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Autismus«Als unhöflich wahrgenommen»

Experte Matthias Huber, selbst vom Asperger-Syndrom betroffen, über die Vorurteile gegenüber Autisten – und über ihre Art, zu ­denken und wahrzunehmen.

«Ein Autist meidet den Blickkontakt, um nicht abgelenkt zu werden»: Matthias Huber, Psychologe und selbst von Asperger-Syndrom-Betroffener

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Beobachter: Sie wollen vermitteln zwischen Menschen mit und ohne Autismus. Wie denn?
Matthias Huber: Jeder Mensch, ob mit oder ohne Autismus, hält seine Art der Wahrnehmung für die einzige und ausschliessliche und interpretiert aus dieser heraus. Ich versuche, mit Informationen und Beispielen die unterschiedliche Wahrnehmungsweise von Menschen mit und ohne Autismus aufzuzeigen.

Beobachter: Können Sie ein Beispiel geben?
Huber: Ein autistisches Kind will im Kindergarten partout die Toilette nicht benutzen. Die Kindergärtnerin hält das Kind für ungehorsam oder vermutet, es habe noch nicht gelernt, allein aufs Klo zu gehen. Das Kind hingegen weiss von zu Hause, wie eine «richtige» Toilette aussieht, hat eine klare Vorstellung. Das WC im Kindergarten ist jedoch kleiner. In der Wahrnehmung des Kindes ist es folglich kein «richtiges» WC.

Beobachter: Was stresst autistische Kinder am meisten?
Huber: Unstrukturierte Situationen, von denen sie nicht alle Schritte kennen, oder nicht recht­zeitig angekündigte Alltagsveränderungen. Um etwa die Entscheidung treffen zu können, mit ins Kino zu gehen, muss ein autistischer Jugendlicher genügend Vorinformationen haben, zum Beispiel: Welches Kino? Wie kommt er hin? Wer geht mit? Wer sitzt in welcher Reihenfolge nebeneinander? Wovon handelt der Film? Wie lange dauert er? Wie lange dauert die Pause? Was wird in der Pause gemacht? Kann er in der Pause auch im Sessel sitzen bleiben? Wo sind die Toiletten? Schlimm ist es für autistische Kinder auch, wenn man von ihnen erwartet, dass sie im sozioemotionalen Bereich gleich reagieren wie andere Kinder, zum Beispiel Dankbarkeit zeigen, wenn sie ein Geschenk bekommen.

Beobachter: Womit haben erwachsene Autisten zu kämpfen?
Huber: Eines der gängigsten Missverständnisse ist, dass Autisten als uninteressiert oder unhöflich wahrgenommen werden, etwa weil sie ihrem Gegenüber im Gespräch nicht in die Augen schauen. Wenn man einem Nicht-Autisten aber erklärt, dass ein Autist den Blickkontakt meidet, um von den Gesichtsbewegungen des Gegenübers nicht abgelenkt zu werden, damit er dem Gespräch überhaupt folgen kann, sorgt man für Verständnis und beugt Fehldeutungen vor. Menschen mit autistischer Wahrnehmung brauchen auch häufig mehr Zeit zum Antworten. Was wie eine Sendepause wirkt, ist oft ein Zeichen von angestrengtem Nachdenken.

Beobachter: Wie helfen Sie Menschen mit Autismus?
Huber: Indem ich als Übersetzer zwischen den Wahrnehmungswelten wirke und Tipps gebe. Wenn ein Erwachsener beispiels­weise im Arbeitsleben häufig Gespräche führen muss, kann er seinem Gegenüber auf ein Ohr schauen statt in die Augen. Der Gesprächspartner hat das Gefühl der Wertschätzung, die der Blickkontakt mit sich bringt, und der Autist kann sich auf das Gespräch konzentrieren, ohne vom Blick des Gegenübers abgelenkt zu werden.

Beobachter: Mit wem pflegen autistische Menschen eher Freundschaften: mit anderen Autisten oder mit Nicht-Autisten?
Huber: Das ist unterschiedlich. Häufig ist der gemeinsame Nenner aber ein Interessen­gebiet, etwa mathematische Formeln, Sternbilder oder die Tierwelt. Wobei es nicht immer einfach ist, das Spezialinte­resse eines Menschen mit Autismus he­rauszufinden. Nachfragen nützt unter Umständen nichts: Ein Autist weiss nicht un­bedingt, was ein Nicht-Autist unter dem Begriff «Hobby» versteht.

Beobachter: Was muss man unbedingt beachten, wenn man einen Autisten näher kennenlernt?
Huber: Hinderlich ist es, wenn man glaubt, zu wissen, wie der andere tickt. Je mehr präzisere Informationen man über den anderen Menschen bekommt, umso grösser ist die Wahrscheinlichkeit, ihn besser zu verstehen. Wichtig ist, dass man akzeptiert, dass es mindestens zwei Blickwinkel gibt. Wenn man etwa gemeinsam einen Raum betritt, wird sich der Nicht-Autist vermutlich zuerst einen Überblick verschaffen, während sich der autistisch Wahrnehmende den Details widmet. So weiss der eine nachher, dass er in einem Grossraumbüro war, während der andere zum Beispiel präzise rekonstruieren kann, wie viele Steckdosen sich im Raum befanden.

Beobachter: Was macht einen Autisten glücklich?
Huber: Vielleicht, wenn er sich mit seinen Spezial­interessen beschäftigen, sich mit anderen darüber austauschen kann. Oder wenn er oder sie, wie jeder andere Mensch auch, immer wieder die Erfahrung macht, verstanden und akzeptiert zu werden.

Matthias Huber, 43, ist Pädagoge und Psychologe. Er ist vom Asperger-Syndrom betroffen und hat mit einem Stipendium der Stiftung zur Förderung körper- und sinnesbehinderter Hochbegabter Vaduz (FL) ­studiert. Er arbeitet im Moment an seiner Doktorarbeit zum Thema Asperger-Syndrom. Mit Vorträgen im In- und Ausland vermittelt er zwischen herkömmlich Wahrnehmenden und Autisten. An der Kinder- und ­Jugendpsychiatrischen Poliklinik Bern bietet er eine Autismus-Sprechstunde für Diagnostik, Beratung und Weiterbildung für Kinder und Jugendliche an.

Was ist Autismus?

Autismus ist keine psychische Krankheit und auch keine geistige Behinderung, sondern eine tiefgreifende, angeborene Entwicklungsstörung. Sie zeigt sich schon im frühesten Kindesalter und äussert sich in Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörungen: Schwächen im sozialen Austausch, im Einfühlungsvermögen gegenüber Dritten und in der Kommunikation. Männer sind viermal häufiger betroffen als Frauen. Viele Autisten erzählen, dass sie wie gefangen sind hinter einer Glasscheibe, die sie von anderen trennt. Zugleich beschreiben sie, dass sie sich selbst nicht mehr spüren können, wenn andere in der Nähe sind und sie nicht genügend Rückzugsmöglichkeiten haben.

Menschen mit Autismus fällt es unter Umständen auch schwer, Gesichter und Mimik zu erkennen. Die Wahrnehmung ist vielmehr aufs Detail beschränkt. Sinneseindrücke wie Geräusche, Licht, Gerüche und Schmerz werden oft viel stärker oder seltener auch schwächer wahrgenommen. Kinder mit Autismus-Syndrom lernen zudem oft viel später sprechen als andere Kinder.

Die übersteigerte Wahrnehmung kann aber auch eine Stärke sein, etwa wenn es um Aufmerksamkeit, Gedächtnis und analytisches Denken geht. Immer mehr Firmen, insbesondere im Informatikbereich, machen sich diese Stärken zunutze und beschäftigen teilweise gar ausschliesslich Asperger-Autisten.

Die Ausformungen eines Syndroms können sehr unterschiedlich und verschieden stark sein. Man unterscheidet drei Arten:

  • Beim frühkindlichen Autismus (Kanner-Autismus) zeigt sich autistisches Verhalten schon sehr früh und ausgeprägt.
  • Asperger-Autismus: Die soziale Beeinträchtigung ist nicht so stark ausgeprägt. Betroffene können ein selbständiges Leben führen. Asperger-Autisten sind oft hoch begabt.
  • Beim atypischen Autismus sind nicht alle Symptome vorhanden, oder sie sind nicht sehr ausgeprägt.


Hinzu kommen zwei Faktoren: die Ausprägung der autistischen Störung und die kognitiven Fähigkeiten, also die Intelligenz. Einem hochintelligenten Autisten, dessen Symptome stark ausgeprägt sind, wird es schwerer fallen, ein selbständiges Leben zu führen, als einem mit eher schwachen intellektuellen Fähigkeiten und wenig ausgeprägten Autismus-Symptomen.

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Wann lohnt sich eine Abklärung?

Je früher die Diagnose Autismus gestellt wird, umso früher kann das Kind gefördert werden. Bereits im Alter von 12 bis 24 Monaten sind Verhaltensauffälligkeiten bemerkbar.

Kinder mit einer Autismus-Störung lassen folgende Verhaltensweisen vermissen:

  • anderen Menschen Sachen zeigen, die sie interessieren (zum Beispiel Hinstrecken des Teddybären)
  • Koordination von Blick, Geste, Artikulation und Gesichtsausdruck
  • Interesse und Freude mit anderen teilen
  • auf ihren Namen reagieren
  • mit freudigem Gesichtsausdruck auf ebensolche Mimik des Gegenübers reagieren
  • Mitmenschen auf Dinge aufmerksam machen, die ihr Interesse erregt haben
  • mit unterschiedlichen Spielsachen spielen
  • auf Stichworte inhaltlich angemessen reagieren
  • anderen Menschen in die Augen schauen
  • sinnstiftende Silben benutzen


Folgende Verhaltensweisen sind dafür häufig:

  • repetitive Bewegungen mit Gegenständen (dreht nur am Rad des Spielzeugautos, statt mit dem ganzen Auto zu spielen)
  • repetitive Bewegungen («Tics»; zum Beispiel rhythmisches Herausstrecken der Zunge über längeren Zeitraum hinweg) oder seltsame Körperhaltung
  • Sprechen in einer seltsamen Stimmlage


Quelle: «New Scientist»

Veröffentlicht am 31. Januar 2011