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EisenmangelWie nützlich sind Eiseninfusionen wirklich?

Die Helsana und andere Krankenkassen wollen Eiseninfusionen nicht mehr einfach bezahlen. Die Gründe: Zweifelhafter Nutzen und hohe Kosten.

Erschöpfung ist eines der Symptome bei Eisenmangel.
von aktualisiert am 04. Januar 2018

Peter Meyer schlug einen scharfen Ton an: «Ich möchte dem sparwutgetriebenen, willkürlichen Sturm, den die ignorante Helsana hier vom Zaun reisst, ärztliche Kompetenz und Interesse fürs Wohl der Patienten gegenüberstellen», so der Zürcher Arzt im November in der «Schweizerischen Ärztezeitung».

Aber nicht nur gegen die Krankenkasse Helsana schoss der «Eisenarzt», sondern auch gegen die eigene Gilde. Bei einigen Kollegen sei eine «erschütternde Unkenntnis über das Eisenthema und die moderne Therapie auszumachen». Es gehe um nichts weniger als die «ärztliche Therapiefreiheit», um «geplagten Frauen ihr Eisen ersetzen zu dürfen, dessen Verlust hoch krankheitswertige Symptome verursacht».

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Hunderte von Frauen behandelt

Die ärztliche Therapiefreiheit, die Meyer so vehement einfordert, bezieht sich auf sein Kerngeschäft: Eiseninfusionen. Bei Eisenmangel verordnet er keine Tabletten, sondern spritzt den Patientinnen den Stoff ins Blut. Meyer bezeichnet seine Hausarztpraxis als «ärztliches Eisenzentrum Zürich», hier hat er schon Hunderte von Frauen, aber auch Kinder mit Eiseninfusionen behandelt.

Das ist für Meyer und andere «Eisenärzte» ein Allheilmittel gegen Beschwerden wie Nackenverspannungen, Konzentrationsstörungen, Erschöpfung, Restless-Legs-Syndrom, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Depressionen oder Haarausfall.

Seit 1998 sind Eiseninfusionen durch die Grundversicherung gedeckt. Eine intravenöse Behandlung ist schnell 500 bis 1000 Franken teuer – während eine Monatspackung Eisentabletten bloss Fr. 8.60 kostet.

Weil die Ausgaben für die modischen Eiseninfusionen kontinuierlich gestiegen sind, legen sich einige Krankenkassen quer. Zuerst Sanitas und Atupri, nun auch die Helsana. Sie verlangt seit diesem Sommer bei Peter Meyer vor jeder Eiseninfusion eine Kostengutsprache – «als ob der front-ferne Vertrauensarzt aus den Angaben auch nur annähernd abschätzen könnte, ob diese Patientin nun wirklich den Lebensgrundstoff Eisen braucht oder nicht», wettert Meyer.

Helsana pocht auf Aufklärungspflicht

Die Helsana hat Meyer in Verdacht, dass er auch dann Eisen spritze, wenn die Patienten den Stoff gar nicht brauchten. «Wir sehen, dass Dr. Meyer auch bei höheren Blutwerten Eiseninfusionen gibt», schreibt Helsana-Mediensprecher Stefan Heini. Das liege zwar in seinem ärztlichen Ermessen, aber: «Wir wollen erstens, dass er seine Aufklärungspflicht an den Patienten wahrnimmt. Und zweitens, dass er eine saubere Unterscheidung macht zwischen Pflichtleistung und Nichtpflichtleistung.» Deshalb sei die Helsana mit Meyer «im Gespräch».

Auch das Bundesamt für Gesundheit hat Eiseninfusionen wegen der steigenden Kosten im Visier. Es lässt sie über ein sogenanntes Health Technology Assessment grundsätzlich überprüfen, um festzustellen, wann eine Infusion gerechtfertigt ist und wann nicht. 2018 sollen die Ergebnisse da sein.

Eisen ist enorm wichtig

Wie viel Eisen braucht der Mensch? Tatsache ist, dass Eisen im menschlichen Körper, ja überhaupt in biologischen Organismen eine zentrale Rolle spielt. Seine bekannteste Funktion besteht darin, Sauerstoff in den roten Blutkörperchen zu transportieren. Damit die Muskeln leistungsfähig sind, braucht es also Eisen im Blut. Darauf angewiesen sind auch die Mitochondrien, die als «Kraftwerke der Zellen» gelten, sowie kognitive Funktionen wie der Dopamin-Stoffwechsel im Hirn.

Der Körper verliert jeden Tag 1 bis 2 Gramm Eisen. Diese Menge muss er sich über die Nahrung wieder zuführen. Die Gesamtmenge im Körper ist gering, sie beträgt beim Erwachsenen 4 bis 5 Gramm. Davon entfallen drei Viertel auf aktive biologische Verbindungen, insbesondere das Hämoglobin – den Blutfarbstoff in den roten Blutkörperchen.

Das restliche Viertel sind Eisenreserven. Sie werden in der Leber, in den Makrophagen und den roten Blutkörperchen gespeichert, hauptsächlich in Form des Proteins Ferritin. Am sogenannten Ferritinwert orientieren sich Ärzte, um festzustellen, wie hoch die Eisenspeicher im Körper gefüllt sind.

«Das Thema ist interessant, aber man sollte nur das tun, was wirklich wissenschaftlich belegt ist.»

 

Pierre-Alexander Krayenbühl, Eisenspezialist und Chefarzt am Spital Linth

Dabei gilt in der Fachwelt: Ein Ferritinwert unter 15 Mikrogramm (15 Millionstel Gramm) pro Liter Blutserum deutet auf einen leeren Eisenspeicher hin. So definiert zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation WHO eine therapiebedürftige Eisenschwelle. Die Daten stammen aus den Untersuchungen des Eisenspezialisten Pierre-Alexandre Krayenbühl an der Universität Zürich. Dem «Spiegel» sagte der heutige Chefarzt des Spitals Linth: «Das Thema ist interessant, aber man sollte nur das tun, was wirklich wissenschaftlich belegt ist.»

Um wissenschaftliche Belege aber foutieren sich die «Eisenärzte», die sich im Netzwerk Swiss Iron Health Organization (Siho) zusammengeschlossen haben. «Die halbe Menschheit leidet an einem unbehandelten Eisenmangel», behauptet etwa der Internist Beat Schaub aus Binningen BL. Er hat die Siho aufgebaut und eigene Richtlinien zur Eisenbehandlung ersonnen. Garniert mit einem Eisenblog, einer Eisenresolution, einem Eisentherapiebuch für Frauen und neuerdings einer Eisenliga, in der die Siho dankbare Patienten hinter sich schart.

Den WHO-Empfehlungen halten Schaub und seine Mitstreiter ihre eigenen Praxisstudien («Eurofer») entgegen. Sie belegen angeblich den Nutzen von Eiseninfusionen bei weit höheren Ferritinwerten. «Unter 100 ist kein Effekt zu erwarten», sagt Peter Meyer, und «zum Wohlsein» brauche es 160 bis 180 Mikrogramm.

Infusionen sind sehr lukrativ

Ob solcher Äusserungen schüttelt Thomas Rosemann den Kopf. Der Direktor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Zürich hält die Aktivitäten der Siho für hochgradig unwissenschaftlich. «Diese Ärzte haben eine verzerrte Wahrnehmung», sagt Rosemann. «Sie sehen nur dankbare Patientinnen und werden von den Herstellern hofiert, weil sie deren teure Produkte verkaufen. Und für sie selber ist die Sache ebenfalls lukrativ.» Evidenzbasierte Fakten würden übergangen – das findet Rosemann besonders bedenklich. «Statt die Evidenz zu akzeptieren, argumentieren sie mit ihren Erfahrungen.» Es sei dasselbe Verhalten, das man von den Komplementärmedizinern kenne.

Rosemann ist überzeugt, dass es der Siho weniger um das Wohl der Patientinnen geht, sondern vor allem ums eigene Portemonnaie. Und so traurig das sei: Wenn Ärzte nicht bereit seien, wissenschaftliche Evidenz umzusetzen, dann müssten es eben die Krankenkassen tun.

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4 Kommentare

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sonnenschein
wenn man weder Eiseninfusion noch Tabletten vertragt, wie kommt man dannuu einem guten Eisenwert, wenn der Ferritin im Keller ist. Das würde mich viel mehr interessieren
krofolus
Es ist traurig, dass so gegen diese sehr Innovativen Ärzte geschossen wird und eine Therapie, die Vielen tatsächlich hilft, bei den Kassen ausgeschlossen werden soll! Ich selbst bin Patientin von Dr Schaub in Binningen und habe durch die Eiseninfusionen keine Migräne mehr, keine Kopfschmerzen, keine Muskelverspannungen, und auch andere Symptome sind verschwunden. Natürlich benötige ich keine Migränemittel mehr, keine Muskelrelaxantien,keine Eisentabletten ( etc)... fragt sich, WER denn da um den Verdienst kämpft! Mir geht es nur gut bei einem bestimmten, persönlichen Eisen- Spiegel, der relativ hoch ist. Ich spüre aber selbst ohne Kontrolle, WANN mein Eisenspiegel absinkt! Werden diese Infusionen nicht mehr von der Kasse bezahlt, kann ich sie als chronisch kranke Person nicht mehr bezahlen. Es entsteht eine Zweiklassen- Medizin! Wollen wir das??? Ich frage mich wirklich, welche Lobby hier durch diesen Artikel unterstützt wird vom Beobachter! Mir scheint eher, dass hier hinter der Bühne die Pharma im Spiel ist. K.Ro
nick2017
Sind folgende Werte wirklich korrekt? „Der Körper verliert jeden Tag 1 bis 2 Gramm Eisen. Diese Menge muss er sich über die Nahrung wieder zuführen. Die Gesamtmenge im Körper ist gering, sie beträgt beim Erwachsenen 4 bis 5 Gramm.“
ernst.kaeser
Das habe ich mich auf gefragt. Die Mengenangaben sind wohl um ein paar Kommastellen verschoben. Gemäss den Angaben aus Netdoktor.de beträgt der Verlust an Eisen pro Tag 1 bis 2 "Milligramm". Der Bedarf an Eisen pro Tag wird mit ca. 10 bis 20 Milligramm angegeben. Aber wer hat schon so eine genaue Waage, dass er das messen und behaupten kann. Das sind wohl sogenannte "Richtwerte". Bei einzelnen Menschen kann das sicher stark abweichen. Aber wer weiss denn heute überhaupt noch was richtig ist. Gestern hui heute pfui oder auch umgekehrt: Heute hui und gestern pfui. Die Hauptsache wird dabei sein, dass irgend jemand an der Sache gut verdient. Das muss besonders im Gesundheitswesen vermutet werden.