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Grauer StarWie sich Augenärzte durch die Operation bereichern

Für spezielle Linsen gegen grauen Star verlangen Augenärzte ungerechtfertigt hohe Aufschläge.

Scheinargument: Mehrkosten werden oft mit zusätzlichen Messungen gerechtfertigt.
von aktualisiert am 02. August 2018

Daniel Bruun hatte auf Radio SRF eine Sendung gehört zum Thema grauer Star. Wer eine asphärische Linse mit Blaulichtfilter wünsche, müsse mehrere Hundert Franken aus dem eigenen Sack bezahlen, hiess es darin. Die Krankenkassen würden nur eine einfache Standardlinse bezahlen. «Das ist schlicht unwahr», sagt Bruun. 

Er muss es wissen. Bruun ist Augenarzt und hat mehr als dreissig Jahre Berufserfahrung. «Meine Patienten erhalten seit ewigen Zeiten asphärische Linsen mit oder ohne Blaulichtfilter und müssen dafür keinen einzigen Franken selber bezahlen.»

Der graue Star ist die meist altersbedingte Trübung der menschlichen Linse. In einem kurzen Eingriff wird sie durch eine Kunstlinse ersetzt. Eine Umfrage des Beobachters zeigt: Bruun ist die absolute Ausnahme. Ohne Aufpreis implantiert keiner der kontaktierten Ärzte die häufig eingepflanzten Linsen mit den zusätzlichen Komfortfunktionen. Der Blaulichtfilter soll einen besseren Schutz der Netzhaut bieten, die asphärische Beschaffenheit verbessertes Kontrastsehen. Patienten, die sich am Augenzentrum Bahnhof Basel für die Linsen entscheiden, müssen mit Zusatzkosten von 280 Franken pro Auge rechnen. Bei der Vista-Klinik in Binningen BL sind es 360 Franken. Die Pallas-Kliniken mit landesweit 16 Standorten verlangen sogar 380 Franken pro Auge.

Wenig stichhaltige Begründungen

Die beiden Kliniken rechtfertigen die Zusatzkosten damit, dass Linsen mit Komfortfunktionen im Einkauf teurer und vor der Operation zusätzliche Augenmessungen nötig seien. Ausserdem müsse der Patient umfassender aufgeklärt werden. Doch wie stichhaltig sind diese Begründungen?

Dem Beobachter liegen mehrere Offerten für asphärische Linsen mit Blaulichtfilter vor. Bei den Anbietern handelt es sich um im Schweizer Markt gut eingeführte Hersteller und Vertreiber von qualitativ einwandfreien Produkten. Die offerierten Preise bewegen sich zwischen 220 und 350 Franken. 
 

Dass Krankenkassen die Kosten für Linsen mit Komfortfunktionen nicht übernehmen, ist nur die halbe Wahrheit. 


Entscheidet sich ein Patient für eine Linse mit Zusatzfunktionen, vergüten die Krankenkassen Grauer Star Was zahlt die Krankenkasse? offiziell mindestens den Betrag für eine Standardlinse. Der Augenarzt darf abzüglich seiner Rabatte für die Jahreseinkaufsmenge nichts an den Linsen verdienen. So steht es in der Generellen Interpretation (GI-20) zum Ärztetarif Tarmed.

Die Zuschläge bei Linsen mit Komfortfunktionen sollen die «umfassendere Aufklärung des Patienten» und die «zusätzlichen Augenmessungen» entgelten. Doch Daniel Bruun sagt: «Bei asphärischen Linsen sind im Vergleich zur Standardlinse nur in den allerseltensten Fällen zusätzliche Messungen nötig, und diese werden dann ohnehin meist der Kasse separat verrechnet.»

In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass die Behauptung der Augenärzte, die Krankenkassen würden die Kosten für Linsen mit Komfortfunktionen nicht übernehmen, bestenfalls die halbe Wahrheit darstellt. Grosse Kassen wie Helsana, Groupe Mutuel, Assura und andere haben einen Höchstbetrag festgelegt, bis zu dem sie die Kosten für intraokulare Linsen übernehmen. Dies unabhängig davon, ob es sich um Standard- oder Speziallinsen handelt. Bei Helsana und Groupe Mutuel liegt dieser Betrag bei 600 Franken, bei der Assura gemäss einer Sprecherin «zwischen 400 und 500 Franken».

Hinterkammerlinse
Eine Kunstlinse, wie sie bei der Operation des grauen Stars verwendet wird.
Quelle: Wikipedia

Automatisierte Rechnungen

Eine weitere grosse Kasse bestätigt dieses Vorgehen, möchte den genauen Betrag aber nicht nennen. «Ein Grossteil der Rechnungen wird automatisiert verarbeitet und ohne Auffälligkeiten nicht individuell geprüft, sofern die definierte Limite nicht überschritten wird», sagt die Sprecherin. Wenn diese Limite bekannt würde, bestehe die Gefahr, dass die Ärzte das System ausnutzen und stets genau diesen Maximalbetrag verrechnen.

Augenärzte gehören selbst unter Medizinern zu den Spitzenverdienern. Mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 345'000 Franken verdienen sie mehr als das Vierfache des Schweizerischen Durchschnittslohns. Das Einkommen des bestverdienenden Viertels beträgt gar 519'000 Franken, fast das Siebenfache des Durchschnittslohns. Die Zahlen der FMH stammen aus dem Jahr 2009. Aktuell dürften die Einkommen noch höher sein.

Die happigen Beträge sind auch darauf zurückzuführen, dass Ärzte, die nicht in einem festen Anstellungsverhältnis stehen, grossen Einfluss auf das eigene Einkommen haben. Wer viel behandelt, verdient viel. Dies zeigt sich exemplarisch an der Operation des grauen Stars (Katarakt). Jährlich werden gemäss Bundesamt für Gesundheit rund 100'000 Eingriffe durchgeführt. Es handelt sich um eine der häufigsten Operationen überhaupt.

Grosse Spannbreite

Augenärzte können den Eingriff, der nur eine gute Viertelstunde dauert, entweder als Pauschale oder im Einzelleistungstarif Tarmed abrechnen. Die Pauschale wurde im Februar vom Branchenverband der Krankenkassen, Santésuisse, und dem Verband der invasiv und chirurgisch tätigen Ärztinnen und Ärzte auf 2011 Franken festgelegt. Dem Pauschalvertrag sind 120 Ärzte entweder einzeln oder als Angestellte in einem Spital beigetreten.

Der grosse Rest rechnet nach Tarmed ab. Die Unterschiede sind enorm: «Für die Katarakt-Operation erhalten wir Rechnungen von unter 1500 Franken bis 2800 Franken. Medizinisch lässt sich diese Spannbreite nicht erklären. Wir reden hier von Routineeingriffen ohne Komplikationen», sagt Stefan Heini von Helsana.

Tarmed ist ein Mischtarif. Abgerechnet werden können Zeitleistungen wie auch Handlungsleistungen. Zeitleistungen können meist in Zeiteinheiten von 5 Minuten abgerechnet werden. Die Handlungsleistungen dagegen sind pauschal mit einer fixen Zeitdauer hinterlegt. Diese Zeitdauer ist für den Patienten nicht ersichtlich. «Durch geschickte Kombination beider Leistungstypen ist es möglich, mehr als die tatsächlich geleistete Zeit abzurechnen. Dies ist durch den Patienten nur sehr schwer kontrollierbar», sagt Matthias Müller, Sprecher des Branchenverbands der Krankenkassen, Santésuisse.

Um das Wachstum der Gesundheitskosten zu bremsen, verfügte der Bundesrat vergangenes Jahr eine Tarifsenkung bei verschiedenen Positionen des Tarmed. Darunter auch die Katarakt-Operation. Statt 37 Minuten dürfen die Ärzte nur noch 22 Minuten verrechnen. Der Aufschrei bei den Augenärzten war gross. «Eine derartig krasse Senkung verunmöglicht es in der Schweiz, kostendeckend Operationen des grauen Stars durchzuführen. Hierfür sind die Personal- und Infrastrukturkosten einfach zu hoch», sagte Frank Sachers von der Schweizerischen Ophthalmologischen Gesellschaft.

2150 Franken bei der Concordia

Bei der Concordia sind die durchschnittlichen Kosten für die Katarakt-Operation im Vergleich zum Vorjahr von 2'670 Franken auf 2'150 Franken gesunken. Anders sieht es bei der Helsana aus. «Das Rechnungsvolumen 2018 entspricht bisher dem Vorjahreswert», sagt ihr Sprecher Stefan Heini. «Wir vermuten, dass manche Leistungserbringer durch die Verrechnung von Zusatzpositionen kompensieren, etwa Material, ‹Vorbesprechung diagnostischer Eingriff› oder ‹Leistungen in Abwesenheit des Patienten›.»

«Tun Sie sich etwas Gutes.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

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1 Kommentar

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fcoster*******
Eigentlich ist es mir als Patient egal, wie viel der Augenarzt welcher die Operation macht, im Jahr verdient. Ganz vergessen im Artikel wurde auch, dass bei dieser Operation auch noch ein zweiter Arzt dabei ist, welcher die vorgängige Anästhesie macht (Wachschlaf) und auch bei der OP und nachher im Aufwachraum dabei ist. Bei mir war auch noch zusätzlich eine Assistentin dabei. Für die Speziallinse musste ich pro Auge 560 Franken zusätzlich bezahlen. Gelohnt hat es sich dennoch. Der Komfort bezüglich sehen beim Auto fahren in der Nacht, ist mit einer Speziallinse enorm höher. Das Ganze hat bei mir inkl. OP Vorbereitung etwa 40 Minuten pro Auge gedauert. Zu viele Augenärzte führen solche Graue-Star Operationen nur wegen dem Honorar durch. Auch solche, welche nicht all zu viel von der Sache verstehen. Eine Routine OP ist es nicht immer. Negative Beispiele gibt es mehrere in meinem Bekanntenkreis. Eine Freundin von uns lies sich sicherheitshalber vor etwa 4 Jahren von einem Professor operieren und diese OP ist "abverheit". Ihr Auge macht was es will....dreht selbständig links und recht. Natürlich ist nicht der Professor schuld, sondern die Patientin. Er meint sie sei einfach nervös....!!! Denke wenn die KK die Zeit und Preise nun nach unten drückt, es dann später für einige Patienten/innen enorme Folgekosten haben wird.