So langsam frage ich mich, ob ich verrückt bin. Es ist die erste Stunde meines Achtsamkeitskurses Meditation Mit Übung zur Ruhe , fünf Frauen, fünf Männer sitzen im Kreis im ausgebauten Keller eines Einfamilienhauses, goldene Buddha-Figur in der Ecke. Gerade schildern wir reihum unsere Erfahrung mit einer Rosine. Wir hatten uns mit allen Sinnen auf sie einlassen sollen – und als ob das nicht schon kurios genug wäre, erzählt nun schon der dritte Teilnehmer, er habe die getrocknete Traube knistern gehört.

Aber Dörrobst, sofern nicht von Tieren durchsetzt, kann doch keine Geräusche machen? Also nicht dass mich die Rosine nicht überrascht hätte, in den Minuten, in denen ich mich gerade mit ihr beschäftigt habe. Nie war mir vorher aufgefallen, dass diese schrumpligen Dinger gegen das Licht bernsteinfarben leuchten. Und wie intensiv süss und fruchtig dieses Exemplar schmeckte, nachdem ich an ihm gerochen, es im Mund hin- und herbewegt und dann erst langsam gekaut hatte.

Aber ein Knistern, nein, beim besten Willen nicht. Ich frage den Dozenten: «Die Rosine macht doch keine Geräusche, oder?» Er grinst: «Nein, nur wenn man damit beim Lauschen und Drehen das Ohr berührt.»

Autogenes Training ist out – heute schreien alle nach Achtsamkeit

Gut, ich bin beruhigt, hier geht es nicht um Übersinnliches Wahrnehmung «Verliebte erleben mehr Übersinnliches» (woran ich nicht glaube), sondern im Gegenteil um alle Sinne Slow Food «Eine Orgie für die Sinne» . Ich erzähle daraufhin bereitwillig von der Geschmacksexplosion beim Essen der Rosine – erstaunlich, weil ich eigentlich keine Rosinen mag. Nur, wie mir dieses Erlebnis gegen Stress helfen soll, ist mir noch nicht klar.

Ich kenne das Gefühl, gestresst zu sein, seit der Schulzeit. Wenn vielfältige Anforderungen Stress durch Multitasking «To-do-Listen sind gefährlich» auf mich zukommen, habe ich Magendrücken, spüre innere Unruhe, wache frühmorgens auf Schlafstörungen Auf Stress folgt keine gute Nacht , denke an all das, was erledigt werden muss – und kann nicht wieder einschlafen.

«Achtsamkeit hat Wohlbefinden nicht als Ziel, sondern es ist eine angenehme Nebenwirkung.»

Volkmar Höfling, Psychologe

 

Im letzten Jahrtausend machte man dagegen progressive Muskelentspannung (PME) und autogenes Training (AT). Auch ich nahm in den Neunzigern an einem Kurs teil, in dem beides gelehrt wurde. Ich lernte, meinen Körper allein durch meine Vorstellungskraft schwer und warm werden zu lassen. Meistens schlief ich bei PME und AT ein – und fand das toll. Die Techniken halfen mir, auch in schwierigen Situationen zu schlafen und dann erholt an die Arbeit zu gehen. Die Erfolge von PME und AT sind wissenschaftlich dokumentiert.

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Heute redet allerdings kaum jemand mehr von PME und AT, der neue Trend heisst Achtsamkeit. «PME und AT wirken noch genauso gut wie früher», sagt Volkmar Höfling, Dozent für Verhaltenstherapie an der Universität Frankfurt am Main, der über Achtsamkeit promoviert hat. «Achtsamkeitsübungen unterscheiden sich von AT und PME dadurch, dass sie Wohlbefinden und Entspannung weniger als Ziel, sondern meist als angenehme Nebenwirkung haben.»

Im Jetzt sein, ohne zu bewerten

Das Prinzip der Achtsamkeit Achtsamkeit Wie Sie die innere Ruhe finden können kommt aus dem Buddhismus. «Es geht darum, im Jetzt zu sein und nicht zu bewerten», sagt Dandan Pang, Psychologin und Leiterin des Mindfulness Lab an der Uni Zürich. «Indem man die komplexe Welt ausserhalb loslässt, erreicht man inneren Frieden und Gelassenheit.»

«Sobald Ruhe einkehrt, geraten wir oft in einen Autopilotmodus», sagt Volkmar Höfling. «Wir denken dann daran, was gestern passiert und morgen zu tun ist – ohne dass das dann produktiv und sinnvoll wäre. Das kann unnötig stressen, weil in der Gegenwart eigentlich ein Zeitpunkt wäre, an dem wir zur Ruhe kommen könnten.»

Ständig in der Vergangenheit, ständig in der Zukunft

Ständig mit den Gedanken in der Vergangenheit oder Zukunft, zwischendurch immer wieder der Blick aufs Handy Arbeit Immer erreichbar? Immer online? – ja, so bin ich. Dabei weiss ich, dass ich am glücklichsten bin, wenn ich ganz im Hier und Jetzt bin, beim Durchatmen auf einem Berggipfel, bei den ersten Schwimmzügen im See. Aber dann driften die Gedanken schon wieder ab. Die morgendliche Grübel-Schlaflosigkeit kam auch wieder. Ich wollte diese Achtsamkeit lernen.

Da ich kein Freund von Religionen bin, entscheide ich mich für das Programm der Mindfulness-Based Stress Reduction (achtsamkeitsbasierte Stressreduktion, MBSR), das ohne spirituelles Beiwerk auskommt. Es besteht aus acht Abendkursen plus einem Achtsamkeitstag und hat in Studien seine Wirksamkeit gegen Stress, Ängstlichkeit und Depressivität bewiesen.

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Kleine Schummeleien bei der Achtsamkeitsübung

Achtsam eine Rosine zu essen war die erste Übung. Die zweite: Bodyscan. Wir liegen mit geschlossenen Augen auf Gymnastikmatten. Christian, unser Achtsamkeitstrainer, leitet mit sanfter Stimme unsere Aufmerksamkeit durch unseren Körper. «Sei wie eine Antenne, wach und bereit, deine Fusssohle zu spüren.» Sie kribbelt. Dann wird mein Fuss schwer, mein Bein, meine Gedanken – anscheinend nicht nur bei mir.

Neben mir höre ich Aleks, vollbärtiger HNO-Arzt kroatischer Abstammung, schnarchen. Und ich bin auch nicht weit davon entfernt. Christians Worte, ich höre sie schon fast nicht mehr. Kurz döse ich weg, er weckt mich mit dem Klangschalengong.

Danach Erfahrungsaustausch in der Runde. Aleks erzählt, dass er mal kurz weggedöst war, aber immer wieder zurückgekommen sei – dabei hat er durchgängig gesägt! Die geben hier alle super Körpererfahrungen vor und pennen doch genau wie ich! Hausaufgabe: sechsmal die Woche Bodyscan, mindestens einmal achtsam essen. «Aber nicht in der Kantine das Schnitzel ans Ohr halten», sagt Christian. «Wir wollen auch nicht den anderen beweisen, wie achtsam wir sind, wir machen das für uns.»

Der Stress mit den Achtsamkeitsübungen

Ich versuche das achtsame Essen, als ich während einer Dienstreise allein im Restaurant sitze. Ich betrachte also die Vorspeise, meinen Salat, von allen Seiten, rieche an ihm, stecke dann das Blatt in den Mund, befühle es mit der Zunge, kaue langsam. Es schmeckt unglaublich gut. Das liegt bestimmt am achtsamen Essen – und wahrscheinlich auch daran, dass mich das Personal wohl für einen Restauranttester hält und sich deshalb sehr viel Mühe mit der Zubereitung gibt. Jedenfalls tuscheln die Bedienungen und schauen mich gebannt an.

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Den Bodyscan schaffe ich nur vier- statt sechsmal – und auch nur weil ich mich mit ganzer Kraft dazu zwinge. Es gibt einfach so viel Besseres zu tun Psychologie «Ich habe keine Zeit für Achtsamkeit» , als 45 Minuten regungslos rumzuliegen. Wenn ich es allerdings schaffe, bin ich danach tiefenentspannt.

«Alle Teilnehmer haben Probleme, die Achtsamkeitsübungen im Alltag zu machen.»

Frederik Jötten, Journalist

 

«Ich bin nur viermal dazu gekommen, den Bodyscan zu machen», beichte ich beim Sitzkreis in der nächsten Stunde. Christian wedelt mit dem Zeigfinger. «Also das kann so nicht weitergehen.» Alle lachen. Das ist das Gute an diesem Kurs, dass es nicht zu ernst zugeht. Es zeigt sich, dass alle Teilnehmer Probleme haben, Achtsamkeit im Alltag zu üben. Christian sagt dazu: «Gut, dass ihr es überhaupt ausprobiert habt – wir können bei jedem Essen üben, kein Stress.» Es ist angenehm, dass es in diesem Kurs nie um Ehrgeiz geht, das kenne ich sonst von nirgendwo in der Gesellschaft.

Wie holt man seine Gedanken ohne Gewalt wieder zurück?

Diese Einstellung führt allerdings dazu, dass ich in der nächsten Woche nur noch zweimal den Bodyscan schaffe. «So ganz ohne Disziplin geht es wohl nicht», sage ich bei der Gruppenrunde am nächsten Kurstag. Christian breitet die Hände aus. «Ja, das ist die Aufgabe, dass man die Waage hinbekommt zwischen Disziplin und Gewaltlosigkeit gegenüber dir selbst.»

Mittlerweile meditieren wir auch, konzentrieren uns auf unseren Atem und den Moment. Meine Gedanken flüchten Schlafstörung Der Traum vom erholsamen Schlaf dabei in etwa jeder Sekunde zu Skitagen im letzten Jahr, zum kommenden Weihnachtsfest und, und, und. Es macht mich wütend, dass ich es nicht hinkriege, nur auf den Atem konzentriert zu sein. «Geh zurück zu dem verdammten Atem!», brülle ich mich innerlich an. Christian sagt: «Wenn eure Gedanken abschweifen, versucht sie zurückzuholen, aber sanft, ohne Gewalt, seid gut zu euch.»

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«Wenn eure Gedanken abschweifen, versucht sie zurückzuholen, aber sanft, ohne Gewalt.»

Achtsamkeitstrainer Christian

 

Nach der Meditation Gruppenrunde. «Ich bin sehr unzufrieden mit mir, wenn ich mit den Gedanken abschweife», sage ich. «Was machst du dann?», fragt Christian. «Ich versuche, mich am Riemen zu reissen.» Christian erwidert: «Wenn wir im Bild bleiben: Ausgewachsene Hunde, die zerrt man vielleicht ein bisschen an der Leine. Aber versuch doch mal, mit dir umzugehen wie mit einem kleinen Welpen, den man zärtlich wieder einfängt, wenn er etwas falsch macht.» Das ist ein schöner Gedanke, und er unterscheidet sich stark von den harschen Sätzen, mit denen ich mich sonst antreibe – ich merke, dass ich mir damit selbst Stress mache. Aber auch wenn ich die Selbstbeschimpfungen seinlasse, schweifen meine Gedanken immer wieder ab.

Gedanken ziehen lassen – und weiterschlafen

«Stellt euch vor, ihr steht mit einer Augenbinde an einer vielbefahrenen Strasse – so ist unser Normalzustand», sagt Christian. «Die Gedanken rasen vorbei, wir sehen sie noch nicht einmal. Wenn wir achtsam sind, nehmen wir die Augenbinde ab, holen uns einen bequemen Liegestuhl und setzen uns an den Strassenrand. Wenn wir merken, dass uns ein Gedanke mitnehmen möchte, lassen wir ihn vorbeiziehen.»

Nach acht Wochen ist der Kurs vorbei. Den Bodyscan mache ich nicht mehr. Wenn aber morgens die Gedanken kommen an all das, was ich zu tun habe, lasse ich sie ziehen. Ich schaue ihnen nach, schlafe wieder ein Schlaflosigkeit Schlafen kann man lernen – und beginne den Tag ausgeruht und nicht gestresst.

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Chantal Hebeisen, Redaktorin

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