Marlen V. * sitzt am Stubentisch und hält ihren Unterkiefer in der Hand – eine Kopie aus Gips. Als sie vor sieben Jahren unten rechts zwei Backenzähne ziehen lassen musste, fragte sie sich: Was nun? Sie rührte Silikonpaste an, strich sich die Masse in den Mund und goss den elastischen Abdruck mit Gips aus. Wie das Profis machen. So, wie sie es selber zigfach gemacht hatte, seit sie 1952 die Prüfung zur Zahntechnikerin bestanden hatte. 

Sie dreht ihren Unterkieferabdruck und zeigt, wie sie für sich eine Goldschiene formen wollte. Eine Brücke, von den vorderen Zähnen über die doppelte Zahnlücke zum hintersten Backenzahn. «Das wäre nicht so eine komplizierte Sache gewesen», sagt sie. Früher habe sie unzählige solcher Schienen gebaut. Ihren Beruf gab sie später auf, blieb aber ihrer Passion treu. Bis heute sitzt sie fast täglich im Atelier und modelliert, schleift, poliert. Marlen V. ist jetzt 86 und produziert keine künstlichen Zähne mehr, sie kreiert Schmuckstücke. «Das Handwerk ist das gleiche», sagt sie. 

Aus der Goldschiene wurde dann doch nichts. Ein Bügel, der innerhalb der Zahnreihe verlaufen wäre, hätte sie womöglich beim Essen und beim Sprechen gestört. Ihr Zahnarzt empfahl ihr deshalb ein Implantat. Etwas, was es zu ihrer Zeit noch nicht gegeben hatte. Sie war fasziniert und stimmte dem Eingriff zu. Es sollte ein verhängnisvoller Entscheid sein. 

Marlen V. ist aufgeweckt, redegewandt und neugierig. Vor drei Jahren war das ganz anders – sie sei nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen. Sie schleppte sich vom Bett ins Wohnzimmer und zurück, hatte schwere Gleichgewichtsstörungen, konnte kaum mehr aus dem Haus. Die Ärzte hatten ihr zum Teil hoch dosiertes Lyrica verschrieben, das nervenbedingte Schmerzen lindern soll; es wird auch bei Angststörungen Störung Angst vor der Angst eingesetzt. «Es war, als wäre ich ständig im Vollrausch», erinnert sich Marlen V. 

Es begann mit einem Kribbeln

Beim Einsetzen des Implantats im Unterkiefer ging alles gut, die Wunde verheilte rasch. Monate später kribbelte es plötzlich in der rechten Wange – aber das legte sich bald wieder. 
Marlen V. leidet an Osteoporose Osteoporose Wer rastet, der wird spröde und muss sich, wie viele ältere Menschen, regelmässig Bisphosphonat spritzen lassen, schon seit Jahren. Der Wirkstoff verbindet sich in den Knochen mit Mineralstoffen und verhindert, dass sich Kalzium herauslöst. Diese Therapie soll auch den Knochenabbau bremsen

Bei der nächsten Osteoporose-Behandlung, ein halbes Jahr später, war das Kribbeln plötzlich wieder da, aber stärker. Ein weiteres halbes Jahr später war aus dem Kribbeln ein Zucken geworden. Anderthalb Jahre nach der Operation waren es brutale Schmerzen im Kieferbereich: «Es fühlte sich wie Stromschläge an.» 

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«Ich bin durch die Hölle gegangen.»

Marlen V., Rentnerin

Marlen V. suchte ihren Zahnarzt auf und konfrontierte ihn mit dem Verdacht, dass vielleicht das Implantat etwas mit den Schmerzen zu tun haben könnte. Der Arzt zuckte mit den Schultern und machte eine Röntgenaufnahme. Mit dem Zahnimplantat schien alles in Ordnung, er schickte die Patientin wieder nach Hause. 

Sie wandte sich an das Zentrum für Zahnmedizin der Uni Zürich. Dort fühlte sie sich aber nicht ernst genommen. Man riet ihr, das Implantat einfach wieder entfernen zu lassen. Ein anderes Mal ging sie mit schier unerträglichen Schmerzen in die Notfallaufnahme des Kantonsspitals. Dort verabreichten ihr die Ärzte ein starkes Schmerzmittel . Zu Hause musste sie erbrechen. Vom nächsten Medikament bekam sie einen Ausschlag. Schliesslich verschrieb man ihr Lyrica. 

«Ich konnte fast nicht mehr sprechen»

Mit diesem Medikament klangen die Schmerzen phasenweise etwas ab, aber die Nebenwirkungen Medikamente Vor schweren Schäden wird zu spät gewarnt waren happig. Vor allem die Wahrnehmungsstörungen seien grauenhaft gewesen, erinnert sie sich. Sie sei kaum mehr fähig gewesen, den Alltag zu meistern. «Ich konnte fast nicht mehr sprechen.» 

Marlen V. war damals 83. Eines Tages sagte sie sich: «Das kann es nicht gewesen sein.» Ihr war aufgefallen, dass die Schmerzen im Kiefer immer dann am stärksten waren, wenn sie die halbjährliche Bisphosphonat-Injektion erhalten hatte. Auf eigene Faust kontaktierte sie Fachleute und informierte sich, wie sich zahnmedizinische Behandlungen und Osteoporose vertragen. Sie fand Zahnärzte, die davor warnten, Patientinnen mit Osteoporose überhaupt Zähne zu implantieren. 

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Im Herbst 2018 landete sie schliesslich in der Schmerzklinik der Uni Zürich. Dort fühlte sie sich endlich ernst genommen. Der Befund: Der weit verzweigte Trigeminusnerv, der von der Schläfe über die Wange in den Kiefer verläuft, war beim Eingriff vermutlich verletzt worden. Marlen V. wurde in die Hirslanden-Klinik überwiesen, wo mit einem gezielten Eingriff ein Teil des Nervs stillgelegt wurde. Und siehe da: Die Schmerzen verschwanden von einem Tag auf den anderen. Sie konnte das Medikament reduzieren und schliesslich ganz absetzen. 

Jemand sitzt auf einem Zahnarztstuhl und krallt sich mit Händen fest.

Fast unerträgliche Schmerzen: Marlen V. muss in die Notaufnahme.

Quelle: Andreas Gefe

Heute, gut ein Jahr nach dem Eingriff und über fünf Jahre nach der Implantat-Operation, hat sie ihre Lebensenergie zurück. Sie ist wieder temperamentvoll wie früher. Zwar sei ihr Geschmackssinn eingeschränkt, aber die Schmerzen und die starken Nebenwirkungen der Medikamente sind weg. «Ich bin durch die Hölle gegangen», sagt sie und atmet tief durch. «Ich bin froh, dass der Alptraum vorbei ist.» 

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Sie orientierte damals ihre Rechtsschutzversicherung Rechtsschutz Umfassend abgesichert mit dem Beobachter , denn sie ist der Meinung, ihr Zahnarzt habe sie nicht auf das Risiko hingewiesen. «Zahntechnisch hat er zweifellos sauber gearbeitet. Aber ein möglicher Einfluss der Therapie gegen Osteoporose war nie ein Thema.» Sie war eine langjährige Patientin bei ihrem Zahnarzt, er habe von der Osteoporose und der Bisphosphonat-Therapie gewusst.

Das Gutachten

Dann beginnt der zweite Alptraum. Der Anwalt ihrer Rechtsschutzversicherung soll abklären, ob der Zahnarzt juristisch belangt werden kann. Deshalb lässt er von einem zahnärztlichen Gutachter prüfen, ob Marlen V. richtig behandelt und über die Risiken aufgeklärt wurde. Der Gutachter sei «eine Koryphäe auf seinem Gebiet», hält der Anwalt fest. 

Der Gutachter findet in der elektronischen Krankenakte Patientenakten Welche Rechte haben Patienten? von Marlen V. einen Eintrag, wonach «eine implantatspezifische Aufklärung bezüglich chirurgischer Methode, Zeitverlauf, Heilungsverlauf, operativen Risiken» erfolgt sei. Er schreibt in seinem Bericht aber auch: «Über allgemeinmedizinische Risiken – insbesondere Bisphosphonate – wird in der Krankengeschichte nichts gesondert erwähnt.» Es existiert kein von der Patientin unterschriebenes Protokoll über die angebliche Aufklärung zu den Operationsrisiken Patientenaufklärung Was soll das heissen, Herr Doktor? . Das deckt sich mit Marlen V.s Erinnerung. Die Risiken der Osteoporose-Therapie seien nie thematisiert worden. 

«Aussichtslos»

Der Anwalt von Marlen V.s Rechtsschutzversicherung interpretiert das Gutachten allerdings anders. Es gebe keinen Anlass, anzunehmen, dass sie ungenügend aufgeklärt worden sei: «Wenn Marlen V. einen fachmedizinischen Bericht einreichen kann, der die Gutachten argumentativ zerzaust und zerpflückt, werde ich die Sache natürlich erneut prüfen.» Ansonsten sei es «aussichtslos», gegen den Zahnarzt juristisch vorzugehen. 

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Aussichtslos – allerdings, weil der Anwalt dem Gutachter die entscheidende Frage gar nicht gestellt hat. Seit Jahren sind die Risiken von Zahnimplantaten bei gleichzeitiger Osteoporose-Therapie unter Zahnärzten ein viel diskutiertes Thema. Seit 2008 fordert die Zahnärztegesellschaft für solche Fälle, dass vor einem Eingriff ein «individuelles Risikoprofil» erstellt wird. 2013 wurden diese Richtlinien aufgrund neuer Forschungsresultate sogar noch verschärft. 

Der Gutachter hätte klären müssen, ob Marlen V.s Zahnarzt tatsächlich eine Risikobeurteilung vorgenommen hatte. Wenn nicht, hätte er medizinisches Wissen ignoriert und gegen die Regeln der ärztlichen Kunst verstossen. Warum stellte der Anwalt dem Gutachter diese Frage nicht? Er habe die Lage eben nur juristisch beurteilt, nicht medizinisch, erklärt er gegenüber dem Beobachter. 

«Kann nicht jedes Wort notieren»

Der Zahnarzt sieht keine Schuld bei sich. Das eigentliche Risiko sei für Marlen V. zu einem früheren Zeitpunkt viel grösser gewesen. Nämlich als vorgängig die beiden Backenzähne gezogen wurden. Weil die Extraktion dieser Zähne problemlos verlaufen sei und die Wunde gut verheilte, habe er keinen Grund gehabt, das Zahnimplantat nicht einzusetzen. 

Aber warum hat er kein individuelles Risikoprofil erstellt und Marlen V. nicht über diese zusätzlichen Risiken aufgeklärt? Der Zahnarzt räumt ein, dass er in der Krankenakte die Risiken durch die Osteoporose-Therapie «nicht spezifisch aufgeschrieben» habe. Aber er könne «auch nicht jedes Wort notieren». Von den Richtlinien der Zahnärztegesellschaft hält er nicht viel. Die Richtlinien seien «ein Pamphlet», nicht mehr als eine «Kundgebung». Sein Fazit: «Bei Marlen V. verlief alles korrekt.» Wenn überhaupt, hätte der Hausarzt Marlen V. über diese Risiken informieren müssen, findet der Zahnarzt. Er habe ihr ja die Bisphosphonat-Spritzen verabreicht. Ein Arzt schiebt dem nächsten den Schwarzen Peter zu.

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*Name der Redaktion bekannt

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