Früher war er ein Hüne, gross und stark. Heute ist Karl Bürgin* nur noch gross. Gebodigt hat ihn ein Zeckenstich. Und der jahrelange Kampf um Anerkennung seiner Krankheit. Bergbauer Bürgin sagt, er leide unter den Folgen einer Borreliose. Seine Unfallversicherung und deren Gutachter sagen, das stimme nicht.


«An den Spätfolgen von Borreliose zu leiden heisst, zu krank sein zum Leben und zu wenig krank zum Sterben...»
ein Betroffener


Der 59-Jährige steht an Krücken vor dem Wohnhaus seines Hofs in der Innerschweiz. Das Tal gilt als Risikogebiet für die von Zecken übertragenen Krankheiten Borreliose und Frühsommermeningitis. Bürgin blickt mit Tränen in den Augen zum grossen Stall hinüber, wo seine 20 Kühe und Rinder standen, die er nach und nach verkaufen musste. Sagt mit einer Mischung aus Scham und Zorn: «Es war schrecklich, aber ich konnte einfach nicht mehr, konnte mit dem Willen meinen Körper nicht mehr steuern.» Er ist ständig schrecklich müde und erschlagen, die Gelenke und Muskeln schmerzen, Wahrnehmung und Empfindungen sind gestört, der Kopf pocht unerträglich. Hinzu kommen depressive Verstimmungen.

Bürgin sagt: «So kann man keinen Bauernhof betreiben. Auch meiner Frau ging irgendwann die Kraft aus.» Es blieb nur die Verkleinerung des Betriebs – obwohl der Landwirt das seit seiner Erkrankung mit aller Kraft zu verhindern versuchte.

Borreliose? – «Vermutlich nicht», sagt der Arzt

Angefangen hatte es im Hochsommer 2012 mit einem Zeckenstich. Die für eine Infektion typische Hautrötung an der Stichstelle, die sogenannte Wanderröte, erscheint nur zart und verflüchtigt sich schnell. Bürgin markiert die Stelle mit Kugelschreiber. Es zeigen sich keine weiteren Rötungen. 


«Die oft unentdeckten Zeckenkrankheiten verursachen immense soziale und private Kosten.»
Zeckenliga Schweiz


«Anfang Oktober suchte ich den Hausarzt auf, es ging mir so miserabel, dass meine Frau mich hinfahren musste.» Bürgin erzählt vom Zeckenstich. Ob er sich vielleicht eine Borreliose-Infektion geholt haben könnte? Vermutlich nicht, meint der Arzt und schickt den Mann wieder nach Hause.


«Borreliose, die nicht behandelt wird, kann bis zur Invalidität führen.»
Zeckenliga Schweiz


In der Schweiz infizieren sich jedes Jahr rund 10'000 Personen mit Borrelien. So heissen die Bakterien, die die Krankheit auslösen. Wenn eine Borreliose sofort mit einer mehrwöchigen Antibiotikakur behandelt wird, bestehen gute Aussichten auf vollständige Genesung.

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Allerdings zeigen sich die Symptome der Krankheit nicht immer gleich ausgeprägt, die Diagnose ist deshalb schwierig. Die Wanderröte ist zwar ein Indiz für den Infekt, sie kann aber auch ausbleiben. Frühe Symptome wie Fieber, Müdigkeit und Schweissausbrüche werden oft mit einer Grippe verwechselt. Hinzu kommt, dass die Krankheit eine Vielzahl an Symptomen auslöst und unter Umständen auch mal «schläft», um dann wieder aufzuflackern. Und weil sogar Blutuntersuchungen nicht immer aussagekräftig sind, werden die Leiden vieler Infizierter als Hypochondrie abgetan.

Wenn der Infekt nicht erkannt wird, drohen Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems, der Gelenke, der Haut und des Bindegewebes, innerer Organe sowie der Psyche bis hin zu Lähmungserscheinungen und drastischen Persönlichkeitsveränderungen. Manch einer landet in der Invalidität, im Rollstuhl oder in der Psychiatrie. Auch Karl Bürgin droht die Invalidität. Die Abklärungen für eine IV-Rente laufen.

Erschöpft nach einer halben Stunde Arbeit

Schon vor dem Zeckenstich war Karl Bürgin in psychiatrischer Behandlung. Zwei schwere Arbeitsunfälle hatten ihn aus der Bahn geworfen. Die physischen Verletzungen waren laut Austrittsberichten zwar gut verheilt. Doch seither plagten den grossen Mann depressive Verstimmungen. Er haderte mit Todesängsten. «Noch heute quält es mich, wenn ich lese oder höre, dass ein junger Mensch gestorben ist oder sich das Leben genommen hat», sagt der grosse Mann. Dass er sich unabhängig vom Zeckenstich psychologische Hilfe geholt hatte, wird die Unfallkasse später gegen ihn verwenden.


«Wegen fehlender typischer Symptome oder unklarer Laborbefunde wird Patienten oft eine Therapie verweigert.»
Zeckenliga Schweiz

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Bürgin schildert dem Psychiater seine Beschwerden. Erzählt von seiner Befürchtung, eine Borreliose-Infektion zu haben. Der Psychiater rät zu einer Blutuntersuchung. Doch der Hausarzt verschreibt stattdessen mehr Antidepressiva und Schmerzmittel und ordnet ein MRI von Bürgins Schädel an. Mit Verdacht auf einen Hirntumor.

Dann der Neurologe. Der zieht eine beginnende Alzheimerdemenz in Betracht, aber auch eine Pseudodemenz. Darunter versteht man Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen, die bei Depressionen vorkommen können. Schliesslich war Bürgin aktenkundig depressiv gewesen.

Bürgin erträgt die Krankheit tapfer. Die Schmerzen sind das eine. Er ist so lichtempfindlich, dass die Vorhänge im Haus gezogen bleiben müssen. Er wird vergesslich, ist manchmal verwirrt. Giesst auch mal Öl in den Benzintank der Kettensäge. Mähen mit der Maschine wird zum Hochrisikounterfangen, Traktor fahren auch. Nach einer halben Stunde Arbeit ist er so erschöpft, dass er sich hinlegen muss. «Abends waren die Schmerzen in der Hüfte so stark, dass ich nicht einmal eine Hose auf der Haut ertrug», erzählt der Bergbauer. Doch obwohl er seinen Hausarzt wiederholt auf den Zeckenstich anspricht, verschreibt der ihm weiterhin nur Antidepressiva und Schmerzmittel.


«Borreliose tötet nicht, sie nimmt das Leben.»
eine Betroffene


Monat um Monat, Jahr um Jahr kämpft sich Bürgin durch den harten Bauernalltag. Mit und neben ihm krampft seine Frau, eine zierliche Mittfünfzigerin mit dem abgeklärten, duldsamen Blick, der zeigt, wie viel sie durchgemacht hat. «Es war nicht immer einfach», sagt sie. «Zu sehen, wie er leidet. Und wir wussten ja nicht, was er hatte. Aber auch seine Launen zu ertragen. Und dass seine Beschwerden unseren Alltag dominierten.» Dann sind da auch noch Existenzängste. Nach wie vor.

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«Ich wurde immer schwächer, konnte ohne Krücken nicht mehr gehen. Und die Tabletten halfen kaum. Ich brauchte immer mehr und immer stärkere Schmerzmittel, auch opiathaltige wie Tramal und Oxycontin. Bis zu 16 Tabletten täglich habe ich geschluckt», erzählt Bürgin. Er spricht schnell, getrieben. Als fürchte er, nicht alles unterzubringen, nicht alle Argumente darlegen zu können. Einmal mehr missverstanden, nicht ernst genommen zu werden. 

Früher habe man auf seinem Rücken Holz scheiten können, sagt er und meint damit: «Ich war die Ruhe selbst.» Heute sei er wegen nichts und wieder nichts auf der Palme, sei ungerecht, aufbrausend, cholerisch. Und gleichzeitig schnell den Tränen nah. «Aber ich hab die beste Frau der Welt.» Karl hat feuchte Augen. Lisa auch.

Der neue Arzt reagiert schnell

Ende 2015, drei Jahre nach dem Zeckenstich, wechselt der Bauer auf Drängen seiner Frau den Arzt. Der Neue reagiert schnell. Ein Bluttest ergibt am 6. Januar 2016: Bürgin hat eine unerkannte Frühsommermeningitis durchgestanden. Eine Hirnhautentzündung, die von Zecken übertragen wird. «Kein Wunder, hatte ich so entsetzliche Kopf- und Genickschmerzen.» 

Zudem stellt der neue Arzt einen behandlungsbedürftigen Borrelieninfekt Stadium II bis III fest. III steht für Spätstadium. Eine Antibiotikakur bringt Linderung. Für gewisse Zeit. «Ich war erleichtert, dass es jetzt endlich bewiesen war», sagt Bürgin. «Ich ahnte damals nicht, dass die Unfallkasse das anders sehen würde.»


«Ein hoher Anteil der Patienten hat Schwierigkeiten mit Versicherungen und Krankenkassen, die die Kosten nicht übernehmen wollen.»
Zeckenliga Schweiz

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Der neue Hausarzt meldet den Fall bei Bürgins privater Unfallversicherung an. Denn Zeckenstiche gelten per Gesetz als Unfall. Doch der Unfallversicherer will davon nichts wissen. Neurologische Untersuche sollen Klarheit bringen. Der Tenor: möglicherweise eine beginnende Demenz. Oder eben doch nur eine Depression. Und die schmerzenden Gelenke? Abnützungserscheinungen und Spätfolgen seiner Arbeitsunfälle.

Bauer Bürgin erschöpft.

Bürgin, der grosse Mann, gibt auf. Das bisschen Kraft, das ihm noch bleibt, braucht er zum Leben.

Quelle: Kornel Stadler

Schliesslich die Absage der Kasse: Da die Diagnose Borreliose nach Zeckenstich erstmals im Januar 2016 gestellt worden sei, die körperlichen wie psychischen Schmerzen aber schon längere Zeit bestünden, könnten sie nicht mit einer allfälligen Borreliose in Zusammenhang gebracht werden, begründet der zuständige Sachbearbeiter Ende 2016.

Bürgin nimmt sich einen Anwalt und erhebt Einsprache. Doch die Unfallkasse bleibt bei ihrem Entscheid. Obwohl Bürgins früherer Psychiater der Versicherung schreibt, dass sein Patient im Herbst 2012 alle typischen Borreliose-Symptome aufwies. Und dass er den Hausarzt angewiesen hatte, eine Laboruntersuchung vorzunehmen. Was dieser nicht tat.

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Ein halbes Jahr zieht ins Land, bis die Unfallversicherung antwortet. 2015 sei zwar eine Borreliose-Infektion festgestellt worden. Wann diese erfolgt sei, sei nicht mehr nachweisbar. Eine kausale Zuordnung der aktuellen oder früheren Beschwerden sei deshalb rein spekulativ. Der Antrag auf Unfall sei abgelehnt. Die konkreten Abklärungs- und Behandlungskosten der Borreliose von 2015 übernehme man selbstverständlich.

Karl Bürgin, der grosse Mann, gibt auf. Das bisschen Kraft, das ihm noch bleibt, braucht er zum Leben.


*Name geändert

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Tina Berg, Online-Redaktorin

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