinem der fünf Privatzoos erkennbar. Tatsächlich sind die Beschriftungen vielerorts auf die Tiernamen und wenige Sätze zur Verbreitung der Art beschränkt. Teilweise fehlen selbst diese Angaben oder sind nur schwer lesbar. Zu Natur- und Artenschutz erfährt der Besucher praktisch nichts. Stattdessen lebt er auf seinen Rundgängen gefährlich: Nur beim Zoo Seeteufel in Studen bei Biel ist es nicht kinderleicht, in den Raubtierkäfig zu greifen.

Auch eine Systematik in der Tierauswahl ist nicht zu erkennen. Da drehen Sibirische Tiger neben afrikanischen Löwen in baugleichen Gehegen ihre Runden, oder Streicheltiere sind in Sichtweite zu Raubkatzen platziert – vom Kunterbunt der geografischen Herkunft ganz zu schweigen.

«Ein Zoo hält Wildtiere in Gefangenschaft. Dazu hat er ethisch nur dann Berechtigung, wenn dies direkt oder indirekt der Erhaltung von Tierarten und der Artenvielfalt dient», sagt Fischbacher.

In Ansätzen erfüllen der Walter-Zoo in Gossau und der Zoo Seeteufel in Studen diese Ansprüche. Beide beteiligen sich an Arterhaltungsprogrammen, in deren Rahmen Zoos europaweit Tiere austauschen. Die Schimpansenanlage in Gossau ist die grösste der Schweiz. Die Affen leben in einer grossen Gruppe, haben Rückzugsmöglichkeiten und müssen aktiv ihr verstecktes Futter suchen. So stochert etwa einer der Schimpansen in mehreren Astlöchern, bis er den Honig gefunden hat.

«Alternative wäre, die Tiere zu töten»
Doch auch im Walter-Zoo gibt es viele bedrückende Tierzwinger. Immerhin werden Defizite bei den Pumas und den Geiern eingestanden. «Die Altlasten sind auch uns ein Dorn im Auge und sollen verschwinden», verspricht Zoosprecher Thomas Anderegg. Als Privatzoo ohne Subventionen mangle es aber leider immer an Geld.

Gleich argumentiert Hans-Jörg Dietrich, Inhaber des Zoos Seeteufel. «Wir haben zu geringe Einnahmen.» Im Winter müssen sich die Kragenbären im spartanischen Betonzwinger mit einem öden Kletterbaum, einer Holzschnitzelfläche und einem sterilen Wasserbecken zufrieden geben. Die gekachelte Box für die beiden Orang-Utans ist zwar pflegeleicht, doch den Ansprüchen einer artgerechten Wildtierhaltung genügt sie in keiner Weise. Das weiss auch Dietrich: «Die Alternative wäre, die beiden Tiere zu töten. Kein Zoo übernimmt heute 40-jährige Affen.» Die besten Zeiten hat auch dieser Zoo hinter sich: Die Zahl der Besucher hat sich in den letzten Jahren halbiert.

«Man muss schon ein sehr unsensibles Herz für Tiere haben, um sich hier wohl zu fühlen», kommentiert Zoologe Fischbacher den Plättli-Zoo in Frauenfeld. So wurden zwar für Schimpansen, Tiger und Löwen neue, etwas grössere Anlagen erstellt. Doch mit natur- und artgerechter Haltung haben die Gehege hinter kahlen Mauern nach wie vor nichts zu tun. Und der Tagesrhythmus der nachtaktiven Raubkatzen wird vom Ausmisten der Anlagen sowie den Öffnungs- und Fütterungszeiten bestimmt. Entsprechend unwillig liessen sich die beiden Löwen bei tiefen Temperaturen am Vormittag ins Freie locken. «Wir erfüllen alle gesetzlichen Auflagen», betont Zoobesitzer Walter Mauerhofer. Immerhin: Er verspricht weitere Investitionen.

Im Juni 2001 wurden neue gesetzliche Bestimmungen zum Kapitel Wildtiere in der Tierschutzverordnung in Kraft gesetzt – allerdings mit zehnjährigen Übergangsfristen. Die Mindestanforderungen an die Gehege wurden erhöht und zusätzliche qualitative Bestimmungen eingeführt. Doch wirklich besser wird die Zoohaltung damit nicht. Wie sollen zwei Bären auf 150, zwei Tiger auf 80 oder drei Schimpansen auf 35 Quadratmetern ein artgerechtes Leben führen können?

Die gesetzliche Grundlage für die Haltung vieler Wildtiere ist auch für den Zoologen Fischbacher nach wie vor «absolut ungenügend». Es sei ein offenes Geheimnis, dass die minimalen Gehegegrössen in Absprache mit den Zoos festgelegt werden. Sozusagen als arithmetisches Mittel des Tierelends. Fischbacher verweist auf eine EU-Richtlinie, die eine Betriebsbewilligung für Zoos von der Beteiligung an wissenschaftlichen Naturschutzprojekten und einer entsprechenden Öffentlichkeitsarbeit abhängig macht. Die Schweiz hinke aber hinterher.

«Jeder kann sich heute Zoo nennen. Eine Qualitätssicherung fehlt», kritisiert Alex Rübel, Direktor des Zürcher Zoos. Um sich abzugrenzen und Standards zu setzen, haben sich die wissenschaftlich geführten Zoos in «Zoo Schweiz» organisiert. Wobei auch in diesen Zoos noch Verbesserungspotenzial besteht.

Bernd Schildger, Tierparkdirektor im Berner Dählhölzli, hat gehandelt: «Unser Prinzip ist mehr Platz für weniger Tiere. Wir haben in sechs Jahren 30 Prozent der Tiere abgegeben. Trotzdem sind die Besucherzahlen und die Einnahmen gestiegen.» Wer heute in den Zoo komme, beobachte das Verhalten der Tiere ganz genau: «Die Besucher müssen das Gefühl bekommen, es gehe den Tieren gut.» So haben die Seehunde in ihrer neuen Anlage ein vier Meter tiefes Wasserbecken. Kein wirklicher Ersatz für das Meer, aber genug, um richtig abtauchen zu können.

Bernd Schildger und andere Experten sind sich einig: Viele Privatzoos müsste man sofort schliessen. Den eidgenössischen Parlamentariern, die im Herbst über eine Revision des Tierschutzgesetzes und die STS-Initiative «Tierschutz – ja!» beraten werden, ist – als Anschauungsunterricht – dringend ein Besuch in den Privatzoos empfohlen.

Mit einem Zoologen prüfte der Beobachter fünf Schweizer Privatzoos auf Tierhaltung und Sicherheit – das Ergebnis ist erschreckend. Laden Sie sich die Stichprobe als PDF herunter (1,5 MB).

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