Myrtha Staub, 67, aus Brüttisellen wollte nur Zahnstein entfernen lassen. Als sie die Praxis verliess, wusste sie, dass eine Rechnung von mindestens 4000 Franken auf sie zukommen würde: Ein paar Plomben sollten ersetzt werden, auch eine Brücke war nötig. Die Rechnung belief sich am Schluss auf 7000 Franken. «Ich war schockiert. Aber was soll man machen? Die Zähne sind schliesslich etwas Wichtiges.»

Allerdings. Sie sind den Schweizern so wichtig, dass sie europaweit am meisten für den Zahnarzt ausgeben. Nur die Deutschen geben pro Kopf gleich viel aus – doch bezahlen ihnen die Krankenkassen die meisten Zahnbehandlungen. Umso mehr erstaunt, dass die superteuren Schweizer Zahnärzte kaum ein Thema sind, während die Allgemeinpraktiker dauernd an den Pranger gestellt werden. Dabei kosten einzelne Zahnbehandlungen in der Schweiz dreieinhalbmal so viel wie in Deutschland (siehe Artikel zum Thema «Zahnmedizin im Europavergleich: Teure Schweiz»). Und der Preisindex für Zahnbehandlungen hat seit 1990 um 27 Prozent zugenommen, während die Allgemeinpraktiker mit eigener Praxis nicht einmal halb so viel aufgeschlagen haben. «Es stimmt, dass wir in der Schweiz die europaweit höchsten Zahnarztkosten pro Kopf haben. Aber wir haben auch die beste Qualität», argumentiert der Zürcher Kantonszahnarzt Werner Fischer.

Rolls-Royce, oder reicht ein Hyundai?
Das ist das Standardargument der Zunft: Wir sind zwar teuer, dafür liefern wir die beste Qualität. Wer könnte da schon widersprechen? Der Patient kann nicht beurteilen, ob sein Zahnarzt ihm eine unnötige und teure Reparatur aufschwatzt, ob er wirklich einen Rolls-Royce braucht oder ob es auch ein Hyundai täte. Der häufige Tipp in der Ratgeberliteratur, man solle eine Zweitmeinung einholen, ist zwar gut gemeint, jedoch blanke Theorie: Eine Konkurrenzofferte kostet schnell mal einige hundert Franken (siehe Artikel zum Thema «Feilschen kann sich lohnen: So drücken Sie den Preis»), und wer will schon auf die Schnelle einen neuen Zahnarzt suchen? Solche Umtriebe rentieren nur bei sehr aufwändigen Behandlungen. Fazit: Der Patient muss seinem Zahnarzt weiterhin einfach vertrauen.

Dieses Vertrauen werden die Zahnärzte künftig hart erstreiten müssen. Ab 1. Juni dürfen EU-Zahnärzte in der Schweiz uneingeschränkt praktizieren. Fischer rechnet im Grossraum Zürich mit «einem ersten Schub» von EU-Weisskitteln diesen Sommer, innerhalb der nächsten zwei Jahre mit 80 neuen Praxen. Das entspräche einem Zuwachs von 20 Prozent. «Die Zahnarztpreise werden wohl sinken», prognostiziert der Gesundheitsökonom Peter Zweifel von der Universität Zürich. Aber was für die Patienten ebenso bedeutend ist: Die EU-Zahnärzte werden den eingeschlafenen Wettbewerb hierzulande beleben. Laut Zweifel hat nämlich «der Zahnärzteverband immer gut darauf geachtet, dass nicht zu viele Zahnärzte auf den Markt kommen». Folge: Der Wettbewerb spielte bisher kaum. Während laut Bundesamt für Statistik die Zahl der Praxisärzte FMH zwischen 1990 und 2002 um 38 Prozent zugenommen hat, ist die Zahl der Zahnärzte mit eigener Praxis sogar kleiner geworden.

Die Schweizerische Zahnärztegesellschaft (SSO) gibt sich allerdings noch ziemlich unbekümmert. So beantwortet sie auf ihrer Website die Frage, wie man einen billigen Zahnarzt findet, wie folgt: «Für weitaus die meisten Patienten stellt sich diese Frage nicht, denn sie haben seit Jahr und Tag ‹ihren› Hauszahnarzt.»

Patienten werden mehr Auswahl haben
Diese demonstrative Gelassenheit könnte sich rächen. Zahnarztpatienten werden künftig an einem längeren Hebel sitzen, und sie werden über die Schweizer XXL-Preise verhandeln und sie drücken können. «Ein Zahnarzt wird sich mehr Mühe geben, wenn er weiss, dass der Patient in einem Umkreis von einem Kilometer zwischen fünf Praxen wählen kann», sagt Hansjörg Marxer, Präsident der liechtensteinischen Zahnärztegesellschaft.

Im Ländle hat sich seit 1997 die Zahl der Zahnärzte wegen des EWR-Beitritts um rund 50 Prozent erhöht. «Wenn sich dieser Trend in der ganzen Schweiz wiederholen würde, wäre das eine Katastrophe für Schweizer Zahnärzte», sagt Samuel Schild, der Kantonszahnarzt von Baselland. Er befürchtet eine Überversorgung. Dem Patienten kann das nur recht sein, er wird mehr Auswahl haben.

Der 1. Juni könnte die Gelassenheit der hiesigen Zahnärzte aus einem weiteren Grund arg erschüttern: Ab diesem Datum müssen die Zahnärzte erstmals vor einer Behandlung den Taxpunktwert in der Praxis offen legen (siehe Artikel zum Thema «Feilschen kann sich lohnen: So drücken Sie den Preis»). Daraus lässt sich zwar noch nicht eindeutig ableiten, ob ein Zahnarzt günstig ist oder teuer, aber immerhin wird der Patient das Preisniveau verschiedener Praxen miteinander vergleichen können. Das war bisher nicht der Fall. «Es ist zu hoffen, dass das die Tarife etwas unter Druck bringt», sagt Noch-Preisüberwacher Werner Marti.

Gruppenpraxen kontra Einzelpraxis
Die EU-Zukunft ist bereits in der Schweiz angekommen. Neue Gruppenpraxen sagen dem traditionellen Schweizer Zahnarzt mit Einzelpraxis den Kampf an. Das Zahnarztzentrum Zürich West bietet sechs Behandlungszimmer, alles hell und chic, nichts von Hinterhofpraxis, während der Behandlung kann man fernsehen. «Bei Kindern hilft das gegen Angst», sagt Praxisgründer Martin Beiring, 31, ein Schwede. Weil er schon lange vor der partiellen Marktöffnung 2002 in der Schweiz arbeitete, darf er bereits in der Schweiz praktizieren.
In seiner Zürcher Praxis arbeiten fünf Zahnärzte, drei weitere in Winterthur, fast alle sind aus der EU. «Die sind es gewohnt, für den Kunden etwas zu tun, zum Beispiel auch abends zu arbeiten», lobt Beiring. Die Praxis hat an 365 Tagen im Jahr geöffnet, ohne Aufpreis wird auch samstags und sonntags gebohrt, geschliffen und poliert. Werktags schliesst die Praxis erst abends um acht Uhr. Beiring sagt, die Patienten kämen nicht in erster Linie wegen des Preises (mit einem Taxpunktwert von Fr. 3.60 unter dem Stadtzürcher Schnitt von vier Franken), sondern auch weil «wir Zahnärzte hier viel mehr Zeit für den Patienten haben».

Um das Administrative kümmert sich ein Ökonom. «Der kann das auch viel besser», so Beiring. Ausserdem gibt es eine interne Qualitätskontrolle: «Wir besprechen im Team regelmässig schwierige Fälle. Ein Einzelzahnarzt in seiner Praxis kann das nicht. Er hätte auch gar keine Zeit dafür.» Mitgründerin Sara Meiri, 32, ebenfalls aus Schweden, schätzt das Arbeiten im Team: «Man lernt nebenbei eine Menge, allein schon durch die Tatsache, dass man sich tagtäglich mit Arbeitskollegen unterhält.» Und weil sie weiss, dass ihre Patienten im Notfall von ihrem Kollegen bestens betreut werden, «kann man beruhigt auch mal länger in Urlaub fahren».

Preisniveau der Praxen vergleichen
Zahnarzt Daniel Marschall, 47, führte zehn Jahre lang eine gemütliche Einzelpraxis. Öffnungszeiten von 8 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr. Freitagnachmittags hatte er frei. Bis es ihm allzu gemütlich wurde. Marschall machte die Praxis dicht und gründete eine Gemeinschaftspraxis am Aeschenplatz in Basel. Auch hier: Von sieben Zahnärzten, die fast alle auf eigene Rechnung arbeiten, sind sechs Deutsche. «Erfahrene Schweizer Zahnärzte findet man nicht. Die machen alle eine eigene Praxis auf, sobald sie können.» Auch Marschall behauptet nicht, günstiger zu sein. Doch biete seine Praxis viel mehr fürs Geld als ein Einzelzahnarzt: Öffnungszeiten bis zehn Uhr abends, Rundum-365-Tage-Service, einen speziellen Rollstuhl für Behinderte, eine Gratistelefonnummer für Termine, einen eigenen Narkosearzt und ein Lager mit 250 Implantaten in der Praxis. «Gemeinschaftspraxen sind die Zukunft», ist Marschall überzeugt, das sei ein Unterschied wie der zwischen der Migros und einem Tante-Emma-Laden.

Um neue Kunden zu gewinnen, schaltet Marschall Werbung in den Lokalmedien. Für Schweizer Zahnärzte ist das ein Tabubruch. Kantonszahnarzt Schild wird richtig ungehalten bei diesem Thema: Er befürchtet, dass EU-Zahnärzte weitere Gruppenpraxen eröffnen werden. «Ich werde ihnen als Kantonszahnarzt klar sagen, dass ich wünsche, dass sie sich an die Standesregeln halten und in die SSO eintreten. Denn wer in der Zahnärztevereinigung ist, darf keine Werbung machen. Da werde ich ihnen den Tarif durchgeben.»

Die Vereinigung verbietet ihren Mitgliedern Werbung zwar nicht direkt, aber empfiehlt, damit «zurückhaltend und unaufdringlich» umzugehen, sagt Alexander Weber von der SSO. Preisüberwacher Marti wird deutlicher: «Dieser Paragraph wurde bisher von den Zahnärzten dahin gehend interpretiert, dass das Werben mit Preisen nicht statthaft sei. Es wurde deshalb auch nicht praktiziert.»

Gemeinschaftspraktiker Marschall ist deshalb nicht Mitglied der mächtigen SSO und damit ein Aussenseiter. Über 90 Prozent der Zahnärzte sind Mitglied der ehrwürdigen Berufsvereinigung. «Ich wollte dem Klub nicht beitreten, weil er alles und jedes vorschreibt. So verbietet die SSO ihren Mitgliedern, mit einem Nichtmitglied zusammenzuarbeiten.»

Abweichler wurden diszipliniert
Auch Beiring, der schwedische Arzt in Zürich, bekam die Macht der organisierten Zahnärzte zu spüren: «Aktiengesellschaften wie wir dürfen nicht Mitglied im Verband sein», sagt er. Die SSO bestätigt: «Der Zahnarzt hat seinen Beruf in eigener Verantwortung, in eigenem Namen und auf eigene Rechnung auszuüben.» Bisher habe es der Verband verstanden, mit einer klugen Standespolitik allfällige Abweichler zu disziplinieren, erläutert Gesundheitsökonom Peter Zweifel. Das scheint der SSO aber mit den «neuen Wilden» aus der EU immer schlechter zu gelingen.

Budgetzahnarzt statt Luxusvariante
Aber nicht nur Gruppenpraxen bedrohen die alteingesessenen Schweizer Zahnärzte. Die EU-Zahnärzte werden eine Marktlücke erschliessen: den Budgetzahnarzt – als Antwort auf die hiesigen Luxushandwerker. Ein Zahnarzt «bietet tatsächlich Varianten an, die luxuriöser sind als unbedingt nötig. Aber das ist auch beim Auto so», sagt der Zürcher Kantonszahnarzt Werner Fischer zur bisherigen Praxis. «Man kann, indem man eine medizinisch notwendige Grundbehandlung ‹aufgarniert›, die Menge ausweiten und muss das neue Komfortpaket nur noch dem Patienten schmackhaft machen», verrät er. Das sei aber nicht seriös.

Kantonszahnarzt Samuel Schild, der eine eigene Praxis hat, sagt selbstkritisch: «Ich finde, dass Zahnärzte von sich aus günstige Varianten anbieten müssten. Ich räume ein, dass Zahnärzte in dieser Hinsicht noch einiges lernen können.» Sein Aargauer Berufskollege Walter Zgraggen fordert sogar: «Ein Zahnarzt sollte möglichst eine einfache, eine mittlere und eine Luxuslösung offerieren – ohne Druck auszuüben.» Der feine Zusatz am Schluss zeigt: So selbstverständlich ist diese Forderung offenbar nicht.

Wer wirklich sparen will und bereit ist, Qualitätseinbussen in Kauf zu nehmen, sollte mal nach so genannter B-Qualität fragen. Auch das gibt es. Sie ist vor allem in ästhetischer Hinsicht Zweitwahl. Die Farbe der Füllung oder einer Frontkrone ist zum Beispiel bei diesem Standard nicht perfekt und aus Sprechdistanz wahrnehmbar. Das schlägt sich stark im Preis nieder.

B-Qualität ist rasch nur halb so teuer
Marschall erwähnt auch Billiglegierungen; die seien unter Schweizer Zahnärzten verpönt. Auch er bietet sie nur an, wenn der Patient danach fragt. Aus zahnärztlicher Sicht sei B-Qualität «tolerierbar», wenn der Patient damit einverstanden und der Preis entsprechend tief sei, sagt Kantonszahnarzt Fischer. Nach seinen Angaben kosten «Behandlungen in B-Qualität, kombiniert mit einfacher Variante, rasch einmal nur noch die Hälfte» einer in der Schweiz üblichen Luxusbehandlung. Ein «seriöser» Schweizer Zahnarzt werde diese mindere Qualität aber nicht von sich aus anbieten. «Das überlässt man halt einem Zahnarzt mit einer düsteren Praxis» – oder einem EU-Zahnarzt.

«In der Bijouterie ist der Standard auch 18 Karat.» Marschalls Vergleich mit der Schmuckbranche trifft es genau: Gesundheit ist ein Luxusgut. Dem Durchschnittspatienten in der Schweiz sitzt der Geldbeutel locker, wenn es um seine Zahngesundheit geht. «Die Patienten wollen in der Regel die teuerste Variante», weiss Zahnarzt Schild aus seiner eigenen Praxis. Eigenverantwortung und freier Markt, wie das bürgerliche Politiker propagieren, führen im Gesundheitsbereich nicht zu tiefen, sondern zu hohen Kosten. Die USA, das Land mit dem freiesten Gesundheitsmarkt, haben die höchsten Gesundheitsausgaben der Welt. Der Mensch ist offenbar bereit, viel für seine Gesundheit auszulegen. Oder in den Worten von Myrtha Staub aus Brüttisellen: «Die Zähne sind schliesslich etwas Wichtiges.» Leider wissen das auch die Zahnärzte.

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