Täglich vermeldet das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die neuen laborbestätigten Covid-19-Fälle, die Anzahl Hospitalisationen und Todesfälle. Für Betroffene hat ein positives Testresultat einschneidende Konsequenzen: Sie müssen sich nach Weisung des Bundes isolieren und soziale Kontakte weitgehend meiden. Doch wie zuverlässig spiegeln die Testergebnisse das Infektionsgeschehen, wie es tatsächlich stattfindet?

Diagnostische Tests sind nie zu 100 Prozent genau. Es kommt vor, dass eine getestete Person infiziert ist, der Test aber trotzdem negativ ausfällt. Wie häufig das bei einem bestimmten Test vorkommt, sagt eine definierte Kenngrösse: die Sensitivität. Hat ein Test zum Beispiel eine Sensitivität von 99 Prozent, wird er bei 100 Infizierten 99 als positiv erkennen. Ein Infizierter wird jedoch ein falsch negatives Ergebnis erhalten. Diese Person trägt das Virus in sich, der Test hat das aber nicht erkannt.

Die zweite Kenngrösse für die Genauigkeit eines Tests ist die Spezifität. Sie sagt aus, bei wie vielen Personen ohne Virus der Test fälschlicherweise positiv ausfällt. Wenn ein Test eine Spezifität von 99 Prozent hat, wird er von 100 Personen ohne Virus eine Person fälschlich als infiziert ausweisen.

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Infografik: So viele Verdachtsfälle werden gemeldet

Infografik: So viele Verdachtsfälle werden gemeldet

Die Ärztinnen und Ärzte des Sentinella-Meldesystems melden Patienten, die die Kriterien eines Covid-Verdachts erfüllen. Verdachtsmeldungen pro Woche, hochgerechnet auf 100'000 Einwohner.

Quelle: BAG – Infografik: Andrea Klaiber

Hilfreiche Extreme

Sensitivität und Spezifität sind nicht immer gleich ausschlaggebend für die Korrektheit der Testergebnisse. Wesentlich ist hier die Verbreitung des Virus. Das lässt sich gut nachvollziehen, wenn man von den Extremen ausgeht.

In einer Population, in der alle infiziert sind, ist die Spezifität irrelevant. Es gibt in dieser Population ja keine Gesunden, die fälschlicherweise als infiziert gemeldet werden könnten.

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Genau umgekehrt sieht es aus, wenn das Virus wenig verbreitet ist. Nehmen wir an, in einer Population von 10'000 Personen sind 10 infiziert. Unser Test wird bei 100 Personen falsch positiv ausfallen. Trotz der hohen Spezifität von 99 Prozent überschätzt der Test die Infektionsrate in dieser Population um den Faktor zehn.

Wie genau sind nun die in der Schweiz verwendeten Tests? Die Verbreitung des Virus ist hier sehr gering. Die gemessene durchschnittliche Positivitätsrate der letzten zwei Wochen beträgt 4,1 Prozent. Entscheidend ist also die Spezifität.

Infografik: So viele der Covid-19-Tests zeigen ein positives Resultat

Infografik: So viele der Covid-19-Tests zeigen ein positives Resultat

Die Positivitätsrate zeigt die Anzahl positiv getesteter Personen in Bezug auf die Gesamtzahl der durchgeführten Tests pro Tag in der Schweiz.

Quelle: BAG – Infografik: Andrea Klaiber
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Einer der wichtigsten Testanbieter ist Roche. «Bei der Entwicklung des Tests sind keine falsch positiven Ergebnisse beobachtet worden», sagt ein Sprecher. Wie gut der Test die tatsächliche Infektion in realen Proben nachweist, weiss man bei Roche jedoch auch nicht. «Die einzige Möglichkeit, das festzustellen, sind klinische Studien, deren Durchführung mehrere Monate in Anspruch nimmt.»

Covid-Taskforce-Mitglied Didier Trono, Virologe an der ETH Lausanne, geht von einer sehr hohen Spezifität aus: «In einer von der Nichtregierungsorganisation Find durchgeführten Überprüfung erreichten viele kommerzielle Tests eine Spezifität von 100 Prozent.» Diese Ergebnisse haben allerdings einen begrenzten Aussagewert, weil sie nicht im realen Alltag, sondern unter kontrollierten Laborbedingungen erreicht wurden. Das Universitätsspital von Lausanne etwa verwendet einen selbst entwickelten Test und gibt dafür eine Spezifität von 99 Prozent an.

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Zur Qualitätssicherung gibt es sogenannte Ringversuche: Identische Proben werden anonymisiert an mehrere Labors verschickt. Anschliessend werden die Ergebnisse verglichen.

«Die Covid-19-Tests können nicht gleich zuverlässig sein wie andere, standardisierte Tests.»

Anonymer Laborinhaber

So schickte Instand, die Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien, Leerproben an mehrere Hundert deutsche Labors. Sie enthielten keinerlei Virenmaterial, doch 1,4 Prozent davon wurden fälschlicherweise als positiv erkannt. Das entspricht einer Spezifität von 98,6 Prozent. Fehlerhafte Ergebnisse lieferten auch Tests jener Hersteller, die in der Find-Studie 100 Prozent Spezifität erreicht hatten.

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«Die Tests wurden unter massivem Druck und innert kürzester Zeit auf den Markt gebracht. Sie können nicht gleich zuverlässig sein wie etwa Tests zur Bestimmung der roten Blutkörperchen, die hoch standardisiert und seit Jahren auf dem Markt sind», sagt ein Laborinhaber, der anonym bleiben will.

«Ursachen für fehlerhafte Ergebnisse können Verunreinigungen sein, Ungenauigkeiten bei der Entnahme oder im Labor sowie Probleme beim Transport», sagt Andreas Sönnichsen vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. Vielen Laien sei nicht bewusst, dass bei Labortests Fehler möglich seien – auch manchen Medizinern nicht. Sönnichsen geht davon aus, dass die Tests in der Praxis eine Spezifität von maximal 99,5 Prozent erreichen.

«Sicherlich gibt es einen Messfehler», heisst es beim BAG. Nicht alle Personen mit Symptomen würden sich testen lassen, bei einigen verlaufe die Infektion ohne Symptome. Es gebe einen kleinen Prozentsatz falsch positiver und falsch negativer Tests. Dieser Messfehler werde relevanter, wenn die Fallzahlen sehr niedrig seien. Solange die Testkriterien jedoch konstant blieben, bleibe auch der Messfehler konstant. «Das bedeutet, dass die Zahl der neuen Fälle proportional zur Zahl der Neuinfektionen sein sollte. Damit kann man versuchen, Trends zu erkennen», so der BAG-Sprecher.

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«Positiv» heisst nicht «befallen»

Selbst die um den Spezifitätsfaktor fehlerkorrigierten Daten sind mit Vorsicht zu interpretieren, wenn man Rückschlüsse auf das tatsächliche Infektionsgeschehen ziehen will. Laut Auskunft der Labors bedeutet ein positives Testergebnis lediglich, dass bei der getesteten Person die für das Coronavirus typischen Gensequenzen gefunden wurden.

So heisst es in einem Merkblatt von Swissmedic, der Zulassungs- und Kontrollbehörde für Heilmittel: «Der Nachweis der Nukleinsäure gibt keinen Rückschluss auf das Vorhandensein eines infektiösen Erregers. Dies kann nur mittels eines Virusnachweises und einer Vermehrung in der Zellkultur erfolgen.»

Auch die Virenlast, die Menge der vorhandenen Viren, ist durch die verwendeten PCR-Tests nicht zuverlässig zu bestimmen. So sagen sie wenig über die Infektiosität einer Person aus. In Deutschland fordern Fachleute deshalb die Verwendung besserer Tests, die auch Informationen zur Virenlast liefern.

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Um die Bedrohung durch das Virus zu beurteilen, muss man laut Experten weitere Daten wie etwa die Hospitalisationen und die eventuell daraus folgenden Sterbezahlen betrachten. Beide Kenngrössen zeigen in den letzten Wochen nur einen kleinen Anstieg im untersten Prozentbereich.

Infografik: So viele erkranken schwer oder sterben

Infografik: So viele erkranken schwer oder sterben
Quelle: BAG – Infografik: Andrea Klaiber

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