Selten trifft ein geflügeltes Wort so zu wie im Fall der Grippeimpfung: Nützt es nichts, so schadet es nicht.

Eine aktuelle Analyse kommt zum Schluss, dass die Impfung längst nicht so gut wirkt, wie vielfach geglaubt wird. Um einen einzigen Grippefall zu verhindern, müssen 71 gesunde Personen geimpft werden – oder 30 Personen, die älter als 65 Jahre alt sind.

Dazu kommt: Die Impfung mindert das Risiko, wegen Grippe ins Spital zu kommen, wenig bis gar nicht. Genauso gering ist der Einfluss auf Absenzen bei der Arbeit, auf Grippekomplikationen und die Sterblichkeit.

Die unabhängige Schweizer Zeitschrift «Pharma-Kritik», die seit Jahren unerwünschte Wirkungen von Medikamenten untersucht, schreibt zu ihrer Analyse: «Die Grippeimpfung wird wohl gerade bei der Population mit dem höchsten Komplikationsrisiko überschätzt, denn trotz eines immer höheren Durchimpfungsgrads der Bevölkerung konnte die gesamte Grippesterblichkeit nicht in relevantem Masse reduziert werden.»

Hunderte Tote

Doch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) propagiert die Impfung seit Jahren. «Das wirksamste Mittel zur Vorbeugung einer Grippeerkrankung ist die Grippeimpfung», heisst es. Und: «Die Impfung schützt die Mehrzahl der geimpften Personen vor einer Grippeerkrankung und deren Folgen.» Mehr noch: «Sie schützen als geimpfte Person auch Ihre nahen Angehörigen und Mitmenschen.»

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Die Grippe ist alles andere als eine harmlose Krankheit. Jedes Jahr sorgt das Virus für 112'000 bis 275'000 Arztkonsultationen, es kommt zu Tausenden Spitaleinweisungen – und mehrere Hundert Personen sterben daran. Betroffen sind vor allem Menschen mit einem erhöhten Komplikations­risiko. Also Schwangere, Frühgeborene, Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. 90 Prozent der Todesfälle betreffen Personen im Pensionsalter.

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Das Problem der Studien

Die A­analyse von «Pharma-Kritik» basiert auf randomisierten Studien. Dabei werden die Teilnehmenden zufällig einer Gruppe zugeteilt – die einen erhalten Medikamente oder Impfstoffe verabreicht, die Kontrollgruppe ein Placebo. Randomisierte kontrollierte Studien haben die höchste wissenschaftliche Aussagekraft und gelten als Standard.

Das BAG und die Ärzteschaft ver­weisen dagegen jeweils auf Kohortenstudien. Damit sind beobachtende Studien gemeint, in denen verschiedene Personengruppen mit ähnlichen Startbedingungen miteinander verglichen werden. Kohortenstudien haben aber ein grosses Verzerrungsrisiko.

Bei der aktuellen Analyse zur Grippeimpfung bezieht sich «Pharma-­Kritik» unter anderem auf Publikationen des Cochrane-Zentrums. Diese weltweit tätige Vereinigung hat sich dem evidenzbasierten Wissenstransfer verschrieben und will Entscheidungsträger mit verlässlichen Gesundheitsinformationen versorgen.

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Schon seit 15 Jahren weist das Zentrum auf die mangelhafte Datenlage zur Grippeimpfung hin. Unter anderem hat Cochrane acht randomisierte Studien mit insgesamt über 5000 Teilnehmenden ausgewertet und ist zum Schluss gekommen: «Die Daten waren unzu­reichend, um sicher sein zu können, wie sich Impfstoffe auf die Sterblichkeit auswirken.» In einer Studie, die über Lungenentzündungen berichtete, traten nicht einmal Fälle von Lungen­entzündungen auf.

Keine Grundlage

Für «Pharma-Kritik» hat Alexandra Röllin die Datenlage analysiert. Die Berner Allgemeinmedizinerin ist unverdächtig, distanziert sich vehement von Impfgegnern und weist darauf hin, dass sie sich selbst trotz ihrer Erkenntnisse seit Jahren gegen Grippe impfe. Und doch sagt sie: «Leider ist die Grippeimpfung nicht so gut, wie wir sie gern hätten. Die Erwartungen sind eindeutig zu hoch.»

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Für ein Impfobligatorium, beispielsweise für Personen in Pflegeberufen, bestehe schlicht keine Grundlage. Trotzdem macht sie selbst mit beim Nationalen Grippeimpftag. Denn sie betont: Ein fehlender Beweis für eine Wirkung sei nicht das Gleiche wie ein Beweis für eine Nichtwirkung. Dieses Spannungsfeld müsse jede und jeder je nach Weltbild, Hoffnung, Begleit­umständen und möglichen Alternativen mit Ansichten füllen, um entscheidungsfähig zu sein.

Röllin weist auch auf eine Absurdität hin: «Ein Blick in die vorhandene wissenschaftliche Literatur lässt vermuten, dass Menschen, deren Immunsystem besser ist, auch besser auf die Grippeimpfung ansprechen. Das heisst aber umgekehrt auch, dass alle, die man eigentlich gezielt schützen will – etwa alte Menschen – eher schlecht auf die Impfung ansprechen.»

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Nähe zur Pharmaindustrie

Beim Kollegium für Hausarztmedizin, das all­jährlich mit dem BAG, der Ärzteschaft (FMH) und dem Apothekerverband den Grippeimpftag durchführt, heisst es: «Dem Kollegium ist die nicht optimale Wirksamkeit der Influenza-Impfstoffe bewusst.» Trotzdem: «Die Impfung nicht zu empfehlen, wäre aus wissenschaftlicher (…) und auch aus ethischer Sicht falsch.»

Das BAG vermeldet, man betreibe «keine aktive Kampagnenarbeit», und für Website und Werbung würden nur 40'000 Franken eingesetzt. Wie das Kollegium den Grippeimpftag finanziert, will die Organisation nicht sagen. Dokumentiert ist aber die Nähe des Kollegiums zur Pharmaindustrie: 1,12 Millionen Franken erhielt die Stiftung in den letzten fünf Jahren von einer Reihe von Pharmaunternehmen, darunter auch mehrere Impfstoffhersteller. Das geht aus den Veröffentlichungen der Firmen hervor, die ihre Gelder für Ärzte und Organisationen seit fünf Jahren offenlegen.

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Von den 20 Stiftungsräten liessen sich seit 2015 fast die Hälfte Kongress- und Übernachtungsspesen oder Beratungshonorare ausbezahlen – bis zu 40'000 Franken. Die Frage des Beobachters, wie das Kollegium mit Interessenkonflikten umgehe, liess die Institution unbeantwortet.

Der geheime Millionen-Vertrag

300 Millionen Franken hat der Bundesrat Anfang August für einen Impfstoff gegen das Coronavirus gesprochen. Dazu unterzeichnete der Bund mit dem Pharmakonzern Moderna einen Vertrag über den 
Bezug von 4,5 Millionen Impfdosen – sobald die klinischen Tests erfolgreich seien. Damit könnten rund 2,25 Millionen Menschen geimpft werden.

Ob die Schweiz dem Unternehmen bereits im Voraus Geld bezahlt, ist nicht bekannt. Die Details des millionenteuren Kontrakts sind bis heute unter Verschluss. Basierend auf dem Bundesgesetz über die Öffentlichkeit, verlangte der Beobachter Mitte August Einsicht in die Akten zwischen dem BAG und dem Pharmaunternehmen. Bis Redaktionsschluss hat das BAG die Einsicht weder bewilligt noch abgelehnt.

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Otto Hostettler, Redaktor

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