1. Home
  2. Gesundheit
  3. Psychologie
  4. Verhältnis zwischen erwachsenen Kindern und Eltern verbessern

Erwachsene Kinder«Der sonntägliche Anruf meiner Mutter ist mir ein Gräuel»

Obwohl man längst erwachsen ist, ändern sich gewisse Verhaltensmuster zwischen Kindern und Eltern nicht: Eine junge Frau verdreht die Augen, während sie telefoniert.

Ist die Beziehung zwischen den Eltern und ihren Kindern schwierig, ändert sich dies auch im Erwachsenenalter nicht schlagartig. Doch es gibt Tricks, wie man daran arbeiten kann.

von
aktualisiert am 06. März 2019

Frage: «Ich bin 55, aber das Verhältnis zu meiner Mutter belastet mich noch immer. Der sonntägliche Anruf ist mir ein Gräuel. Was kann ich tun?»

Es ist schon erstaunlich, wie wir älter werden und trotzdem immer Töchter oder Söhne bleiben. Neulich beobachtete ich eine Szene im Spital: Ein 90-jähriger Mann mahnte seinen 65-jährigen Sohn, er solle eine Kappe tragen, weil es draussen kalt sei. Und dieser zog sich wirklich wie ein Schulbub schon im Spitalzimmer die Kappe über.

«Manche Söhne trauen sich nicht, ihrem Vater zu erzählen, dass sie die Stelle verloren haben.»

Thomas Ihde, Präsident Pro Mente Sana

 

Der Vater hatte in dieser Situation zwar etwas Gutmeinend-Übergriffiges, doch die Beziehung der beiden wirkte herzlich und respektvoll. Leider ist das nicht immer so. Ich erlebe oft, dass es Leuten ergeht wie Ihnen. Ihre Mütter klagen am Telefon eine Stunde lang über ihre gesundheitlichen Beschwerden Koni Rohner zu Altern «Alte reden nur noch über Krankheiten» und fragen mit keinem Wort nach dem Gesprächspartner.

Ich kenne auch erwachsene Söhne, die sich nicht trauen, ihrem Vater zu erzählen, dass sie die Stelle verloren haben. Denn sie gehen davon aus, dass er ihnen zum zigten Mal einen Vortrag hält, wie wichtig es für ihn gewesen sei, sich ständig weiterzubilden.

Was kann in solchen Situationen helfen?

Negative Gefühle lassen sich leichter äussern als positive

Fragen Sie sich, was hinter dem Verhalten der Mutter oder des Vaters steht. Viele können leider besser direkt negative Gefühle ausdrücken Umgang mit Kritik Wie reagiere ich weniger sensibel? als positive. Und so hören die Kinder nie, dass die Eltern auch stolz sind auf sie Elternbeziehung «Was ich auch tue, es reicht nie» . Das hören nur andere. Und dass sie sie wirklich lieben, ist ein noch besser gehütetes Geheimnis. 

Eigentlich braucht der arbeitslose Sohn Trost. Den kann der Vater aber nicht ausdrücken. Hilfreich kann also sein, sich zu fragen: Ist das Verhalten nicht ein ungelenker Versuch, ein vielleicht intimeres Gefühl zu transportieren, das man nie gelernt hat auszudrücken?

Ein Brief kann helfen

Suchen Sie ein klärendes Gespräch. Vielleicht ergibt sich das spontan auf einem Spaziergang. Oder Sie kündigen es an, im Sinne von «nächsten Sonntag beim Besuch möchte ich mit dir besprechen, wie ich unsere Telefonate erlebe». Manchmal ist es hilfreich, wenn jemand anderer beim Gespräch dabei ist. 

«Manchmal braucht es einfach eine dicke, wasserabweisende Pelerine.»

Thomas Ihde, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH

 

Es kann aber auch helfen, sich in einem Brief auszudrücken. Ich meine wirklich einen Brief, am besten handgeschrieben. Nach meiner Erfahrung heizen SMS oder Whatsapp-Nachrichten Konflikte eher an.

Manchmal braucht es einfach eine dicke, wasserabweisende Pelerine Hochsensibel «Ich möchte eine dickere Haut haben» . Unter einer akuten Belastung sind wir alle sehr selbstbezogen. Kurz nach einer Krebsdiagnose vergessen wir zu fragen, wie es anderen geht. Dieser Tunnelblick in der Krise ist normal. 

Kinder selbstbezogener Eltern leiden ein Leben lang

Es gibt aber auch Menschen, die immer sehr selbstbezogen sind. Auch ihren Kindern gegenüber. Diese Kinder leiden oft ein ganzes Leben lang, versuchen lange und auf verschiedenste Weise, die wirkliche Aufmerksamkeit und wirkliche Liebe des Elternteils zu erlangen. 

Die Beziehung zu unseren Eltern ist ja etwas Instinktives, deshalb tut es so weh, wenn sie einseitig ist. Und deshalb ist es so schwierig zu akzeptieren, dass die eigene Mutter sich eigentlich vor allem für sich selbst interessiert Ein Leben lang gedemütigt «Ich hätte dich abtreiben sollen» . Hier geht es mehr um Trauer, ums Akzeptieren, dass es so ist. Aber auch um ein Würdigen dessen, was man trotzdem erreichen konnte. 

Wenn sich eine Mutter in den letzten 55 Jahren nicht wirklich für ihre Tochter interessiert hat, ist die Wahrscheinlichkeit leider eher gering, dass sich das noch ändert. Dann braucht es eben die Pelerine. 

Beziehungen sind nicht gratis

Auch in solchen Situationen kann es hilfreich sein, einen Brief zu schreiben. Er wird die Situation nicht ändern, aber man fühlt sich nicht mehr so ohnmächtig. Den Brief muss man dann auch nicht unbedingt abschicken. 

Jemand, den ich begleite, formulierte es schön: Meine Mutter war nie eine wirkliche Mutter, wie ich sie mir gewünscht hätte. Lange dachte ich, ich schulde es ihr, den Kontakt zu halten. Heute telefonieren wir einmal pro Woche. Einfach weil es meinen eigenen Werten entspricht. Mir ist es wichtig, für andere da zu sein – halt auch für meine Mutter.

«Überlegen Sie sich, wie viel Energie wohin fliesst.»

Thomas Ihde, Psychologe

 

Selbstschutz darf aber auch heissen, dass man keinen oder nur minimalsten Kontakt hält Kontaktverlust Wenn Eltern und Kinder nicht mehr miteinander reden . Beziehungen sind nicht gratis, sie kosten etwas – Interesse am Gegenüber. 

Überlegen Sie sich, wie viel Energie wohin fliesst Kraft Energieräuber erkennen und loswerden . Soll die ganze Energie in die Richtung der schwierigen, frustrierenden Beziehung zur Mutter fliessen, oder soll der Grossteil der Energie in Richtung ihrer Kinder und Enkel gehen, wo Sie Liebe schenken und auch wirkliche Liebe spüren können?

Haben Sie psychische oder soziale Probleme?

Schreiben Sie per Mail an:
thomas.ihde@beobachter.ch

Oder per Post an:

Thomas Ihde
Beobachter
Postfach
8021 Zürich

«Wissen, was dem Körper gut tut.»

Chantal Hebeisen, Redaktorin

Wissen, was dem Körper gut tut.

Der Gesundheits-Newsletter