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Selbstheilung dank PlaceboDie Kraft der Gedanken

Die Wissenschaft beginnt, Placebo-Effekte ernst zu nehmen. Das eröffnet auch Patienten neue Möglichkeiten.

Welchen Einfluss hat die Kraft der Gedanken auf den Heilungspozess? Mit Studien versuchen Wissenschaftler, das zu erforschen.

Von Veröffentlicht am 28. Februar 2019, aktualisiert am 28. Februar 2019

Kann eine Pille Schmerzen lindern, obwohl sie bloss Zucker enthält? Kann eine gewöhnliche Handcreme Ekzeme heilen? Lange Zeit wurden solche Scheinmedikamente als wirkungslos verpönt, später als Seelentröster belächelt. 

Seit 50 Jahren wird der Placebo-Effekt wissenschaftlich untersucht. Heute ist klar: Es geht um mehr als Einbildung. Wenn ein Patient eine Wirkung erwartet, passiert auch etwas zwischen seinem Geist und seinem Körper. Hormone werden ausgeschüttet, Endorphine gegen Schmerzen etwa. Und das unabhängig davon, ob es sich um ein echtes oder ein Scheinmedikament handelt.

Neurologen der Universität Essen wiesen das in Experimenten nach. Echte Schmerzmittel wirkten dann hervorragend, wenn ein Arzt den Patienten über die Wirkung aufklärte. Behauptete er dagegen, die Pille enthalte nichts gegen Schmerzen, spürten auch die Patienten keinen Effekt. Dass die Erwartung des Patienten stark mitbestimmt, wie ein Medikament wirkt, trifft nicht nur auf Schmerzmittel zu.

Die Essener Placebo-Forscher untersuchten auch Immunsuppressiva. Sie sollen verhindern, dass der Körper ein transplantiertes Organ abstösst. Die Patienten mussten zu Beginn der Therapie ein echtes Medikament zusammen mit einem grünen, bittersüssen Getränk einnehmen. Nach drei Tagen erhielten sie den Drink zusammen mit einem Placebo. Und siehe da: Die Immunsuppression wirkte weiter. Das unappetitliche Getränk funktionierte im Körper der Patienten wie echte Medizin. 

Der Placebo-Effekt wirkt auch bei Operationen

Solche Erkenntnisse rücken den Placebo-Effekt ins Zentrum der medizinischen Kunst. Selbst in der Chirurgie wird das Phänomen mittlerweile ernst genommen. Mediziner der Universität Oxford verglichen 2014 die Wirkung von Scheinoperationen mit der von echten chirurgischen Eingriffen; dazu zählten die Versteifung der Wirbelsäule Morbus Bechterew Der Feind im Körper , Laserbehandlungen bei Magengeschwüren und diverse endoskopische Verfahren.

Nur in der Hälfte der 53 ausgewerteten Studien zu Operationsmethoden erging es Patienten nach einem echten Eingriff besser, als wenn sie nur zum Schein operiert worden waren. Den Scheinoperierten war bloss die Haut aufgeschnitten oder das Endoskop eingeführt worden. Auch hier: Die Erwartung des Patienten an die Behandlung entschied massgeblich über den Erfolg. Nur – was genau im Patienten entfaltet die faszinierende Wirkung?

Schulterschmerzen: Kein Unterschied zwischen Operierten und Scheinoperierten

Visualisierung von Schulterschmerzen

An der Universität Oxford teilten Ärzte Schulterpatienten in drei Gruppen ein. Eine Gruppe wurde an der Schulter operiert, eine andere nur zum Schein. Bei einer dritten verzichtete man auf den Eingriff. Sechs und zwölf Monate später fragte man nach. Es gab keinen Unterschied zwischen Operierten und Scheinoperierten. Und beides war nur leicht besser, als auf den Eingriff zu verzichten.

Quelle: Kilian J. Kessler

Nocebo macht den Körper anfällig

Der Zürcher Psychotherapeut Gary Bruno Schmid untersucht solche Effekte seit über 30 Jahren. Er begann mit der Schattenseite des Placebos, dem Nocebo Nocebo Wir denken uns krank – lateinisch für «ich werde schaden». Der ehemalige Atomphysiker wechselte nach seiner Rückkehr in die Schweiz das Fachgebiet und machte dort weiter, wo er in jungen Jahren in den USA begonnen hatte – als Medizinstudent. «Ich wählte gewissermassen den Hintereingang zur Medizin und liess mich in Psychologie und Psychotherapie ausbilden.»

Mit «Tod durch Vorstellungskraft» veröffentlichte Gary Bruno Schmid 2000 seine Nocebo-Recherchen. Und liefert Erklärungen, warum manche Menschen ohne nachweisbare physische Ursachen einfach sterben. Den Heimwehtod, der durch Söldner und Auswanderer gut dokumentiert ist, den Seelentod, etwa kurz nach dem Versterben eines Partners. Und den Voodoo- oder Tabu-Tod, den die Begegnung mit einer starken Autorität oder die Konfrontation mit einer unausweichlichen Diagnose auslöst. Ein solches Verdikt kann lebenserhaltende Systeme in einem Menschen zum Kollabieren bringen.
 

«Ängstliche Erwartungen können Herz und Kreislauf so stark beeinflussen, dass es akut bedrohlich wird.»

Gary Bruno Schmid, Psychotherapeut


Das zeigt die Geschichte eines 26-jährigen Studenten, über den 2007 die Universität Mississippi berichtete. Der Mann hatte nach einer Trennung jeden Lebensmut verloren Depression «Am liebsten nicht erwachen» . Als er Suizid begehen wollte, nahm er gerade an einer klinischen Studie zu einem neuen, hochwirksamen Antidepressivum teil. Wiederholt hatten die Studienleiter zum vorsichtigen Umgang mit dem Medikament Antidepressiva Abhängig? Die Pharma interessierts nicht gemahnt. Der Student schluckte alle 29 Kapseln, die er besass. Man fand ihn halb tot. Obwohl sofort der Magen ausgepumpt wurde, wollten seine Lebensgeister nicht zurückkehren. Als die Ärzte von dem Testmedikament erfuhren, zeigte sich: Der Student hatte nur Placebos erhalten. Alles, was diese Kapseln enthielten, war Stärke und Traubenzucker. Als der Student das erfuhr, besserte sich sein Zustand rapide.

«Unsere Erwartung manipuliert das autonome Nervensystem und das Immunsystem. Sie macht den Körper anfällig für Krankheiten. Ängstliche Erwartungen können Herz und Kreislauf so stark beeinflussen, dass es zu akut bedrohlichen Situationen kommen kann», erklärt Experte Gary Bruno Schmid.

Die negativen Folgen eines schlecht geführten Aufklärungsgesprächs

Nocebo muss nicht tödlich sein. Die Liste der Nebenwirkungen, wie sie auf Beipackzetteln aufgeführt ist, kann bei Patienten ebendiese Symptome hervorrufen, selbst wenn die Pillen keinen Wirkstoff enthalten. 

Die gleiche Wirkung kann ein schlecht geführtes Aufklärungsgespräch Patientenaufklärung Was soll das heissen, Herr Doktor? durch den Arzt erzielen. Männern zum Beispiel, die unter einer gutartigen Prostataerweiterung leiden, kann mit einem Alphablocker geholfen werden. Das Mittel entspannt die Muskeln von Blase und Prostata. Eine mögliche Nebenwirkung sind Erektionsstörungen. 43 Prozent der Patienten, die der Arzt auf das Risiko hingewiesen hatte, klagten hinterher über diese Beschwerden. In der Gruppe, mit der kein Gespräch geführt worden war, waren es nur 15 Prozent.
 

«Der Arzt sollte den Patienten kennen und wissen, wie er bei ihm eine positive Erwartungshaltung fördern kann.»

Claudia Witt, Direktorin des Instituts für komplementäre und integrative Medizin am Unispital Zürich


Patienten einfach nicht zu informieren kann aber keine Lösung sein. «Umso wichtiger ist es, Patienten so aufzuklären, dass Nocebo-Effekte möglichst verhindert werden. Das kann ein Arzt, der seinen Patienten kennt und weiss, wie er ihn über Nebenwirkungen informiert, ohne negative Erwartungen auszulösen», sagt Claudia Witt, Direktorin des Instituts für komplementäre und integrative Medizin am Zürcher Unispital.

Dafür muss sich der Arzt Zeit für den Patienten nehmen und die Wirkung von Nocebo- und Placebo-Effekten kennen. «Immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse zu dem Thema fliessen nach und nach in die Aus- und Weiterbildung ein», sagt Witt. Heute wird im Kernstudium an der Uni Zürich allerdings gerade mal in zwei Pflichtstunden auf das Thema eingegangen. Eine anspruchsvollere Vertiefung können angehende Ärzte erst im Mantelstudium wählen. Zudem existiert für Mitarbeitende am Unispital ein fakultatives E-Learning-Programm zum Thema.

Keine Esoterik: Gedanken wirken sich stark auf den Heilungsprozess aus

Seit seiner Arbeit über den psychogenen Tod beschäftigt sich Gary Bruno Schmid mit der Selbstheilung durch Vorstellungskraft, gewissermassen der gleiche Effekt mit umgekehrten Vorzeichen. Die Reihenfolge hat Gründe. «Todesfälle sind etwas einfacher zu untersuchen. Die Leute sind in der Regel ja ziemlich eindeutig tot», so Schmid. Heilung dagegen sei kein Zustand, sondern ein Prozess. «Wann ein Patient gesund ist, lässt sich nicht eindeutig definieren. Und wie er sich im Heilungsprozess genau verhält, ist kaum zu erfassen und zu kontrollieren. Das erschwert vergleichbare Studien.»

Seit den neunziger Jahren verdichten sich aber die Hinweise, dass sich unser Denken stark auf den Heilungsprozess auswirkt. Im Fokus stehen Erwartungshaltungen. «Es geht um die Befähigung des Patienten, die neuen Erkenntnisse zu nutzen und seine eigenen Heilungskräfte zu aktivieren», sagt Gary Bruno Schmid. Das habe nichts mit esoterischen Heilsversprechen oder dem Ausgraben verschütteter Weisheiten zu tun. «Die würden uns nur in neue Abhängigkeiten verstricken. Denn wer gegen solche Lehren verstösst, entwickelt oft Schuldgefühle Schlechtes Gewissen 4 Tipps gegen ständige Schuldgefühle , die wie ein Nocebo wirken.»

Bei Alzheimer wirkt Placebo nicht

Dass Gedanken den Krankheitsverlauf beeinflussen, zeigt eine traurige Erkenntnis: Nur wenige Alzheimerpatienten profitieren von Placebo-Effekten. Wissenschaftler vermuten, dass die Krankheit Hirnareale zerstört, die für den Aufbau von Erwartungshaltungen verantwortlich sind. Nicht mehr perspektivisch denken zu können ist ein typisches Symptom der Krankheit – und der Grund, warum kein Placebo-Effekt eintritt.

Andere Patienten können davon profitieren. Was genau im Körper abläuft, lässt sich an vielen Beispielen aufzeigen. Eine positive Erwartungshaltung begünstigt etwa die Ausschüttung von natürlichen Endorphinen, die Schmerzen lindern und die Stimmung aufhellen. Der Abbau von Stress reduziert Entzündungsreaktionen, die mit Schmerzen, Schwellungen und Fieber einhergehen.

Schön lassen sich solche Effekte bei Verliebten beobachten (siehe Infografik am Artikelende). Das Gefühl und die damit verbundenen positiven Erwartungen lösen ein Feuerwerk von Botenstoffen Biochemie Das Rätsel der Liebe aus, die das Immunsystem stärken Abwehrkräfte Was stärkt unser Immunsystem? . Das Hormon Oxytocin, das bei Zärtlichkeiten und beim Orgasmus ausgeschüttet wird, reduziert Angstgefühle und aktiviert das Immunsystem.

Sich ständig neu zu verlieben ist vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss. Der zu erwartende Beziehungsstress könnte das Immunsystem wieder belasten. Ähnliche Effekte bewirken zum Glück auch andere positive Erwartungshaltungen.

Reizüberflutung macht krank

Psychobiologisch steckt der Mensch noch im Stadium seiner jagenden und sammelnden Vorfahren. Ständig in Alarmbereitschaft Stress und Körpersymptome Körper im Alarmzustand zu sein war damals überlebenswichtig, denn es drohten tödliche Gefahren durch wilde Tiere und feindliche Stämme. Bei Stressreiz schüttet der Organismus Adrenalin und Kortison aus und ist deshalb ständig bereit, sofort zu kämpfen oder zu fliehen.

«Das war lange kein Problem, da spätestens mit 40 sowieso Schluss war. Wegen der Gefahren im Alltag und nicht behandelbarer Krankheiten», sagt Gary Bruno Schmid. Heute leben wir aber mehr als doppelt so lang. Viele Gefahren sind zwar gebannt, wurden aber von neuen Stressfaktoren abgelöst. Dem Zeitdruck am Arbeitsplatz Stress am Arbeitsplatz Die Firma haftbar machen zum Beispiel oder den unendlichen Wahlmöglichkeiten beim Konsum und bei der Gestaltung der Freizeit. Ständig muss man Entscheidungen treffen. Ein Dauer-Alarmzustand kann die Folge sein. Einer, der das Immunsystem mit den Jahren schwächt und den Kreislauf krank macht.

Wer die Selbstheilung anregen will, sollte darum Stressfaktoren reduzieren und Entspannungstechniken erlernen Massage Richtig entspannen . Kreislauf und Immunsystem lassen sich zwar auch durch Bewegung und eine gesunde Ernährung trainieren. Bei manchen Beschwerden, zum Beispiel Schlaflosigkeit Schlaflosigkeit Schlaf, wo bleibst du? und Angstgefühlen, hilft das aber nur bedingt.

Wird Fitness überbewertet?

Gibt es also weitere Faktoren, die die Selbstheilungskräfte stärken? Sind die vielbeschworenen Gesundmacher Fitness und Ernährung vielleicht nicht mal entscheidend für die körperliche Widerstandskraft Resilienz Was es braucht, um Rückschläge zu überwinden ?

Dafür gibt es Indizien. In Roseto im US-Bundesstaat Pennsylvania gab es eine stark verbundene Gemeinschaft italienischer Einwanderer. Einem Professor aus Oklahoma fiel Anfang der sechziger Jahre auf, dass es unter ihnen viel weniger Patienten mit Kreislaufbeschwerden gab als in benachbarten Orten. Herzinfarkte sogar nur halb so viele wie im amerikanischen Durchschnitt.

Jahrelang suchten Wissenschaftler nach den Gründen. Das mediterrane Essen Mediterrane Ernährung Abnehmen ohne Verbote war es nicht. Die Italiener ernährten sich mit viel Pizza und Pasta sehr ungesund, 41 Prozent ihres Essens bestand aus Fett. Dazu tranken sie reichlich Wein und rauchten gern. Wieso wurden sie trotzdem seltener krank? Vielleicht die Gene? Auch das wurde untersucht, erhärtete sich aber nach Vergleichen mit Verwandten in anderen Städten nicht. Auch das italienische Olivenöl war es nicht. Am Schluss blieb eine These übrig: Die solidarische, eng verknüpfte Gemeinschaft senkte zuverlässig die Anfälligkeit gegenüber Kreislauferkrankungen und kompensierte sogar die Effekte des ungesunden Essens und des Rauchens.

Eine traurige Bestätigung der These erfuhr die Bevölkerung von Roseto wenige Jahre später, als die Gemeinschaft zu zerfallen begann und die Leute sich vom dörflichen Leben abwandten. Ende der siebziger Jahre erreichte die Anzahl tödlicher Herzanfälle den nationalen Durchschnitt.

Wer in eine solidarische Gemeinschaft Mangel an Freiwilligen «Noch nie war es so notwendig, solidarisch zu handeln» eingebunden ist, lebt offenbar entspannter und leidet weniger unter Ängsten. Das hält gesund und hilft vermutlich auch bei der Genesung von Krankheiten. Der Zusammenhang wird mittlerweile kaum noch bestritten. Einsamkeit Einsamkeit Wege aus der Isolation gilt dagegen als Risikofaktor. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert sie inzwischen sogar als eigenständige Krankheit.

Anonyme Schmerzpatienten

Soziale Aspekte fliessen heute auch in Therapien ein, die Selbstheilungskräfte fördern Selbstheilung Aus eigener Kraft sollen. Die Neurourologin Regula Doggweiler hat an der Zürcher Hirslanden-Klinik sogenannte Mind-Body-Skills-Gruppen ins Leben gerufen. «Es sind zurzeit vor allem Patienten mit chronischen Schmerzen Chronisch krank «Der Schmerz macht mich fertig» , die sich hier treffen, um Werkzeuge zu erarbeiten, die ihre Beschwerden lindern oder verschwinden lassen», so Doggweiler.

Was in solchen Gruppen besprochen wird, unterliegt absoluter Verschwiegenheit. So gesehen funktionieren sie ähnlich wie die Anonymen Alkoholiker.
 

«Wenn Patienten nicht aktiv in den Heilungsprozess involviert werden, bleiben sie letztlich Opfer.»

Regula Doggweiler, Neurourologin an der Zürcher Hirslanden-Klinik


«Die offene Art, wie Patienten den Umgang mit ihren Beschwerden schildern, hat etwas Verbindendes und Relativierendes zugleich», berichtet Doggweiler. Die gemeinsame Suche nach Faktoren, die Schmerzen lindern, sei ein wichtiger Bestandteil der Treffen. «Wenn Patienten nicht aktiv in den Heilungsprozess involviert werden, bleiben sie letztlich Opfer, die den Ärzten, Medikamenten und Therapien ausgeliefert sind. Das gilt es zu durchbrechen.»

Doggweiler arbeitete als Krankenschwester, bevor sie Medizin studierte und sich in den USA in Mind-Body-Medicine weiterbildete. Entstanden aus der Betreuung traumatisierter Kriegsrückkehrer, steht bei der Methode die Behandlung und Prävention krank machender Stressreaktionen im Zentrum. Mit Claudia Witt hat der Ansatz eine Vertreterin an der Uni Zürich. «Oft geht es nicht um Heilung der Patienten. Bei vielen Erkrankungen ist schon eine Reduktion der Symptome oder der Nebenwirkungen einer Therapie sehr hilfreich. Letztlich ist es auch immer eine Entscheidung des Patienten, wie aktiv er sein möchte. Und die sollte man respektieren», so die Direktorin des Instituts für komplementäre und integrative Medizin.

Gene aktivieren: «Hier hat die Kraft der Gedanken wirklich Potenzial»

Lange gingen Wissenschaftler davon aus, dass unsere Gene massgeblich bestimmen würden, woran wir irgendwann erkranken. Doch seit der Jahrtausendwende relativieren neue Forschungen dieses Dogma. Die sogenannte Epigenetik geht nicht mehr von einem starr programmierten genetischen Raster aus, das unsere Zukunft diktiert – sondern von einem dynamischen Set verschiedener Kombinationsmöglichkeiten. 

Die österreichische Ärztin und Autorin Katharina Schmid vergleicht die Gene mit der Hardware eines Computers. Durch langfristige, mittel- und sogar kurzfristige Prägungen werden bestimmte Sequenzen entlang der DNA durch andockende Proteine aus- und eingeschaltet. Sie ist überzeugt, mit Genregulation lasse sich bestimmen, welche «Software» zur Anwendung kommt. «Wir können durch Entscheidungen und Erfahrungen mitbestimmen, welche Gene abgelesen und somit aktiviert werden. Hier hat die Kraft der Gedanken wirklich Potenzial», so Katharina Schmid.

Selbstheilung auch ein Thema für Kinder?

In den vielfältigen neuen Erkenntnissen sieht Psychotherapeut Gary Bruno Schmid eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft. «Nicht nur Patienten, Ärzte und Therapeuten sollten sich mit Selbstheilung auseinandersetzen. Bereits Kinder im Primarschulalter könnten mit den Grundprinzipien vertraut gemacht werden und ihr Wissen später vertiefen.»

Schmid hat eine auf Schul- und Erfahrungsmedizin beruhende Therapie entwickelt, die er mit Hypnose Therapie Wem hilft Hypnose? kombiniert. «Hypnose ist ja nichts anderes als eine starke Suggestion. Richtig eingesetzt, kann sie positive Erwartungshaltungen der Patienten noch verstärken.»

Seine bisherige Bilanz: «Jede Heilung ist letztlich eine Selbstheilung. Als Heilmittel dient die Vorstellungskraft. Sie bewirkt viel mehr, als wir uns vorstellen – aber auch weniger, als wir uns wünschen würden.»

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Die heilsame Wirkung der Vorstellungskraft wird oft von Scharlatanen missbraucht, warnt Edzard Ernst, erster Professor für Alternativmedizin in Grossbritannien.

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Einfache Atemübungen und anspruchsvollere Meditationstechniken entspannen und sind die Basis, um Heilkräfte im Körper zu aktivieren.

 

Selbstvertrauen

Seien Sie sich bewusst, dass jede nachhaltige Heilung eine Selbstheilung ist. Körper und Geist sollen wieder ein Gleichgewicht finden.

 

Zuversicht 

Arzt, Therapeuten und Freunde müssen Patienten beim Aktivieren ihrer Kräfte unterstützen. Eine positive Erwartung gegenüber gewählten Therapien ist entscheidend.

 

Entmystifizierung

Krankheit und damit verbundene Ängste in Bildern fassbar machen: Das hilft, sie zu bekämpfen und sich eine Heilung vorzustellen.

 

Körpergefühl

Stellen Sie sich ein Kribbeln, Wärme oder Energieflüsse im Körper vor, die mit der Heilung einhergehen. Das verstärkt Placebo-Effekte. 

 

Suggestion

Den Heilungsprozess wie einen Film vor sich ablaufen lassen. Autosuggestion und Hypnose können das unterstützen.

Reizdarm: Placebos wirkten ähnlich gut wie echte Medikamente

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Placebos wirken sogar, wenn man die Patienten darüber aufklärt, dass das Mittel keinen Wirkstoff enthält. Die Harvard Medical School behandelte Reizdarmpatienten mit Placebo-Medikamenten. Man erklärte ihnen den möglichen Effekt auf das Schmerzsystem. Das verblüffende Ergebnis: Die Zuckerpillen wirkten ähnlich gut wie echte Medikamente.

Quelle: Kilian J. Kessler

Mit einer Fake-Infusion gegen Rückenschmerzen

Visualisierung einer Selbstheilung von Rückenschmerzen mittels Gedanken

Gegen Rückenschmerzen setzte die Hamburger Uniklinik auf die Erwartungshaltung der Patienten. Sie erhielten eine Infusionslösung, die eine Ausschüttung von schmerzstillenden Endorphinen bewirken soll. Die Patienten fühlten sich deutlich besser. Die wirkstofffreie Infusion war ihnen aber nur auf den Rücken geklebt worden.

Quelle: Kilian J. Kessler
Infografik: Was im Körper passiert, wenn wir uns verlieben
Quelle: Beobachter / AK

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Peter Johannes Meier, Ressortleiter

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