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ErnährungstrendsWelchen Theorien kann man noch glauben?

Um sicher entscheiden zu können, was einem gut tut, braucht man neben der Theorie auch die eigene Intuition.

Die Forschung überschlägt sich mit ständig neuen Theorien und Trends. Eine Woche gilt das, die andere Woche nicht mehr. Woran soll man sich halten?

von aktualisiert am 22. November 2018

Leserfrage: «Wie soll ich meine Kinder erziehen, wie ernähren? Ständig gibt es neue Theorien. Was gilt?»

Einer meiner Psychologieprofessoren sagte: «Ich glaube nicht an Theorien, ich benutze sie nur.» Dieser Spruch begleitet mich und steht mir zur Seite, wenn neue Erkenntnisse aus Studien in aller Munde sind und Ratgeber mit Empfehlungen füllen.

Mit dieser kritischen Haltung schützt man sich davor, jeden Trend mitzumachen und jedem Hype aufzusitzen.

Irrtümer gibt es genug. Ganze Generationen mussten frustriert feststellen, dass der tapfer ertragene Spinat nun doch kein Superfood Superfoods Was taugen Quinoa, Açai und Co.? , dafür Kaffee aber eigentlich ganz gesund Koffein 10 Fakten zu Kaffee ist. Und das von Ärzten empfohlene Schreienlassen von Babys nach einem vorgegebenen Zeitrhythmus hat sich auch als schädlich für die Bindungsfähigkeit herausgestellt.

«Theorien sind Modelle, von Menschen gemacht.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin


Natürlich sind Forschung und Wissenschaft immens wichtig. Wissen schadet nicht. Aber: Auch wissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse sind relativ.

Es gibt keine absolute Wahrheit. Was wir zu wissen glauben, ist immer geprägt von der Zeit, in der wir leben, von ihren Forschungsmethoden und den jeweiligen Erkenntnissen. Auch die Tatsache, dass hier Menschen am Werk sind und ständig interpretieren, kann Forschung beeinflussen.

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Wissenschaftliche Tests sind nicht reproduzierbar

Zudem stellte sich vor einiger Zeit heraus, dass wissenschaftlich bislang als gesichert geltende und in renommierten Fachblättern publizierte psychologische Studien sich nicht reproduzieren lassen. Forscher haben die Tests unter den genau gleichen Bedingungen wiederholt und sind zu anderen Ergebnissen gelangt.

Ihre Frage «Was gilt denn nun?» ist also äusserst berechtigt. Neue Theorien zu Themen wie Ernährung und Erziehung wirken auf den ersten Blick logisch, nachvollziehbar und wahr. Endlich scheint alles klar. Nur: Theorien sind Modelle, von Menschen gemacht. Und: Modelle sind nicht die Realität, die Wahrheit. Sie sind ein vereinfachtes, grobes Abbild und immer eine Auswahl. Eher wie Landkarten, die uns bestimmte Informationen zur Orientierung geben können, aber nicht verwechselt werden dürfen mit der echten Landschaft.

Für jedes Bedürfnis eine andere «Karte»

Und nicht alle Karten taugen für alles. Wenn Sie zum Beispiel einen Spaziergang machen, wählen Sie keine Karte, die Auskunft über Bodenschätze oder Bevölkerungsdichte gibt. So wie einer vegetarisch essenden Familie mit dem Modell der «Steinzeitdiät» nicht gedient ist.

Für den Spaziergang wählen Sie eine Wanderkarte. Und selbst diese sagt nichts aus über wetterbedingte Veränderungen wie etwa Erdrutsche und wechselnde Flussläufe.

«Eine Theorie regt uns an, uns damit auseinanderzusetzen, wer wir sind, wie wir denken und fühlen.»

Christine Harzheim, Psychologin FSP und systemische Familientherapeutin


Wenn wir im Alltag auf der Suche nach für uns tauglichen Handlungsrichtlinien sind, müssen wir neben Angeboten aus den jeweiligen Theorien unbedingt noch etwas anderes miteinbeziehen: uns.

Möglichkeit, Intuition, Moral

Die Tatsache, dass Nüsse gemäss Ernährungswissenschaftlern extrem gesund sind, nützt mir wenig, wenn ich eine Nussallergie Erdnussallergie Küssen kann tödlich sein habe.

Um sicher und sinnvoll entscheiden zu können, braucht es neben dem aktuell geltenden Wissen auch unsere eigenen, individuellen Vorerfahrungen, Möglichkeiten, unsere Intuition und unsere Moral.

Wenn wir all das in Bezug setzen, zum Beispiel zur neuen Erziehungsmethode, erfahren wir etwas darüber, ob sie für uns und unsere Kinder taugt oder eben nicht. Auch wenn alle anderen sich dafür starkmachen, Babys schreien zu lassen, Kinder ins Zimmer zu schicken, Strafen Erziehung Eine Anleitung für korrektes Schimpfen … Wie fühlt sich das an? Funktioniert es? Was ist der Preis, was sind die Nebenwirkungen für mich und meine Familie? Darf ich das? Warum? Kann ich dazu stehen?

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Für Eltern ist es in der Erziehung wichtig, konsequent zu bleiben und ihren Kindern auch die Konsequenzen zu zeigen, wenn diese nicht gehorchen wollen. Wie Sie das am besten tun, erfahren Sie als Mitglied von Guider in der Checkliste «So gelingt konsequentes Erziehen» mit praktischen Beispielen aus dem Alltag.

Wir sind heutzutage gefordert, unseren eigenen Weg zu gehen. Innerhalb des geltenden Rechts sind wir frei, unser Leben und das unserer Kinder zu gestalten. Wir haben die Wahl, und so tragen wir die Verantwortung für unser Handeln. Darum sollten wir neue Erkenntnisse herzlich willkommen heissen – um sie dann kritisch und selbstbewusst zu überprüfen und mutig Position zu beziehen.

Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Sie regt uns an, uns damit auseinanderzusetzen, wer wir sind, wie wir denken und fühlen und wie wir die Welt sehen. Und jede Theorie dürfen wir nutzen, verfeinern, integrieren oder ersetzen.

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an: christine.harzheim@beobachter.ch oder per Post an:

Christine Harzheim
Beobachter
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8021 Zürich

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Wissen, was dem Körper gut tut.

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