Die Schlagzeilen lassen nichts Gutes ahnen für unser künftiges Zusammenleben mit dem neuartigen Coronavirus Covid-19 Was Sie über das Coronavirus wissen müssen : Manche Covid-19-Genesene hätten keine Antikörper im Blut. Sie wären also nicht anhaltend immun. Das hätte schlimme Folgen. Eine Rückkehr zu dem Leben, das wir als normal ansehen, wäre in absehbarer Zeit nicht möglich.

Doch die Angst ist wohl unbegründet. Denn ohne Immunität gegen den Erreger würde keine erkrankte Person gesunden. Die Forschung zeigt denn auch immer deutlicher, dass es eine durchaus übliche Immunreaktion gegen das Coronavirus gibt.

Die letzte Waffe

Die Öffentlichkeit ist bislang fixiert auf Antikörper – gibt es sie? Und wenn ja, wie lange sind sie nachweisbar? Doch Antikörper sind eben längst nicht alles, was unser Immunsystem Corona und andere Krankheit Schafft mein Immunsystem das? gegen Viren aufzubieten hat. Im Gegenteil: Sie sind sogar erst die letzte Waffe, die gegen Erreger zum Einsatz kommt. Denn es vergeht eine Woche, bis die wirkungsvollsten dieser Abwehrmoleküle, die Immunglobuline der Klasse G (IgG), in grosser Zahl gebildet werden. Bis dahin muss der Körper das Virus mit anderen Mitteln in Schach halten.

«Bei einer Virusinfektion kommt es zunächst zu einem Lockdown der Zelle», sagt Christian Münz, Professor für Virale Immunbiologie an der Universität Zürich. «Die Zelle erkennt, dass fremde Erbsubstanz eines Erregers vorhanden ist, und fährt darauf ihren Stoffwechsel so weit herunter, dass die Vermehrung des Virus verlangsamt wird» (siehe Grafik weiter unten im Artikel).

Killerzellen werden aktiv

In einer zweiten Abwehrwelle werden sogenannte natürliche Killerzellen aktiv. «Wenn sich ein Virus in einer Zelle vermehrt, verändert sich die Balance ihrer Oberflächenmoleküle», sagt Münz. «Das erkennen die natürlichen Killerzellen und töten infizierte Zellen ab.» Der Körper opfert also eigene Zellen, um die Virenproduktion einzudämmen.

Das sind allgemeine Abwehrmechanismen, die spezifisch für das neuartige Coronavirus noch nicht nachgewiesen sind. Weil sich aber auch Sars-CoV-2 nach drei Tagen nicht mehr exponentiell vermehrt, ist es naheliegend, dass wir uns auch hier auf diese ersten Immunmechanismen verlassen können.

Infografik Wellen der Immunantwort
Quelle: Anne Seeger und Andrea Klaiber
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Vier Tage nach Beginn der Infektion hat der Körper dann die dritte Abwehrlinie aufgebaut – zytotoxische T-Zellen. Sie bilden den ersten Mechanismus, der sich spezifisch gegen den Erreger richtet. «Infizierte Zellen zeigen auf ihrer Oberfläche Teile von Virusproteinen», sagt Experte Münz. «Es gibt im Körper Milliarden unterschiedlicher zytotoxischer T-Zellen. Sie patrouillieren und scannen Zellen nach dem einen spezifischen Fragment, das sie erkennen.»

Wenn eine zytotoxische T-Zelle ihr Gegenstück findet, vermehrt sie sich explosionsartig – und die entstehende Armee tötet die mit dem Virus infizierten Zellen. Wenn die T-Zellen dann millionenfach durch den Körper schwimmen, wird die Viruslast merklich reduziert – und zugleich steigt endlich als vierte Verteidigungslinie die Konzentration von Antikörpern im Blut.

«Es sind generell alle vier Abwehrmechanismen wichtig, um ein Virus zu bekämpfen. Und wir haben gute Hinweise, dass sie allesamt auch gegen Sars-CoV-2 wirksam sind», sagt Münz.

Ermutigende Resultate

Eine Studie im wichtigsten biomedizinischen Fachjournal «Cell» wies zuletzt eine Vielzahl aktiver Immunzellen nach bei Menschen, die eine milde Covid-19-Erkrankung überstanden hatten. Von 20 Teilnehmern hatten 14 zytotoxische T-Zellen – und sogar alle sogenannte T-Helferzellen, allesamt spezifisch für das neuartige Coronavirus. «Ohne T-Helferzellen gibt es keine effektiven Antikörper gegen einen Erreger. Das wird meist in der Öffentlichkeit nicht erwähnt», sagt Münz. «Ich bin anhand der Studienergebnisse sehr zuversichtlich, dass Menschen durch eine nicht sehr schwer verlaufende Covid-19-Erkrankung anhaltend immun gegen Sars-CoV-2 werden.»

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Dass manche nach einer solchen Infektion keine nachweisbaren Antikörper im Blut haben, beunruhigt den Immunologen nicht. «Das ist ganz normal. Antikörper werden abgebaut, und die Zellen, die sie produzieren, sind nicht mehr unbedingt wochenlang aktiv, wenn die Infektion überstanden ist.» Das könne daran liegen, dass die zuvor aktiven Immunmechanismen so effektiv waren, dass gar keine Antikörper mehr notwendig waren, um die Viren zu beseitigen. Oder dass nur eine kurzlebige Antikörperantwort nötig war. «Es gibt dann aber trotzdem Gedächtniszellen, die sich bei neuerlicher Ansteckung schnell teilen und dann wieder neue Antikörper produzieren.»

Dass Antikörper nicht immer nachzuweisen sind, spricht gegen Immunitätsausweise, deren Einführung gerade diskutiert wird. Sie können die Immunität nicht zuverlässig angeben, weil sie auf Grundlage von Antikörpertests ausgestellt werden. Tests auf T-Zellen wären zuverlässiger, sind aber zu aufwendig.

Verhängnisvolle Fresszellen

Mehr Sorge bereiten Christian Münz die schweren Krankheitsverläufe. «Wenn die Lunge stark befallen ist, wandern massenhaft T-Zellen dorthin.» Aber im entzündeten Lungengewebe können sie ihre Wirkung nicht entfalten. Viele sterben, sie vertragen die Stoffe nicht, die die in grosser Zahl eingewanderten Fresszellen abgeben. Die T-Zellen werden regelrecht aufgerieben – und fehlen für die Bekämpfung der Viren wie auch für das immunologische Gedächtnis. «Die Immunantwort Abwehrkräfte Was stärkt unser Immunsystem? funktioniert bei einer guten Balance», sagt Münz. «Vereinfacht gesagt, wirken T-Zellen vorwiegend günstig. Doch eine anhaltende Aktivierung der Fresszellen führt eher zur Ausschüttung schädlicher Zytokine.» Ältere Menschen können kaum noch neue T-Zellen bilden, stattdessen reagieren sie eher mit Fresszellen auf Infekte.

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Wie Patienten reagieren, hat ausserdem genetische Ursachen. In der oben genannten US-Studie fanden sich bei 30 Prozent der Teilnehmenden keine für Sars-CoV-2 spezifischen zytotoxischen Zellen. «Die wahrscheinlichste Erklärung ist, dass manche Menschen genetisch bedingt nicht auf die passenden Coronavirus-Fragmente reagieren», sagt Münz.

Dank Erkältung geschützt?

Aber generell bleiben die neueren immunologischen Erkenntnisse ermutigend. In der «Cell»-Studie wurde auch Blut gesunder Erwachsener aus den Jahren 2015 bis 2018 untersucht. 60 Prozent der Proben enthielten T-Helferzellen, die Sars-CoV-2-Fragmente erkannten. Das könnte heissen, dass ein bedeutender Teil der Bevölkerung zumindest teilweise vor Sars-CoV-2 geschützt ist, weil diese Menschen irgendwann mit herkömmlichen Corona-Erkältungsviren infiziert wurden und eine Immunantwort ausbildeten. Das sei eine verführerische Spekulation, heisst es in der Studie – mehr im Moment nicht.

Sicher ist, dass das neue Coronavirus eine starke Immunreaktion hervorruft. «Besonders die starke Antwort der T-Helferzellen macht mich optimistisch, dass es möglich sein wird, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln», sagt Christian Münz.

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