Der Hund starrt sie unverwandt an, den Körper flach auf den Boden gepresst, die Schnauze auf ihrem linken Fuss. Monika Schwentner kauert vorsichtig nieder, legt sich hin. Ihre Gesichtszüge sind leicht entgleist, ihr Blick ist leer. Der Hund rührt sich nicht vom Fleck. Als er sich erhebt und ins Wohnzimmer trabt, steht auch die 54-Jährige auf.

Was für Hundephobiker bedrohlich wirkt, ist das Gegenteil: Schwentner wurde mit einem Herzfehler geboren und erleidet täglich mehrere Herzanfälle. Der Hund heisst Chilly, ist ein Kardio-Warnhund und seit bald drei Jahren ihre Lebensversicherung.

In der Schweiz kaum bekannt

Medizinische Begleithunde wie Chilly gibt es für verschiedene Erkrankungen. Sie sind für ihre Besitzer eine enorme Hilfe. Trotzdem sind sie – im Gegensatz zu Blindenhunden – kaum bekannt. Tatsächlich ist die Beagle-Hündin der bislang einzige Kardio-Warnhund der Schweiz.

Chilly erkennt anstehende Attacken und kündigt sie der Patientin an. «Dann kann ich mich rechtzeitig hinlegen», sagt ihre Besitzerin. Täte sie das nicht, könnte sie stürzen und sich verletzen. Zudem würde der Anfall heftiger, weil das Herz erheblich stärker pumpen muss, wenn sie steht. Die Hündin gibt auch Entwarnung, wenn Schwentners Zustand wieder stabil ist. «Ich weiss, dass ich liegen bleiben muss, bis Chilly von mir weggeht. Egal, wie gut ich mich fühle.»

Die Hündin bellt auch nach Hilfe, wenn sie merkt, dass die Attacke besonders schlimm ist – oder wenn Schwentner es ihr mit einem Zungenschnalzen befiehlt. Der Beagle bellt dann so lange, bis jemand kommt.

Daneben kann er auch Sauerstoff holen, ein Handy aufheben und die Wohnungstür öffnen. Für all das hat Chilly unzählige Trainingsstunden und zuletzt eine Fähigkeitsprüfung absolviert, die sie als medizinischen Begleithund auszeichnet. Daher darf sie Schwentner an Orte begleiten, wo Vierbeiner sonst unerwünscht sind, etwa in die Metzgerei oder ins Kino.

Hunde können stereo riechen

Der Hund hat nicht die beste Nase im Tierreich. Die hat der Aal. Dennoch ist das Riechorgan des Hundes einzigartig. Es versammelt bis zu 220 Millionen Riechzellen – rund zehnmal so viel wie eine Menschennase – und kann Düfte stereo wahrnehmen. So bemerkt der Hund Stoffwechselveränderungen beim Menschen am Atem oder an der Ausdünstung. Oft lange bevor der Kranke selber realisiert, dass etwas nicht stimmt. Bei Herzpatienten ist etwa ein tieferer Sauerstoffgehalt im Atem ein Alarmsignal. Die Hunde stützen ihre «Diagnose» teils auch auf Stimmungsschwankungen oder eine schnellere Atmung.

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Ein Warnhund kann nicht jeder Hund werden. Rassen mit kurzen Nasen wie der Mops kommen wegen ihres eher schlechten Riechvermögens kaum in Frage. Schäferhunde, Labradore und Beagles sind dagegen besonders geeignet. Auch Mischlinge lassen sich zum Warnhund ausbilden, wenn sie die entsprechende Veranlagung haben. Anfälle frühzeitig zu spüren ist übrigens nicht erlernbar, sondern ein angeborenes Talent. In der Ausbildung wird diese Gabe gefördert.

Nicht jeder Hund passt zu jeder Person. Daher lassen Trainer von medizinischen Begleithunden das Tier den Menschen aussuchen – und nicht umgekehrt. Auch der künftige Hundebesitzer und sein Umfeld müssen sich ausbilden lassen. Sie lernen, den Hund zu «lesen».

Ein Warnhund braucht viel mehr als einen extrem guten Geruchssinn. Er muss seinen Beschützerinstinkt im Griff haben, damit er zum Beispiel Helfer zum Patienten lässt. Sein Verantwortungssinn soll aber so gross sein, dass er nicht plötzlich einer Katze hinterherrennt. Damit er den Menschen auch an laute, betriebsame Orte begleiten kann, muss er stressresistent sein. Und schliesslich dürfen medizinische Begleithunde keinesfalls ein aggressives Wesen haben.

Bestanden, weil Befehl verweigert

Anders als die meisten Arbeitshunde, die auf Befehlsempfang trainiert sind, braucht ein medizinischer Begleithund ein ausgesprochen starkes Selbstbewusstsein. Er soll sich trauen, Prioritäten zu setzen – im Notfall muss er das Wohl des Patienten höher werten als einen Befehl.

Auf Chilly trifft das alles zu. «Sie hat die Abschlussprüfung mit Bravour bestanden. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie eine Anweisung des Prüfers ignoriert hat», erzählt Monika Schwentner. Statt eine Prüfungsaufgabe zu lösen, wich die Hündin nicht von Schwentners Seite. Zu Recht: Chilly hatte gemerkt, dass ihr Frauchen gleich einen Anfall haben würde. «Der Prüfer war sehr beeindruckt.»

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Ihre Lebensqualität habe sich durch Chilly um «mehrere hundert Prozent» gebessert, sagt Schwentner. Jahrzehntelang habe sie kaum die Wohnung verlassen. Es war zu gefährlich. Und oft auch sehr entwürdigend: «Wenn ich auswärts einen Anfall hatte und am Boden lag, bekam ich immer mal wieder hässliche Sprüche zu hören. Etwa dass die Drögeler auch immer älter würden. Oder dass es eine Schande sei, tagsüber so besoffen zu sein.» Heute helfen ihr Passanten, denn Chilly trägt ein Geschirr, das sie als medizinischen Begleithund kennzeichnet. «Dann wissen die Leute: Da ist ein Leben in Gefahr.» Inzwischen macht sie sogar kleine Wanderungen mit Chilly.

Kalle lokalisiert sogar Infekte

Auch Kalle rettet täglich das Leben seines menschlichen Schützlings. Der heisst Nicolaj, ist sechs Jahre alt und mit dem Dravet-Syndrom geboren, einer besonders schweren Form von Epilepsie. Der Golden-Retriever-Rüde warnt vor Anfällen und auch wenn Nicolajs Temperatur über
37,5 Grad steigt – einer der Hauptauslöser für die potenziell tödlichen Krampfanfälle des Jungen.

«Kalle zieht ihm dann die Socken aus. Und wenn sich Nicolaj beim Spielen zu sehr verausgabt, drängt Kalle ihn sanft zu Boden, damit er sich ausruht», erzählt Nicolajs Mutter Evelyn Nielsen. Kalle zeigt auch an, wenn ein Infekt im Anzug ist. Das ist wichtig, weil Infekte oft mit Fieber verbunden sind. Kalle merkt sogar, wo am Körper die Gefahr droht. So schnupperte und leckte er einmal wiederholt an Nicolajs Ohr. Der Arzt stellte dann eine beginnende Mittelohrentzündung fest.

Epi-Hund massierte gelähmten Arm

«Dank Kalle brauchen wir heute 70 Prozent weniger Notfallmedikamente», sagt Nielsen. Auch weil der Hund bei einer Attacke die Stelle zwischen Nase und Mund leckt. «Das hört sich unhygienisch an, ist für Nicolaj aber enorm hilfreich. Seine Anfälle sind dann kürzer und schwächer.» Das Verhalten des Hundes rührt vermutlich aus der Brutpflege: Hündinnen lecken die verschleimte Schnauze ihrer frisch geborenen Welpen, damit sie atmen können. Was das Lecken bei Nicolaj bewirkt, ist unklar. Aber es nützt.

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Oft tun medizinische Begleithunde auch Dinge, die ihnen niemand beigebracht hat. «Ich kenne ein Epileptikerkind, das halbseitig gelähmt ist. Sein Epi-Hund hat so lange ganz zart am gelähmten Arm geknabbert, bis das Kind die Finger wieder bewegen konnte», erzählt Nielsen. «Das dauerte über ein Jahr. Aber der Hund gab nicht auf.»

Tier versus Technik

Ein Hund lässt sich auf fast jeden Geruch trainieren. Das macht sich der Mensch schon lange zunutze, bei der Jagd nach Tier und Trüffel, bei der Suche nach Menschen, Sprengstoff, Schmuggelware und Drogen, nach Schimmel und Bettwanzen. Hunde können sogar Lungenkrebs erschnüffeln.

Das weckt Begehrlichkeiten. Jahrelang versuchte das US-Militär mit Milliarden von Dollar unter dem Projektnamen «Dognose», einen Sprengstoffdetektor zu entwickeln, der die Spürhunde ersetzen könnte. Denn die lebenden Bombenschnüffler sind teuer. Die Ausbildung kostet pro Tier 10'000 Dollar, hinzu kommen der Unterhalt und die Lohnkosten für den Hundeführer. Erst kürzlich ist es gelungen, ein solches Gerät zu bauen. Es ist laut Hersteller gleich gut wie ein Hund, kostet um 10'000 Dollar – und heisst Fido.

Mit an der Weltspitze in der Entwicklung von solchen Analysegeräten ist das Laboratorium für Organische Chemie an der ETH Zürich. Dessen neustes Gerät ist rund fünfmal so empfindlich wie die bisherigen. Es entdeckt Gerüche so schnell wie ein Hund, kann aber mehrere Stoffe gleichzeitig analysieren und wird nicht müde. Kalle, Chilly und all die anderen medizinischen Begleithunde wird das Gerät in nächster Zukunft nicht ersetzen können.

Kein Geld von der IV

Neben Herzpatienten und Epileptikern profitieren Diabetiker, Asthmatiker, Schlaganfall-Risikopatienten und Narkolepsiepatienten von medizinischen Warnhunden. Die Tiere müssen eine anerkannte Prüfung absolviert haben, damit sie die Patienten überallhin begleiten können.

Anders als bei Blindenführhunden beteiligt sich die IV nicht an den Kosten. Einen Warnhund, dessen Ausbildung bis zu 20'000 Franken kostet, können sich viele Betroffene aber nicht leisten.

Familie Nielsen hat daher den gemeinnützigen, mit Spenden finanzierten Verein Epidogs for Kids (www.epidogsforkids.ch) gegründet. Bereits erhielten acht Kinder und ein Erwachsener über den Verein einen Epilepsie-Warnhund, der ihr Leben erleichtert und verlängert.

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