Gretchen Rubin sass an einem regnerischen Aprilmorgen in einem New ­Yorker Bus, als die Erkenntnis über sie kam mit der Wucht eines Zweizeilers des Allmächtigen: «Deine Tage sind zwar lang, aber das ­Leben ist kurz.» Punkt. Die junge Mutter starrte durch die trüben Fensterscheiben nach draussen und fragte sich: «Was will ich vom ­Leben?» Klar, sie wollte glücklich sein. Dazu hatte sie ­eigentlich allen Grund, denn sie hatte alles, ­wovon andere Frauen nur träumen: einen ­attraktiven, liebevollen Ehemann; beruflichen Erfolg und einen entsprechenden Lohn; zwei reizende kleine Töchter; viele Freunde in der aufregendsten Stadt der Welt, New York.

«Warum schätze ich das alles so wenig?», dachte sie. Und: «Wie könnte ich zufriedener werden an einem x-beliebigen Tag?» Es war der Beginn eines Projekts: Ein Jahr lang konzentrierte sich Rubin fortan darauf, ihr persönliches Glück zu mehren, jeden Monat mit einem anderen Ansatz. Und sie führte Buch über ihre Anstrengungen. «Das Happiness-Projekt» wurde zum Bestseller.

Situatives und habituelles Glück

In den USA ist «the pursuit of happiness», das Streben nach Glück, als Grundrecht eines jeden Bürgers in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 festgehalten. Was aber ist Glück? Meinen damit alle das Gleiche? Was macht es aus? Diese Fragen sind wohl so alt wie die Menschheit. Heute ist es die Glücksforschung, die die Bedingungen zu ergründen versucht, unter denen Menschen glücklich sind. Philosophie und ­Psychologie, Soziologie und Ökonomie – das Phänomen untersuchen mittlerweile viele Disziplinen. Die meisten Wissenschaftler unterscheiden zwei grundlegende Glücksformen:

  • Das situative Glück entspringt dem Augenblick. Es verschafft uns Wohlbehagen, Vergnügen, Freude. Das gute Essen, das wir mit Freunden geniessen, das Glas Wein, das den Gaumen kitzelt, das neue Kleid aus der teuren Boutique, das wie angegossen sitzt. Solches «Wohlfühlglück» für Körper und Seele, wie es die Psychologin Maja Storch nennt, kann sich zum grossen Glück steigern: zu Rausch und Lust, zu Wonne, Euphorie und Ekstase. Diese Form von Glück kennt die Athletin, die unverhofft olympisches Gold gewinnt; das jungverliebte Paar in der ersten Liebesnacht; der Opernliebhaber bei einer gelungenen Premiere.

  • Das habituelle Glück ist von Dauer geprägt. Es umfasst eine grundsätzliche Zufriedenheit und Seelenruhe, ein Grundbehagen und Eins-Sein mit sich und der Welt. «Glück der Fülle» heisst es beim Philosophen Wilhelm Schmid, und er meint damit explizit auch die Kraft, mit den Widrigkeiten des Lebens zu Rande zu kommen. «Diejenigen tun mir leid, die mit aller Wucht versuchen, gegen die negativen Seiten ihres ­Lebens anzukämpfen», sagt Schmid.
Anzeige

Wer Geld hat, schätzt sich glücklicher ein

Macht Geld uns glücklich? Diese Frage steht im Zentrum der Glücksökonomie, die sich seit einigen Jahren grosser Popularität erfreut. Die empirische Glücksforschung, wie sie etwa der Zürcher Ökonom Bruno S. Frey in vielen Studien vorangetrieben hat, belegt eindeutig: Reichere Personen bewerten ihr subjektives Wohlbefinden höher als ärmere Personen. In der Schweiz erreicht die kollektive Glückskurve bei einem Monatseinkommen von 8000 bis 10'000 Franken ihren Höhepunkt. «Das Gleiche gilt beim Vergleich zwischen den Ländern», sagt Frey: «Individuen, die in reicheren Ländern wohnen, sind im Durchschnitt glücklicher als solche, die in ärmeren Ländern wohnen.» Gesellschaftli­cher Status, der grössere finanzielle Handlungsspielraum, ein schönes Haus oder ausgedehnte Ferienreisen – solche Elemente begüns­tigen das Wohlgefühl beträchtlich, nur schon deswegen, weil sie sozialen Abstand und die Freiheit zum Luxus gewähren. Der exzentrische Hollywoodstar Zsa Zsa Gabor formulierte es so: «In einem Rolls-Royce weint es sich angeneh­mer als in der Strassenbahn.»

Bloss: Wenn alle mehr verdienen, werden wir nicht zufriedener. Erstens gewöhnen wir uns an die Annehmlichkeiten des Lebens, zweitens dämpft es unser Lebensglück, wenn der Nachbar, die Kollegin oder – horribile dictu – die Putzhilfe mit uns gleichziehen. Dieses Wohlstandsparadox haben Sozialforscher der amerikanischen Cornell-Universität in einem Experiment beleuchtet. Sie liessen die Testpersonen zwischen zwei Optionen wählen: Im einen Fall würden sie 100'000 Dollar verdienen, alle Vergleichspersonen aber nur 80'000. Im anderen Fall würden sie gar 150'000 Dollar verdienen, die anderen jedoch 200'000. Die Mehrheit wählte die erste Option. Die 50'000 Dollar zusätzlich waren ihr nicht so viel wert wie der Status, unter Ärmeren der Spitzenverdiener zu sein.

Anzeige

Man soll sein Lebensglück nicht vom Geld tyrannisieren lassen, «ob man es nun hat oder nicht», findet der Autor Wolf Schneider. «Schliesslich führen Millionen arme Teufel in der Dritten Welt ein fröhlicheres Leben als bei uns manche Witwe mit Chauffeur, und es fehlt jedes Indiz dafür, dass ein Zehnjähriger von heute inmitten seiner Elektronik eine glücklichere Kindheit hätte als vor 100 Jahren die ­sieben Kinder eines Einödbauern.»

Manche Glücksrezepte sind Tausende Jahre alt. «Es gibt nichts Besseres, als fröhlich zu sein und sich gütlich zu tun in seinem Leben», rät der Prediger Salomo im Alten Testament. «Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat ­guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes» (Prediger 3,13).

Am besten etwas Grosses tun

«Tu was!», empfiehlt Wolf Schneider. «Im Idealfall etwas Grosses, im Normalfall etwas Sinnvolles oder auch etwas Zweckfreies wie Sammeln oder Spielen.» In Schneiders «Gebrauchsanweisung» zum Glück kommt dieser Ratschlag gleich vor dem Aufruf, sich zwischendurch ­etwas zu gönnen, gut zu sich selber zu sein.

«Das Gehirn ist darauf angelegt, Wohlbefinden zu erzeugen, und Sie haben ein Geburtsrecht, es sich möglichst gut gehen zu lassen», sagt auch die Psychologin Maja Storch. Danach zu suchen hilft, die Aufmerksamkeit systematisch auf Dinge zu richten, die einen freuen.

Das tat Gretchen Rubin in ihrem Glücksprojekt ein ganzes Jahr lang, erst einmal ganz pragmatisch bei sich zu Hause: Sie schuf Ordnung in ihren Schränken. Dazu trällerte sie morgens ein Lied. Sie begann, Aristoteles und andere Klassiker zu lesen. Sie lud alte Freunde zum Essen ein, mit denen sie jahrelang nicht gesprochen hatte. Sie lief mit ihren Töchtern Schlittschuh. Sie gab ihrem Ehemann öfter einen Kuss. «Im Lauf meiner Recherche fand ich heraus, was ich schon immer gewusst hatte: Ich konnte mein Leben ändern, ohne mein Leben zu ändern», schreibt sie. Und bestätigt die alte Weisheit: ­Jeder ist seines Glückes Schmied.

Anzeige

Buch- und Filmtipps

Gretchen Rubin: «Das Happiness-Projekt»; Fischer, 2012, 380 Seiten, CHF 16.90

Bruno S. Frey, Claudia Frey ­Marti: «Glück. Die Sicht der Ökonomie»; Rüegger, 2010,
168 Seiten, CHF 24.90

Wolf Schneider: «Glück! Eine etwas andere Gebrauchs­anweisung»; ­Rowohlt, 2008, 304 Seiten, CHF 13.40

NZZ Format: «Auf der Suche nach Glück»; DVD, 2010, 93 Minuten, CHF 39.90. Erhältlich bei NZZ Format, Postfach, 8021 Zürich; Online-Bestellung über www.tvnzzshop.ch