Die Arbeit an «Alien» war ein Horror. Ein einziges Hetzen. Ich musste überall gleichzeitig sein. Derart unter Druck kreativ sein zu müssen, das kannte ich vorher nicht. Ich hatte keine Ahnung vom Filmgeschäft. Bis dahin hatte ich erst für einen Film meines Studienfreundes Fredi M. Murer einen Ausserirdischen kreiert. Dann meldete sich Dan O’Bannon, der Drehbuchautor von «Alien». Er kannte meine Arbeit und wollte, dass ich sein Monster entwerfe.

Der Plot verlangte einen ganzen Lebens­zyklus: vier Stadien, vom Ei bis zum ausgewachsenen Wesen. Das Alien sollte aus seinem Ei springen, das Gesicht seines Opfers umklammern und einen parasitären Ab­leger in dessen Lunge pflanzen. Dieser würde sich später durch den Brustkorb seines Wirts fressen und schnell zum eigentlichen Monster heranwachsen. O’Bannon bat mich, gegen eine Anzahlung von 1000 Dollar Entwürfe der Eier und des klammernden Baby-Aliens, dem sogenannten Facehugger, zu machen.

In meinen Werken habe ich viele Ängste verarbeitet, die mich seit meiner Kindheit quälten. Die Elemente aus diesen Alpträumen tauchen immer wieder in meinen Bildern auf. Ich mag sie gar nicht interpretieren. Andere können das besser. Es gibt Leute, die sagen, mein Werk widerspiegle den Geist des 20. Jahrhunderts: Industrialisierung, Massentod und sexuelle Revolution. Mag sein. Aber was auf meinen Bildern zu sehen ist, war einfach in mir drin. Ich hab sie einfach hingemalt, all diese Ängste. Airbrush war die ideale Methode, diese Welten entstehen zu lassen. Immer nachts, immer von oben links nach unten rechts über das Papier. Gewisse Details auf den Bildern sind mir selbst unerklärlich, obwohl sie bestimmt ihre tiefere Bedeutung haben.

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Hollywoodfilme nahm man nicht ernst

Ich sandte O’Bannon eine Ausgabe meines eben erschienenen Buchs «Necronomicon» zusammen mit den Alien-Entwürfen. Das Buch überzeugte die Produzenten und vor allem Regisseur Ridley Scott.

Gedreht wurde in den Shepperton-Studios in London. Ich bin sechs Monate lang zwischen Zürich und London hin- und hergeflogen. Ich hasste das, ich habe Flugangst. Und zu Hause verwilderten meine Katzen. Aber schliesslich wollte ich bei der Produktionsfirma 20th Century Fox nicht flach rauskommen. Und wenn ich nicht vor Ort war, um den Modelleuren auf die Finger zu schauen, versuchten die immer, meinen Figuren eine eigene Note zu geben. Das gefiel mir gar nicht.

Einmal wurde ich sogar entlassen. Die dachten wohl, sie könnten sparen. Durch den Vertrag war 20th Century Fox berechtigt, mein Design fürs Dekor zu verwenden. Aber ich ahnte, dass sie mich brauchen würden, um mein Design in die dritte Dimension zu übertragen. Prompt stellten sie mich sechs Wochen später wieder ein.

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Irgendwann spielten sie mir ein Video von einem Alien vor, das sie in Amerika nach meinen Entwürfen zusammengebastelt hatten. Es sah aus wie ein Dinosaurier und hatte rein gar nichts mit meinem Design zu tun, genau wie die ersten Teile der Landschaft. Also modellierte ich selbst. Dank meinem Industriedesignstudium hatte ich die nötigen Kenntnisse.

Der Filmstart stand schon vor Dreh­beginn fest. Mit Verweis auf Zeitmangel ­erzwangen die Produzenten immer wieder Kompromisse. Wenigstens hatte ich in Ridley Scott einen Verbündeten. Er behandelte mein «Necronomicon» wie die Bibel.

Trotz allen Widerständen ahnte ich, dass «Alien» ein ganz besonderer Film werden würde. Für meinen Ruf als Künstler war er anfangs allerdings eher schädlich. Vor allem hier in der Schweiz wurde viel ­geschnödet. In den Siebzigern nahm man Hollywoodfilme nicht ernst. Es ziemte sich nicht für einen Künstler, da mitzumachen.

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Mittlerweile ist «Alien» Kult. Anderseits gelte ich vor allem wegen dieses Films als Horror-Ästhet. Dabei haben viele meiner Figuren etwas Erhabenes. Ich mag elegante Formen. Schöne Frauen. Darstellungen von hässlichen Frauen mag ich gar nicht.

Auch Aliens aus Silikon altern

Die Oscarverleihung war furchtbar. All die Menschen. Und man wusste vorher nicht, wer gewinnt. Das hätten die einem doch sagen können. Trotzdem war ich mir sicher, dass ich den Preis bekommen würde. Ich war quasi sprungbereit. Für Schauspieler ist so ein Oscar ja schampar wichtig – für Designer weniger. Die Bedeutung des Films für mich habe ich erst später realisiert. Und nun ist das schon 30 Jahre her. Wahnsinn. Im Museum in Gruyères und in meinem Haus altern Alien-Figuren vor sich hin. Auch an Silikon geht die Zeit nicht spurlos vorbei und es ist kaum zu restaurieren.

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Ridley Scott soll nun einen weiteren ­Alien-Streifen drehen, der die Vorgeschichte zum ersten Film erzählt. Ich wurde noch nicht angefragt. Wahrscheinlich würde ich wieder mitmachen, wenn Scott anklopfen würde. Es hinge von den Bedingungen ab. Immerhin hat mir der Film viel gegeben.

Im Moment mache ich fast nur Auftrags­arbeiten. Gerade arbeite ich an einer Münzserie mit den vier apokalyptischen Reitern.Eigentlich ist mein Werk vollendet. Ich würde mich bloss wiederholen. Seit 1993 habe ich keine Spritzpistole mehr angefasst. Irgendwie ist da nichts mehr, was rausmuss. Heute beschäftigt mich nur noch das Alter. Altern ist furchtbar. Aber diese beklemmen­den Träume von früher, die sind weg.

Kürzlich hatte ich einen angenehmen Traum. Es gab auch tiefe Abgründe, aber alles war gelb und weich, wie gegossener Schaumstoff. Ich fühlte, ich könnte den Sprung wagen und es würde nicht wehtun. Eine sanfte Welt, in der man sich austoben kann. Aber keine Gummizelle.

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