Sie leiden mit, während ihre Frau unter einer Zwangskrankheit leidet. Zwänge gehören zu den klassischen Neurosen und wurden schon vor 100 Jahren von ­Sigmund Freud beschrieben. Man unterscheidet heute zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Ein Beispiel für Zwangsgedanken liefert etwa jener Mann, der die Vorstellung hat, seine Enkelin vom Balkon fallen zu lassen.

Untersuchungen haben gezeigt, dass Zwangsgedanken in der Tat am häufigsten einen aggressiven Inhalt haben. Oft drehen sie sich auch um das Thema Schmutz – zum Beispiel hat jemand Angst, ungewollt obszöne Wörter zu gebrauchen.

Zwanghafte Sauberkeit und Kontrolle

Die «fixen Ideen» Ihrer Frau zählt man zu den Zwangshandlungen. Am häufigsten sind in diesem Bereich Kontrollzwänge. Die Betroffenen müssen etwa jedes Mal, wenn sie das Haus ­verlassen, kontrollieren, ob alle Fenster geschlossen, der Herd ausgeschaltet und alle Wasserhahnen ­abgedreht sind.

Häufig sind Wasch- und Reinigungszwänge: Die Hände müssen immer wieder gewaschen werden, oder die Küche ist nie sauber genug. Eine Frau erzählte, sie müsse die Autos zählen, die unter ihrem Fenster vorbeifahren. Bekannt sind auch die Menschen, die unter einem Sammel- und Auf­bewahrungszwang leiden.

Zwänge sind für Aussenstehende oft nur schwer nachzuvollziehen. Warum machen die Betroffenen etwas immer wieder, was objektiv gesehen übertrieben oder unsinnig ist? Warum reissen sie sich nicht einfach zusammen und hören damit auf? Leider ist das nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint. Ein zentrales Merkmal von Zwangsstörungen liegt eben gerade darin, dass der Betroffene vom gesunden Menschenverstand her weiss, dass das, was er gerade tut, unsinnig ist. Trotz aller Mühe und gutem Willen kann er aber nicht anders handeln. Unterlässt er seine Zwangshandlung, wird er von Unruhe oder gar panikartiger Angst geplagt.

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Die Ursachen für Zwänge sind viel­fältig. Verschiedene Faktoren spielen eine Rolle: der Einfluss des Elternhauses und nahestehender Personen, kritische Lebens­ereignisse wie Todesfälle, eine schwierige Scheidung oder ein Unfall und schliesslich Persönlichkeitsmerkmale wie zum Beispiel grosse Gewissenhaftigkeit. Obwohl Zwangsstörungen sehr hartnäckig sind, gibt es heute gute Behandlungsmöglichkeiten durch Fachpersonen.

Was Angehörige tun können


Über die Erkrankung reden

Bedenken Sie, dass die betroffene Person eine Zwangserkrankung hat und nicht an mangelnder Willenskraft leidet. Sagen Sie neutral, was Ihnen auffällt, äussern Sie Ihre Vermutung einer Zwangskrankheit und fragen Sie die Person nach ihrer Meinung. Weisen Sie  auf Behandlungsmöglichkeiten hin, und sagen Sie, dass Sie entlastet wären, wenn sie etwas unternehmen würde.

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Den Zwang nicht unterstützen
Spielen Sie nicht mit. Helfen Sie der ­betroffenen Person nicht, ihre Zwänge durchzuführen, unterwerfen Sie sich nicht ihren Regeln. Behalten Sie Ihren eigenen zwanglosen Stil bei.

Dafür den Menschen unterstützen
Auch wenn Sie die Handlungen des ­andern ärgern, zeigen Sie, dass Sie den Betroffenen akzeptieren. Interessieren Sie sich für seine gesunden Seiten und zeigen Sie Ihre Liebe.

Buchtipp

Michael Rufer, Susanne Fricke: «Der Zwang in meiner Nähe. Rat und Hilfe für Angehörige von zwangskranken Menschen»; Verlag Huber, 2008, 140 Seiten, Fr. 30.90