Eliane Schweitzer, 65
Das halbe Land kennt sie: als Sexberaterin des «Blicks» und Nachfolgerin von Marta Emmenegger, der «lieben Marta». Seit 13 Jahren beantwortet Eliane Schweitzer die Fragen der Leserschaft zu Liebe, Sex und Erotik. Ein Traumberuf, sagt die ehemalige Sekretärin, die sich in Psychoanalyse weitergebildet hat. Sie selber ist Single und lebt mitten im berüchtigten Zürcher «Chreis Cheib». Ihrer flammend roten Haare wegen wird sie auf der Strasse oft erkannt. Damit, dass manche ihren Beruf für etwas Verruchtes halten, kann Schweitzer umgehen.

Beobachter: Was geschieht hinter der Schlafzimmertür von Herrn und Frau Schweizer, Jahrgang 1959 und älter?
Eliane Schweitzer: Glauben Sie mir: Da geht die Post ab. Die Generation, die heute 50 ist, ist ganz anders drauf als alle Generationen vor ihr. Da kommt es keinem in den Sinn, er sei alt, also richtig alt. Es ist schon so: In diesem Alter geht es einem entweder mies, weil die Ehe lieblos geworden ist und man beruflich nicht mehr gefragt ist. Oder es geht einem ausgezeichnet: Man sieht noch immer gut aus, Ehekrisen sind überstanden, beruflich ist man zufrieden, die Kinder sind gut geraten – was will man mehr! Und was die Frauen betrifft: Fast allen geht es mit 50 besser. Sie lassen sich weniger gefallen, wehren sich. Das birgt Konfliktpotential, aber unterm Strich führt das zu einer besseren Beziehung.

Beobachter: Und wie stehts um die Sexualität?
Schweitzer: Viele Frauen sind mit 50 auch sexuell hochpotent und beschreiben die Sexualität als deutlich besser als mit 30. Das mag zu einem grossen Teil an der im Verlauf der Zeit gewonnenen Selbstsicherheit liegen. Aber auch die Männer sind mit 50 die besseren Liebhaber. Dass ihre Kräfte nachlassen, kompensieren sie mit vermehrter Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit.

Beobachter: Das klingt nach der perfekten Paarbeziehung ab 50.
Schweitzer: Moment! Ich habe nicht gesagt, dass die Post in jedem Ehebett abgeht. Ich habe eher von den sexuellen Fähigkeiten und Chancen der Frauen gesprochen. Heute haben viele Frauen einen Liebhaber, wenn die Ehe zwar noch funktioniert, aber sexuell nicht mehr viel los ist. Und wenn sie untreu werden, sind sie in der Regel rücksichtsloser als Männer. Wenn ein Mann eine Geliebte hat, hält er deswegen kein bisschen weniger von seiner Frau. Im Gegenteil, seine Schuldgefühle veranlassen ihn oft, die Ehefrau über den grünen Klee zu loben, auch bei der Freundin. Es käme einem Mann auch nicht in den Sinn, die Geliebte in den ehelichen Freundeskreis einzuführen. Frauen tun das. Und sie kompensieren Schuldgefühle damit, dass sie ihre Untreue vor sich selbst und ihren Freundinnen rechtfertigen, indem sie den Mann kleinmachen. Er hat es sozusagen nicht anders verdient.

Beobachter: Kurze Rückblende: Welches war im Verlauf Ihrer Karriere das erfolgreichste Rezept, um einem Paar über 50 zu einem erfüllten Liebesleben zu verhelfen?
Schweitzer: Das kann ich nicht einfach so abrufen. Und Rezepte gebe ich sowieso keine. Aber es ist schön, wenn ich merke, dass am anderen Ende einleuchtet, was ich sage.

Beobachter: Am anderen Ende melden sich also immer wieder Menschen über 50?
Schweitzer: Oh ja, und wie! Die Anfragen der über 50-Jährigen mehren sich. 

Beobachter: Worauf führen Sie das zurück?
Schweitzer: Ich beobachte, dass die heute 50-Jährigen ganz andere Dinge beschäftigen als noch vor 20 Jahren. Früher nahmen viele Frauen beispielsweise die Menopause zum Anlass, um sich sexuell vollends von ihren Männern zurückzuziehen. Sie sagten sich: Jetzt muss ich nicht mehr – endlich! Heute ist das anders. Jedenfalls bei den sinnlichen Frauen; sie müssen nicht mehr verhüten, und sie sind von vielen Pflichten befreit oder zumindest entlastet. Sie lieben deutlich lustvoller als mit 30, denn vieles hat sich mit 50 relativiert und zurechtgerückt. Auch der Kampf um den Mann entfällt. Man weiss, wer man ist, und bleibt gelassener, wenn Konkurrenz auftaucht. Ich höre Frauen häufig sagen, mit 40 sei es besser als mit 30. Und viele finden es mit 50 nochmals einen grossen Schritt besser als mit 40.

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Beobachter: Und wo stehen die Männer mit über 50?
Schweitzer: Von denen höre ich sehr viel weniger. Seit der Einführung des Potenzmittels Viagra meldet sich – verglichen mit früher – nur noch rund ein Viertel am Telefon. Vorher gab es irrsinnig viele Männer mit Erektionsproblemen. Die fallen nun alle weg.

Beobachter: Glaubt man Internetforen zum Thema Sex und Erotik in der zweiten Lebenshälfte, sind Frauen zwischen 50 und 60 im besten Alter. Immer wieder wird erwähnt, wie schön es sei, frei geworden zu sein, sich nichts mehr beweisen zu müssen, sich fallen lassen zu können. Wo liegt denn in dieser ganzen Entspanntheit noch die nötige Spannung?
Schweitzer: Es ist eben eine andere Form von Spannung. Jüngere Frauen wollen vor allem gefallen, sie wollen gut aussehen, sie wollen es ihren Partnern recht machen, und sie wollen im Bett gut sein. Dieses Gefallenwollen verlagert sich. Es ist nicht mehr so wichtig, wie man wirkt; viel wichtiger ist, wie der Partner auf einen wirkt. In einem gewissen Alter erobern die Frauen häufiger und werden weniger oft erobert, sie werden aktiver. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, dass der Partner einem gefallen muss, und nicht auf dem Bemühen, alles zu tun, um ihm zu gefallen. Gleichzeitig werden Männer, je älter sie sind, umso zurückhaltender. Die Männlichkeit ist nicht mehr so viril. Mit dem Älterwerden findet also eine Art Umkehrung der Geschlechterrollen statt.

Beobachter: Liegt in dieser Umkehrung der Eigenschaften die Antwort, was Menschen über 50 so begehrenswert macht?
Schweitzer: Begehrenswert macht die Haltung, dass man etwas erreicht und geschafft hat im Leben. Vielleicht hat man es mit den Kindern gut gemacht oder im Beruf. Man hat nicht mehr das Gefühl, überall dabei sein zu müssen, allem hinterherrennen zu müssen. Man hat ein paar Bücher mehr gelesen und ein paar Filme mehr gesehen als die 30-Jährigen. Im Alter von 50 Jahren ist man selbstsicherer, gelassener geworden. Man weiss mehr, man kann mehr. Und was man nicht kann, das kann man dann auch abhaken. Das ist dann eben einfach so, das hat man akzeptiert. 50-Jährige sind auch psychisch viel besser drauf als 30-Jährige. Ich sehe da eigentlich nur Vorteile.

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Beobachter: Darf ich Sie bitten, die Vorteile der erotisch anziehenden 50-jährigen Frau in einigen Adjektiven festzuhalten?
Schweitzer: Gerne: sexuell potent, selbstsicher, gelassen, weiss sich zu wehren, experimentierfreudig, hemmungslos.

Beobachter: Und der Mann?
Schweitzer: Weniger potent, aber erfahrener, raffinierter, zärtlicher, liebevoller; ältere Männer sind die besseren Liebhaber, weil sie sich mehr Zeit lassen und nehmen – vielleicht auch deshalb, weil sie nur noch einmal können.

Beobachter: Wie wichtig ist es, sich von der Vorstellung zu verabschieden, Sex mit über 50 müsse gleich sein wie Sex mit 30?
Schweitzer: Das ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen. Es ist ja sowieso nicht alles einfach nur ein Honigschlecken. Die Attraktivität lässt nach, der Körper ist nicht mehr so schön und straff. Wenn man sehr eitel ist, ist es schwieriger, auch wenn man hübsch war und sich immer darauf verlassen hat, dass einen alle toll finden. Es gibt ein Übergangsalter, in dem man plötzlich realisiert, dass kaum noch einer hinschaut – auch wenn man noch so schön zurechtgemacht ist. War es einem früher oft lästig, wenn einem jeder Bauarbeiter hinterherpfiff, bedeutet es natürlich eine Umstellung, wenn das wegfällt. Plötzlich schauen die durch einen durch, als sei man gar nicht da. Und man denkt: Hoppla, jetzt ist es passiert, ich werde alt.

Beobachter: Nicht nur an der äusseren Eitelkeit wird gerüttelt. Hinzu gesellt sich noch mehr Unangenehmes: etwa die Menopause, die auch zum Verlust von sexuellem Verlangen führen kann, zunehmende Unbeweglichkeit oder körperliche Probleme.
Schweitzer: Bezüglich Menopause höre ich eigentlich vor allem das Umgekehrte: dass der sexuelle Appetit eher zunimmt. Ich bin der Meinung, dass eine sinnliche Frau lustvoll bleibt. Das gilt auch für die anderen angesprochenen Bereiche: Fand eine Frau ihren Körper schon mit 30 nicht schön, trug sie den Rock nicht zu kurz und den Ausschnitt nicht zu tief, dann verändert sich das mit 50 eher nicht mehr. Hatte sie mit 30 keinen Orgasmus und auch nicht mit 40, müsste sie schon einen besonders fähigen Liebhaber finden, damit sie es mit 50 plötzlich geniessen kann. Natürlich gibt es Krisen. Aber wenn es davor toll war, kann es auch später wieder toll werden. Es gibt eine Grundstimmung, die bleibt. Es spielt eine Rolle, wie man psychisch drauf ist: ob man das Glas halb leer oder halb voll sieht.

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Beobachter: Das scheint nicht immer ganz einfach. Wie geht eine 50-Jährige mit dem veränderten Körperbild um? Kleider als Schutzhülle anlassen? Problemzonen mit Spitzenwäsche verdecken?
Schweitzer: Ja, das ist ein wichtiges Thema. Man sollte darauf achten, wie man sich kleidet. Wenn man etwa Orangenhaut hat, sollte man keinen String tragen, sondern mehr verhüllen als nackt präsentieren. Das muss nicht unerotisch sein – im Gegenteil: Viel nackte Haut fand ich persönlich nie erotisch. Wenn man sich in einem gewissen Alter mit einem neuen Liebespartner zusammentut, sollte man vor allem am Anfang aufs Licht im Schlafzimmer achten. Vielleicht sind dann Kerzen gefragt. Das, was unschön geworden ist, setzt man dem grellen Licht ohnehin so wenig wie möglich aus. Ich würde nicht mehr nackt vor einem neuen Mann rumhüpfen, sondern mir irgendetwas überwerfen.

Beobachter: Wie wichtig sind Dessous, schöne Nachthemden und gut geschnittene Pyjamas?
Schweitzer: Sehr wichtig. Ab einem gewissen Alter kommt es mehr denn je darauf an, was man im Bett anhat. Frauen über 50, die auf dem Liebesmarkt noch aktiv sein wollen, geben tendenziell mehr für Dessous aus als jüngere Frauen. Aber man darf nicht ausblenden, dass sich auch viele gehenlassen. Doch wenn er in seinem verwaschenen Trainer herumsitzt und sie in einem uralten Nachthemd daherkommt, ist es doch gelaufen. Man muss sich schon etwas Mühe geben.

Beobachter: Was halten Sie von Reizwäsche, Strapsen? Werden gewisse Accessoires ab einem bestimmten Alter peinlich oder sind sie im Gegenteil zeitlos?
Schweitzer: Bei einem festen Liebespaar gibt es keine Peinlichkeiten. Ansonsten geht es darum, welche Signale man senden möchte. Dann erfreut vielleicht selbst etwas, was ein wenig gewagt ist, halt doch ein Glitzerstring oder ein Tigerhöschen. 

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Beobachter: Welches sind die meistgehörten Fragen und Sorgen von 50-Jährigen, wenn sie sich an Sie wenden?
Schweitzer: Sie meldet sich bei mir, weil er im Internet eine Kenianerin oder Thailänderin gefunden hat und völlig den Kopf verliert. Oder weil er aufgrund seiner schwindenden Potenz im Internet Bilder herunterlädt und sich seiner Frau entzieht. Häufig handelt es sich aber um Paarbeziehungen, die auch schon früher nicht gut waren. Schwierig wird es oft nochmals nach der Pensionierung. Nicht nur, weil er ihr im Wege steht; viele Männer werden dann depressiv, jedenfalls für eine ganze Weile, was natürlich auf die Beziehung abfärbt.

Beobachter: Dann scheint doch gerade Liebe und Erotik das beste Gegenmittel zu sein.
Schweitzer: Auf jeden Fall. Wichtig ist, dass man sich zumindest einen Teil davon erhalten kann und immer mal wieder einen gemeinsamen Höhenflug erlebt. 

Beobachter: Und wie stellt man das an?
Schweitzer: Wenn man es sich leisten kann, die Hochzeitsreise zu wiederholen, sollte man dies tun. Es kann auch ein gemeinsamer Spaziergang sein, Hand in Hand. Oder ein Liebesritual mit Kerzen, bei dem man dem anderen zeigt, dass man ihn begehrt. Oder ein Theaterbesuch, für den man sich zurechtmacht, ein exklusives Lokal, eine schöne Bar. Ich bin überzeugt, dass Romantik und Erotik über vieles hinwegtrösten können.

Beobachter: Gibt es Tabus und Dinge, die man nach 50 nicht mehr tun sollte?
Schweitzer: Nein, sicher nicht. Ich kann nur sagen: Fächer auf! Als ich 17 war, sagte ein Junge meiner Clique zu Kollegen, mit 30-Jährigen sei es super – die gäben sich Mühe im Bett, denn sie wüssten ja nie, ob es das letzte Mal wäre. Nun ja… Irgendwann ist es dann tatsächlich so, dass man nicht weiss, ob es das letzte Mal ist. Irgendwann erreicht jeden von uns das Bewusstsein der Endlichkeit. Dann erlebt man den Moment intensiver, man kostet ihn aus. Und dort, wo es nicht gut läuft, muss man etwas ändern, da ist Phantasie gefragt, Tabus hin oder her. Mit den Jahren wird es einem immer bewusster, dass man Liebe und sexuelle Begegnungen jetzt leben sollte, dass man sich heute trauen sollte und nicht irgendwann. Und: Lieber einer Versuchung zu viel erliegen als einer zu wenig.

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Beobachter: Sprechen Sie da auch aus eigener Erfahrung?
Schweitzer: Ich bin jetzt 65 Jahre alt und hatte noch nie so viel Erfolg bei Männern wie in den letzten fünf Jahren. Schöner bin ich sicher nicht geworden. Es muss also etwas anderes sein. Ich bin nicht mehr so rasch verunsichert, nicht mehr schüchtern, brauche nicht mehr ständig Bestätigung. Ab einem gewissen Alter wird es immer besser. Ich kann mit Gewissheit sagen: 50-jährige Frauen sind auf dem Höhepunkt. 

Beobachter: Welchen Ratschlag können Sie all jenen geben, die sich nicht auf dem Höhepunkt fühlen?
Schweitzer: Alles zu tun, wozu sie Lust haben. Und alles auszuprobieren. Denn man weiss nie, ob man noch weitere Gelegenheit dazu hat.

Beobachter: Und zum Schluss bitte noch eine Vision: Was wird in 20 Jahren sein?
Schweitzer: Da wird noch einiges auf uns zukommen. Die Alten werden ihre Rechte renitenter verteidigen. Natürlich auch sexuell. Die Altersheime werden sich darauf einstellen müssen, dass man sich gegenseitig auf dem Zimmer besucht – und das nicht, um beim Kreuzworträtsel zu helfen. Das Pflegepersonal wird den Ton ändern müssen, manche reden ja mit den alten Leuten, als ob die im Kindergarten wären. Und sie werden sich daran gewöhnen müssen, nicht mehr einfach ins Zimmer trampeln zu können. Man kann nämlich auch im hohen Alter Sex mit sich selbst haben.