Vorsichtige Handynutzer wissen: Bei der Anschaffung eines Mobiltelefons sollte man auf den SAR-Wert achten. Diese spezifische Absorptionsrate gibt in Watt pro Kilogramm an, wie stark ein elektromagnetisches Feld beim Nutzen des Handys maximal auf den Körper einwirkt.

Je geringer der Wert, desto weniger wird das Gewebe durch die Strahlung erwärmt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat zum Schutz der Gesundheit Grenzwerte festgelegt. Ein Handy darf bei maximaler Sendeleistung höchstens einen SAR-Wert von 2,0 W/kg erreichen.

Vor rund anderthalb Jahren veröffentlichte die französische Regierungsagentur Agence nationale des fréquences (ANFR) nach juristischen Querelen selber gemessene Strahlungswerte Hunderter Handymodelle. Resultat: Neun von zehn Modellen, die seit 2012 getestet worden waren, überschritten die ausgewiesenen SAR-Werte teilweise deutlich.

Der zentrale Punkt: Die ANFR hat die Strahlungsintensität direkt am Handy gemessen. Die Mobilfunkhersteller wiesen demgegenüber SAR-Werte aus, die in einem Geräteabstand von bis zu 25 Millimetern vom Körper erhoben worden waren. Weil die elektromagnetische Strahlung quadratisch zum Abstand der Quelle abnimmt, sinken die ausgewiesenen Werte schnell deutlich ab. So konnten die Hersteller Telefone verkaufen, die stärker strahlen und die Grenzwerte trotzdem einhalten.

Kunden «wissentlich getäuscht»

In den USA spricht die renommierte Epidemiologin Devra Davis, Präsidentin des Environmental Health Trust (ein Umwelt- und Gesundheits-Thinktank), von einem «enormen internationalen Skandal» und rät dringlichst: «Tragen Sie nie ein eingeschaltetes Handy den ganzen Tag direkt an Ihrem Körper.»

Der französische Arzt Marc Arazi und seine Nichtregierungsorganisation Phonegate Alert werfen den Handyherstellern vor, sie hätten die Nutzer «wissentlich getäuscht» und sie einem deutlich zu hohen Strahlungsrisiko ausgesetzt. Die Organisation spricht von «Phonegate» in Anlehnung an «Dieselgate» Luftverschmutzung «Für die Hersteller ist die Diesel-Hetze ein Segen» . Also an jenen Skandal, der die Autoindustrie erschüttert, seit ausgekommen ist, dass bei den Abgasmessungen von Dieselfahrzeugen in Tests getrickst wurde, um die strengen Umweltvorgaben zu erfüllen.

Zwar haben die Handyhersteller keine Tests manipuliert. Aber sie haben dafür gesorgt, dass bis vor kurzem so gemessen werden durfte, dass ihre Geräte einen zulässigen SAR-Wert ausweisen konnten. Im Abstand von 15 bis 25 Millimetern zum Handy. Dieser Standard geht auf 1998 und auf die USA zurück. «Damals war es dort Mode, das mobile Telefon in einer Art Holster am Gürtel zu tragen, also nicht direkt am Körper», sagt Niels Kuster, Professor für Ingenieurwissenschaften an der ETH. «Doch das entspricht schon lange nicht mehr der Realität.»

Das Nutzungsverhalten hat sich klar geändert. Die flachen Smartphones sind zu ständigen Begleitern geworden. Oft werden sie in der Hosentasche getragen, direkt am Körper. Kuster hat zusammen mit zwei wissenschaftlichen Spin-off-Teams die SAR-Messverfahren entwickelt und weltweit die Technologie für die Tests bereitgestellt.

Er fordert schon lange «möglichst akkurate, möglichst realitätsnahe Messungen». Doch die Industrie habe sich lange gegen eine Messung «in touch» mit dem Handy gewehrt. Erst auf Druck der EU und von Serviceprovidern einigte man sich auf realistischere Testanordnungen. Die neueste Vorgabe bezeichnet der Experte als «Kompromiss». Der relevante Abstand am Rumpf «darf maximal noch 5 Millimeter betragen» und nicht mehr, sagt Gregor Dürrenberger, Experte bei der Swiss Research Foundation for Electricity and Mobile Communication an der ETH Zürich. «Seit Mitte 2017 müssen alle neuen Geräte diese Vorschrift einhalten.» Und dies sei auch der Fall.

Die Hersteller haben reagiert. Teilweise wurden in Updates die maximalen Sendeleistungen von Telefonen mit zu hohen SAR-Werten reduziert, um die Grenzwerte auch unter den neuen Testvorgaben zu erfüllen. Einige Geräte wurden vom Markt genommen.

Doch Tatsache bleibt: Die Mobilfunknutzer wurden bezüglich der Strahlung ihrer Handys jahrelang falsch informiert.

Risiken der Strahlung

Wie ernst ist das? ETH-Ingenieur Jürg Fröhlich vom ETH-Spin-off Fields at Work GmbH kritisiert vor allem, dass erst so spät härtere Vorgaben gemacht wurden. Aber Organisationen, die etwa die Interessen der Konsumenten in den Standardisierungsgremien vertreten könnten, seien «deutlich unterdotiert». An den langwierigen Prozessen könnten sich oft nur Interessenvertreter der Industrie eine Teilnahme leisten.

Immerhin seien die Testanordnungen und die Systeme aber stets so ausgelegt gewesen, «dass sie bei maximaler Ausgangsleistung am Ort der Messsonde einen höheren Wert erzeugen, als er in der realen Situation im Gewebe erzeugt wird». Zudem würden Mobiltelefone nur sehr selten und bei schwacher Verbindung mit maximaler Leistung senden, sagt Fröhlich.

Dennoch bleibt die Mikrowellenstrahlung des Mobilfunks mit Risiken behaftet. Gerade vor dem Hintergrund der geplanten Mobilfunkgeneration 5G 5G-Mobilfunk Strahlung mit unbekanntem Risiko . Für das «Internet der Dinge», das Milliarden Geräte digital verknüpfen will, soll in Zukunft ein neues Mikrowellenspektrum mit Frequenzen im Millimeterbereich bereitgestellt werden. Hunderte Ärzte weltweit fordern in einem Appell, dass mögliche Gefahren dieser extrem kurzwelligen Strahlung unbedingt sorgfältigst abgeklärt werden vor einem breitflächigen Rollout der 5G-Technologie.

 

90 Prozent der seit 2012 getesteten Handys überschritten die ausgewiesenen Stahlungswerte.

 

Denn Studien lieferten erst im vergangenen Jahr neue Indizien, dass die Mobilfunkstrahlung – ausser durch die erwähnten thermischen Effekte – auch auf andere Weise auf unseren Organismus einwirken kann.

So kann die Strahlendusche von Handys bei viel telefonierenden Jugendlichen eine Reduktion der Gedächtnisleistung bewirken. Das zeigt eine Studie des Basler Epidemiologen Martin Röösli und dessen Kollegen, die letztes Jahr in der Zeitschrift «Environmental Health Perspectives» veröffentlicht wurde.

Andere Studien ergaben Hinweise darauf, dass Funkwellen einer gewissen Intensität tatsächlich Krebs Neue Studie zu Handystrahlung «Die Resultate überraschten viele» verursachen können. So fanden Forscher des National Toxicology Program (NTP) im Auftrag der US-Gesundheitsbehörde FDA in Versuchen mit zwei Jahre lang bestrahlten Ratten heraus, dass einzelne Tumorarten vorab bei männlichen Ratten vermehrt auftreten. Die Ergebnisse der Studie, an der ETH-Forscher Kuster und sein Team massgeblich mitgearbeitet haben, «überraschten viele» Neue Studie zu Handystrahlung «Die Resultate überraschten viele» . Denn bisher, so Kuster, sei «kein Mechanismus bekannt, durch den elektromagnetische Strahlung Krebs verursachen könnte».

Kuster interpretiert die Resultate vorsichtig, betont aber, dass unbedingt breitere Untersuchungen zu den Auswirkungen von 5G nötig seien: «Auch wenn die Risiken sehr klein sind, sind mögliche Folgen durch die Masse der Handynutzer bedeutend.»

Vorsicht, bis Klarheit herrscht

Die wichtigste Erkenntnis aus den bisherigen Untersuchungen lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Die bald omnipräsente Mikrowellenstrahlung durch Mobilfunkanlagen birgt mehr Unsicherheiten, als es sich die meisten von uns eingestehen wollen. Sie kann sich je nach Höhe der Dosis auf lebende Organismen und unsere Gesundheit auswirken.

Das weiss auch die Mobilfunkindustrie. Nicht umsonst heisst es etwa bei Apples iPhone unter «Allgemeine Einstellungen» ganz diskret versteckt: «Um die Belastung durch Hochfrequenzenergie zu reduzieren, sollten Freisprechanlagen wie der integrierte Lautsprecher, die mitgelieferten Kopfhörer oder ähnliches Zubehör verwendet werden.»
 

  • Link-Tipp: Prüfen Sie hier den SAR-Wert Ihres Handys.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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