Es fing völlig harmlos an: «Ich hatte Schlafstörungen, fühlte mich unruhig. Ein Arzt drückte mir eine Hunderterpackung Beruhigungspillen in die Hand und sagte, ich könne davon so viele nehmen, wie ich wolle», sagt Schauspieler Walo Lüönd. Und dies habe er dann auch getan – jedes Mal, bevor er als Freiherr von Attinghausen auf die Tell-Bühne stürmte. Lüönd: «Danach fühlte ich mich vögeliwohl.» Aber nicht lange: «Am Morgen darauf kam sie wieder, diese grauenhafte Angst. Sie schaute mich an, lähmte mich. Ich zitterte, hatte Schweissausbrüche.»

Walo Lüönd war bald nur noch ein Schatten seiner selbst. Es folgte der Entzug – «das war grauenhaft!» –, und er ging an die Öffentlichkeit. «Das Echo war riesig. Plötzlich merkte ich, dass ganz viele Leute mit dem gleichen Problem kämpfen.»

Tatsächlich greifen immer mehr Menschen zu Medikamenten, wenn sie «nicht gut drauf» sind: um ein Stimmungstief, eine Trennung oder einen Todesfall zu überwinden, um dem wachsenden Druck in der Arbeitswelt oder in der Schule standzuhalten. Hochrechnungen der Fachstelle für Alkohol- und andere Drogenprobleme (SFA) haben ergeben, dass in der Schweiz jede fünfte Person mindestens einmal pro Woche ein Medikament mit Abhängigkeitspotenzial einnimmt: Schmerz-, Schlaf- oder Beruhigungsmittel. Das ist nicht weiter erstaunlich, denn viele Hausärzte verschreiben heute solche Präparate ohne grosse Bedenken.

«Ich war mit meinem kleinen Sohn unterwegs in den Nahen Osten, als mich die Flugangst packte. Ich bekam im Flugzeug einen hysterischen Anfall und flippte total aus», erzählt Julia Dürst (Name geändert). Vor der nächsten Reise erhielt die 46-jährige Redaktorin von ihrem Therapeuten ein Rezept für das Beruhigungsmittel Xanax. «Ich war total angstfrei – an den Flug kann ich mich aber nicht mehr erinnern.» Es beruhigt sie, nun jederzeit auf Xanax zurückgreifen zu können. «Das Medikament ist für mich viel wirkungsvoller als ein Kurs gegen Flugangst.»

Auch sonst hat Dürst gegenüber Tabletten keinerlei Berührungsängste: Sie hat mit dem Medikament Xenical abgenommen, das Einschlafmittel Stilnox liegt für den Notfall griffbereit in der Hausapotheke, und Antidepressiva haben ihr geholfen «während der grossen Lebenskrise rund um die Trennung von meinem Mann».

Der Umsatz von Antidepressiva steigt
Julia Dürst steht stellvertretend für Tausende. Kein Wunder, hat sich der Umsatz von Psychopharmaka in den letzten zehn Jahren laut Angaben des Krankenkassenverbands Santésuisse praktisch verdoppelt, auf heute 446 Millionen Franken. Den grössten Zuwachs verzeichnen dabei die Antidepressiva, deren Umsatzanteil kontinuierlich auf mittlerweile 56 Prozent geklettert ist (siehe Nebenartikel «Medikamente: Vorsicht, Nebenwirkungen!»). Die letzte schweizerische Gesundheitsbefragung hat denn auch ergeben, dass sich bei 13 Prozent der Bevölkerung leichte und bei 3 Prozent schwere Symptome einer Depression zeigen.

So wie bei Petra Zürcher: Sie leidet schon seit der Pubertät unter depressiver Verstimmung. «Ich war stets etwas angeschlagen, lief oft auf dem Zahnfleisch. Doch ich liess die Finger von Medikamenten, denn ich hatte Angst, abhängig zu werden.» Dann begannen dieselben Probleme bei der älteren der beiden Töchter. Petra Zürcher suchte Hilfe bei einem Therapeuten, der ihr Stimmungsaufheller verschrieb. Sie war froh darum: «Wieso muss ich mich da durchschleppen, wenn es mit Medikamenten leichter geht?» Als Erstes sei das Druckgefühl in der Brust weggeblieben, die berufstätige Mutter bekam einen leichteren Zugang zum Leben.

Sie habe damals die Medikamente als Krisenintervention genommen und ohne Probleme wieder abgesetzt. Doch dann veränderten sich die äusseren Umstände massiv – die Tochter von Petra Zürcher nahm sich vor einem Jahr das Leben. «Seit dieser Zeit nehme ich die Medis wieder. Das belastet mich auch nicht. Ich weiss, ich brauche sie einfach im Moment.»

Zürchers Haltung wird von vielen Ärztinnen und Ärzten unterstützt. Allen voran von Brigitte Woggon: Die Leiterin der ambulanten Spezialsprechstunde für affektive Störungen an der Zürcher Universitätsklinik Burghölzli schwört auf Medikamente. Während ihrer langjährigen Berufstätigkeit habe sie erfahren, «dass es insbesondere Schwerkranken nach Füssekitzeln und endlosem Reden beim Psychologen nicht besser geht», wie sie sich gegenüber dem «Magazin» ausdrückte.

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Prozac oder «Glück auf Rezept»
Unbeirrt vertritt Woggon ihr Credo: «Es ist doch Wurst, warum jemand unter Depressionen oder Manien leidet – Hauptsache, wir kriegen die scheusslichen Symptome weg.» Sie ist überzeugt, alle schweren affektiven Störungen seien biologischen Ursprungs. Psychosoziale Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder den Verlust eines Angehörigen lässt sie höchstens als «Anlass», aber nicht als «tieferen Hintergrund» einer psychischen Krankheit gelten.

Beim Zürcher Psychotherapeuten und Buchautor Marc Rufer löst ein solches Menschenbild Kopfschütteln aus: «Der Mensch, ein biologisches Objekt, gesteuert durch biochemische Prozesse? Arbeitslosigkeit, die man medikamentös behandelt?» In den siebziger Jahren hätten Sozialpsychiater die Meinung vertreten, dass psychische Störungen als psychosoziales Geschehen verstanden und so behandelt werden sollen. «Was ist davon geblieben? Der Patient von heute soll wohl unterwürfig sein und brav und regelmässig die verordneten Psychopharmaka einnehmen.»

Für den zunehmenden Konsum von Antidepressiva sorgen allerdings längst nicht mehr nur wirklich Depressive, sondern Gesunde, die einfach etwas besser drauf sein möchten. So hat sich auch der Begriff «kosmetische Psychopharmakologie» durchgesetzt. Er geht auf die neunziger Jahre und die Einführung von Prozac in den USA zurück – in der Schweiz unter dem Namen Fluctin erhältlich. Damals schrieb der US-Psychiater Peter D. Kramer ein Buch mit dem Titel «Glück auf Rezept» und sang das Hohelied auf «die Selbstfindung dank Prozac». Dazu passend titelte das Nachrichtenmagazin «Newsweek», Prozac werde das Leben von Millionen Menschen explosionsartig verändern.

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Irrsinn breitet sich nicht aus
Wie stark das kollektive Verlangen nach Glück ist, lässt sich am immensen Erfolg dieser Pille ablesen. Obwohl sie eher selten zum gewünschten Erfolg führt und zuweilen die Lust auf Sex verdirbt, dienen Prozac und Nachahmerprodukte wie Zoloft heute vor allem auch Menschen, die sich davon mehr Selbstvertrauen, Offenheit und Lebensfreude erhoffen – selbst eine Gewichtsabnahme verspricht die Lifestyle-Droge. Punkto Popularität hat der «Stimmungsaufheller» in den USA Valium, die Psychopille der siebziger Jahre, abgelöst.

Für den Zürcher Psychiater Josef Schöpf heisst die Glücksdroge Nummer eins allerdings nach wie vor Alkohol. Schöpf ist Spezialist für medizinische Behandlungen bei Depressionen, und laut seinen Erfahrungen hat die Anzahl psychischer Störungen in den letzten Jahren nicht wesentlich zugenommen. In der Tat ist es nicht so, dass sich in der Schweiz Wahn und Irrsinn seuchenhaft ausbreiten. Das bestätigt auch die seit 1992 alle fünf Jahre durchgeführte schweizerische Gesundheitsbefragung. Der Anteil jener Personen, die sich wegen Depressionen behandeln lassen, ist stabil: Sechs Prozent sind es bei den Frauen, drei Prozent bei den Männern.

«Psychopharmaka sind nur Krücken»
Da Verbrauch und Umsatz von Psychopharmaka dennoch stetig zunehmen, ist davon auszugehen, dass heute einfach schneller Medikamente verschrieben werden – auch wegen anderer Symptome als Depressionen. Viele der «neuen Leiden der Seele», wie sie der Basler Sozialpsychiater Asmus Finzen nennt, sind nichts anderes als «Wechselfälle des normalen Lebens»: Aggressivität werde aufgebauscht zur «antisozialen Persönlichkeitsstörung», und die natürliche Trauer habe in der Psychiatrie als «Anpassungsstörung» Eingang gefunden. Finzen kennt die Zusammensetzung und die Folgen sämtlicher Psychopharmaka wie kaum ein anderer und warnt: «Psychopharmaka sind Krücken, sie vermitteln kein neues Bewusstsein. Wo sie das scheinbar tun, verfälschen sie das Erleben – sie stören den Realitätsbezug und führen oft zu Abhängigkeit.»

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Solche Warnungen verhallen ungehört, sobald ein Medikament die Anforderungen der Zeit perfekt erfüllt: Schlechte Laune und depressive Verstimmungen sind Sand im Getriebe der Leistungsgesellschaft. Glücklicherweise gibt es da Medikamente, die wie geschaffen sind für den Arbeitsmarkt. So dachte auch Ernst Ammann (Name geändert): Er war ein Workaholic mit prall gefülltem Terminkalender, ein Getriebener. Bis das Burn-out-Syndrom den selbstständigen Schreiner lahm legte. «Ich musste einen Auftrag beenden und war unter Termindruck. Um weiterpowern zu können, bettelte ich bei meinem Psychiater, er solle mir etwas geben.»

Ammann bekam Ritalin, das bei Kindern beruhigend wirkt, Erwachsene aber aufputscht. «Drei Monate gings gut. Doch dann wurde es schlimm», sagt er. «Ich war in einem permanenten Drogenrausch, verschleuderte mein Geld, drückte Zigaretten auf meinem Arm aus. Meine Freunde zogen sich von mir zurück.» Obwohl der 56-Jährige einen Suizidversuch unternahm, verschrieb ihm der Psychiater weitere neun Monate Ritalin. Ernst Ammann wechselte den Arzt. «Jetzt nehme ich nur noch Antidepressiva. Ich komme wieder auf den Damm.» Doch er hat heute noch, zwei Jahre später, mit finanziellen und juristischen Folgen seines Ritalin-Rausches zu kämpfen.

Das eigene Verfallsdatum
Für den Basler Unternehmensberater Johannes Czwalina ein typischer Fall. Seit 20 Jahren betreut er Manager, unter anderem bei Swisscom, Novartis, Roche, den SBB oder der deutschen Telekom. Zwei Gruppen von Kunden habe er: verzweifelte Überarbeitete und verzweifelte Arbeitslose. Bei den schwierigen Fällen, den Mobbingopfern oder Entlassenen, würden 40 Prozent Psychopharmaka schlucken – der Durchschnitt all seiner Kunden liege bei 25 Prozent. «Es fängt in der Regel harmlos an mit Johanniskraut, dann folgen Muntermacher, Schlaftabletten und Antidepressiva – meist vom Hausarzt verschrieben.»

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Czwalina nennt die Ursachen beim Namen: «Im Zeitalter von Jobsharing, Jobhopping, Mikrounternehmertum, zunehmender Teilzeitarbeit, Digitalisierung und Anonymisierung der Produktionsabläufe bleiben Beziehungen und Kontakte auf der Strecke.» Gleichzeitig gewinne der Faktor Zeit immer mehr an Bedeutung. «Das eigene Verfallsdatum wird einem mit jedem Tag bewusster.»

Auch im Privatleben: Da muss man fit und schlank bleiben. Das Wundermittel heisst hier Reductil, eine Pille, die ursprünglich als Antidepressivum auf den amerikanischen Markt gebracht wurde, jedoch floppte. Aber sie hat einen anderen Vorteil: Sie vertreibt das Hungergefühl. Wer Reductil will, bekommt es an Partys, via Internet – oder vom Hausarzt.

Swissestetix ist ein Zentrum für «Schönheitsmedizin» in Zollikon ZH, das von Dr. Clarence P. Davis geleitet wird. Der Arzt verfällt geradezu in Euphorie, wenn er von Reductil spricht: «Es ist phänomenal, wie es wirkt.» Für Davis ist der Erfolg dieser Pille typisch für das 21. Jahrhundert, «weil die Leute schlicht keine Zeit mehr haben für lange Diäten – oder andere Therapien».

Und für Psychotherapeut Marc Rufer ist typisch, dass sich die Pharmaindustrie an der Zeit- und Therapienot «eine goldene Nase verdient».