Die Medien berichten seit Wochen regelmässig darüber: In der Nordwestschweiz gehen Tierquäler um. Sie schneiden Kühen die Zitzen ab, verletzen sie an der Scheide. Und sie traktieren Pferde an Beinen und Genitalien. Über 46 Tiere wurden von den Quälern in den Kantonen Baselland, Aargau und Solothurn bis heute verletzt, mindestens fünf starben.

Marc Graf, stellvertretender Leiter der forensischen Abteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel, unterstützt die Polizeibehörden bei der aktuellen Fahndung nach den Tierquälern. Und seine geschätzten Zahlen sind alarmierend: Graf geht davon aus, dass in der Schweiz fünf bis sieben Prozent der Männer Sex mit Tieren attraktiv finden. «Es sind keine zurückgebliebenen Persönlichkeiten, wie man lange angenommen hat. Sie kommen aus allen Berufen, von Stadt und Land.»

Reto Lüthy (Name geändert) setzte seine Fantasien von Sex mit Kühen in die Realität um: Der 24-jährige Schweizer ging der Polizei Anfang Jahr ins Netz. Ein Schuhabdruck, den er in einem Stall hinterliess, überführte ihn. Vor eineinhalb Monaten verurteilte ihn das Strafeinzelgericht Interlaken-Oberhasli zu sechs Monaten Gefängnis bedingt und zu einer Busse von 1000 Franken – wegen Tierquälerei.

Lüthy sitzt an einem Picknicktisch mitten im Wald, irgendwo im Berner Oberland. Er schüttelt den Kopf: «Ich will keinen Sex mehr mit Kühen, das ist Vergangenheit.» Dieses Rückzugsgebiet sucht der junge Mann oft auf. Die Sonne drückt durchs Geäst. Hier, in der Stille, fühlt er sich sicher. Lüthy ist ein eher schmächtiger Typ mit grossen, klaren Augen. Erstmals Lust auf Sex mit Kühen habe er nach einem Pornofilm gespürt, in dem Menschen mit Tieren sexuelle Handlungen ausführten – der Film war frei zugänglich im Internet.

Sechsmal in den letzten zwei Jahren trieb es Reto Lüthy in die Ställe der Umgebung. Wie in jener Nacht auf den 12. Februar 2005: «Ich trank viel Whisky und Bier, hörte Musik einer Death-Metal-Gruppe.» Völlig zugedröhnt sei er danach in einen schwarzen Graben gefallen. «Ich hatte wilde Fantasien. Dann zog ich los.» Als der Sex mit der Kuh nicht klappte, malträtierte er sie mit dem Fuss eines Melkstuhls. Der Tierarzt stellte später schwerste Verletzungen im Genitalbereich und an der Gebärmutter fest.

Der Übergang zwischen Sodomie – dem Geschlechtsverkehr von Menschen mit Tieren – und Gewalt sei meist fliessend, sagt Psychiater Marc Graf. «Ein Täter sucht beim Tier einen intimen Kontakt. Wenn er keine Erektion bekommt oder das Tier sich wehrt, reagiert der Täter mit Gewalt.» Bei sexuellen Sadisten sei es primäres Ziel, ein Tier zu erniedrigen, ihm Schmerzen zuzufügen.

Oft sind laut Graf Alkohol und andere Drogen im Spiel. «Sie enthemmen den Täter, der meist Scham empfindet, und heben den Realitätsbezug auf.» Das war auch bei Lüthy nicht anders: Er nahm immer mal wieder das Halluzinogen LSD. «Ich war in einer Traumwelt, da redest du sogar mit Bäumen.» In den Ställen sprach er mit den Kühen. «Du bist zu hoch für mich», habe er einmal zu einer gesagt, als er nicht in sie eindringen konnte. Er habe dann zu Hause unter der Dusche masturbiert.

Als Lüthy das Tier später auf Polizeifotos sah, da sei ihm fast das Kotzen gekommen. «Was ich erblickte, war eine riesige Kuh. Im Stall hatte ich mir mit aller Kraft vorgestellt, sie sei eine Frau.» Experte Graf überrascht dies nicht: «Schon in der griechischen Mythologie wurde ein starker Bezug zwischen Stieren, Hengsten und Stuten zur menschlichen Erotik hergestellt, und entsprechende Fabelwesen wurden verehrt. Sodomiten fühlen sich davon angezogen.» Kühe und insbesondere Pferde würden bevorzugt, weil sie dem Menschen nahe stehen. «In ihrem Blick und Verhalten spiegelt sich eine gewisse Menschlichkeit und Sensibilität, das ist bei Schweinen und Geissen nicht der Fall.» Unter den Sodomiten seien auffallend viele Menschen mit perversen Neigungen, etwa Sadomasochisten oder Pädophile. Marc Graf befragte in den letzten drei Jahren über 40 Kinderpornokonsumenten, die bei der Operation «Genesis» verhaftet worden waren. Sein Fazit: «Ein Drittel von ihnen findet sexuelle Handlungen mit Tieren attraktiv.»

Kein Gesetz, auch nicht das 1981 in Kraft getretene Tierschutzgesetz, verbietet die Sodomie. Bestraft wird nur, wer ein Tier quält und ihm erhebliche Schmerzen oder Verletzungen zufügt. Die rechtliche Situation sei inakzeptabel, sagt Gieri Bolliger, Jurist bei der Stiftung für das Tier im Recht. «Tiere können nie frei entscheidende Intimpartner sein. Sodomie verstösst gegen die Würde der Tiere und gehört deshalb verboten.» Das Herunterladen von sodomitischen Darstellungen im Internet sei untersagt, die Handlung selbst jedoch nicht. «Das ist absurd», sagt Bolliger.

Lüthy bricht auf, wandert zurück ins Dorf. Links und rechts der Strasse stehen schmucke Berner Oberländer Chalets. 600 Einwohner, verstohlene Blicke – ein Bauer dreht sich nach ihm um. Schon im Gerichtssaal, als er verurteilt wurde, hätten manche Leute geschaut, als sei er der Satan persönlich.

Reto Lüthy kommt im Basler Frauenspital zur Welt. Mit sieben Jahren die erste psychologische Behandlung, als Achtjähriger besucht Reto noch immer den Kindergarten, und die Primarschule muss er zweimal wechseln. «Wir lebten wie die Zigeuner», sagt Lüthy. Sein Vater, ein Rocker, habe vor den Augen der Kinder Drogen konsumiert. Lüthy erinnert sich, wie er als kleiner Junge mehrmals Zeuge wurde, wie sich sein Vater mit fremden Frauen im Bett vergnügte. Gewalt habe zum Alltag gehört. Sie alle, auch die Mutter, seien vom Vater brutal geschlagen worden. «Einmal lag meine Mutter am Boden, mein Vater auf ihr drauf. Er würgte sie, schlug sie halb tot. Ich zog ihn am Pullover, riss ihn von ihr weg.»

Als Reto zehn ist, verlässt die Mutter die Familie. Mit elf Jahren kommt der Junge mit seiner Schwester in ein Kinderheim. «Es war das reine Elend», sagt Lüthy. Ob das alles seine Sexualität beeinflusst hat, weiss er nicht. Mit 14 hat er die erste Freundin, das erste Mal Sex. Er stehe auf Brünetten. Die letzte Freundin hatte er vor drei Jahren.

Der Kontakt zur Familie ist heute abgebrochen, die Eltern sind geschieden. Lüthy hat einen behördlichen Beistand. Anfang Jahr schloss er eine Anlehre zum Schreiner erfolgreich ab. Die Kühe täten ihm leid, sagt Lüthy: «Sie haben eine Seele, davon bin ich überzeugt. Ich würde mich bei ihnen entschuldigen, wenn sie mich verstehen könnten.»

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