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SchmerzmittelRezeptfrei heisst nicht harmlos

Rezeptfreie Schmerzmittel finden sich in fast jeder Hausapotheke. Dabei sind sie alles andere als harmlos.

Schon am Morgen Kopfweh? Den Alltag meistern wir trotzdem spielend – dank rezeptfreien Tabletten.
von aktualisiert am 21. November 2017

«Ich hätte gern eine Schachtel Panadol, ein Algifor, Aspirin-Brausetabletten und einmal Voltaren Dolo, bitte.» – «Das macht dann 41 Franken 50. Sie wissen, dass Sie nicht alles gleichzeitig einnehmen sollten?» – «Ja.»

Kein Wort darüber, dass Aspirin bei Asthmapatienten einen Anfall auslösen kann. Dass Diclofenac einen ohnehin empfindlichen Magen schädigen kann. Oder dass die zehn Gramm Paracetamol gegen eine Schleimbeutelentzündung nicht helfen werden, weil der Wirkstoff bei Entzündungsschmerzen nicht wirkt. Und dass die eben gekaufte Dosis tödlich sein kann, wenn man sie innert 24 Stunden einnimmt.

Dass man beim Kauf rezeptfreier Schmerzmedikamente schlecht bis gar nicht beraten wird, passiert sehr oft. Bei über der Hälfte von 20 Testkäufen durch die Beobachter-Redaktion wurde höchstens gefragt, ob man das Medikament kenne – oder gar nichts gesagt. In nur zwei Apotheken wurde der Käufer darauf aufmerksam gemacht, dass die Tabletten nicht länger als drei bis vier Tage eingenommen werden sollten, wie Pharmakologen schon lange raten. Denn harmlos sind rezeptfreie Mittel keineswegs.

Alles begann mit einer Quetschung

Das sollte Nina Keller* am eigenen Leib erfahren. Im August 2014 reiste die damals 22-Jährige mit ihrem Freund nach Süditalien. «Wir wollten seine Verwandten besuchen. Kurz vorher hatte ich mir den Fuss in der Autotür eingeklemmt – ich hatte heftige Schmerzen. Darum nahm ich Dafalgan. Alle vier Stunden eine Tablette, wie im Beipackzettel angegeben.» 

Als die Packung in Lecce leer war, ging Nina Keller in eine Apotheke. Dort gab man ihr Ibuprofen. «Das half nicht besonders, also nahm ich mehr davon.» Kein Wunder. Ibuprofen wirkt vor allem gegen entzündungsbedingte Schmerzen, nicht aber gegen eine Quetschung. (siehe auch «Ibuprofen & Co.: Die Wirkstoffe und ihre Risiken)

In den folgenden Tagen bekam die junge Frau zusätzlich heftige Magenschmerzen. Sie nahm noch mehr Ibuprofen. Doch die Schmerzen im Fuss und im Bauch nahmen nicht ab. Schliesslich musste Nina Keller auch noch erbrechen. «Es war ein Jammer. Ich hatte mich so auf die dortigen Fischspezialitäten gefreut. Aber mir ging es so mies, ich brachte einfach keinen Bissen runter.» 

Sie hatte noch Glück im Unglück

Auf der Heimfahrt, bei Rimini, kollabierte Nina Keller. Ihr Freund fuhr sie sofort ins nächste Spital. Am Tag darauf flog sie mit der Rega nach Zürich, wo sie drei Tage auf der Intensivstation verbrachte. Der Befund: eine Herzbeutelentzündung mit Wassereinlagerungen. 1,2 Liter Wasser in der Lunge, die mittels Punktion abgesaugt werden mussten. Eine vergrösserte Leber. Und eine Magenentzündung «nach NSAR-Konsum», heisst es in der Krankengeschichte. 

Die Abkürzung NSAR steht für nichtsteroidale Antirheumatika, also Entzündungshemmer ohne Kortison. In Kellers Fall: Ibuprofen. Ob auch die anderen Befunde auf eine Überdosis des Wirkstoffs zurückzuführen waren, konnte zwar nicht eindeutig geklärt werden. Doch unwahrscheinlich ist es nicht. Denn unter dem Einfluss von Ibuprofen scheidet die Niere nur noch halb so viel Wasser aus. Was im Körper bleibt, kann sich in der Lunge oder im Herzen ansammeln.

Eineinhalb Wochen verbrachte Nina Keller insgesamt im Spital. Dabei hatte die junge Frau noch Glück: «Wenn ich für die Heimfahrt auch noch ein Schlafmittel genommen hätte, und das hatte ich eigentlich vor, wäre es noch gefährlicher geworden, haben die Ärzte gesagt.»

Schwere Nebenwirkungen möglich

In ihrem Ausmass mag Nina Kellers Leidensgeschichte aussergewöhnlich sein. Doch an Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt leiden bis zu 16 Prozent der mit Ibuprofen behandelten Personen. 

Und nicht nur Ibuprofen hat diesen Effekt. Rund 20 Prozent der Patienten, die über längere Zeit solche Entzündungshemmer einnehmen, bekommen früher oder später ein Geschwür in Magen oder Darm. Und bei den über 65-Jährigen sollen bis zu 30 Prozent der Krankenhausaufenthalte wegen Magen- oder Darmgeschwüren auf die Einnahme dieser Wirkstoffe zurückzuführen sein.

Zu diesen Ergebnissen ist die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft gekommen. In der Schweiz dürften die Zahlen ähnlich sein, doch hierzulande fehlen Statistiken. Das liegt daran, dass forschungsorientierte Erhebungen dieser Art sehr aufwendig sind, weil sie nur mit Bewilligung der Ethikkommission und mit Einwilligung der Patienten gemacht werden können – das Humanforschungsgesetz will es so.

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Häufig verwendete schmerzlindernde Arzneistoffe wie Ibuprofen und Diclofenac können in Einzelfällen zudem schwere Nebenwirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben, zeigten dänische Forscher. Bei der Einnahme von Diclofenac stieg die Wahrscheinlichkeit eines Herzstillstands um 50 Prozent im Vergleich zu Patienten, die keine Schmerzmittel genommen hatten. Bei Ibuprofen lag das Risiko um 31 Prozent höher.

«Der Anstieg des Blutdrucks unter Ibuprofen ist signifikant», sagt auch Frank Ruschitzka, stellvertretender Direktor der Klinik für Kardiologie am Universitären Herzzentrum Zürich, im Interview mit dem Beobachter. Er hat eine aktuelle Studie zu den Auswirkungen von Ibuprofen auf Patienten mit rheumatoider Arthritis geleitet. «Ibuprofen ist eindeutig nicht so sicher, wie man früher gedacht hat.» Gerade für ältere Patienten, die oft unter Arthrose und hohem Blutdruck litten, seien die Ergebnisse von grosser medizinischer Bedeutung.

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Ein weiteres sehr gebräuchliches und rezeptfreies Schmerzmittel ist Paracetamol. Es ist seit den fünfziger Jahren in Kassenschlagern wie Dafalgan und Panadol enthalten. Der Wirkstoff ist besonders schädlich für die Leber – und er ist der häufigste Grund für akutes Leberversagen und Lebertransplantationen in den USA und in Westeuropa. 

Allein in den USA landen jedes Jahr rund 50'000 Personen wegen Missbrauchs von Paracetamol im Spital. In der Schweiz nehmen die Fälle stark zu: 2005 gab es 600 Überdosierungen mit Paracetamol-Präparaten, bis 2016 ist die Anzahl Fälle pro Jahr sukzessive auf 1200 gestiegen, meldet das Schweizer Informationszentrum Tox Info.

Die meisten Überdosierungen erfolgen allerdings absichtlich. Paracetamol wird oft für Suizidversuche verwendet – obwohl der Todeskampf qualvoll ist und Tage dauert. Der Inhalt einer handelsüblichen, rezeptfrei erhältlichen Schachtel kann bereits tödlich sein. Opfer, die früh genug gefunden werden, haben glücklicherweise sehr gute Überlebenschancen.

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Seit Jahren empfehlen Pharmakologen, ohne ärztlichen Rat auch rezeptfreie Schmerzmittel nicht länger als drei, vier Tage am Stück einzunehmen – und nicht öfter als an zehn Tagen pro Monat. Auf vielen Beipackzetteln steht davon allerdings nichts. Bei den meisten ist lediglich die Höchstdosierung pro Tag vermerkt.

«NSAR wie Ibuprofen und Diclofenac sind in der Schweiz wohl für rund 50 Todesfälle pro Jahr verantwortlich – bei relativ gesunden Personen», sagt Matthias Liechti, leitender Arzt der klinischen Pharmakologie am Universitätsspital Basel. Es sei aber schwierig, festzustellen, ob die Betroffenen das Mittel mit oder ohne ärztliches Rezept gekauft hätten. Weltweit werden jährlich rund 73 Millionen Rezepte für nicht verschreibungspflichtige Entzündungshemmer ausgestellt.

Obwohl die Einnahme von Paracetamol und Co. tödlich enden kann, dürfen die Hersteller Werbung für ihre rezeptfreien Medikamente direkt an Patienten richten, sei es im Fernsehen, in der Presse oder im Internet. Entsprechend gut geht es der Branche: 2015 wurden in der Schweiz rund 100 Millionen Franken mit rezeptfreien und rund 132 Millionen Franken mit verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln umgesetzt, zeigt der Helsana-Arzneimittelbericht. Bei den Wirkstoffen steht Paracetamol auf Platz eins, Ibuprofen und Acetylsalicylsäure sind auf vier und fünf, Diclofenac ist die Nummer acht. 

Der grosse Überblick:

Gut zu wissen: Die Wirkstoffe und ihre Risiken

Ibuprofen, Paracetamol & Co.: Welcher Wirkstoff ist bei welchen Leiden nicht geeignet? In welchen Medikamenten ist welcher Wirkstoff enthalten?

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Der sorglose Umgang mit Schmerzmitteln zeigt sich auch in einer Umfrage der Gewerkschaft Unia zum Thema Gesundheit am Arbeitsplatz von 2007. 31 Prozent der befragten Bauarbeiter sagten, sie würden bei Schmerzen den Arzt aufsuchen. Fast gleich viele – 28,2 Prozent – gaben an, stattdessen zur Tablette zu greifen. Die Gründe der Bauarbeiter, sich über längere Zeit mit Schmerzmitteln aus der Apotheke selber zu behandeln, wurden bei der Untersuchung nicht erhoben. Generell fehlen Studien dazu weitgehend. 

Kopfweh ist nicht gleich Kopfweh

«Es ist verblüffend, wie viele Leute ihr Kopfweh oder sonstige Schmerzen mit rezeptfreien Tabletten selber behandeln, statt zum Arzt zu gehen», sagt Heidi Oesch. Sie leitet die Winterthurer Selbsthilfegruppe «Migräne und Kopfschmerzen» und ist seit über 20 Jahren bei der Spitex tätig. Ihre Beobachtung: «Die einen wollen nicht wahrhaben, dass sie krank sind, und tun sich schwer, sich helfen zu lassen. Andere fürchten, ihren Job nicht mehr ausüben zu können.»

Gerade bei Kopfschmerzen und Migräne ist eine Selbstbehandlung problematisch. Denn Kopfweh ist auch eine Nebenwirkung von übermässigem Schmerzmittelgebrauch. In Europa leiden ein bis zwei Prozent der Bevölkerung unter sogenannten medikamenteninduzierten Kopfschmerzen, zeigen Studien. Da sie das nicht wissen, schlucken Betroffene noch mehr Tabletten – ein Teufelskreis. 

Besonders heikel sind Mischpräparate, die etwa Koffein enthalten. Solche rezeptfreien Kombipräparate können bereits Kopfschmerzen auslösen, wenn man sie über drei Monate hinweg an mehr als neun Tagen pro Monat einnimmt, so die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS). Bei anderen rezeptfreien Schmerzmitteln rechnet man mit 15 Tagen in drei Monaten. Ausserdem können sie süchtig machen.

Fuss verstaucht und Wochenende? Party machen liegt dennoch drin – und auch gegen...

Auch die Spass- und Freizeitfraktion treibt einen lockeren Umgang mit den kleinen Alltagshelfern. Trotz pochenden Kopfschmerzen ins Klubgedröhne? Mit der Muskelzerrung auf die Tanzfläche? Schnell eine Tablette schlucken, und dem Vergnügen steht nichts mehr im Weg. 

Nicht wenige Partygänger werfen vor dem Ausgang oder spätestens vor dem Einschlafen ein «Schmerzmedi» ein, damit der Kater am nächsten Morgen nicht zu laut knurrt. Magen, Nieren und Leber leiden gleich doppelt, wenn die Mittel in Kombination mit Alkohol eingenommen werden.

Beliebtes Marathon-Doping

Auch ambitionierte Hobbysportler greifen gern in die Hausapotheke. 2010 rannten knapp 9000 Läufer den Marathon in Bonn, die meisten davon Amateure. Über die Hälfte nahm vorbeugend Schmerzmittel ein. In einer Umfrage der Uni Erlangen nannten sie an erster Stelle Diclofenac, an zweiter Ibuprofen. Ersteres teilweise sogar in Mengen über der vertretbaren Tageshöchstdosis. Zwei Teilnehmer erlitten einen Herzinfarkt.

Hierzulande ergaben Tests 1998, dass ein Drittel der Teilnehmer des Jungfrau-Marathons prophylaktisch Schmerzmittel eingenommen hatte. Neuere Studien fehlen. «Derzeit ist in der Schweiz niemand zuständig für diese Thematik», sagt Matthias Kamber, Direktor von Antidoping Schweiz. «Natürlich wäre es sinnvoll, wenn wir solche Untersuchungen unseren Tests auf Anabolika beistellen könnten. Doch uns fehlt schlicht das Geld.»

Ob im Sport oder im Alltag: Rezeptfreie Schmerzmittel auf eigene Faust einzunehmen kann gefährlich sein. Nicht umsonst heisst es: «Lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.» Denn rezeptfrei heisst nicht harmlos.

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Jasmine Helbling, Online-Redaktorin

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2 Kommentare

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Ein super Artikel! Denn würde ich am liebsten ausdrucken und unsern Kunden mitgeben! Sie können sich nicht vorstellen wie oft ich am Tag frage: „Nähmed Sie nu anderi Medikament? Asthma, höche Bluetdruck oder anderi Grunderkrankige hend Sie nid?“. 90% der Kunden sagen desinteressiert „Nei“ oder schnauzen mich an das gehe mich nichts an. Ich möchte gar nicht wissen wie viele Leute mir täglich ins Gesicht lügen wenn sie „Nei“ sagen. Vielen Leuten sind die Risiken schlicht und einfach egal. Leider führt dies dazu, dass es uns früher oder später auch egal ist, solange der Kunde das Medi nicht regelmässig bei und holt. Ich hatte Kolleginnen die schon während der Ausbildung sagten: „ Äh das fragi gar nümme, wirde ja eh nur dumm ahgmacht vu de Chunde“ , diese Einstellung wird sich wohl auch nie mehr ändern...
pauer
Das Schlimme ist, dass die Grossverteiler, allen voran die Migros , politisch mächtig Druck machen um Schmerzmittel in ihren Gestellen anbieten zu können. Soweit sollte es nicht kommen.